Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 132 Dr. Dlocd's Mocdenscvrm. Nr. 9 gewesener Vagabund, der allerdings die Gabe hat, die Feder gebrauchen zu können, wird von dem Preßhebräern zu einem Genie erhoben, weil er vor den Juden am Bauch liegt!" Dieses „am Bauch liegt" ist schlecht Deutsch, Herr Bielohlawek. Zur Sache selbst hätten wir zu bemerken, daß es allerdings auch Lumpen gibt, die die Gabe nicht haben, „die Feder gebrauchen zu können", die sie aber deshalb doch gebrauchen. — Möge sich der Antisemitismus noch weiterhin im Glanze solcher Führer sonnen, wie sie sich in dem herrlichen Dioskurenpaar Schneider und Bielohlawek darstellen! Den beiden illustren Führern unserer Antisemiten schließt sich die „Deutsche Zeitung", „voll und ganz" an. Die arme „Deutsche Zeitung". Es. wird immer so viel Anzügliches über den Rang gesprochen, den sie hinsichtlich der geistigen Kapazität unter den Wiener Blättern einnimmt, aber ich meine, daß man sie da doch einigermaßen in Schutz nehmen sollte. Ich kann nicht finden, daß sie in Bezug auf die Verstandeskräfte und was das Bildungsniveau betrifft, wesentlich tiefer stünde, als Herr Hermann Bielohlawek, der führende Geist. Mit einiger Anstrengung zwar ist auch sie doch zu denselben Forschungsresultaten und geschichtsphilosophischen Resultaten gelangt, wie der große Hermann. Was will man mehr? Sie behauptet freilich nicht direkt, daß die Juden den Großfürsten Sergius ermordet haben, aber sie hat es mit seltenem Scharfsinn herausgebracht, daß es die Juden waren, die „die anarchistischen Bluthunde auf ihn gehetzt haben". Sie hat auch ihrerseits die Entdeckung gemacht, daß der Priester Gapon ein Jude ist, und mit bemerkenswerter Harmlosigkeit und Gutmütigkeit glaubt sie einem andern antisemitischen Blatte die „charakteristische" Wahrnehmung aufs Wort, „daß bei den Unruhen in Warschau die christlichen Geschäftshäuser ausgeplündert wurden, während die jüdischen Läden verschont blieben". Jawohl, genau so geht es zu bei allen Unruhen in Rußland und in Polen. Die „Deutsche Zeitung" läßt sich sogar so weit herab, unsere Wochenschrift zu zitieren. Sie findet in ihrer unerschöpflichen Milde und Nachsicht die von uns reproduzierten Aeußerungen des Großfürsten Sergius „recht intereffant". In der Tat recht intereffant und so recht nach dem Herzen der „Deutschen Zeitung" ist die von ihr mit vollem Behagen wiedergegebene Aeußerung des Großfürsten: „Wenn ich der Baron Hirsch wäre, möchte ich die vielen Millionen, die er für seine Glaubensgenossen ausgibt, dazu verwenden, das Adriatische Meer auf einige Zeit zu pachten und die Juden alle hineinwerfen zu lasten, damit man das lässige Volk endlich vom Halse hätte". Darum also die maßlose Wut der Juden, bemerkt zu dieser gemütvollen -Aeußerung die „Deutsche Zeitung" in aller Unschuld. Wir schließen. Selbst wenn wir Götter wären, würden wir den Kampf gegen die „Deutsche Zeitung" nicht aufnehmen. Wh. Die Inderr-Kolorrie in Argentinien. Mosesville, die Stammkolonie der „Jca", kann wohl als Musterschöpfung für sozial-ökonomisches Unternehmen bezeichnet werden. t Hier kann man sehen, was der eiserne Wille, den zu stählen die jüdische Religion als Mittel zu ihrem historischen Zweck sich vor allem zur Aufgabe macht, fertig bringen kann. . Vertrieben aus dem Lande der Dunkelmänner, wo noch gegenwärtig jenes mittelalterliche Losungswort, „der Jude wird verbrannt", die Staatsparole ist, kamen