Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021613--14330-3039033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 146 Dr. JSlocb’s wocbenscbrltt. Nr. 10 Man verlangt ja von jungen Hochschülern gewiß keine besonders ausgereifte und tiefe staatsmännische Weisheit, aber deshalb wäre es doch nicht notwendig gewesen, von dem verbrieften Vorrechte der Jugend, gelegentlich auch eine recht kräftige Torheit zu begehen oder zu sagen, einen gar so umfassenden und beinahe unbescheidenen Gebrauch zu machen. Ein Redner, allerdings aus Steiermark, fürchtet den Vorwurf der Unterlassungssünde von späteren Geschlechtern, wenn man wegen formaler Bedenken heute nicht diese „gerechte Forderung" erfüllen würde. Na, na! Die späteren Geschlechter werden vielleicht andere Sorgen haben. Ein anderer Redner hob hervor, daß die deutsche Studentenschaft mit diesem Anträge nur „Gerechtigkeit" übe. Das auch noch! Wieder ein anderer Orator findet die Bedenken wegen der praktischen Durchführung bei diesem Anträge nicht am Platze und zeigt, wie Ideen, die vor Jahrhunderten als Hirngespinste verlacht, heute selbfwerständlich seien. Der Mann hat doch so recht. Die Propheten aller großen menschheitlichcn Fragen sind von einer kurzsichtigen Zeitgenoffenschaft verhöhnt, verlacht, verfolgt worden. Sollten chre Lehren vielleicht auch etwas anders geartet gewesen sein, als die unserer embryonalen Zukunftsgrößen künftiger Jahrhunderte, so haben diese doch wenigstens den Trost, ebenfalls ausgelacht worden zu sein. Einer hielt es für das Wichtigste, daß „vor allen Dingen an dem Standpunkte festgehalten werden müsse, daß der Jude nicht satisfaktiousfähig sei". Darüber wollen wir mit dem jungen Mann nicht erst rechten. Wir ziehen es. vor, ihm eine Anmerkung Arthur Schopenhauers (Parerga u. Paraligomena. tom. I. cap. IV) ins Stammbuch zu schreiben: „Ihrem Herren will ich dabei nicht zu nahe treten; aber ihrem Kopfe macht es wenig Ehre. Dieserhalb möchten keinem Stande diese Grundsätze weniger angemessen sein, als dem, welcher bestimmt ist, die Intelligenz auf Erden zu repräsentieren, das Salz der Erde zu werden, und der nun zu diesem großen Berufe sich vorbereiten soll, also der studierenden Jugend, welche in Deutschland leider mehr als irgend ein anderer Stand diesen Grundsätzen huldigt. Statt diesen studierenden Jünglingen, wie wohl schon öfter geschehen, die Nachteile oder die Jmmoralität besagter Grundsätze an's Herz zu legen, habe ich Ihnen nur Folgendes zu sagen. Ihr, deren Jugend die Sprache und Weisheit Hellas' und Latinus zur Pflegerin erhielt, und auf deren jungen Geist man die Lichtstrahlen der Weisen und Edlen des schönen Altertums ftühzeitig fallen zu lassen die unschätzbare Sorge getragen hat, Ihr wollt damit anfangen, daß Ihr diesen Kodex des Unverstandes und der Brutalität zur Richtschnur Eures Wandels macht? — Seht ihn an, wie er hier, auf deutliche Begriffe gebracht, in seiner erbärmlichen Beschränktheit vor Euch liegt, und laßt ihn den Prüfftein nicht Eures Herzens, sondern Eures Verstandes sein. Verwirft dieser ihn jetzt nicht; — so ist Euer Kopf nicht geeignet, in dem Felde zu arbeiten, wo eine energische Urteilskraft, welche die Bande des Vorurteils leicht zerreißt, ein richtig ansprechender Verstand, der Wahres und Falsches selbst dort, wo der Unterschied tief verborgen liegt und nicht wie hier mit Händen zu greifen ist, rein zu sondern vermag, die notwendigen Erfordernisse sind: in diesem Falle also, meine Guten, sucht auf eine andere ehrliche Weise durch die Welt zu kommen, werdet Soldaten, oder lernet ein Handwerk, das hat goldenen Boden." Präsident Uoosenelt «der die Nationalitätenfrage. New-Aork, im Februar. Die sehr bemerkenswerten Aeußerungen aus der Botschaft des amerikanischen Präsidenten liegen jetzt im Wortlaut vor; als ein bedeutsames zeitgeschichtliches Dokument haben sie berechtigten Anspruch auf eine wörtliche Wiedergabe: Bei der Behandlung der Einwanderungs- und Naturalisationsfrage ist es unerläßlich, denjenigen, die an der Gesetzgebung Teil nehmen, einige Tatsachen vorzuhalten! Zuerst und vor allem