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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Seite 131 Vom Jahrmarkt des Lebens. GLoffen zur Tagesgeschichte. (Mechaniker Schneider und Hermann Bielohlawek haben gesprochen. DieIuden sind s ch u l d d a r a n. — DieKossuthpartei von den Freimaurern und der Jrredenta gekauft — Hinter Kossuth stehen die Juden. — Hinter Tisza stehen die Juden. — Der „kluge Hermann". — Der Heldentenor zu Pferde. — Bielolahwek's Geschichtsphilosophie. Ein aufrichtiger Wunsch als Schluß. — Die Weisheit der „Deutschen Z e i t u n g".) Favete linguis! Ich verlange feierliches Schweigen und weihevolle Stimmung. Von zwei Großmeistern und zwei Großgeistern des Antisemitismus gilt es zu berichten. Mechaniker Schneider und Hermann Bielohlawek haben gesprochen. Da ziemt es der Zeitgenossenschaft, den Atem anzuhalten und zu lauschen. Der Antisemitismus hat nicht viele bessere Männer aufzuweisen. Das sind seine Zierden, das ist sein Stolz. Und das Hübscheste ist, daß man derlei ruhig niederschreiben und aussprechen kann, ohne einen Ehrenbeleidigungsprozeß zu riskieren oder wegen Verleumdung vor Gericht geschleppt zu werden. Es ist nämlich wahr und es gibt also doch noch Wunder. Das eine historische Ereignis vollzog sich im Brauhaussaale zu Simmering. Dort ergriff der Mechaniker und Reichsratsabgeordnete Schneider das Wort. Schon der Anfang lvar vielversprechend: „Nach dem Ausgange der ungarischen Wahlen sind die maßgebenden politischen Kreise in Oesterreich in einen förmlichen Paroxysmus geraten, der eigentlich noch immer anhält, denn die Leute wissen noch immer nicht, was sie tun sollen. Und niemand denkt daran, daß das einzige verhetzende Element, das Judentum, schuld daran ist." Man sollte im Hause des Mechanikers Schneider nicht vom Paroxysmus reden; wenn er's aber selber tut, so haben wir nichts dagegen. Wogegen wir jedoch remonstrieren müssen, das ist die Ungeniertheit, mit der er die Priorität eines angeblich epochemachenden Gedankens für sich in Anspruch nimmt. Niemand hätte daran gedacht? Falsch. W i r haben daran gedacht und denken immer daran. Wir waren aber nicht nur so frei, Herrn Schneiders Gedanken vorzudenken — wahrhaftig keine anstrengende Arbeit! — wir haben auch nicht gezögert, sie niederzuschreiben und zu veröffentlichen, und nicht etwa nur einmal oder ausnahmsweise, sondern mit planmäßiger Regelmäßigkeit. Das ist doch kein Kunststück! Man braucht immer nur das Normale ein wenig umzustülpen, die vernünftigen Denkgesetze auf den Kopf zu stellen, und die Sache ist getan. Der Ausbruch des japanisch-türkischen Krieges, die Vernichtung der russischen Flotte, die Einnahme von Port Arthur, die Ereignisse in Petersburg, das Attentat, der Aufruhr im ganzen russischen Reich, die Wahlen in Ungarn, die Dürre des vorigen Sommers, die Teuerung der Lebensmittel, der Hüller Schiedsspruch und was sonst man will, — die Juden sind schuld daran. Wir haben immer die Ansicht vertreten, daß der antisemitische Intellekt auf irgend ein bedeutsames zeitgeschichtliches Ereignis gar nicht anders reagieren kann, als mit dem einen einzigen Gedanken, von dem er lebt und der seinen erschöpfenden Ausdruck in dem hehren Rufe Hepp-Hepp! findet. Wie sollten auch die geistigen Kosten bestritten werden, um sich zu einem Geschehnis, sei es welcher Art es sei, in anderer Weise in irgend ein Verhältnis zu setzen? Man sieht, es geht nicht, geht absolut nicht. Herr Schneider verrät es der erstaunten Mitwelt, daß der Kossuth-Partei ganz bedeutende Summen von den Freimaurern und der — Jrredenta zur Verfügung gestellt worden seien. Wir denken nicht daran, den Mechaniker Schneider durch Widerspruch zu reizen, — das hätte keinen Zweck und wäre einfach inhuman, — aber fragen möchten wir doch, ob hier Freimauerei und Jrredenta nur bildlich und lediglich als Umschreibung für „Judentum" herangezogen wurden, oder ob er es wirklich so meint, wie er es sagt. Beide Auffassungen find zulässig. Für die erstere spricht der sanktionierte antisemitische Brauch, für die letztere die Versicherung Herrn Schneidens, daß das mit der Jrredenta ein italienischer Advokat in Mailand offen erklärt habe. Schön; aber Herr Mechaniker Schneider wäre nicht verpflichtet, jedem italienischen Advokaten in Mailand jeden Stuß zu