Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 164 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. 11 hält. Mit dem Programm braucht man es nicht so genau zu nehmen. Es handelt sich nicht sowohl um das Programm, als um eine kleine Irreführung. Nicht der Kampf um die großen Warenhäuser ist hier das Wesentliche, sondern die Judenverfolgung. Ein großes Warenhaus wird bekämpft mit Reden, Protestversammlungen, Zeitungsartikeln und Massenaufzügen. Und keine zweihundert Schritt davon steht ein anderes, nicht minder großes und es wird mit keiner Silbe erwähnt. Das erstere gehört zufällig einem Juden, das letztere ist zufällig eine gutkatholische und klerikale Gründung. Im übrigen wird das Panier der Gerechtigkeit weiter hochgehalten. Gerechtigkeit ist überhaupt die Grundlage aller Reiche, wie das so schön in lateinischer Sprache auf dem propyläenartigen Burgtore angedeutet ist. Da gab es vor einigen Tagen eine interessante Promotion im Festsaale der Universität. Unter den Kandidaten, die sich um den Promotor aufgestellt hatten, um ihr Doktordiplom in Empfang zu nehmen, befanden sich auch zwei Damen: Amalie P o l l a k und Jda Edle v. Metz. An sich schon ein interessanter und erfreulicher Fall von kultureller Bedeutung. Noch interessanter wurde der Fall aber durch seine Begleitumstände. Eine der beiden Damen hatte vollberechtigten Anspruch auf den Ring des Kaisers. Es ist nichts Geringes um eine promotio sab auspiciis Imperatoris, die Vorbedingungen dazu sind so schwierig zu erfüllen, daß der Ring des Kaisers kaum häufiger zur Verteilung gelangt, als etwa der Orden vom goldenen Vließ. Um diesen zu erhalten, muß man nicht erst ein bis zwei Dutzend Auszeichnungen bei den strengen Prüfungen auf wifienschaftlichem Gebiete davongetragen haben; für die Promotion sab aaspieiis wird das aber verlangt. Von der Matura angefängen, müssen alle weiteren Examina mit Auszeichnung abgelegt worden sein. Es genügt nicht, auch zwanzig und mehr Auszeichnungen aufzuweisen, wenn sich unter den Zeugifien auch nur eines findet, das etwa nur aus „gut" oder „einstimmig gut" lautet, wenn nicht ausdrücklich die Auszeichnung verliehen worden ist. Also eine schwierige, eine sehr schwierige Sache. Eine der beiden Damen war dennoch in der Lage, allen Anforderungen zu entsprechen, und sie versuchte es nun begreiflicherweise und verdientermaßen ihren Anspruch geltend zu machen. Sie hatte aber kein Glück damit. Ihr Gesuch war zwar vom Dekanat der philosophischen Fakultät weitergeleitet worden, „aber es wurde", wie es in dem publizierten offiziösen Commnniquö heißt, „maßgebendenorts nicht bewilligt, weil nach den besteh en d enBestimmungen, wenigstens dermalen nur männliche Kandidaten zur Promotion sub anspieils zugelaffen werden können." Die Berufung auf die „bestehenden Bestimmungen" scheint uns keine glückliche zu sein. Wenn die bestehenden Bestimmungen es ermöglichen, daß eine Dame sich um das Diplom bewirbt, sich bei den zahlreichen Prüfungen eine Auszeichnung um die andere erringt, dann liegt doch wohl kein ersichtlicher vernünftiger Grund vor, chr den Ring des Kaisers, die letzte und ehrlich verdiente und wahrhaftig schwer genug verdiente Auszeichnung vorzuenthalten. Eher verständlich wird es schon, daß es „wenigstens dermalen" nicht bewilligt werden könne. Wir haben nämlich noch nicht erwähnt, welche der beiden Damen die Anwartschaft auf jene schöne Auszeichnung hatte. Sie heißt Amalie — Pollak. Zum Schluß eine kleine Aufheiterung. Wir zitieren Herrn F. F. Masaidek, den feinen Aphorismendichter der „Deutschen Zeitung", der sich mit wunderbarem Anpassungsvermögen in der geistigen Atmosphäre jenes herrlichen Blattes akklimatisiert hat. Er sprüht dort jeden Sonntag von Albernheit. Das letztemal dichtete er: „Der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" ärgert sich über die Entdeckung der „Deutschen Zeitung", daß der Ex-Pope Gapon ein Jude ist. Wie würde er sich erst ärgern, wenn jemand entdeckte, daß Herr Dr. Bloch selbst ein Jude ist!" — Lieber Leser, Du schüttelst vergeblich den Kopf. Ich bin kein Fachmann