Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 158 Dr. Dlocb's Mlocbenscbrttt. Nr. 10 Schlägerei führt unseren doppelt traurigen Helden in die Arme des Vaters zurück. Zum Glück nicht in den Schoß des Judentums, das nicht energisch genug gegen die Franz—Wilhelm— Adamus protestieren kann. Wenn die Autoren, die ihre Theaterstücke am grünen Tisch ausklügeln, eine „brennende Zeitfrage" zu Tantiemen verarbeiten, dann Pflegt ihnen nichts heilig zu sein; aber so offenkundig hat noch kein Held seine Schande zu Markte getragen, wie Herr Franz Wilhelm. In früheren Zeiten freuten sich manche Juden ihrer getauften Verwandten, weil sie dann mit christlichen Umgang prahlen konnten. Auch heute findet man noch Familien, denen der Glaube nicht viel mehr bedeutet als ein Stück Wäsche, das sie erst durch ihre Berührung beschmutzen und dann oblegen. Aber so nach und nach sickert das starke jüdische Stammesbewußtsein in alle Schichten, so daß die Herren Renegaten kein gar behagliches Dasein mehr genießen. In vielen braven Leuten, die zur Taufe gedrängt wurden — und es gibt solche — entwickelt sich mit der zunehmenden Wiedergeburt des Judentums eine herbe Tragödie, die des starken Dichters wartet. Herrn Adamus blieb es Vorbehalten, aus seinem Zwiespalt eine Komödie zu machen. Das hat er mit sich auszumachen. Ein anderes ist es mit dem Publikum, besonders mit dem jüdischen. Am richtigsten wäre es, man überließe es Herrn Adamus, seine Komödie mit sich selbst zu spielen, ganz allein. Gehen aber Jiüren zu dem Stücke, dann sollen sie weder zischen noch applaudieren. Denn darin liegt der Hauptreiz des Stückes, daß bald Juden, bald Arier zu Demonstrationen gereizt werden. Wir aber sollten uns denn doch zu gut sein, um von Herrn Adamus geschmeichelt zu werden, und seinetwegen anständige Arier zu reizen, lohnt es schon gar nicht. A b r a m u s Das Wesen -es Judentums. Von Dr. Leo Bäck. 167 Seiten. Preis broschiert Mk. 2.—. Elegant gebunden Mk. 3.—. Verlag von Louis Lamm (vormals Nathansen und Lamm), Berlin 6. 2. Das Judentum, dessen Bekenner in fast allen Ländern wohnen, ist doch in seinem Wesen und Ziel für die meisten so gut wie unbekannt. Das vorliegende Werk will die Gedanken und Probleme des Judentums, die der Verlauf seiner Entwicklung als wesentlich aufgewiesen hat, in ihrem Wesen und ihrem Zusammenhang darlegen. Das Judentum, so zeigt das erste Kapitel, ist in langsamem Kampfe entstanden. Seine Eigenart ist das Ergebnis einer mühevollen Entwicklung, die durch vielerlei Momente begünstigt wurde, vor allem durch den der Minorität auferlegten Zwang des Ringens um sich selbst, sowie durch das Fehlen von Dogmen, das sich aus der praktischen, ethischen und darum dem Mysterium abholden Richtung der Religion ergibt. Dieser ethische Zug der Religion ist — zweites Kapitel — durch die Propheten geschaffen worden, die nicht sowohl das, was in der Natur ist, als vielmehr das, was die Menschheit sein soll, betonen. Sie haben zum ausschließlichen Charakteristikum der Frömmigkeit die sittliche Tat gemacht und dadurch einerseits die Religion rein religiös gefaßt, andererseits ein allgemein giltiges Ideal aufgestellt, das keine Scheidung zwischen erleuchteten Priestern und außenstehenden Laien zuläßt. Hierin liegt ein tiefer Gegensatz gegen die katholische und auch gegen die protestantische Kirche. Der ethische Monotheismus, wie ihn Israel geschaffen hat, stellt — drittes Kapitel — eine der beiden Grundformen der Religion dar, deren andere durch den Buddhismus bezeichnet ist. Insofern dieser israelitische Monotheismus ein neues fruchtbares Prinzip bezeichnet, kann er in geschichtlicher Hinsicht als Offenbarung angesprochen werden. Da die religiöse Wahrheit, die von dem einen Gotte ausgeht, notwendig für die ganze Welt bestimmt ist und dem einen Gotte nur die eine Menschheit, die sich zu ihm bekennt, entsprechen kann, so ist die israelitische Religion ihrem Wesen nach universalistisch, eine Weltreligion. Sie stellt einen Universalismus dar, in welchem der israelitischen Gemeinschaft eine besondere Mission zugewiesen ist. — Dieses alles zusammen, die stetige Entwicklung, die ethische Richtung, der schöpferische universalistische Zug, macht den Charakter der israelitischen Religion aus, den der erste Hauptteil behandelt. Der zweite Hauptteil legt die einzelnen Ideen der Religion dar, die sich in ihrer Zusammengehörigkeit als der Glaube an das Gute bezeichnen taffen. Es ist der opttmistische Glaube an Gott und cn