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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Teile 130 Nr. 9 Dr Wlocb s Mocbenscbrttt. Erziehung zum freien Bürgertum stand im Mittelpunkte des ernstfröhlichen Lebens. Die Pflege der Geselligkeit, die Ausbildung des männlichen Mutes, die Entfaltung des Sinnes für Freiheit und Schönheit, — alles das waren Mittel für das große Ziel, nachher dem Vaterlande seine Kräfte zu weihen und der Gesamtheit zu dienen. Die hervorragendsten Denker und Dichter, Künstler und Politiker des vorigen Jahrhunderts haben ihre ersten Anregungen in den Burschenschaften empfangen. Hier haben sie ihren Idealismus an der Flamme der deutschen Einheitsidee gelvärmt, hier haben sie die Waffen für den nationalen Kamps geschmiedet. Ohne diese Burschenschaften wäre kein 1848 und kein 1870 möglich gewesen. Die deutschen Verbindungen dürfen trotz aller Torheiten, die eine überschäumende Lebenslust erzeugte, trotz aller Auswüchse einer tollen Jugendkraft, ein Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte beanspruchen. Aber — Tempora mutantur et nos mutamur iu illis. Ja, die Zeiten haben sich geändert, das politische Leben von heute ist ein anderes und auch der moderne Student ist ein anderer geworden. Die Politik ist nüchterner, praktischer und philisterhafter geworden, und der Student ist heute im großen und ganzen kein Bürger in den politischen Flitterwochen, sondern ein Fachschüler, der sich seine Zukunft sichern und möglichst viel Vergnügen verschaffen möchte. Die Aufgaben der Politik und die des Studententums haben eine große Metamorphose erlitten, und die Korps und die Burschenschaften, die sich in ihrer alten Gestalt in die Neuzeit hinübergerettet haben, bilden ein Rudiment, das mit dem Geist der neuen Zeit nicht organisch verwachsen kann. So ist das Verbindungswesen häufig zu einer Karikatur geworden. Die alten Tugenden haben eine andere Gestalt angenommen und sich oft in ihre Antipoden verwandelt. Aus der aus dem Herzen fließenden Fröhlichkeit ist ein steifer Comment geworden, aus der Kraftentfaltung eine verrohende Rauflust, aus dem freiheitlichen Nationalismus ein antisemitisch gefärbter Feudalismus und aus dem feurigen Idealismus ein komisches Gigerltum geworden. Die Korps und Burschenschaften sind heute meistens schwache Nachahmungen des Offizierstums, und ihr ganzer Stolz ist dahin gerichtet, jenem an steifgebügelter Vornehmheit und protziger Exklusivität gleichzukommen. Die Verbindungen haben heute für das geistige und politische Leben jede Bedeutung und jeden Zweck verloren, und jeder ernst strebende, ideal veranlagte Musensohn meidet sie. Die korporierten Studenten bilden ja auch heute an den meisten Universitäten und Hochschulen kaum 20 Prozent, an den größten Universitäten sogar kaum 10 Prozent der Gesamtstudentenschaft. Viele Verbindungen, namentlich an den kleinen Universitäten, stellen heute nur eine Art karnevalistischer Dekoration dar, um den Philistern bei verschiedenen Gelegenheiten durch Entfaltung von Pracht und Luxus zu imponieren. Sie „machen" freilich auch viel in Patriotismus, stehen Spalier, veranstalten Wagenauffahrten, Fackelzüge und Kommerse und chr Heldenspruch lautet: Dolce est pro patria — bibere. Man wird aber nicht behaupten können, daß ein solcher Patriotismus mit großen Opfern verbunden ist und daß dabei etwas Ersprießliches für Gegenwart und Zukunft herauskommt. Sic transit gloria mundi! So ist das Verbindungswesen zu einer leeren Dekoration, zu einem hohlen Philistertum geworden. Es hat seine innere Berechtigung verloren und ist zu einer bloßen Scheinexistenz geworden. Und doch wäre wohl gerade in unserer Zeit, wo die Gefahr der Zersplitterung und der Zerfahrenheit so nahe liegt, ein gesundes, zeitgemäßes Verbindungswesen, eine Stätte zur Pflege einer echten Gemütlichkeit, zur Förderung alles Schönen und Großen und zum Verständnis des sozialen Lebens notwendiger als jemals. Das empfinden wir alle, aber — wie es mit manchen Erscheinungen geht, wir hängen am Alten, weil das Neue fehlt, wir ahnen das Neue, aber es gebricht uns noch an Kraft und Klarheit, es in lebendige Formen zu bringen und eine geeignete Organisation zu gestalten. Für den ernsten Studenten von heute können das Bierheldentum und das zerschundene Gesicht, die kleine Mütze und der große Hund kein Ideal mehr bilden. Der moderne Student will das kranke Epigonentum abstreifen und