und kann nicht so ohneweiters die Diagnose stellen. Ob es paranoiia originaris oder erworbener seniler Schwachsinn ist, intereffiert mich auch weiter nicht. Ich finde mich einfach mit der erfrischenden Tatsache des vorhandenen Stumpfsinnes ab. Im übrigen bin ich sehr geneigt, anzunehmen, daß der Herausgeber dieser Blätter sich über die Entdeckung der „Deutschen Zeitung", daß Gapon ein Jude ist, nicht allzuschwer geärgert hat. Was aber die andere Entdeckung betrifft, daß Herr Dr. Bloch selbst ein Jude ist, so trauen wir solche Entdeckungen der „Deutschen Zeitung" allerdings zu, andere — kaum! Whig. Prophet«« und Psalmisten. Von Dr. S« Gelbhaus» Gemeinderabbiner in Wien. (Schluß.) Merkwürdigerweise bildet das Traumleben in der psalmistischen Literatur überhaupt kein nennenswertes Moment. Ihre Autoren scheinen von derselben nicht im geringsten beeinflußt zu sein. Das Wort „Traum" DiSn kommt in den Psalmen nur zweimal vor. „Wie wenn man aus einem Traum erwacht." Psalm 73, 20 heißt: „Wenn Gott die Gefangenschaft Zions zurückführen wird, so werden wir wie Träumer sein", beginnt der Psalm 126. In diesem Punkte scheint die realistische Richtung bei den Psalmisten gegenüber der idealistischen der Propheten die überwiegende zu sein. Das Verhältnis der Geschlechter zu einander, die Beziehungen zwischen Mann und Weib, zwischen einander liebenden Herzen, zwischen Braut und Bräutigam sind stehende Betrachtungsmomente bei den Propheten. Die innige, eheliche Zärtlichkeit und Hingebung liefern ihnen die rührendsten Bilder. Alle Seelenbewcgungen innerhalb des Kreises von Gatte und Gattin, Hoffnung und Erwartung, Freude und Beseeligüng, Ernst und Bedächtigkeit, Treue und Verläßlichkeit, Trauer, Verlassenheit und Schmerz, werden von ihnen tiefsinnig erfaßt und auf's treffendste bewertet. Das Verhältnis Gottes zu Israel wird mit dem eines Mannes zu seiner Frau verglichen. Die Abtrünnigkeit des Volkes gleicht der Untreue einer Ehegattin. (Hosea 1, 2.) Das empfindlichste Unglück derFtau ist das Verlassenwerden vom Gatten, ihr Jammer das Nachlassen der Liebe ihres Lebensgefährten. (Jesajas 54, 6.) Wonne und Glückseligkeit werden durch bräutliche Liebe vergegenwärtigt. „Wie wenn ein Bräutigam seinen Staat anlegt und eine Braut sich mit Zierat schmückt, so wird Gott Heil und Wonne sprießen lassen". „Wie die Freude eines Bräutigams über seine Braut, so wird die deines Gottes über dich sein", ruft Jesajas (ibiäem 61, 1, 62, 5). „Ich gedenke dir die Zärtlichkeit deiner Jugend, die Liebe deines Brautstandes, als du mir in die Wüste folgtest, in das unwirtliche Land". Ich werde aus diesem Orte verbannen die Stimme der Freude und des Frohsinnes, die Stimme des Bräutigams, die Stimme der Braut, ruft Jeremias (16, 9). Ein Ausdruck des niederbeugendsten hoffnungslosesten Jammers ist die Mitteilung des Propheten Ezechiel (24, 15—19): „Das Wort Gottes erging an mich: Menschensohn, siehe ich werde dir die Wonne deiner Augen durch eine Seuche entreißen. Aber du sollst nicht klagen, nicht weinen und keine Tränen vergießen. Heimlich magst du seufzen, aber keine Todtenklage anstimmen, sondern sollst deinen gewöhnlichen Staat anlegen und deine Schuhe anziehen. Du sollst deinen' Mund nicht verhüllen und nicht das Trauerbrod essen. Ich sprach zum Volk" noch am Morgen, mein Weib aber starb am Abend und ich tat am anderen Morgen wie mir befohlen wurde." Die Beispiele könnten noch vermehrt werden, aus denen ersichtlich ist, welche Bedeutung die Propheten den Vorgänger des Ehelebens für die Darstellung ethischer Gedanken beilegten. Die Psalmisten hingegen nehmen von diesen Vorkommnissen fast gar keine Notiz. Sie ziehen die Beziehungen der Lebensgefährten zu einander nicht in den Zirkel ihrer Auseinandersetzung. Mann und Weib werden bei ihnen kein einziges zusammen genannt. Das Wort „Bräutigam" jnn kommt in der ganzen psalmistischen Literatur nur ein einzigesmal vor. Das Wort „Braut" rte wird in derselben überhaupt nicht erwähnt. Die Stellung der Frau wird im ganzen Psalter bloß zweimal gewürdigt. Und auch dieses geschieht nur gelegentlich, nicht in