Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette i4o Dr. Blocb s TKHocbenscbnu. Wien (Todesfall.) Mittwoch den 22. v. M. ist hier kais. Rat Friedrich Seligmann, Inspektor der österreichischen Staatsbahnen i. R., verschieden. Der Verblichene begann seine Karriere bei der ehemaligen Böhmischen Westbahn, kam dann zur Pilsen-Priescner Bahn und wurde nach Verstaatlichung dieser Bahn nach Wien als kommerzieller Referent berufen. Seit jener Zeit führte Herr Seligmann das Kohlenreferat bei den Staatsbahnen und galt als bester Kenner der kommerziellen Produktions¬ und Absatzverhältnisse dieses wichtigen Bergbauproduktes. Mit der Reorganisation der Staatsbahnverwaltung wurde Herr Seligmann Vorstandstellvertreter der Abteilung für den Inlands- Verkehr im Tariferstellungsbureau. Nach mehr als 40jähriger Dienstzeit trat er in den Ruhestand. Die Beerdigungsseierlichkeit fand unter zahlreicher Beteiligung der besten Kreise statt. Herr Rabbiner Dr. G r u n w a l d hielt dem Verblichenen einen ergreifenden Nachruf. E. B. Wien. (Todesfall.) Vom Zentralfriedhofe aus fand letzten Sonntag dieser Woche das Leichenbegängnis des angesehenen Glaubensgenossen Herrn Josef Singer unter überaus zahlreicher Beteiligung statt. Der Verschiedene, der ein Alter von 52 Jahren erreichte, war aus Proßnitz in Mahren gebürtig, allwo er viele Jahre bis zu seiner erst vor Kurzem erfolgten Uebersiedlung nach Wien das Ehrenamt eines Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde versah, in welcher Stellung er sich allgemeiner Sympathien erfreute. Das Judentum beklagt in seinem Heimgang einen treuergebenen, aufopferungsvollen Glaubensgenossen, die Armen und' Bedürftigen einen stets bereiten Helfer aus der Not. Die Proßnitzer politische und Kultusgemeinde ehrten sein Andenken, indem sie eine Deputation zum Leichenbegängnisse entsandten, bestehend aus dem Rabbiner Dr. Goldschmidt, dem Bürgermeister Dr. Gustav Zweig, dem Kultusvorsteher Jaques Mayer und mehreren Gemeindemitgliedern. Am Grabe hielt der Rabbiner der. Wiener Kultusgemeinde Dr. S ch m i e d l, der vor seiner Berufung nach Wien in Proßnitz Gemeinderabbiner gewesen, dem Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf, während Rabbiner Dr. G o l d s ch m i d t in gleichfalls rührender Weise demselben den Dank für die um seine Heimatsgemeinde erworbenen vielfachen Verdienste zum Ausdrucke brachte. Den choralen Teil der Trauerfeier besorgte Ober-Kantor Bela Guttmann in meisterhafter Weise, unterstützt vom trefflich geschulten Chor. Mädchen- und Frauen-Verern „Bikur Chaulim". Der Vorstand des Mädchen- und Frauen-Vereines „Bikur Chaulim" sah sich dringend veranlaßt, am 15. v. M. eine außerordentliche Generalversammlung einzuberufen und legte dieser die Notwendigkeit der Verbesierung der bisherigen Statuten, die der Vereinstätigkeit nicht mehr entsprechen, vor. Alle Vorschläge wurden einstimmig angenommen, nur der letzte Punkt „Uebersetzung des Namens auch auf den Statuten" bot einer kleinen feindseligen Gruppe einen Anhaltspunkt, den Feldzug zu eröffnen. Seither wird mit größter Entrüstung über „Taufe" und „tauweln" dieses Vereines geschrieben und der Abfall vom Judentume einerseits, der Treubruch am nationalen Streben anderseits beklagt und