Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Llocd's MocdenscbrM. Seile 139 Ganz besondere Aufmerksamkeit hat der Verein den Schulverhältnissen in Palästina zugewendet. Um dem großen Mangel an geeigneten Lehrern im Orient abzuhelfen, hat der Verein die Begründung eines Lehrerseminars in Jerusalem beschlossen, welches am 5. Mai 1904 seine Lehrtätigkeit bereits begonnen hat. Der Hilfsverein unterhält ferner in Palästina drei Kindergärten, von denen sich zwei in Jerusalem und einer in Jaffa befindet. Die Eröffnung eines vierten Kindergartens in Saffed steht bevor. Es besteht die Absicht, im Anschluß an diese Kindergärten Normalschulen zu errichten. Das Bestreben des Hilfsvereines seit seiner Begründung ging dahin, durch Einführung von Hausindustrien den g a l izischen Glaubensgenossen Arbeitsgelegenheit zu bieten. Besonders verbreitet ist die Haarnetzindustrie. Neu hinzugekommen ist die Herrenkleiderkvnfektion, Korbwarenindustrie, Fabrikation von Metalltäschchen und Fezquasten. Ein bedeutender Faktor für die füdische Bevölkerung in Galizien verspricht die Spitzenklöppelei zu werden, welche mit Unterstützung des Hilfsvereines von einem Berliner Unternehmer in Kolomea eingeführt worden ist. Obwohl erst seit sehr kurzer Zeit mit dem Unterricht begonnen worden ist, werden bereits 120 Mädchen mit diesem Industriezweig beschäftigt und es besteht die Hoffnung, daß es in gegebener Zeit möglich sein wird, in großer Anzahl jüdische Mädchen in der Spitzenklöppelei zu beschäftigen. Zu erwähnen wäre noch die Beteiligung an der Hilfsaktion für die marokkanischen Juden mit 2000 Mark, an der Errichtung eines Lehrerseminars für die osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. mit 5000 Mark, an dem Bau einer jüdischen Mädchenschule in Haskaien, einer Vorstadt Konstantinopels, gleichfalls mit 5000 Mark, an einem Kindergarten in Stanislau u. s. w., u. s. w. An der darauffolgenden Debatte beteiligten sich die Herren Rabbiner Dr. Norden - Myslowitz, Herr Schwarz, Herr Berlin, Herr Justizrat Seligsohn, Herr Landtags-Abgeordneter Justizrat Cassel, Herr Dr. H. Hildesheimer Berlin, Senator Fischer— Hannover, Magnus—Leipzig u. s. w. Auf Antrag der Herren Schwarz und Justizrat Seligsohn, welche der Leitung des Hilfsvereines Dank aussprachen für ihre aufopfernde Tätigkeit im Dienste des Judentums, wurde dem Vorstande einstimmig Entlastung erteilt. Die statutengemäß ausgeschiedenen Mitglieder des Zentral- Komitees sind durch Zuruf einstimmig wiedergewählt worden. Nach Erledigung einiger Statutenänderungen, welche nach dem Vorschläge des Zentral-Komitees von der Mitgliederversammlung mit großer Majorität angenommen worden sind, schloß der Vorsitzende Herr James Simon die Versammlung mit der Versicherung, daß die Leitung des Hilfsvereines auch fernerhin bestrebt sein wird, zum Wohle der notleidenden Glaubensbrüder im Osten zu wirken. Die beiden Inden. Aus Paris wird geschrieben: Raymono Reeouly, der Spezialberichterstatter des „Temps" in der Mandschurei, ist lange Zeit den Operationen der Brigade Samsonow (Division Kondratowitsch) gefolgt, um das Leben, Treiben und Fühlen der Soldaten kennen zu lernen. Er veröffentlicht nun aus seinen Eindrücken und Erlebnissen im „Temps" die folgende wahre Geschichte. Zwei jüdische Soldaten aus Wilna, die schon vor dem Kriege nach der Mandschurei geschickt worden waren, standen bei der Brigade. Da sie lesen und schreiben konnten, Kenntnisse, die bei den russischen Soldaten sehr selten sind, hatte man sie dem Stabe der Brigade als Schreiber beigegeben. Sie arbeiteten Tag und Nacht, vervielfältigten die Tagesbefehle und Rapporte und registrierten die Eingänge. Der Generalstabschef Oberst Peconta war mit dem Eifer und Verständnis der beiden sehrzufrieden und behandelte sie gut und freundlich. Die beiden Juden hingen mit außerordentlicher Liebe an ihrem Chef. Als sie hörten, daß der Oberst gefallen sei — auf dem Terrain, das die beiden Feuerlinien trennte — gerieten sie in großen Schmerz und verabredeten insgeheim miteinander, ihren Oberst zu suchen. Der Gedanke, daß ihr Oberst vielleicht