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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-10 · 10 (10.3.1905) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 10 Dr. JSlocb’s MocbenscbrM. Seite 153 weise zu stigmatisieren, so griffen einige besonders phantafiereiche Raffentheoretiker zu einer noch gewagteren Hypothese, d. i. jener, wonach in grauer Eiszeit die Juden und Mongolen früher von dem schweren Drucke des Eises befreit — gewissermaßen zuerst aus den Strapazen entlassen worden wären und daher früher degeneriert wären, während die Arier noch weiter gestählt wurden. Ohne selbstverständlich weiter in dieses Hirngespinst einzugehen, muß doch konstatiert werden, daß damit die Theorie der Rasse, soll heißen Dauer-Rasse, geworfen und zum „Milieu", das ist die Anpassungs-Theorie, übergegangen wurde. Selbstverständlich haben schon in früheren Zeiten Kreuzungen in Menge stattgefunden, indem es ja ein alter Brauch war, wenn Stämme aufeinanderstießen, daß die Männer vernichtet und die Weiber von den Siegern annektiert wurden oder aber auch auf freundschaftlichem Wege ein Austausch stattfand. Allein die Juden selbst bestanden ja bereits aus 12, beziehungsweise 10 Stämmen und der gewiß einwandfreie Arier Renan wies nach, daß der Name Josephet eigentlich „Zuwachs" bedeute. Weiters waren noch die Priesterstämme, die Levy, fremd, wie dies auch häufig genug bei anderen Völkern der Fall ist. Wie schon aus der Bibel bekannt, kamen noch zahlreiche Kreuzungen wie mit Edomiten, Amoriten re. und später in Egypten und Persien mit Ariern und Mongolen zustande, was sich auch aus dem Buche Esther Nachweisen läßt. Zweifellos gab es auch in der Diaspora genügend Kreuzungen, namentlich in der ersten Zeit, wenn wir auch keine Kenntnis davon haben, wie sich das Leben der Juden in Deutschland zu Beginn gestaltete. Dagegen wissen wir sehr wohl, daß schon zu Beginn der Geschichte ein Unterschied zwischen den Sephardim und den Aschkenasim bestand, ohne daß man mit Sicherheit anzugeben wußte, woher die Letzteren stammten. Während die Sephardim als die eigentlichen Träger des Semitismus gelten, läßt sich dasselbe von den Aschkenasim nicht behaupten, indem diese häufig blond oder rotblond sind und starkknochige Figuren aufweisen, die im Gegensatz zu den feinen, zierlicheren Sephardim oder . Spaniolen gewissermaßen die Derbheit repräsentieren. Auch unter den Ariern des Ostens zeigt sich ganz unvermittelt der rotblonde, Wuotan ähnliche starke Mann. Auch in den Ghettis kamen zweifellos oft Kreuzungen vor, wie umgekehrt. durch Massenkonversionen in Spanien und in Italien sehr viel semitisches Blut in arische Kreise geriet. Ueberall, wo ein staatlich organisiertes Volk vorhanden, ist eine allmähliche Veränderung zu erkennen. Selbstverständlich bleiben immer noch gewisse Eigenschaften übrig, wenngleich sie sich nur in Gruppen als ausschlaggebend erweisen und nur als Resultat der Anpassung, d. h. durch soziale oder andere Einwirkungen anzusehen sind. Dahin gehört u. a. auch die Aristokratie, welche durch den geschlossenen Kreislauf in gewissen Schichten sich erzeugt. Auch die Engländer weisen z. B. bei ihren übrigen Anlagen doch keine entschiedene musikalische Begabung auf, umgekehrt können sich die Deutschen keines Erzählers wie Dickens riihmen. Weiters zeigt sich bei den Franzosen ein eminentes Interesse und Verständnis für soziale und nationale Fragen, infolge deffen der Gemeinsinn ein stark ausgeprägter ist, wogegen die Sittlichkeit mehr zu wünschen übrig läßt. Da begreiflicherweise neben den biologischen Eigenschaften die sozialen Einwirkungen am tiefsten ihre Merkmale einprägen, so mußten sich auch im Ghetto bestimmte Eigenschaften herausbilden. Es können daher die Rassentheoretiker umsoweniger ihre Behauptungen aufrechterhalten, als ja die genauen Kennzeichen von Ariern und Semiten gar nicht aufzustellen sind. Auf die Juden angewendet, darf man daher keine Rückschlüsse ziehen und zwar schon aus dem Grunde nicht, weil man aus den ihnen aufgenötigten Eigenschaften leicht zu Fehlschlüssen gelangt. In dieser Hinsicht muß daran erinnert werden, daß die Bibel gerade der kriegerischen Eigenschaften der Juden voll ist. Am unpassendsten aber wäre es, aus manchen Zügen auf eine Minderwertigkeit zu schließen. Ist doch der fördernde Einfluß