besprochen. Wir reagierten auf diese fromme, jüdische Entrüstung nicht und finden es auch heute unjüdisch, den wahren Entrüstungsgrund aufzuklären. Da aber die Aenderung und Verschärfung der Statuten von der hohen k. k. Statthalterei genehmigt ist, fühlen wir uns bewogen, das „Tauweln" zu erklären. Die Gründung dieses so notwendigen jüdischen Humanitätsvereines war ein Versuch zaghafter, unerfahrener Mädchen und konnte selbstverständlich auch die Abfassung der Statuten dem späteren Aufschwünge des Vereines nicht genügend Rechnung tragen. Durch Heranziehung praktischer Frauen, Versuche und gewonnene Erfahrungen entwickelte sich der Verein zu dem, was er heute ist: eine Notwendigkeit und ein Segen für die armen, hilflosen jüdischen Kranken in den Wiener Spitälern. Aber die Tendenz wurde durch seine Benennung „Bikur Chaulim" anfangs nur denen verständlich, die tüchtig im Uebersetzen sind, und da dies eine geringe Hilfsaktion gegeben hätte, wurde schnell den Drucksorten und Stampiglien die Uebersetzung „Krankenbesuch" beigesetzt, ohne daß es jüdische oder nationale Entrüstung hervorgerufen oder als Taufe gegolten hätte. Als wir aber diese schon seit zwei Jahren benützende Uebersetzung der Ordnung und Uebereinstimmung halber auch den neuen Statuten beizulegen beantragten, um mit den Behörden nicht in Kollision zu geraten, griff eine kleine, mandatsunbefriedigte Gruppe zur „Taufe", die uns nun schon aus zwei Wischen Blättern entgegen grinst und angedichtet wird. Hört unser Betbuch auf jüdisch zu sein, wenn es übersetzt und verständ licherwird? Auch das nationale Element schlägt Wellen über nationalen Treubruch, als ob unser Verein bis jetzt zionistisch < ewesen wäi p, weil einige zionistische Mädchen nnd Frauen im Verein waren und noch sind. Wir arbeiten auf dem Wiener Jammergeblete der Spitäler, lassen Hilfe und Trost allen jüdischen Kranken zukommen, ohne nach einem sonstigen Bekenntnis zu fragen und so wollen wir auch von allen Juden unterstützt werden, ohne nach ihrer Farbe zu fragen, wenn sie nur unsere altjüdische Satzung verstehen: Il^ilrur Chauliui ----- Krankenbesuch". Für den Vorstand: Rosa S t r a n s k y, Lea B o n d i, Präsidentinnen. Jüdische Toynbee-Halle. Vortragsordnung: Sonntag, 5. März. Konzert. Montag, 6. März. Dr. H. Stransky: „Deutsche Literaturgeschichte II." Dienstag, 7. März. H. Lö'w: „Hermann Sudermann." Mittwoch, tJ. März. Prof. Dr. K ö n i g st e i n: „Unser Auge." Donnerstag, 9. März. Dr. S. Werner: „Ein Kapitel jüdischer Geschichte." Freitag, 10. März. „Bibelerklärung." Samstag, 11. März. Konzert. Prag. Der Minister für Kultus und Unterricht hat dem israelitischen Religionslehrer am Staatsgymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag-Altstadt Dr. Nathan Grün den Titel „Professor" verliehen. Lemberg. (Telegramm.) Einer der vornehmsten Repräsentanten der Lemberger jüdischen Intelligenz Herr Dr. Heinrich Gott lieb, Mitglied des Kultusvorstandes, gewesener Vizepräsident der Lemberger Advokatenkammer, ist heute gestorben. Brünn. Herrn Edm. Back, Weinkellerei-Besitzer in Königsfeld (Mähren), vom k. k. Landesgerichte in Brünn beeideter gerichtlicher Sachverständiger im Weinhandel und Schätzmeister für Weine, Gemeinderat und Ortsschulrat von