verwundet und hilflos unter Toten liegen könne, war ihnen unerträglich. Abends, als alles schlief, verließen sie im geheimen ihr Lager und eilten nach der Feuerzone. Es wurde gefeuert in dieser Nacht und die Granaten schlugen rings um sie ein. Sie suchten rings um den Hügel, bei dessen Erstürmung der Oberst gefallen war. Sie hoben jeden Kadaver, der Offiziersschnüre trug, auf, um nach ihrem Oberst zu forschen. Der Leichengeruch, das Blut, der Ekel vor der verunreinigenden Berührung mit den Leichen quälten sie furchtbar. Aber sie suchten weiter. Einmal glaubten sie schon, die teure Leiche entdeckt zu haben, aber es war die eines anderen Offiziers. Sie kamen auf ihrer Suche den japanischen Positionen so nahe, daß sie die Stimmen der Japaner vernahmen und sehen konnten, wie die Japaner aßen. Bis zum Morgen suchten die Beiden. Dann verzweifelten sie, die Leiche zu finden und kehrten ins Lager zurück. General Samsonow erfuhr von der nächtlichen Expedition, belobte die Beiden und versprach ihnen das Georgskreuz, welches allein den Juden das Recht der Freizügigkeit in Rußland gibt. Der General fragte die beiden auch scherzend: „Wenn Ihr so nahe bei den Japanern wäret, warum habt Ihr nicht ein paar gefangen und mitgebracht?" — Die Soldaten antworteten ruhig: „Euer E^ellenz — es war nicht befohlen!" Vermischtes. Wien. („Oesterreichifch-Jsraelitische Union".) Montag den 6. März d. I., präzise halb 8 Uhr abends, findet im Saale des „Hotel Guth", II., Stefaniestraße 14, eine Plenarversammlung der „Oesterreichisch - Israelitischen Union" mit folgender Tagesordnung statt: 1. Mitteilungen des Vorsitzenden. 2. Vortrag des Schriftstellers Dr. Hugo Gans: „Bilder aus dem Osten" (Das ostjüdische Problem). 3. Anträge und Interpellationen. Angesichts der aktuellen Wichtigkeit des genannten Themas ist auf einen zahlreichen Besuch der Versammlung zu rechnen. Wien. (Verein zur unentgeltlichen Verpflegung armer Bru st leidender auf dem Lande.) Samstag den 18. März 1905, halb 8 Uhr abends, findet im Sitzungssaale der Versicherungs-Gesellschaft „Anker", Wien, I., Hoher Markt 11 (Ankerhof) die Generalversammlung des Vereines statt. Wien. Der Lehrer-Verein im II. Bezirke hielt am 12. Februar 1905 in den Prachtlokalitäten des „Hotel Continental" ein Kostümkränzchen ab. Der Ball war von anmutigen Tänzerinnen und flotten Tänzern in ziemlich gleicher Zahl sehr gut besucht. Die mannigfachen schönen Kostüme und ihre liebreizenden Trägerinnen boten ein prächtiges Bild. Die Musikkapelle des k. u. k. Jnf.-Reg. Nr. 60 exekutierte ein ganz vorzügliches Tanzprogramm. Schon bei Beginn des Tanzes, unter Leitung des allseits beliebten Tanzmeisters Herrn Julius Singer, war die Stimmung recht animiert. Getanzt wurde viel und mit einer bewunderungswürdigen Leidenschaft bis in die frühen Morgenstunden. Im Gemütlichen spielten ,,D' Dornbacher" in ihrer gewohnten feschen Art auf. Die Damenspenden, ein Zeugnis darstellend, fanden allgemeinen Beifall. Das Reinerträgnis des Balles dürfte, nach dem Massenbesuche zu schließen, dem Nnterstützungsfonde des Vereines eine namhafte Summe zuführen. Wien. (Verlobung.) Herr Maurice Levy, Bankier in Bukarest, hat sich mit Fräulein E u g e n i e Abramovitz, Tochter des Herrn Maurice Abramovitz, Gesellschafter der Firma Jos. Abramovitz in Botosani, verlobt. Wien. (T r a u u n g.) Am 28. v. M. fand im Tempel des IX. Bezirkes die Trauung des Fräulein Stefanie Reiner, Tochter des Großkaufmannes Herrn Josef Reiner, mit Herrn Chemiker Alexander Gartenberg, Sohn des Petroleum - Grubenbesitzers Herrn M. Gartenberg, statt. Eine große Zahl von Gästen aus den Wiener Gesellschaftskreisen war erschienen, um dem Trauakte anzuwohnen. Rabbiner Dr. G e l b h a u s hielt eine Traurede, in welcher er die religiöse Lebensführung und die werktätige Menschenliebe der Eltern dem Brautpaare als leuchtende Beispiele zur Nachahmung vorführte. Wie«. (T r a u u n g.) Am 5. d. M. findet im Tempel des IX. Bezirkes, Müllnergasse, die Trauung des Fräulein Paula G r ü n w a l d, Tochter des Prokuristen Herrn Ignaz Grünwald, mit Herrn Max G e r ö statt.