Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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‘Jh. 9 Dr. Dlocb's Mocbenscbritt. Seite 141 Der 2. Bericht ist nun erschienen. In den 6 Jahren, seit diese edle Einführung besteht, wurden in 19 Fällen Kranzablösungen gespendet, deren Höhe 3300 Kronen beträgt. Im Durchschnitt entfällt daher auf ein Jahr die Summe von 550 Kronen. In einigen Jahrzehnten wird das Kuratorium ein monumentales Werk der Wohltätigkeit schaffen können. Im Interesse unserer Gemeinden wäre es zu wünschen, daß dieses nützliche Beispiel Nachahmung fände. Bei dieser Gelegenheit will ich auch des jüngst erschienenen 2. Berichtes der von unserem Oberrabbiner vor 2 Jahren gegründeten Kassa zur Unterstützung fremder Glaubensgenossen erwähnen, welche Dank der Förderung unserer Frauen im abgelaufenen Jahre an 286 Dürftige 667 Kronen 70 Heller verteilen konnte. Auch der soeben erschienene Jahresbericht des hiesigen Lokal-Komitees der „Alliance Israelite Universelle“ zeugt von dem besonders lebhaften Wohltätigkeitssinn unserer Gemeinde, denn er weist an Tempelspenden die ansehnliche Summe von 390 Kronen aus. Adolf Schwarz. Gebweiler. Seine Exzellenz wirklicher Geheimrat Dr. von Schlumberger, der frühere Präsident des elsaß-lothringischen Landes- Ausschusses, hat der hiesigen jüdischen Gemeinde anläßlich seiner diamanten Hochzeit eine Spende von 1000 Mk. zur beliebigen Verwendung für Gemeindezwecke überwiesen. Paris. Der vor einiger Zeit verstorbene Herr Rudolphe Kann hat seine großartige, einen Wert von mehreren Millionen Franks repräsentierende Gemäldesammlung, eine der bedeutendsten Kollektionen auf Erden, seinem Bruder mit der Bestimmung vermacht, daß dieselbe nach dessen Ableben der Stadt Paris zufallen soll. Der aus Frankfurt a. M. stammende Herr Kann zeichnete sich durch hervorragende Wohltätigkeit aus, welche, er auch für jüdisch-humanitäre Zwecke in Deutschland gabenwillig betätigt hat. Paris. Oberstlieutenant Mardoche Valabreque, bisher Kabinetschef im Kriegsministerium, ist zum Brigade-General befördert worden. Feuilleton. Zwei Srüdee. Dem Einen ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem Andern eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt." Schiller. In der engen Gaffe einer Handelsstadt lebte vor etwa dreißig Jahren eine arme Jüdin, die sich vom Ein- und Verkauf alter Kleider notdürftig ernährte. Sie hatte einst bessere Tage gesehen und in einer recht glücklichen Ehe aelebt; ihr Mann starb aber am Nervenfieber, als sie ihm kaum drei Monate vorher ein munteres Zwillingspaar geboren, kräftige Knaben, auf die beide Eltern nicht wenig stolz waren. Isaak hatte eben ein kleines Geschäft begonnen, seine Unternehmungen wurden von Erfolg gekrönt; er blickte froh hoffend in die Zukunft seiner Kinder; da kam der Tod und machte plötzlich allem Sorgen und Schaffen ein ewiges Ende, und die fleißigen Hände, die sich so unermüdlich geregt, lagen nun starr und gelähmt auf der stillen Brust des Toten. Sarah nahm zerrissenen Herzens ihre beiden Kinder, ging mit ihnen zum Rabbi und fragte ihn um Rat, was sie beginnen sollte in ihrer großen Not und Verlassenheit. Und der Rabbi sprach mit den Aeltesten der Gemeinde, und sie traten alle zusammen und halfen und rieten, so viel sie konnten und nach vielen durchweinten Tagen und schlaflosen Nächten war die arme Frau im Stande, durch mühselige Tätigkeit ihr und der Kinder Leben zu fristen. Die Brüder wuchsen unter Mangel und Entbehrung auf und hatten das sechste Jahr erreicht, als sich bei Beiden eine Eigenschaft entwickelte, die gar bald die Aufmerksamkeit aller, die mit den Kindern in Berührung kamen, in hohem Grade auf sich zog. Beide zeigten nämlich eine ungewöhnliche Vorliebe für Musik, eine auffallende Achtsamkeit für jeden Ton, der in ihrer Nähe laut wurde. Jakob lief jeder Trompete nach, trieb sich vor allen Gartenkonzertcn herum und ging oft stundenlang mit den Drehorgelspielern von Haus zu Haus, wußte genau ihre Einnahme zu berechnen, sammelte auch zuweilen, um einige Pfennige, für die Musikanten ein. Sein Aeußeres war unschön, seine Figur plump, die Haltung gebückt, der Gang hastig und ungeschickt, die