sie vor mehr denn einem Jahrzehnt herüber, die ersten Pioniere jüdischer Kolonisation, nichts mit sich bringend wie das Bewußtsein des fteien Menschen, und den Willen, ohne Verletzung ihrer Ueberzeugung, ohne Verleugnung ihrer Stammeseigenschaften, durch ihrer redlichen Hände Arbeit allein sich und ihren Familien eine neue Existenz zu gründen in dem Lande der Zukunft: Argentinien. Neues Land, neue Verhältnisse, neue Arbeit. Schwere Jahre hatten sie durchzumachen und bittere Enttäuschungen zu erfahren. Um so erfreulicher ist es heute, dieses kleine Städtchen zu sehen, das hier mit Hilfe und Organisation der „Jca" entstanden ist. Zirka 500 jüdische Familien haben hier im Laufe der Jahre eine Kolonie zur Blüte gebracht, die in keiner Weise hinter anderen Ansiedlungen zurücksteht. Ausgedehnte Waizenfelder, Leinanpflanzungen, Kleegefilde, Viehzucht zeigen, daß die Einzelleistungen jüdischer Kolonisten sehr anerkennenswerte sind. Die Kolonie ist in Gruppen eingeteilt, jede ein Kilometer von einander entfernt. Zu jeder Gruppe gehören vier Haushaltungen. Kleine aber nette Häuschen, umgeben von einem kleinen Gemüsegarten, hier und da auch schattige Baumanlagen, zeugen davon, daß die Bewohner Hand in Hand mit der Unternehmung bemüht waren und es zustande gebracht haben, sich hier ein gemütliches Heim aufzuschlagen. Die Unternehmung selbst hat die alten Lehmhäuschen, die sie seinerzeit den Kolonisten gab, nun fast überall durch solide Ziegelstein- Häuser ersetzt, und diese wiederum sind von den wohlhabenden Kolonisten auf eigene Kosten vergrößert worden. Schulen und Bethäuser sind eingerichtet, die für die geistige Erziehung der Jungen und Alten sorgen sollen und auch recht gut besucht werden. Ja die Zentralstation besitzt sogar eine Synagoge, so prächtig ausgestattet, daß selbst Buenos Aires sich einer solchen nicht zu schämen brauchte. Mosesville selbst zählt gegen 100 selbständige, auf eigenem Grund und Boden etablierte jüdische Familien, die sich teils aus Geschäftsleuten, teils aus Gewerbetreibenden rekrutieren. Verschiedentlich hat die „Jca" versucht, um in ihrer Mitte keine Privateigentümer zu haben, deren Besitzungen anzukaufen, was ihr aber bis jetzt noch nicht gelungen ist und voraussichtlich nicht gelingen kann. Die Verkehrsbedingungen sind die möglichst günstigen. Mosesville Central hat unter diesem Namen eine Bahnstation, von der schmalspurigen Zweigbahn Santa FS. Von der Nosariobahn grenzt die Station Palacios hart an das Kolonieland. Daher bildet der Ort den Vereinigungspunkt aller umliegenden jüdischen und anderen Kolonien. Die selbständigen Städtler haben eine Kultusgemeinde und einen Zionistenverein gegründet, der die ganze Kolonie und alle Zentralbewohner zu seinen Mitgliedern zählt. Sie alle haben auch, mit Unterstützung der „Jca", es dahin gebracht, daß binnen kurzem ein Hospital beendet sein wird, das sicherlich als Musterinstitut dastehen dürfte. Verschiedene andere Vereine haben sich gebildet, darunter einer zur Unterstützung jüdischer Emigranten, ein anderer, um in momentaner Not durch Darlehen bis zu 100 Dollars gegen gute Garantie seinen Mitgliedern zu helfen. Die Bauernbevölkerung, die in innigem Frieden, unter strenger Beachtung ihrer religiös-sittlichen Vorschriften lebt, setzt sich aus zirka 200 alten Kolonisten, d. h. aus solchen, die schon zwischen 10 und 14 Jahren dort ansässig sind, und etwa 300—330 jüngeren Landwirten zusammen. Die ersteren