glauben, ebenso wie es vielleicht manche Leute gibt, die Herrn Mechaniker Schneider selber nicht Alles aus seinen Eid glauben. Das ist einmal so auf Erden und die Welt ist schlecht. In einer Hinficht ist aber der ehrenwerte Abgeordnete doch ganz bedenklich eingezwickt, und es ist noch nicht abzusehen, wie er sich da aus der Klemme Heraushelsen will. Gut; zugegeben — wir stellen uns aus seinen Standpunkt — den Sieg Kvssuths haben die Juden gemacht. Wie steht es nun aber mit der von Herrn Schneider und seinen Gesinnungsgenossen tausendfach wiederholten Versicherung, daß das liberale Regime Tiszas ein Judenregime war? Was ist nun wahr? Haben sich die Juden selbst gestürzt oder haben sie sich gegenseitig bis aus einen unbedeutenden Rest ausgefressen wie die zwei berühmten Löwen in der Wüste? Niemand könnte doch darüber eine größere Freude haben als Mechaniker Schneider. Denn er ist kein unpraktischer Ideologe, er ist vielmehr ein Mann der Tat. Man läßt ihn nur nicht. Er hat für alle Krankheiten ein wunderbar einfaches Rezept. Die Revolutionäre in Rußland — nichts leichter, als mit ihnen im Handumdrehen fertig zu werden. „Beim ersten Attentat müßten 10 Rabbiner und 1000 Juden, beim zweiten 100 Rabbiner und 10.000 Juden und beim dritten Attentat 1000 Rabbiner und 1 Million Judenumgebracht werden; dann möchte gewiß kein Attentat mehr Vorkommen." Es ist ein Beweis von wunderbarer Mäßigung, daß dieser Menschenfreund seine Progression nicht fortgesetzt hat. Denn es gibt ja reichlich zehn Millionen Juden auf der Welt und wenn ihm die Vorstellung, eine Million Juden zu ermorden, ein Lustgefühl erweckt, so müßte doch das Hinschlachten von zehn Millionen geradezu einen Paroxysmus Hervorrufen — aber gerade die Judenhenker haben erfahrungsgemäß am Galgen geendet. Herr Hermann Bielohlawek, von den verruchten Sozialdemokraten immer nur liebevoll mit dem Kosenamen „der kluge Hermann" bedacht, hat neben einem solchen Heldentenor, wie Herr Mechaniker Schneider, natürlich einen sehr schweren Stand. Er sagte zwar bei seinem aus allgem°ines Verlangen einmaligen Auftreten in Linz ungefähr dasselbe, womit sein großes Vorbild in Wien Triumphe gefeiert hatte, aber schließlich ist es doch der Ton, der die Musik macht. Auch Bielohlawek ist ein Sänger und ein Held, und da ist es denn recht betrüblich, auch für uns, daß wir bei seiner Leistung ein Abflauen der Wirkung seststellen müssen. Da müßte entschieden etwas gefunden werden, seine Triumphe zu steigern. Wir haben kürzlich in einem Zirkusprogramm angekündigt gelesen einen „Heldentenor zu Pferde". Darin scheint uns eine Anregung zu stecken, die doch wohl der Beachtung und des Nachdenkens wert wäre. Etwas muß jedenfalls geschehen, denn seine Leistungen stehen kaum hinter jenen seines großen Vorbildes zurück. Seine Originalität läßt allerdings stellenweise zu wünschen übrig, und wenn auch er das Moskauer Attentat den Juden in die Schuhe schiebt und hinzufügt, „die Herrsch- und Machtgier der Juden ist eine so große, daß sie vor dem gemeinsten Meuchelmord nicht zurückschrecken", so hat das doch nicht mehr den Reiz der Neuheit für sich. Wahrhaft groß wird er erst, wenn er selbständig Geschichtsphilosophie treibt. „Der Welt wird durch die elende Judenpreffe vorgelogen, daß der Mord des Großfürsten Sergius eine förmliche Notwendigkeit war und daß alle Tyrannen zu zittern haben." Merkwürdig, daß wir diese Lüge nirgends finden konnten! Oder sollte da etwas Anderes eine Lüge sein? Redner spricht fort: „Ja, aber was war es denn mit den amerikanischen Präsidenten Garfield, Mac Kinley, mit dem Präsidenten der französischen Republik Sadi Carnot, mit dem König von Italien u. s. w. — waren das auch Tyrannen?" Ja aber, möchten auch wir fragen, find alle diese Staatsoberhäupter von Juden ermordet worden? Herr Bielohlawek nimmt das als feststehende Tatsache an und fährt gelassen fort: „Trotz aller dieser offenkundigen Scheußlichkeiten der Juden" — mit einemmale find diese Scheußlichkeiten der Juden auch schon offenkundig geworden — „zittert eine gewisse Intelligenz vor dem Hausen Hebräer auf dieser Welt, weil selbe deren Presse fürchten." Dieses „weil selbe" u. s. f. ist ein gut Deutsch, Herr Bielohlawek. „Maxim Gorki, ein ganz gewöhnlicher,

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