Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 11 Or. Bloch’s Jahrs««» XXII Centrslorgan für die gesummten Interessen des Iudenthums. A. k. Postlparraffrn-Llmk Clearing-Verkehr Ar. 610 976. Redaktion und Administration: Vien IX/1. Verggasse Nr. 39. TalephO’» Nr. 14.847. ' - Wien. 17. Mär; 18OS Erscheint jeden Freitag. - i| - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39* Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. »ezugsprer» flir Sestrrrrtch: Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 56 Heller. §ür'» Ausland: Halbjährig 10 Jtronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. *-= Inhalt: Leitartikel: Ueber das akademische Verbindungswesen. — Brief aus Triest. — L o m Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Propheten und Psalmisten. — Korreivondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Das Stiftungsfest der Ehewra-Kadischa Fünfhaus. Brünn, Mähr.-Ostrau, Prag, Jglau. Marccll Neuschloß' Leichenbegängnis. Das internationale Ackerbauinstitut. Petersburg. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Ehewra-Kadischa Wien. Adaß Jisroel (Schiffschul). Rabbiner Salomon W. Freund. Das Jubiläumsfest des „Gegenseitigen israelitischen Hilfsvereines für Handwerker und Gewerbetreibende" in Wien. Der Verein zur Bekleidung armer alter Männer israelitischer Konfession. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. Erster Wiener jüdischer Turnverein. Verein der Kobersdorfer. Zunzstistung Floridsdorf, Budapest, Tyrnau, Königsberg, Greifswald- — Feuilleton: Zwei Brüder. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Weder das akademische Uerkirrdnrrgsrveserr. Von Fabius Schach. Karlsruhe.*) H (Nachdruck verboten.) Zu diesen konfessionellen Verbindungen pflegt man auch die jüdischen Sind enten v e r ei ni gunge n zu zählen, die in den letzten Jahren vielfach entstanden sind, und man pflegt sie häufig gemeinsam mit den katholischen und evangelischen auch von wohlwollender, liberaler, ja selbst von jüdischer Seite als engherzig zu tadeln. Falsch aber ist die Charasteristik dieser Bereinigungen und unverdient der Tadel, der sie trifft. D i e jüdischen Verbindungen sind keine konfessionellen Vereinigungen, sondern Zufluchtsstätten für solche Studenten, die anderswo wegen der traurigen Vorurteile keine Unterkunft finden. Nicht das Bedürfnis nach Absonderung, sondern das Gefühl der Zurücksetzung vereinigt diese Leute. Nicht die gemeinsame Religion, an die sie kaum denken, sondern die gemeinsame Seelenqual schweißt sie zusammen zu einem Schutz- und Trutzbündnis. Die jüdischen Studentenverbindungen bilden im akademischen Leben den Saal der Zurückgewiesenen. Der Jude ist seiner ganzen Natur nach gesellig, er lechzt darnach, sich in seiner Individualität zu offenbaren, Anregungen zu geben und zu empfangen. Nun ist der jüdische Student in seiner besten Jugendzeit, wo alles in ihm gährt und lebt, in einer fremden Stadt, ohne jeden Verkehr. Die christlichen Kommilitonen meiden ihn und behandeln ihn mehr oder minder schroff, die Korps und Burschenschaften find ihm — mit geringen Ausnahmen — verschlossen, so fühlt er sich ganz verlassen. Die Not bildet einen starken Kitt, so finden sich die jüdischen Studenten, die vielleicht sonst wenig Berührungspunkte mit einander haben, von selbst zusammen. Gemeinsame Schmerzen erzeugen in ihnen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dieses Gefühl wird naturgemäß durch den intensiven Verkehr mit den Stammesgenossen immer stärker und bewußt oder unbewußt wirkt dann das nationale Element mit. Bei den meisten erwacht dann ein begreiflicher Trotz: Ihr verhöhnt meine Eigenart gerade darum ist sie mir heilig, ich will sie pflegen und Hochhalten! Ich kenne viele Studenten, die ursprünglich nur Geselligkeit in den jüdischen Studentenvereinen suchten und schon nach kurzer Zeit eifrige Zionisten wurden. Die meisten Studentenverbindungen sind ja ganz oder halb zionistisch, und das ist wohl begreiflich, denn das gemeinsame Martyrium zeigt ihnen die gemeinsame jüdische Volkspsyche und die wirkt bei tieferen Naturen sehr stark. Man kann über die Bedeutung der jüdischen Studentenvereinigungen denken wie man will, nran darf sie aber nicht zusammen mit den protestantischen und evangelischen Studentenvereinen nennen, weil sie keinen überflüssigen Luxus darftellen und durch die Not der Zeit entstanden sind. Es ist stets schwer, das jüdische Element in eine Schablone zu führen und zu rubrizieren, weil es meistens sehr fein nuanziert ist, aber die jüdischen Verbindungen stellen eher Landsmannschaften als konfessionelle Vereine dar. Man weiß ja, daß sich im Auslande oft Elemente zusammenfinden, die in der Heimat nie Zusammenkommen würden, weil sie hier eine gemeinsame Sehnsucht verbindet. Das ist auch bei den jüdischen Vereinen der Fall. Gemeinsame Schmerzen, gemeinsame klare oder unklare Sehnsucht vereinigt sie und läßt sie über die anderen Differenzen hinwegsehen. Der Bestand der jüdischen Studer.tenvereine zeigt nicht, daß die Juden in der Kultur noch zurück sind, sondern er hält uns ein trauriges Spiegelbild unserer Zeit vor. Die Existenz dieser jüdischen Sondervereine zeigt uns zu unserer Beschämung, daß man in Deutschland am Anfang des XX. Jahrhunderts noch sehr fern von den Idealen Lessing's und Goethe's ist. Die jüdischen Studentenvereine in Deutschland find indirekte Früchte der Reaktion, aber schon manche Pflanze der Not hat nachher schöne Blüten gebracht und für die Erstarkung des jüdischen Bewußtseins sind diese Vereine gewiß nützlich. Daß sie manchmal in den Fehler ihrer Gegner verfallen und eine ungesunde chauvinistische Richtung nehmen, das wird jeder, der es mit der Judenheit und mit der deutschen Kultur ehrlich meint, aufrichtig bedauern, denn beide tragen Schaden davon. Der Chauvinismus hat noch nie gute Früchte getragen und auch wer der jüdischnationalen Weltanschauung huldigt, wird als moderner Mensch eine Erstarkung der jüdischen Tugenden und nicht der jüdischen Fehler wünschen. Begreiflich aber wird man vom psychologischen Standpunkte aus auch diese Erscheinung finden. Denn auch Mißtrauen und Verbitterung, Eigenschaften, *) Vrgl. Nr. 9.