Bewegungen eckig. Das Gesicht trug den Typus seines Volkes, in den schmalen, schwarzen Augen lag aber eine Welt von Energie und Intelligenz und in ihrem Aufblick eine frappierende Kälte und Schlauheit. — David war ganz das Gegenteil seines Bruders, sehr groß für sein Alter, schlank, von leisem und scheuem Wesen und von der vollen und schwermütigen Schönheit seines Volkes, von jener orientalischen Formenbildung, die, wenn sie in so reiner und ausdrucksvoller Weise erscheint, ganz unwiderstehlich anzieht und fesselt. Sein Bl'ck war hinreißend in seinem melancholischen Feuer, die Gesichtsfarbe ein matter, bräunlicher Ton, doch ohne Wangenrot, die Zähne wunderschön und das tiefschwarze Haar leicht gelockt. Wie oft blieben Frauen und Männer bewundernd stehen vor dem ärmlich gekleideten Judenknaben und schenkten ihm freiwillig eine Kleinigkeit, Geld, Blumen, Näscherei, die er alle sogleich zu seiner Mutter brachte. Als ganz kleines Kind achtete er schon auf das Summen des Wasserkessels, auf das Zirpen des Heimchens und das Gezwitscher der Schwalben, und später konnte er stundenlang an einem kleinen Wasserfall fitzen, der die Promenaden der Stadt schmückte, und auf das Geräusch der fallenden Tropfen hören. Vor den Kirchtüren den Klängen einer Orgel zu lauschen, war die höchste seiner Freuden, und da achtete er weder Frost noch Sonnenglut, geduldig harrte er auf den Steinen, bis die wunderbaren Töne heranzogen, u.n ihn anzuhauchen mit ihrer heiligen Glnt. Einmal im strengsten Winter fand ihn der alte Domorganist halb erfroren an einer Seitentür kauern, und als das Kind auf seine dringenden Fragen dem warmblickenden Musiker erzählte, was ihn auf diese Schwelle bannte, wies dieser ihm für jeden Gottesdienst ein verstecktes Plätzchen in der Nähe der Orgel an. Auch lud er ihn in sein Haus ein, und als der Knabe wirklich einmal freudezitternd kam, spielte er ihm Bach'sche Fugen und alte Choräle vor. Leider währte dies Glück nur kurze Zeit: der alte Mann starb und sein Nachfolger war weniger herzenswarm gegen den armen Judenknaben. Im Sommer begleitete David seinen Bruder in jene öffentlichen Gärten, in denen Musikchöre spielten, zu welchem Genuß sich das Publikum zu drängen pflegte. Die Kinder durften natürlich nur draußen stehen, aber da ersann Jakob allerlei, um einen kleinen Gewinn zu erzielen. Bald trat er, die Schuhbürste in der Hand, dienstfertig den Ankommenden entgegen und säuberte geschickt die bestäubten Stiefeln der jungen und alten Herren; bald bot er selbstgeschnitzte Zahnstocher feil, bald saubergedrehte Fidibusse, zuweilen auch Sträußchen einfacher Wiesen- und Waldblumen, denen er aber durch zierliche Anordnung ein gewisses Ansehen zu geben verstand. Er nahm auch immer einige Groschen ein, die er zuhause in ein altes Tuch band und in seinem Kopfkissen versteckte. David war zu alle dem nicht zu gebrauchen. Er faß still hinter der Hecke, möglichst entfernt vom Orchester, damit die Töne recht gedämpft und verworren zu ihm drangen und seine Phantasie sie sich zurechtlegen konnte zu Akkorden und Melodien, wie seine Seele sie träumte. Kam er nachhause zurück, so sang er leise stundenlang vor sich hin und bürstete dabei die alten Kleider, die seine Mutter austragen wollte, mit einem fast strahlenden Gesicht. Jakob schalt ihn oft träge und ungeschickt; David gab ihm mit tränenvollen Augen Recht, versuchte wohl auch mit Blumen an den Gärten sich aufzustellen, aber wenn der erste Ton die Luft durchzog, fing er an zu zittern, ließ die Blumen fallen oder schüttete sie dem ersten, besten Kinde in den Schoß und kroch in sein Winkelchen. „Mutter, wenn Du nur einmal dabei fern und hören könntest, was ich höre!" sagte er oft beim Schlafengehen zur armen Sarah, die am späten Abend die ärmliche Garderobe ihrer Kinder auszubessern pflegte, damit sie ordentlich einhergehen möchten, „Du würdest Deine ganze Plage vergessen und Dein schweres Leben, und reich und froh werden, wie ich! Versuchs einmal?" — „Da sollte es schlimm aussehen um uns, wenn die Mutter sich bei der Musik hinstellen und zuhören wollte!" warf Jakob unfreundlich dazwischen. „Wer sollte uns denn zu essen und zu trinken schaffen? Du vielleicht?" Und