halten wir fest, daß die Frage, ob man ein guter Amerikaner ist, mit dem Geburtsorte des Menschen ebensowenig etwas zu tun hat, wie mit seinem Glaubensbekenntnis. In jeder Generation, seit der Begründung dieses Staates, standen Männer ausländischer Geburt in den vordersten Reihen der bürgerlichen Gesellschaft, und das nicht bloß auf einem, sondern auf jedem Gebiete der amerikanischen Tätigkeit, während es doch geradezu absurd wäre, wenn man einen Unterschied machen wollte zwischen denjenigen, deren Eltern ins Land kamen, und denen, deren Vorfahren einige Generationen früher ankamen. Ein guter Amerikaner sein ist eine Sache des Herzens, des Gewissens, der hohen Gesinnung, des unversehrten gesunden Menschenverstandes, nicht aber des Geburtsortes oder des Glaubensbekenntnisses. Die Ehrenmedaille, die höchste Auszeichnung derer, die in der Armee und in der Marine der Vereinigten Staaten dienen, schmückt Männer, die hier geboren sind, schmückt aber auch Männer, die in Großbritannien und Irland, in Deutschland, in Skandinavien, in Frankreich und zweifellos auch in anderen Ländern geboren sind. Auf dem Gebiete der Staatsverwaltung, auf dem Gebiete des Geschäftslebens, auf dem Gebiete der philanthropischen Bestrebungen — ist es überall gleich wahr, daß unter den Männern, auf die wir als Amerikaner am meisten stolz sind, kein Unterschied gemacht werden kann zwischen denen, die selbst oder deren Eltern zu uns auf Segelschiffen oder Dampfern von jenseits des Wassers herüberkamen, und denen, deren Vorfahren vor etwa drei Jahrhunderten in der Waldwildnis von Plymuth oder an der Mündung des Hudsons, des Delaware oder des James gelandet sind. Niemand von unseren Mitbürgern genießt ein besonderes Ansehen der Art und Weise wegen, in der er seinen Schöpfer verehrt, oder wegen seines oder seiner Eltern Geburtsortes, noch soll er deshalb in irgend einer Weise bei Seite geschoben werden. Jedermann muß als Mann für seinen Wert einstehen, und Jedermann kann verlangen, nur danach beurteilt zu werden. Es ist einerlei, aus welchem Lande sie gekommen sind. Wenn sie an Leib und Seele gesund sind und überdies, wenn sie gut von Charakter sind, so daß wir sicher sein können, daß ihre Kinder und Enkel würdige Mitbürger unserer Kinder und Enkel sein werden, dann heißen wir sie in herzlicher Gastfreundschaft willkommen. Aber das Bürgerrecht dieses Landes soll nicht entwürdigt werden. Es ist höchst notwendig, daß wir die Höhe des Wohlstandes unserer Lohnarbeiter erhalten, und deshalb dürfen wir nicht Menschenmengen den Zutritt gestatten, deren Lebenshaltung und Gewohnheiten so sind, daß sie dazu neigen, das Niveau des amerikanischen Lohnarbeiters zu erniedrigen, außerdem dürfen wir keinen Mann von unwürdigem Typus zulassen, keinen Mann, von dem wir sagen können, daß er selbst ein schlechter Bürger sein wird, ohne daß seine Kinder und Enkel, anstatt sich der Gesamtheit des guten Bürgertums des Landes anzuschließen, sie vermindern werden. Aehnlich müssen wir mit der größten Sorgfalt bei der Naturalisation verfahren. Betrügerische Naturalisation ungeeigneter Personen ist ein Fluch für unsere Regierung, und es ist die Sache jedes ehrenhaften Wählers, gleichwo geboren, darauf zu achten, daß keine betrügerische Wahl erlaubt, daß kein Betrug bei der Naturalisation zugelaffen wird. Es gibt Fälle, bei welchen stark an unsere Sympathien appelliert wird, während unsere Interessen nicht sehr dabei im Spiele sind. Gewöhnlich ist es viel klüger und nützlicher für uns, mit unserer eigenen Moral und unserer materiellen Besserung hier zu Hause uns zu beschäftigen, als uns damit abzugeben, daß wir Lebensbedingungen bei anderen Nationen zu verbessern suchen. Wir haben mit einer Fülle eigener Sünden Krieg zu führen, und unter gewöhnlichen Umständen können wir mehr für die allgemeine Hebung der Menschlichkeit tun, indem wir mit Herz und Seele danach streben, der staatlichen Korruption, der brutalen Gesetzlosigkeit und den mächtigen Rassenvorurteilen hier bei uns ein Ende zu machen, als wenn wir zn einem Unrecht anderswo Stellung nehmen. Trotzdem aber werden