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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-10 · 10 (10.3.1905) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 10 Dr. Dlocb's Wochenschrift, Sette 157 lange konnte sie vor Tränen nicht lesen, endlich entwirrten sich die Buchstaben. Sarah las langsam, die halbe Nacht ging darüber hin und als sie die letzte Zeile beendet, fiel sie ohnmächtig mit dem müden Kopf auf den harten Tisch. Hier ist der Brief. „Man hat mir gesagt, liebe Mutter, daß ich bald weit, weit Wegreisen soll, von der Rückkehr aber weiß ich nichts. Nur möchte ich Dich beruhigen über die neue Trennung, und daß ich kein Mozart geworden bin, arme Mutter, damit Du Dich nicht zu sehr um Dein Kind grämst. Solltest Du nun lange, lange nichts von David hören, so trauere nicht, man wird Dir bald sagen, wohin er gegangen. Wie viele, viele Tage sind gewesen, seit ich Dich zum letztenmal geküßt, wie gern möchte ich meine Wange an Dein gutes Gesicht drücken. Ob Du wohl viel geweint hast über uns? Ich habe auch geweint um Dich und bin unglücklich gewesen, nun aber ist alles vorüber und ich bin glücklicher, wie ich Dir beschreiben kann. Sieh, liebe Mutter, da wollten sie mich zwingen, allerlei sonderbare Dinge zu lernen; ich wollte ja ein Mozart werden, sagten sie. Die Noten sollte ich lernen, Generalbaß studieren, eine Schule durchmachen, und da schraubten sie meine Hände fest an die Tasten, und da durfte ich nicht mehr spielen als fünf Töne, und endlich acht u. s. w. Musik durfte ich nicht hören, das zerstreue nur, meinte unser Lehrer. Er ließ mich auch nicht hinausgehen ins Freie und später nur dann und wann auf einige Minuten. Aber weine nicht deshalb, gute Mutter; ein Baum stand ja vor dem Fenster meines kleinen Zimmers und so nahe, daß ich sie fassen konnte die lieben Blätter und da hatte ich ja genug des süßen Grüns. Hätte ich besser gelernt, so hätte man mir wohl mehr Freiheit gegeben, aber ich verdiente die Strafe, ich war so ungeschickt, so ungelehrig, nichts, nichts merkte und begriff ich! Ach, die Musik, die man so lernen kann, muß doch eine andere sein, als die, von der ich immer geträumt; es muß doch eine andere Tonkunst geben, als die erlernte, sonst wäre auch Mozart nicht gewesen, nicht wahr, Mutter? In mir fingt und klingt es unablässig, aber ganz anders, als wie da draußen! Diese vielen gelehrten Worte, ach! wer sie verstehen könnte! diese vielen kleinen und großen, dicken und dünnen Noten, wie sie mich verwirrten! Sie tanzten vor mir auf und ab wie Gespenster; sie neckten mich, kletterten aus den Notenstrichen auf und nieder und schlugen allerlei Purzelbäume. Zuweilen verlor ich vor Angst die Besinnung, wenn das strenge Auge meines Lehrers mich ansah und nach vielen Zeichen und Namen fragte, die ich nicht wußte. Ach, er sah ja nicht, wie toll sie waren, die schwarzen Dinger, nach welchen er mich fragte!" „Zur Strafe Deiner Faulheit erhältst Du heute kein Abendessen", hieß es oft. Mutter der Hunger tat nicht so weh, wie der Gedanke, daß ich nimmer, nimmer ein Mozart werden könne!" „Spät abends, da wars mir immer am Wohlsten, da setzte ich mich an das kleine Klavier und wußte, daß es Niemand hörte, w i e ich darauf herumgriff. Dann hörte ich aber Musik, ja glaube mirs nur! Ob i ch spielte oder eine höhere Macht meine steifen, ungelenken Finger berührte, ich weiß es nicht, aber die Orgel tönte wie damals in den Kirchen der Christen, als ich draußen lauschte, und ich fühlte keine Schmerzen, keinen Hunger, keine Traurigkeit und Sehnsucht. Eines Tages kam aber mein Lehrer früher nach Hause und hörte mich spielen, kam herauf und schalt mich einen albernen Träumer und Klimperer. Am anderen Tage ließ er das kleine Klavier in sein Zimmer tragen, nun konnte ich nur dort und niemals mehr abends spielen!" „Von meinem Bruder wurde ich gleich anfangs getrennt; er sei viel weiter als ich und lerne viel, sagte man mir. Die langen, schweren Tage, die stillen, dunkeln Abende machten mich endlich krank, gute Mutter, und in dieser Krankheit sah ich Dich deutlich an meinem Bette, und Deine Hand hat mir die Kiffen gerückt und die Stirn getrocknet. Du hast sie auch mit mir hören dürfen, die Mozart-Musik, die ich immer hörte! Mutter, ich weiß doch, was Harmonie ist, wenn ich auch die Lehre vom Generalbaß nicht begriff; ich weiß, daß es echte Musik ist, nach der meine Seele verlangt, so lange ich denken kann. Und diese Seele läßt sich nun nicht mehr halten, ich gehe dahin, woher der goldne Strom kommt, zu der Töne Urquell. Ich war selbst nur ein verlorner Ton, zu dem sich hier auf der Erde keine Akkord finden wollte. Nun weißt Du, welche Reise ich meinte, gute Mutter; Du wirst sie mir gönnen. Sie sind jetzt alle gut zu mir; unser Beschützer, Herr G. ist da; ich wohne bei ihm, ich sehe aus meinem Fenster in einen Garten, und nicht gar zu weit liegt eine Kirche, und da kommen oft Orgeltöne zu mir herüber und reden wie Brüder mit mir. Mir ist unendlich wohl, ich fühle, ich werde mich so sanft auflösen, wie ein Klang in weicher Nachtluft. Gute Nacht, Mutter, auch Dein Sabbat wird kommen. David." An den Rand des Briefes hatte Jakob mit fester Hand die Worte geschrieben: „Der Bruder ist tot; es war das beste für ihn; er paßte nicht für Arbeit und Mühe. Wann ich zu Dir komme, weiß ich nicht, aber arm komme ich nicht. Herr G. hat mir einen Platz in der großen Musikschule verschafft." (Schlaft folgt.) Literatur. Schmelz, der Nibelunge. Komödie in 4 Akten von Franz Ada m u s. — Erste Aufführung im Raimund-Theater am 6. März. Herr Franz Adamus hat in einer vieraktigen Komödie die Judensrage angeschnitten. Im selben Stücke suchte er den Schnitt zu vernähen. Auch das glückte ihm, und man sah, daß er darin geübt sei. Er lobte bald die Reben des Karmel, bald die deutschen Tannen, zum Schluß goß er das laue Spülicht der Fünfkreuzer- Humanität in den nationalen Wein, und das Publikum merkte, daß man ihm ein unehrliches, heimlich getauftes Getränk kredenzt hatte. Die zionistisch-deutschnationale Zischgesellschaft löste sich dann in Wohlgefallen auf, denn Jud und Christ hatten ein Stück Schimpf empfangen, so daß jeder Teil befriedigt heimkehren konnte. Der Held des Stückes ist ein Renegat, der so gut getauft wurde, daß er im rasfenrein-arischen Korps „Nibelungia" Aufnahme fand. Die Familie wird wohl einmal Schmelzeles geheißen haben. Der Vater nennt sich Schmelz, der Sohn Franz Wilhelm. Mit diesem glorreichen Namen hätte er der Stammvater einer unverfälscht deutschen Führer-Dynastie werden können — aber die bösen Zionisten störten diese naturgemäße Entwicklung. Sein Cousin Isidor Elieser Perlensam — schon der Name bedeutet ein Programm — kommt nach Wien, um dem getauften Verwandten mit dem Fluche des Vaters und der verlassenen Stammesgemeinschaft zu drohen. Diesen Zwiespalt vergrößert seine Jugendfteundin Marie Wawroch, die ihn in Wien solange suchen mußte, daß sie unterwegs ihre Unschuld. verlor. Im Kreise seiner arischen Freunde am Herzen der treudeutschen Jünglinge sucht er die Vergangenheit zu vergessen. Er wird in der „Nibelungia" gefeiert und geehrt, denn er hat sich im Straßenkampfgeschrei gegen den polnischen Minister hervorgetan, der den deutschen Charakter des Reiches bedroht hatte. Nun kneipt er einer reineren, helleren Zukunft entgegen. Plötzlich tritt ihm in der „Nibelungia" der schläfengelockte kaftanumhüllte Vater entgegen, den er verleugnet. Die Spannung wird ungeheuer — die raffiniert geladene Bombe explodiert, die Nibelungen zerspringen und Franz Wilhelm fliegt an die Lust. Im Fluge entdeckt er, daß ein treudeutscher, raffenreiner .Bundesbruder es war, der seine Jugendfteundin Marie vergewaltigt hatte — Lupus in fabula — der Wolf in der Fabel. Franz Wilhelm verlangt Genugtuung — doch dem „Juden" stellt sich kein raffenreiner — Arier. Erst diese ausgeschlagene

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