Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 152 Dr. Blocb’s MocvenscbrM. Nr. 10 Verhältniffe herrschen in Rumänien, wo eine kleine herrschende Partei den Juden jedes Staatsbürgerrecht genommen hat, weil sie fürchtete, ihre Herrschaft mit der jüdischen Intelligenz teilen LU müssen. Der Vortragende illustriert seine Ausführungen durch interessante und drastische Episoden und schildert sodann die Lage der Juden in Galizien, wo zwar nicht die Gesetze, wohl aber deren Handhabung durch die Schlachta gegen die Juden ähnliche Zustände geschaffen hat, wie in Rußland und Rumänien. Aber außer den politischen und wirtschaftlichen Ursachen müssen wir die Schuld für das Judenelend in Galizien auch dem sogenannten „innern Ghetto" zuschreiben. Das ist die ängstliche und systematische Abschließung der orthodoxen Juden von ihren andersgläubigen Mitbürgern, deren Sprache und Kultur. Diese Abschließung geschieht im geschäftlichen Jntereffe Einzelner, insbesondere der Wunderrabbiner, von denen zwar einzelne persönlich klug und rechtlich seien, jedoch das Volk ganz in Unwissenheit erhalten und daher ein kulturfeindliches Element sind. Als Mittel zur Verbesserung der Lage der östlichen Juden bezeichnet Redner die Erziehung zum Ackerbau durch Errichtung von Ackerbauschulen und die ländliche Siedelung nicht einzelner Juden, die ja von den Bauern nicht geduldet würden, sondern ganzer Gruppen jüdischer Familien. Redner schließt seine wiederholt von lebhaftem Beifall unterbrochenen Ausführungen mit folgenden Worten: „Aus dem Gesagten geht mit logischer Konsequenz hervor, daß unsere Pflicht die unbedingte Unterstützung aller kulturellen Bestrebungen, der Anschluß an jene Parteien ist, die den Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben haben. In Rußland sind es heute jene Leute, welche unter eigener Lebensgefahr den Mut haben, den Kampf gegen das herrschende Regime mit allen Mitteln aufzunehmen. Jedes Land hat seine Art des Fortschrittes, es darf uns keine Sentimentalität, keine internationale Courtoisie und keine publizistische Heuchelei abhalten, die Juden, die in Rußland Truppen zur Revolution stellen, als Helden zu bezeichnen. Wenn das ruffische System in Bälde zusammenbricht und die Glaubensfreiheit verkündet wird, erscheint durch die Eröffnung des riesigen ruffischen Reiches die Judenfrage in bester Weise gelöst." An den Vortrag schloß sich eine sehr anregende Debatte, an welcher sich die Herren Rabbiner Dr. David, Dr. Feuchtwang, Sekretär Fleischer, Dr. Zins, Dr. Kahn, Doktor Weisengrün, Bezirksrat Brill, Dr. Schalit, Richard Teweles und der Vortragende beteiligten. „Verein zur Abwehr des Antisemitismus." Am 31. Jänner a. c. hielt der bekannte Schriftsteller E. V. Zenker einen wiffenschaftlich ausgearbeiteten Vortrag über das stets aktuelle Thema des Antisemitismus, welcher ob seiner Gründlichkeit großen Beifall hervorrief. Wenn auch anscheinend der Antisemitismus von seiner rauhen Form einiges eingebüßt hat, so kann nicht übersehen werden, daß das gegenwärtige Stadium wohl nur ein Glimmen unter der Asche ist. Damit aber die Glut ja nicht gänzlich erlösche, werden von Zeit zu Zeit von hervorragender Stelle aus Enunziationen hinausgeschleudert, wie daß an den blutigen Ereignissen in Rußland doch „nur die Juden" schuld seien. . . u. a. m. Es war daher ein glücklicher Gedanke, zu untersuchen, ob denn die Juden tatsächlich ein so abgesondertes Völklein seien — ein schwimmender Oeltropfen im Völkermeere — welches, aller Missetaten fähig, auch für alles Ungemach auf dieser ^de verantwortlich gemacht zu werden verdiene, wie die tiefernsten Forscher auf dem ausgedehnten Gebiete des Raffenhaffes so häufig und anscheinend so überzeugend darzustellen verstehen. Ausgehend vom Vater des sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus, D ü h r i n g, der die Schädlichkeit der Semiten auf deren Veranlagung, d. i. den Mangel an Moral zurückführt, ging der Vortragende alle die Vertreter dieser Lehren von Gobiueau bis Chamberlain durch und hob hervor, daß bei allen diesen die Frage der sogenannten Rasse keine Lösung gefunden habe und daß sie alle von dem Axiom der Veranlagung als dem ewig gleich Bleibenden ausgehen. Demgegenüber stellt die Wiffenschast, d. h. die