Königsseld, wurde von der k. k. Statthalterei in Brünn die Auszeichnung zuteil, den kaiserlichen Adler im Schilde und Siegel führen zu dürfen. Jglau. (Verlobung.) Fräulein Sophie Brunner, Tochter des hiesigen langjährigen, allgemein geschätzten Kantors Herrn Karl Brunner, hat sich mit Herrn Wilhelm O r n st e i n, Wien, verlobt. Falkenau-Bleistadt. Unter ungewöhnlich zahlreicher Beteiligung fand am 2j. v. M. die Beerdigung des am 20. v. M. an Gehirnschlag plötzlich verstorbenen, 52 Jahre alten Herrn Lazar Stern, Fabrikanten in Bleistadt, statt. Eindringlich sprach die Trauerkundgebung für die Liebe und Verehrung, deren sich der Verstorbene allenthalben erfreute. Vor dem Trauerhause hatten sich außer den Angehörigen des Verblichenen die Gemeindevertretung, welcher er eine lange Reihe von Jahren angehörte, das Schüßenkorps, die städtische Feuerwehr, der Gesangsverein 2c. in eorpore eingefunden. Herr Dr. Feuerstein, Rabbiner in Falkenau, widmete daselbst dem Entschlafenen ergreifende Worte des Gedächtnisses, worauf die Reste des Verstorbenen nach Falkenau überführt wurden. Um halb 3 Uhr fand die Beerdigung vom Bahnhofe aus statt Das Trauergefolge wuchs hier durch die Beteiligung der israelitischen Kultnsgemeinde und vieler nichtjüdischer Bürger zu einem schier unübersehbaren Zuge an. Unter gedämpftem Trommelwirbel wurde der imposante Trauerkondukt von einer aus Eger eingetroffenen Militärabteilung, kommandiert von ihrem Major, und einer fünfgliedrigen Offiziersdeputation eröffnet, welche den Entschlafenen durch Niederlegung eines Kranzes mit der Widmung: „Dem wackeren Hanptmann" — der Entschlafene hatte den Bosnischen Feldzug mitgemacht — ehrte. Nach kurzen Segensworten des Rabbiners erfolgte die Beisetzung unter Abgabe von Ehrensalven. 6. § Vukovar. Von einer schönen und segensreichen Einrichtung will ich den geehrten Lesern dieser verbreiteten Wochenschrift Mitteilung machen, die es verdient, daß sie in vielen Gemeinden Nachahmung finde. Die berechtigte Klage über Kränze als Zeichen der Liebe und Pietät bei jüdischen Bestattungen ist schon einige Jahrzehnte alt. In ganz bedeutenden Gemeinden, die Waisenhäuser, Siechenhäuser und Spitäler haben, denen die Kranzablösungen eine Quelle ihrer Einnahmen bilden, findet die bei traurigen Anlässen sich offenbarende Wohltätigkeit ein größeres Gebiet als in mittleren Gemeinden, die auf derartige größere Schöpfungen nicht Hinweisen können. Unser verdienstvoller Oberrabbiner Herr Dr. I. Diamant hat ein vorzüglich bewährtes Mittel angewendet, mit dessen Hilfe es ihm gelang, die unjüdische Sitte der Kränze zu beseitigen. Statt der so rasch welkenden Kränze künden nun unvergängliche Blumen der Wohltätigkeit die Liebe und Wertschätzung, deren sich Dahingeschiedene bei Angehörigen und Freunden erfreuten. Die für Kranzablösungen gespendete Summe, sofern sie mehr als 25 Kronen beträgt, was jedesmal der Fall war, bildet ein unantastbares Kapital, das den Namen der Heimgegangenen Person verewigt und dessen Zinsen an ihrem Todestage an hiesige Arme verteilt werden. Die Kranzablösungen verwaltet ein aus dem Präsidenten der Kultusgemeinde, dem Vorsteher der Chewra-Kadischa, der Präsidentin des Frauenvereines, sowie dem Oberrabbiner bestehendes Kuratorium.