durch Semiten, wie Phönizier u. a., auf Kunst und Wissenschaft der Griechen nachgewiesen, sind doch die Schriftzeichen der meisten Sprachen semitischen Ursprungs. Der Versuch, die Völker in zwei Parteien, Semiten und Arier, einzuteilen, wie dies von Chamberlain unternommen wurde, ist umso verfehlter, als es kein absolutes Maß für Ethik gibt. Gerade hierin bilden sich durch das enge Zusammenleben erst Begriffe heraus, die vielleicht noch durch die eben erst beginnende Erforschung der großen Kulturen des Ostens, wie Chinas, manchen Wandel erfahren werden. Es ist daher ganz unmöglich, aus der hinfälligen Hypothese von einer Dauer-Rasse praktische Schlüsse zu ziehen. Meran. Die unter emsiger Leitung des Bankiers Stransky stehende jüdische Gemeinde Merans hat jüngst eine ganz ausgezeichnete Acquisition gemacht, zu der man ihr nur gratulieren kann, indem sie den Landesrabbiner von Tirol Dr. Tänzer aus Hohenems für hier verpflichtete, der auch schon seinen Sitz eingenommen und seine Antrittspredigt im Tempel, den er vor drei Jahren eingeweiht, gehalten hat. Wenn man bedenkt, wie vor kaum einem Dezennium embryonal die hiesige Kultusgemeinde ausschaute und jetzt einen eigenen schönen Tempel, einen hervorragenden Prediger besitzt und nun daran geht, das Königswarter-Asyl auszubauen und zu erweitern, kann man nicht genug über diese rasche Entwicklung staunen und diese zielbewußte Leitung loben. Leider hat das Kuratorium jüngst ein ausgezeichnetes und sehr tätiges Mitglied, den Herrn Adolf Weil, durch den Tod verloren, der nur schwer ersetzt werden wird. Zu wünschen wäre es, daß dem Asyle durch ausgiebige Beiträge der jüdischen Gemeinden in Oesterreich-Ungarn die gebührenfreie Aufnahme von mittellosen Kurbedürstigen ermöglicht werde. H- F. Budapest. Der Landeskongreß der orthodoxen Juden Ungarns, bei welchem 254 Rabbiner und 240 Delegierte anwesend waren, hat sich eine Organisation gegeben. Der Kongreß tagte unter dem Vorsitze des Oberrabbiners Koppel Reich (Budapest), der auch dem verstorbenen Landespräses Leopold Lippschütz in tiefbewegten Worten einen Nachruf widmete. Zum neuen Präsidenten wurde unter allgemeiner Begeisterung Herr Adolf Frankl gewählt. Die Wahl wird allgemein als eine recht glückliche bezeichnet. Herder und das Judentum. Ueber „Herder und das Judentum" sprach im „Logenheim", Hartungstraße in Hamburg, Dr. Ludwig Geiger-Berlin. In seiner Einleitung wendete sich der Redner gegen die ungerechte Beurteilung, die in den von Juden herrührenden historischen Arbeiten Herder zu teil geworden ist, betonte die Berechtigung, auch in jüdischen Kreisen Herders zu gedenken, und gab eine allgemeine Charakteristik des großen Schriftstellers. Zuerst behandelte er Herder's Stellung zur Bibel, ihre Rettung und Ueberführung in die neuere Zeit als Palladium alles Glaubens. Er verweilte ausführlich bei dem „Geist der hebräischen Poesie" und faßte die Wirkung dieser bedeutsamen Schrift darin zusammen, daß sie das Vorurteil der Aufklärer zerstört habe, die Bibel sei das Zeugnis eines rohen Volkes, und eine große Reihe wissenschaftlicher Arbeiten angeregt und mächtig auf die Dichtung gewirkt habe. Der Redner sprach sodann über Herder's Uebersetzungen und Legenden und wies mit besonderem Nachdruck auf den „Tod Moses" hin. Von da ging er über auf Herder's Verhältnis zu Mendelssohn, zeigte Herders Begeisterung und Verstimmung und setzte auseinander, wie Mendelssohn's Schüchternheit und die lokale Entfernung eine wirkliche Intimität nicht ermöglicht hätten, wie aber Herder in einem schönen Briefe nach Lessing's Tode Mendelssohn's Freundschaft erbeten habe. Auch praktisch, so führt der Redner weiter aus, habe Herder für die Juden gewirkt. Er zeigte dies durch eine ausführliche Charakteristik der „Humanitätsbriefe" und bewies durch den Vortrag zweier Stellen aus diesem Werke und den „Ideen", mit welcher Energie sich Herder gegen Verfolgungen überhaupt und für die große geschichtliche Bedeutung der Juden aussprach. Wie zur richtigen Erkenntnis der Juden in der Vergangenheit, so habe Herder auch für die Gegenwart in seiner Zeitschrift „Adrastea" zu wirken gesucht. Zu diesem Zwecke wurde der Abschnitt „Die Bekehrung der Juden" eingehend durchgenommen und die drei Vorschläge beleuchtet, den

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