Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021613--14331-3039034- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10 Dr. Dlocb s MocbenscvrM. Leite 147 gelegentlich Verbrechen in so großem Maßstabe und so außerordentlicher Entsetzlichkeit begangen, daß wir zweifelhaft werden, ob es nicht unsere ausdrückliche Pflicht ist, unsere Mißbilligung der Tat und unsere Sympathien mit denen, die dabei gelitten haben, zu zeigen. Die Fälle müssen ganz außergewöhnlich sein, in denen solch ein Verfahren gerechtfertigt ist. Wir sollen keine Anstrengung machen, den Splitter aus unseres Bruders Auge zu ziehen, wenn wir uns weigern, den Balken aus unserem eigenen zu entfernen. Aber in extremen Fällen ist ein Eingreifen gerechtfertigt und richtig. Welche Form das Eingreifen annehmen soll, muß von den Umständen des Falles abhängen, d. h. von dem Grade der Abscheulichkeit der Tat und von unserer Macht, zu heilen. Die Fälle, in welchen wir uns mit Waffengewalt einmischen konnten, wie wir es taten, um den unerträglichen Verhältnissen auf Cuba ein Ende zu machen, sind notwendigerweise sehr selten. Es ist zu erwarten, daß ein Volk, wie unseres, welches ungeachtet gewisser ganz unverkennbarer Mängel, trotzdem als ganzes durch sein sicheres Handeln den Glauben an die bürgerliche und religiöse Freiheit zeigt, ein Volk, in dem das schlimmste Verbrechen, wie das des Lynchens, nur sporadisch auftritt, so daß Persönlichkeiten, nicht aber Klaffen in ihren Grundrechten belästigt werden, — es ist unvermeidlich, daß solch eine Nation innig wünschen muß, seinem Entsetzen Ausdruck zu geben bei solchen Fällen, wie die Judenkrawalle in Kischenew, oder wenn sie von solchen systematischen und weit ausgedehnten Greueltaten und Unterdrückungen Zeuge wird, wie die Greueltaten und Unterdrückungen, deren Opfer die Armenier gewesen sind und die ihnen das unwillige Mitleid der zivilisierten Welt gewonnen haben. Die Rechte der Bürger im Auslande, sogar dort, wo es unmöglich ist, bei anderen Nationen die Einhaltung der Provinzen zu sichern, die wir als Axiome annehmen — ist es für uns sicher notwendigauf die Rechte unserer Bürger zu bestehen, ohne^Rücksicht auf ihr Glaubensbekenntnis oder Abstammung, ohne Rücksicht, ob sie hier oder auswärts geboren sind. Es hat sich' 'äls" sehr schwierig erwiesen, von Rußland für unsere jüdischen Mitbürger das Recht zu sichern, Pässe zu erhalten und auf russischem Boden zu reisen. Solches Verfahren ist nicht allein unrecht und erbitternd für uns, sondern es ist auch schwierig, die Weisheit des russischen Standpunktes einzusehen. Begreiflicherweise ist nichts gutes dabei herausgekommen. Wenn ein amerikanischer Jude oder ein amerikanischer Christ sich schlecht in Rußland benimmt, so kann er sofort ausgewiesen werden, aber gewöhnlich wird sich der amerikanische Jude, wie der amerikanische Christ so benehmen, wie er es hier tut, das heißt, wie sich ein Bürger benehmen soll, und wo dies der Fall ist, da ist es ein Unrecht, gegen das wir protestieren müssen, ihm seinen Paß ohne Rücksicht auf seine Führung und seinen Charakter zu verweigern, bloß aus Abstammungs- und Religionsgründen. In der Türkei erwachsen uns Schwierigkeiten weniger der Art und Weise wegen, wie unsere Bürger zuweilen behandelt werden, als ^rus dem unvermeidlich erregten Unwillen