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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 162 tta*. JBiocb’s MlocvenscbrM. Nr. 11 die man heute so oft bei der jüdischen Jugend in Deutschland findet — auch diese Pflanzen konnten nur auf dem antisemitisch gedüngten Boden der Reaktion gedeihen. Wer mit einigen christlichen Studiengenoffen unangenehme Erfahrungen gemacht hat, wer es erlebt hat, daß sie sich nach kürzerer oder längerer Zeit als Antisemiten entpuppt haben, der läuft leicht Gefahr, zu verallgemeinern und mißtrauisch zu werden. Er fühlt sich dann in der Gesellschaft christlicher Studenten nicht behaglich, er wird mißtrauisch gegen ihre Freundlichkeit und sucht lieber eine jüdische Geselligkeit auf, wo er sich sicher fühlt, nichts zu fürchten braucht und daher ganz ungezwungen seine Individualität entfalten kann. Auch das ist leider Tatsache, daß das Gefühl der Verbitterung gerade in den Herzen der gebildetsten und fein empfindenden Juden sich von Jahr zu Jahr steigert und ihnen die Freude an der allgemeinen Kulturarbeit verkümmert und die Begeisterung für alles Ideale schwächt. Auch das wird jeder Liberaldenkende bedauern, denn nicht nur die jüdische Jugend bedarf des Idealismus, sondern auch die deutsche Kultur bedarf der Begeisterung und der innigen Hingabe der Jugend. Jede unschuldig erlittene Unbill muß ein Gefühl der Erbitterung erzeugen. Der jüdische Student, der sich an denselben Kulturmitteln gebildet hat und dieselbe Begeisterung für alles Schöne und Erhabene mitbringt wie sein christlicher Kollege, muß sich zurückgestoßen fühlen, wenn er sieht, daß er wegen seiner Abstammung und seines Namens als „Fremder" zurückgewiesen wird. Und bedauerlich und begreiflich ist es wiederum, wenn er manchmal ins zweite Extrem des jüdischen Chauvinismus verfällt, wenn der Trotz in ihm erwacht: Ihr verachtet mich wegen meines Judentums, dann gerade will ich ausschließlich Jude sein. Ich bin besser als ihr, ich will nur und in erster Reihe Jude sein! Der Kenner der Kulturgeschichte würde einem solchen zurufen: „Gemach, junger Freund, die Kultur geht langsam ihren Weg, vom Scheiterhaufen bis zum System Schönstädt ist immerhin ein großer Fortschritt. Man muß die Entwicklung der Zeit abwarten, es kommt auch wieder eine fteicre Periode!" Aber die Jugend ist eben hitzig und ungeduldig und je feiner und tiefer ihre Bildung wird, desto schwerer empfindet sie jede Zurücksetzung. So ist die heutige Situation der jüdisch-akademischen Jugend in Deutschland und sie wird sobald nicht weichen. Vorläufig also sind diese jüdischen Verbindungen notwendig, und es hat keinen Zweck, über sie zu raisonnieren. Was bestehen muß, das wird bestehen. Wenn aber die jüdischen Verbindungen in ihrem Wesen durchaus berechtigt sind, so sind sie in ihrer heutigen Gestaltung oft gänzlich verfehlt. Es gibt nichts Absurderes, als die Fehler seiner Gegner anzunehmen. Die jüdischen Studenten, die durch den alten Zopf, die konüschen Sitten und die traurigen Vorurteile der deutschen Studenten so viel zu leiden haben, sollten sich selber von diesen überlebten Dingen emanzipieren. Es gibt im Grunde nichts Komischeres, als jüdische schlagende und farbentragende Verbindungen. Diese Dinge sind weder im jüdischen noch im modernen Geist. Die jüdischen Verbindungen sollten eine würdige jüdische und moderne Geselligkeit pflegen, jüdische Literatur und Wissenschaft, Kunst und soziale Probleme mit Liebe behandeln, alles was darüber ist, ist von: Uebel. Freilich, auch die jüdischen Studenten haben verliebte Väschen mit langen Zöpfen, die sie am schmucksten finden, wenn sie die bunte Mütze tragen, und in ihnen die Helden bewundern, wenn ihre Gesichter zum Beefsteak geworden sind, — aber für solche kindische Freuden sind die Verbindungen zu schade. Wozu die Farben? Um die antisemitischen Studenten noch mehr zu reizen und Reibungen hervorzurufen? Und dann die Schlägereien! Was soll diese nutzlose Vergeudung von Zeit, Geld und Kraft? Man redet sich törichterweise ein, durch diese Entfaltung des Mutes die Antisemiten einzuschüchtern. Wenn aber die jüdischen Studenten die Antisemiten züchtigen wollten, dann müßte jeder dreißig Mensuren täglich haben. Noch abscheulicher wird die Sache, wenn jüdische Kommilitonen oder gar — wie vor einem Jahre in Wien — ganze jüdische Verbindungen sich gegenseitig die Gesichter zerschneiden. Hier ist der Punkt, wo die Reform einsetzen muß. Auf eine geeignete Geselligkeit zu verzichten, das kann man von keinem jüdischen Studenten verlangen, aber — auf Farben und Mensuren zu verzichten, das Opfer ist nicht groß, darauf verzichten ja 90 Prozent aller christlichen Studenten auch. Die jüdischen Studenten könnten durch die Anbahnung einer gesunden, modernen Verbindungsart vorbildlich wirken, wenn sie sich nur von inneren Motiven leiten ließen und nicht von Trotz und Eitelkeit. Sie sollten mit dem ganzen Hokuspokus einer alten Zeit brechen und alle komischen Aeußerlichkeiten abstreifen. Sic sollten nur Geselligkeit und geistige Anregungen pflegen und die Torheiten und Bosheiten der farbigen und farblosen Reaktion als das nehmen, was sie sind, als Zeitkrankheiten. Geselligkeit zu pflegen, ist ihr gutes Recht und für sie selbst und die Gemeinschaft nützlich. Das Rauf- und Saufwesen aber sollten sie lassen, denn es verbessert nicht, sondern verschlimmert noch ihre Lage. Wer die Strömungen der letzten fünfzehn Jahre miterlebt hat, der ist von einem sanguinischen Optimismus kuriert. Wir wissen heute, daß der Antisemitismus keine schnell vorübergehende- Erscheinung ist. Er gehört zu den tief eingewurzelten Krankheiten, die nicht so schnell weichen, es sei denn, um anderen Zeitkrankheiten Platz zu machen. Der Antisemitismus hat in den letzten Jahren seine Farben oft gewechselt, sein Wesen aber ist sich gleich geblieben und seine Gefahr ist nicht geringer geworden. Aber andererseits ist auch keine Ursache vorhanden, zu verzweifeln, wenn man bedenkt, wie langsam jeder Kulturfortschritt vor sich geht und wie oft er von Episoden und Rückfällen unterbrochen wird. Der Antisemitismus ist eine weitverbreitete Krankheit, aber er ist kein ewiger Bestandteil der arischen Raffen, wie es unsere neuen Weisen so pathetisch verkünden. Langsam schwindet dieser Judenhaß mit all den Torheiten unserer Zeit doch. _ Brief aus Triest. Löbliche Redaktion! Ihr Wien kann auf manche seiner Blätter stolz sein, allerdings kann es aber nur einen traurigen Stolz besitzen'. Das „Deutsche Volksblatt" scheint nur im Lügen und Entstellungen sein Dasein zu fristen. So erschien in diesem Blatte in den letzten Tagen Februars über Italien eine Notiz, die ungefähr folgenden Inhalt hatte. „Der Hauptmann Ercolesii, der einer fremden Macht die militärischen Geheimnisse für teueres Geld verkaufte, der also ein niedriger Verräter seines Vaterlandes ist — ist natürlich, wie uns aus sicherer Quelle mitgeteilt wird — ein Jude. In diese Affaire sind noch mehrere höhere Offiziere verwickelt, und diese ganze saubere Gesellschaft besteht aus — Juden". Ich gebe ja zu — daß auch einmal ein Jude ein niederträchtiges Individuum sein könnte und an seinem Vaterlande Verrat üben könnte. Es könnte sein — ist aber nicht. Da das „Deutsche Volksblatt" diese Notiz gebracht, war es ja — mit sicherer Voraussetzung zu schließen — eine gemeine Lüge, aber um mich doch zu vergewissern — schrieb ich sofort — nachdem ich aus Berlin darum angegangen worden bin, einen Brief nach Italien an einen mir bekannten — und nun höre man und staune, in Oesterreich — Ministerkandidaten-Juden — der noch augenblicklich Staatssekretär ist. Ich hatte umgehend Antwort. Es empört diesen Herrn — der nebenbei bemerkt, noch ein guter Jude ist — eine solche Infamie einem italienischen Juden auch nur zuzumuten. Das „Deutsche Volksblatt" hat wieder einmal — wahrscheinlich vor Wut — daß ins jetzige italienische Ministerium zwei Juden berufen werden — der ganzen Welt zeigen wollen: „Sehet in dem gesegneten Jti.lien — in dem ein Kriegsminister! — Jude ist, in dem ein Finanzminister — Jude ist — in dem der Sekiionschef im Kultusministerium ein — Jude ist — die Lüge fabriziert, — in diesem Italien sind die jüdischen Offiziere Vaterlandsverräter! Oder hat das „Deutsche Volksblatt" vielleicht Angst bekommen, daß auf den Posten eines Landwehrministers in Oesterreich ein Jude berufen werde, und um dem vorzubeugen, beeilt es sich, eine solche schamlose Verdächtigung der jüdischen Offiziere in der Oeffentlichkeit zu verbreiten? Ich

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