stammen meistens aus Bessarabien und Russisch- Polen und sind, obwohl sie eigentlich nur wenig jüdisches Wissen besitzen, dennoch diejenigen, die am zähesten an den ihnen traditionell eingeimpften Tugendlehren festhalten. Von den letzteren, die nun seit etwa 3 Jahren hier sind, sind etwa 200 Litthauer und 50 Rumänen. Was die Litthauer anbetrifft, so dürfte es weder in Santa FS noch in Entre Rios bessere Landarbeiter geben; auch an Intelligenz sind sie ihren andern Berufsgenossen überlegen. Von Haus aus arm, an Entbehrungen gewöhnt, finden sie sich leichter mit den Strapazen zurecht, die ihre neue Lage unvermeidlich mit sich bringt, als die Rumänen, die. bevor sie das mit allen Naturgaben ausgestattete Land an der Unterdonau verlassen mußten, bessere Tage gesehen hatten, aber zur Zeit die ärmsten aller Kolonisten sind. Dies einsehend, hatte auch die „Jca" den letzteren einen monatlichen Vorschuß bewilligt, ebenso wie sie es seinerzeit den alten Kolonisten gewährte, die, mit den ersten Transporten herausgekommen, gezwungen waren, lange Zeit von den Unterstützungen der „Jca" leben zu müssen, bis sie mit der Landarbeit beginnen konnten. Jene gemachten Vorschüsse sind heute die indirekte Veranlassung zu den gespannten Beziehungen zwischen Administration und Kolonisten, was auch viel dazu beigetragen hat, daß wiedcrholentlich Kolonisten, teils freiwillig, teils gezwungen, die Kolonie verließen, wovon mehrere ihrer ehemaligen Häuschen, die gegenwärtig von Eingeborenen oder intrusoo bewohnt sind, Zeugnis ablegen. Infolge jener Darlehen ist die Schuld Einzelner bei der Gesellschaft übermäßig angewachsen. Anstatt aber bei der Fixierung der jährlichen Rückzahlungsraten den mehr oder weniger günstigen Ausfall der Ernte bei den einzelnen Kolonisten in Betracht zu ziehen, hat die Administration, angeblich auf höheren und höchsten Befehl, die Kolonisten mit aller Strenge und unter Zuhilfenahme aller ihr zu Gebote stehenden Mittel zur Zahlung der Jahresquoten angehalten. Zweifelsohne waren sich die Herren am grünen Tisch in Paris nicht klar über die Wirkungen, als sie Derartiges anordneten; denn von dem Momente ihrer Verordnung an bis zur Ausführung derselben muß die Berechnung, daß eine gute Ernte bei den hiesigen, speziell in Santa Fe, austretenden eigentümlichen und plötzlichen atmosphärischen Veränderungen ins gerade Gegenteil Umschlagen könnte, sehr in Betracht gezogen werden. Daß aus diesem schroffen Vorgehen der Verwaltung fortwährend Reibereien entstehen, ist selbstverständlich. Selbstverständlicher ist aber noch, daß dadurch die Produktionskraft der Kolonisten bedeutend vermindert und ihnen die Lust zur Arbeit, die doch schon die Hälfte des Erfolges ist, genommen wird. Was die Litthauer anbetrifft, so wären diese allerdings im Stande, ihren Verpflichtungen nachzukommen, doch auch da sucht die Administration die Lage zu erschweren, indem sie sie. zur Zeichnung neuer Kontrakte, deren Bedingungen etwa folgende sind, bestimmen möchte: Jeder Kolonist verpflichtet sich, während der Dauer von 20 Jahren jährlich die Summe von 5 Dollars per da der „Jca" zu zahlen, und wird alsdann nach Ablauf der 20 Jahre Eigentümer des betreffenden Grundstücks. Das wäre ja — abgesehen davon, daß der Preis von also >00 Dollars per ha, gelinde ansgedrückt, bedeutend über dem aktuellen Werte des Bodens in Santa Fe stünde — noch annehmbar, würde in dem gleichen Kontrakte die „Jca" sich nicht das