beim Anblick solch fürchterlicher Mißwirtschaft, von der wir in Armenien und Macedonien Zeuge gewesen sind. Präsident Roosevelt auf der Ostseite. Das Bankett des „Hungarian Republican Club". Zum erstenmale, seit er Gouverneur von New Jork war, besuchte Präsident Roosevelt wieder einmal das Zentrum der Ostseite, wo er als Gast des „Hungarian Republican Club" in dem Restaurant „Little Hungary" dinierte und eine Rede hielt. An der v. Str. prangte über der 2. Ave. in elektrischen Lichtern das bei den Dekorationen überhaupt häufig zur Verwendung gekommene Wort „Delighted“. Manch kleine Ladenbesitzer mögen den Gewinn einer ganzen Woche für eine schöne Dekorierung geopfert haben, und seit vielen Jahren hat die Ostseite keinen solchen Abend erlebt wie diesen. Der Distrikt, durch welchen der Präsident fuhr und in welchem er dinierte, ist nicht der sicherste in der großen Stadt, und die Polizei wollte nichts riskieren. So strikt waren die Vorsichtsmaßregeln, daß nicht einmal photographische Blitzlicht-Aufnahmen gestattet waren, und in und um „Little Hungary" wimmelte es von Polizisten in Uniform und in Zivil. Die gewöhnlichen Polizeikarten zur Zulassung innerhalb von Feuerkordons und zu anderen Gelegenheiten waren vom Polizeikommtssär McAdoo suspendiert worden, und Niemand konnte ohne Einladungskarte oder eine speziell für diese Gelegenheit ausgestellte Polizeikarte de» dichten Polizeikordon passieren. Der Abend war bitter kalt, vielleicht der kälteste in dem Winter, aber das genierte die Menge nicht. Schon ehe die Dämmerung einbrach, begannen die Straßen der Ostseite ihre Kontingente dem Mittelpunkte der Festesfreude, dem Restaurant „Little Hungary" zu, auszu- Ilrömen, Menschenströme, die noch angeschwellt wurden durch Schaulustige aus allen Gegenden der Stadt, denen vielleicht noch mehr daran lag, einmal die Ostsette in Gala, als den Präsidenten zu sehen. Der Schnee von vielen Schneestürmen lag imt einem durch abwechselndes Thau- und Frostwetter gebildeten Eismantel in mannshohen Hamen in den Seitenstraßen und über diese Haufen krabbelten und glitten die Leute, um einen Platz zu erhaschen, der einen guten Ueberblick bot. Ohne ein Wort der Klage standen sie auf eisigen Höhen im scharfen Winde und harrten die langen Stunden des Banketts hindurch, um dem Präsidenten bei seiner Abfahrt noch einmal zuzujubeln. Gegen 6 Uhr waren East Houston Str. und die diese kreuzenden Straßen mehrere Häusergevierte m allen Richtungen weit von einer Volksmenge blockiert, wie sie kosmopolitischer wohl in keiner Stadt der Welt sich ansammeln kann. An allen Fenstern und auf den zahlreichen Feuerbalkonen in der nächsten Nachbarschaft und besonders gegenüber „Little Hungary" erschienen die Bewohner, aber auch das duldete die Polizei mchl. Auf jeden Feuerbalkon wurde ein Polizist postiert, die Leute in ihre Wohnungen getrieben, und ihnen anbefohlen, die Fenster zu schließen. Als aber um 25 Minuten nach Sieben nach einem immer näher rollenden Jubelgelöse die Kutsche des Präsidenten herankam, da öffneten sich alle Fenster wie auf einen Schlag und umrahmten so viel Köpfe, als hinein gingen, und winkende, grüßende Taschentücher, ungarische und amerikanische Flaggen, und ein Jubelgeschrei, daß die Musikanlen, die an der Ecke vor dem Cafe: „Star Syangied Banner“ spielten, kaum