das neue Leben in Kunst und Literatur mit ganzer Seele erfassen. Er will den komplizierten Bau des sozialen Lebens kennen lernen und seinen Problemen näher kommen, — kurzum, er will für alles, was in ihm gärt, einen natürlichen Boden finden, um sich harmonisch ausleben zu können. Die in den letzten Jahren an vielen Universitäten entstandenen literarischen, dramatischen und sozialpolitischen Gesellschaften zeigen uns die Richtung des Verbindungswesens der Zukunft und die Notwendigkeit einer gründlichen Umgestaltung. Aber, wie ge'agt, es fehlt noch die klare Form einer Korporierung, die sich dem modernen Leben und seinen Bedürfnissen anpassen könnte. Wir haben vorläufig nur Bruchstücke, bescheidene Anfänge für die künftige Struktur. Vielleicht wäre auch diese Form schon gefunden, wenn man den jüdischen Studenten gestattet hätte, ihre natürliche Rolle zu spielen und die alte Zeit mit der neuen zu versöhnen. Das ist ernst gemeint und kein Scherz. Ich weiß mich von jedem Chauvinismus frei und ich überschätze die geistige Bedeutung des Judentums nicht. Ich halte die Juden weder für besser, noch für idealer als die anderen Menschen, ich schreibe ihnen weder teuflische noch göttliche Eigenschaften zu. Aber — daß sie eher den Geist einer neuen Zeit wittern, weniger am Alten hängen, und daher oft die Rolle der Kulturmissionäre spielen, das ist für jeden Unbefangenen klar und auch psychologisch begreiflich. Sie sind eben durch die Geschicke ihrer Geschichte und durch ihr Temperament dazu prädestiniert. Es ist kein Zufall, daß sie in der Geschichte des Liberalismus und des Sozialismus eine große Rolle spielen, daß wir sie in allen Schulen und Richtungen der Literatur und Kunst in den ersten Reihen finden. Sie sind eben beweglicher, geschmeidiger, und es fällt ihnen leichter, alte Formen mit neuen zu vertauschen. Ja, die Juden sind nicht nur geschickte Geldwechsler, sie verstehen auch, wie Nietzsche hervorhebt, alte Werte in neue umzusetzen. Sie hätten also wahrscheinlich leichter den Weg zur Reform des Verbindungswesens gesunden. Aber, man hielt sie, vielleicht weil man das instinktiv spürte, in den letzten 15 Jahren von den Korps und den Burschenschaften in der Regel fern. Dadurch ist natürlich der Prozeß des Siechtums nicht beseitigt, aber wohl etwas verlangsamt. So entarten die Verbindungen, die das Alte künstlich erhalten möchten, immer mehr und bieten das trostlose Bild einer unzeitgemäßen, sozial und geistig ungesunden Institution. Zur Ergänzung des grotesken Bildes kamen in den letzten Jahren noch die konfessionellen Verbindungen hinzu. Es entstanden an fast jeder Universität und jeder Hochschule evangelische und katholische Verbindungen und sie vermehren sich und machen sich immer breiter. Im Grunde gibt es keine größeren Gegensätze als Konfessionalismus und freies Studententum. Der Student soll die schönste Zeit seines Lebens dazu verwerten, um seinen geistigen und sittlichen Horizont zu erweitern und nicht zu verengen, um sein Leben zu vertiefen und nicht zu verflachen. Er soll lernen, sich als Mensch unter Kulturmenschen, als Deutscher unter Deutschen zu fühlen und nicht als Angehöriger einer Kirchengemeinschaft. Was kann ihm denn diese konfessionelle Verbindung bieten? Um seinen religiösen Gefühlen zu genügen, dazu ist überall Gelegenheit geboten. An katholischen und evangelischen Vorträgen ist nirgends Mangel, und wenn man sie mit anderen Bürgern zusammen hören muß, so ist das weder eine Entwürdigung, noch ein Nachteil. Denn das Studententum soll in beständigem Kontakt mit dem Bürgertum stehen, von ihm Impulse empfangen und das wahre Leben auf sich einwirken lassen. Zum Biertrinken und Liedersingen aber, zum Turnen und Fechten, — dazu braucht man keine besonderen konfessionellen Vereine. Schon durch seine Mütze auf der Straße zu bekunden, zu welcher Konfession man gehört, das heißt wahrlich nicht die religiöse Idee vertiefen. Diese Vereine zeigen das Ungesunde in einer noch unangenehmeren Gestalt. Aber wir leben eben in einer Zeit, wo das Paradoxe die größte Anziehungskraft besitzt, und man merkt heute die Widersprüche des Lebens gar nicht mehr. Zu dem Mosaikbild unserer Zeit von konfessionellen Bädern und Gasthäusern, Hospitälern und Tanzkränzchen, Frauen- und Jünglingsvereinen gehören allerdings auch die konfessionellen Studentenverbindungen. (Schluß folgt.)

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