vorurteilslose Forschung fest, daß das Milieu, in dem der Mensch lebt, sehr häufig ganz umformend auf ihn einwirke, wie auch umgekehrt er auf die Verhältniffe von bestimmendem Einfluß werde. Wie. die Wissenschaft immer differenziert, hielt sie Umschau nach den für die einzelnen Raffen hervorstechenden Eigenschaften oder den Majoritäten derselben, welche sich ja bemerkbar machen müßten, falls sie vorhanden wären. Beispiele dieser Art gäbe es genügend in der Zoologie oder Botanik. — Allein gerade beim Menschen versagen alle noch so frei angestellten Untersuchungen. Auch in anatomischer Hinsicht schlagen alle Hypothesen fehl. Jnsbesonders desavouiert der Schädel gründlich die Lehren der eingefleischten Rassentheoretiker. Nach ihnen repräsentiert der sogenannte Dolichocephalus (Langschädel) die intelligente Rasse und daher mußten flugs die „Arier" zu Dolichocephalen gestempelt werden. Messungen und wissenschaftliche Forschungen auch nach den früheren Schädelformen aus Gräbern haben aber ergeben, daß sich im Zeitenlaufe eine Wandlung zu Ungunsten des Dolichocephalus vollzog! So zeigen heute auch die Friesen, d. i. der am reichsten damit ausgestattete Stamm, nur mehr 18 Perzent. Allein auch bei ein- und demselben Stamme zeigen sich je nach der Oertlichkeit (Höhenlage u. A.), in der die Angehörigen desselben wohnen, Unterschiede, so daß sich die Schädelform als Anpassungsresultat ergibt. Die bedeutendsten Männer der großen christlich-arischen Völkerfamilie wie Bismarck, Napoleon u. A. waren entschiedene Brachycephalen, wogegen einer der größten Denker der Welt, Immanuel Kant, einen Schädel von so großem Index besaß, daß die „Rassentheoretiker" aus diesem auf einen sehr tiesstehenden Menschen schließen hätten müssen. Dagegen sind die Neger zumeist Dolichocephalen. In gleicher Weise unzutreffend wie dieses Hauptmerkmal zeigen sich andere anatomische oder biologische Kennzeichen. Darunter rangieren zunächst die Plattfüße. Offenbar sind diese ebenfalls mehr oder minder Anpassungsresultate, keineswegs sichere Anhaltspunkte zur Beurteilung einer „Dauer- Rasse". Man wies u. A. auf die Neger hin, welche sich durch Plattfüße bemerkbar machen, übersah aber, daß die in -dieser Hinsicht Untersuchten in ungünstigen Lebensverhältnissen ausgewachsen waren, nämlich in Amerika als Nachkommen ehemaliger Sklaven. Nun mußte auch das Pigment, die Farbe der Haare und Augen herhalten. Allein während noch Tacitus von blondhaarigen und blauäugigen Germanen schreibt, wobei allerdings die Frage offen bleibt, welche und wieviel Germanen er gesehen hat, erscheinen bereits in alten Urkunden und Liedern die Burgunder als braungelockt und dunkeläugig. Demgegenüber erscheinen die Nordslaven als tadellos blond mit hellen zumeist blauen Augen..Bei einer vor einigen Jahren über Initiative des berühmten Virchow in Deutschland an Schulkindern vorgenommenen Feststellung zeigte sich, daß die blonde Haarfarbe nur 31 Perzent beträgt, jedoch verschiebt sich dieses Resultat noch bedeutend zu Ungunsten des germanischen Blond, da bekanntlich die meisten Köpfe nachdunkeln. Die sorgfältigen Forschungen des Anthropologen v. Luschan haben erwiesen, daß von den semitischen Völkern, Assyrier, Babylonier, Phönizier, Israeliten, nur die Sabäer und Nordaraber ihre ursprünglichen Rasseneigentümlichkeiten rein erhalten haben. Zunächst aber sind sie Dolichocephalen, dann entbehren sie der so sehr geschmähten „Juden"-Nase und besitzen im Gegenteil gerade, eher zur Stumpfnase neigende Gesichtsvorsprünge. Die heutigen Juden sind allerdings zu 80 Procent Brachicephalen, doch dürfte dies nach v. Luschan ebenfalls nur das Produkt einer Rassenkreuzung mit den Hethitern sein. Schon 1892 erklärte Virchow am Kongresse zu Ulm, daß er aus den Schädeln nicht die Zugehörigkeit zur arischen oder semitischen Rasse konstatieren könne. Das dunkle Auge und Haar beweise nur ihre tropische Abstammung. Die Abart in Rot und Blond dürfte nach Luschan ebenfalls nur durch eine Kreuzung mit den Arramäern herrühren. Allein die Haarfarbe ist, wie die Virchow'sche Schulkinder-Zählung beweist, ebenfalls nicht ausschlaggebend. Da somit die anatomischen Merkmale sich nicht als standhaft erwiesen, um eine Dauer-Rasse zu kennzeichnen, beziehungs-