ihre eigene Musil hören konnten; es war ein gefälliges, buntes, lebhaftes Bild. Schon vorher waren in ununterbrochener Reihe Wagen auf Wagen vor dem Restaurant vorgefahren. Als die Kutsche des Präsidenten vorfuhr, war gerade ein Wagen vorgefahren, machte aver sofort Platz und fuhr hinter den Wagen des Präsidenten, in welchem außer ihm Herr Marcus Braun, Sekretär Loeb und Polizeikommisiär McAdoo saßen. Der Präsident, der bereits am Ziel der Fahrt angekommen zu sein glaubte, schickte sich schon an, herauszuspringen, alZ der Kutscher noch ein paar Schritte weiter bis vor das Schutzdach vor dem Eingang fuhr, wo der andere Wagen eben Platz gemacht hatte, und wenn nicht ein Polizist schnell hlnzugesprungeu wäre und den Präsidenten aufgefangen hätte, dann Härte Herr Roosevelt höchstwahrscheinlich ähnlich vor Klein-Ungarn debütiert, wie nach der Sage seinerzeit Wilhelm der Eroberer in England. Der so glücklich vor der Berührung mit dem schlüpfrigen Pflaster Bewahrte dankte dem Polizisten herzlich und stieg einen Moment später aus, und schüttelte den Inspektoren Schmittberger, O'Brien und Brooks die Hand. Als e.neutes Jubelgeschrei losbrach, zog er seinen Hut, trat . unter dem Schutzdach hervor, grüßte mehrere Male nach allen Richtungen hin und rief: „Delighted, delighted!“ Dann wandte er sich dem ihm aus dem Hause entgegentönenden Jubel zu, und verschwand in „Klein-Ungarn." In Begleitung von Marcus Braun betrat der Präsident das Cafe, dessen sämtliche Räume mit amerikanischen Flaggen geschmückt waren. Ueberall, auf Treppen, in den Gängen und in den Zimmern, waren die LandeSfarven künstlerisch angebracht. Die ungarische Nationalfarbe, rot, weiß und grün, war nur an der Außenmauer sichtbar, im Innern deutete nichts auf die Abstammung der Klubmitglieder, die den Präsidenten willkommen hießen in ihrem Kreise. Nachdem der Präsident sich des Ueberziehers entledigt, begann die Cour, welche nahezu eine halbe Stunde dauerte. Herr Markus Braun stellte jeden Anwesenden dem Präsidenten vor und für Jeden hatte er ein freundliches Wort und mit solchen Gästen, die er früher schon kennen gelernt, plauderte er über das vorherige Zusammentreffen. Den Anwalt Lauterbach nahm er bei Seite und unterhielt sich mit ihm mehrere Almuten in leisem Tone. Kongreßmitglied Sulzer, in dessen Domäne das Cafe „Little Hungary" liegt, wurde von ihm zu seiner intelligenten Wählerschaft beglückwünscht. Nachdem alle Gäste vorbeidefiliert waren und sich in den Speisesaal begeben hatten, folgte der Präsident. Wie bei seinem Eintritt in das Haus wurde er auch jetzt wieder stark applaudiert, doch unterblieb jede größere Demonstration. Während der Präsident sich zum Essen niedersetzte, traf Distriktsanwalt Jerome ein. Kaum waren die Gäste seiner ansichtig geworden, so erhoben sie sich und riefen „Hurrah Jerome" und brachten ihm eine spontane Ovation dar. An der Längsseite der Wand war die Ehrentafel aufgeschlagen, in deren Mitte der Präsident saß, ihm zur rechten Seite der Kontre- Admiral Coghlan, lmks der Arrangeur des Festes und Toastmeister Marcus Braun. Andere Gäste an der Ehrentafel waren Louis Stern, Ex- Richter Wm. N. Cohen, Dr. E. R. L. Gould, Ex-Polizeikommiffär Greene, Einwanderungskommissär Watchorn, Kommissär Frank P. Sargent, Hasensurveyor Clarkson, Ex-Mayor Seth Low, General