den Menschen und die daraus hervorgehende Verantwortlichkeit, der Glaube nicht daran, daß das Gute auf Erden verwirklicht ist, sondern daran, daß es verwirklicht werden kann und soll. Die Einheit Gottes ist darum — viertes Kapitel — keine Einheit der Zahl, sondern die Einheit, des Guten; der rein sittliche Charakter der Gottheit scheidet vom Polytheismus. Die Eigenschaften, die von Gott ausgesagt werden, sind demgemäß rein sittliche, die Liebe und die Gerechtigkeit; der ersteren entspricht :m Menschen das Gefühl der Abhängigkeit, die Demut, der letzteren die freie menschliche Persönlichkeit. Dem Judentum ist es eigentümlich, daß gerade die letztere, sowohl was Gott als auch was den Menschen angeht, aufs Entschiedenste hervorgehoben wird; hier tritt der Gegensatz gegen das Christentum hervor. Ans dem Verhältnis des Menschen zu Gott, das ihn frei und doch abhängig, voller Vertrauen und doch unzulänglich sein läßt, ergeben sich die großen Paradoxien des Glaubens, die ihre letzte Antwort in der Idee der Versöhnung finden. Ans dem Glauben an Gott geht notwendig der Glaube an uns hervor — fünftes Kapitel —. Es ist der Glaube an unsere unendliche Bedeutung, an die Gotteskindschaft aller, die im Gebete sich ausspricht, und der Glaube an unsere unendliche Pflicht, der im Martyrium seinen höchsten Ausdruck hat. Unser Leben soll Andacht und Aufgabe sein. Es ist sodann — sechstes Kapitel - der Glaube an den Nebenmenschen, oder was dasselbe ist, an das eine Menschenrecht. Jeder hat Anspruch auf unsere gerechte Tat und unsere liebevolle Empfindung. Jeder ist unser Menschenbruder; nicht unser Wohlwollen macht ihn dazu, sondern Gott hat ihn dazu gemacht. Es ist schließlich - siebentes Kapitel — der Glaube au die Menschheit, oder was dasselbe ist, an den Fortschritt der wahren Kultur. Dre Weltgeschichte ist die Geschichte des Guten. Die messianische Geschichlsidee weist der Menschheit ihr unendliches Ziel, dem sie nachgehen kann und soll. — Der Glaube an Gott, der dem Leben Weihe und Pflicht gibt, und der daraus hervorgeheude Glaube an uns, der dem Menschenleben seine Kraft, seinen Reichtum und sein Zukunftsideal gibt, sie zusammen und sie allein machen den Inhalt der Religion ,aus. Ein Schlußkapitel behandelt die Erhaltung des Judentums. Die Macht der historischen Verhältnisse hatte allzufrüh von der Mission nach außen zurückgedrängt und gebot di. Erhaltung des Judentums als wichtigste Missionspflicht. Ihr dient das sogenannte „Gesetz", das wie ein schützender Zaun die Gemeinde umgibt, sowie das Gebot, daß der Einzelne sich als Bürgen und Zeugen für die Würde der Gesamtheit fühle. Das Judentum ist das Bekenntnis einer Minorität geblieben, aber auch das ist seine Aufgabe, das sittliche Prinzip der Minderheit in der Weltgeschichte zum Ausdruck zu bringen. Neue Bücher. Altneuland. Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas. Organ der zionistischen Kommission zur Erforschung Palästinas. li. Jahrgang, Heft Nr. 2 Februar 1905; Herausgegeben von F. Oppenheimer, S. S o s k i n, O. Marburg, Inhalt: Professor Dr. K. Furrer vor 20 Jahren über die Besiedlung Palästinas durch Juden. Kommission zur Erforschung Palästinas . . . Kothener Kurse. A. Aaronsohn: Einige Bemerkungen zu dem Artikel: „Die Mühlenindustrie in Palästina." Palästtna und Nachbargebiete. Marktbericht. Neue Literatur. Vermischtes. Zeitschrift für Demographie und Statistik -er Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46. Redaktion: Dr. Arthur R u p p i n. I. Jahrgang. Heft Nr. 2. Februar 1905. Inhalt: I. Abhandlungen. Curt Michaelis, München: Die jüdische Auserwählungsidee und ihre biologische Bedeutung. Esther Schneerson, Berlin: Der Allgemeine jüdische Arbeiterbund (Bund) in Rußland, Polen und Littauen. II. S t at i st i s ch e s Archiv. Altersgliederung bei Christen und Juden in Hamburg. Kriminalität der Juden in den Niederlanden. Städte in Deutschland mit mehr als 1000 jüdischen Einwohnern. Ergebnisse der Volkszählung von 1900 in Serbien. Die Juden in der Oase Mzab. Die Umgangssprache der Juden in Oesterreich. Volkszählung 1901 in Neusüdwales. Die Judenkolönien in Indien. Mitteilungen: Generalversammlung des Verbandes für Statistik der Juden. Unsere Hoffnung. Monatsschrift für die reifere jüdische Jugend. Redaktion und Administration: Wien, III/2, Untere Viaduktgasse 25. II. Jahrgang. Heft 3, März 1905. Inhalt: Dr. F. P i n'k u s: Was ist uns Palästtna? I. Schmul: Israel Bal Sehemtow und die Chassidim. L. Rafaels: