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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mr. 9 Dr. Bloch’s ♦ fl ♦ crmmi Iahrzmrg XXII ♦ Centralorgan für dir grssmmten Interessen des Iudenthums. A. kr. Pofisparca ssen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Ardarlion und Administration: Wir» IX/1, Berggassr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Wie«. 3. Mar; ISvS. -■>« - Erscheint jeden Freitag. -<r- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Derggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. N- Dezugsprei» flir Seflrrrrtch: Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 56 Heller. Mr'» Ansl and: Halbjährig 10 Krone«. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Ueber das akademische Verbindungswesen. —Jahrmarkt': Glossen zur Tagesgeschichte. — Die Jsraeliten-Kolonie in Argentinien. — Die „Bene Hadani" in der Literatur des IX. und X. Jahrhunderts. — Propheten und Psalmisten. — Korrespondenzen: Die russische Autokratie in ihren Todeszuckungen. Großfürst Sergius. Prag, Budapest. Von der israelitischen Ungarischen Literaturgesellschaft. Brody. Israelitischer Freitisch-Verein Olmütz. Hilfsverein der Deutschen Juden. Die beiden Juden. —Vermischtes: Wien. Mädchen- und Frauenverein „Bikur Ghaulim". Jüdische Toynbee-Halle. Brünn, Jglau, Falkenau-Bleistadt, Prag. Vukovar, Lemberg, Gebweiler, Paris. — Feuilleton: Zwei Brüder. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Ueber das akademische Uerdindungsrvesen. Von Fabius Schach, Karlsruhe. (Nachdrllck verboten.) I. Der Lateiner sagt: 81 duo faciunt idem, non est idem. Und dieses oft mißbrauchte Wort hat seine philosophische Begründung. Denn wie alles in der Welt, so ist auch jede sittliche Handlung relativ, und g u t und schlecht bilden keine absoluten Begriffe. Menschlich urteilen heißt, aus den Motiven heraus urteilen, in die Seele des Handelnden eindringen, die Kette von Ursache und Wirkung begreifen und die Folgen der Tat berücksichtigen. Andere Quellen und andere Folgen gestalten die Tat selbst zu einer andern. Jedes Gesetz läßt daher dem Richter einen gewissen Spielraum, damit er nicht nur das O b, sondern auch das Wie und Warum der Tat untersuche. Der beste Richter ist nicht der lederne Bureaukrat, der seine Paragraphen auswendig gelernt hat, sondern der mit feinem psychologischen Verständnis und mit einer gründlichen Kenntnis des sozialen Lebens ausgerüstete Rechtsphilosoph. Wenn aber schon beim Gericht das Schablonisieren vom Uebel ist, um wie viel mehr ist das im kulturellen und politischen Leben der Fall! Hier kann jede Erscheinung und jede Handlung nur aus den Beweggründen und aus dem Milieu verstanden werden. Diesen eigentlich selbstverständlichen Gedanken muß man vorausschicken, wenn man irgend eine Erscheinung des modernen jüdischen Lebens beleuchtet. Denn nirgends liegt die Gefahr so nahe wie hier, aus einem trockenen Vergleich einen falschen Schluß zu ziehen und ungerecht zu urteilen. Das Leben ist nicht so mathematisch einfach, daß eine Erscheinung der anderen kongruent wäre, und vollends die jüdischen Verhältnisse sind — dank dem Chaos, das Vorurteile und Atavismen geschaffen — sehr kompliziert. In der letzten Zeit wurde man bei uns in Deutschland auf die Gefahr der konfessionellen Verbindungen für das akademische Leben aufmerksam, und der Widerspruch dagegen fing an, sich zu regen.Da sind selbstredend die berufenen Hüter der Reaktion sofort bei der Hand, um mit Fingern auf die jüdischen Verbindungen hinzuweisen. Das wäre nicht schlimm. Von dieser Seite angegriffen zu werden, ist beinahe eine Ehre. Schmerzlich aber ist es, daß man leider auch von liberaler Seite die jüdischen Verbindungen scheel ansieht und sie als rückschrittlich und engherzig betrachtet. Man vergißt ganz, daß man mit der Doctrin allein im Leben nicht fertig wird und daß die Verhältnisse stärker find als das Prinzip. Man gelangt auch hier zu einer einseitigen Ansicht, wenn man die Motive und das Milieu nicht berücksichtigt. Man versteht einen Teil nur, wenn man das Ganze kennt, zu dem es gehört. So wird es wohl notwendig sein, das ganze heutige Verbindungswesen einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Daß die Verbindungen an den deutschen Hochschulen in ihrer heutigen Gestalt kein erfreuliches Bild bieten, diese Erkenntnis drängt sich jedem auf. Man braucht ihren Beruf und ihre Verdienste in der Vergangenheit nicht zu verkennen und kann doch die Richtung, die die Verbindungen mit der Zeit genommen haben, sehr bedauern. Das Verbindungswesen ist in Deutschland entstanden zu einer Zeit, wo es notwendig war, aber es hat sich überlebt, es ist in eine Zeit hineingewachsen, die es nicht mehr versteht und deren Bedürfnissen und Zielen es nicht mehr gerecht zu werden vermag. Wie überlebte Wahrheiten, nach dem Ausspruche eines modernen Denkers, schlimmer als Lügen sind, so find auch veraltete, gute Institutionen gefährlicher als schlechte. Jedes Organ, das feine Funktionen verloren hat, verkümmert und verdorrt. Das gilt vom kulturellen, wie vom physischen Leben. Die studentischen Verbindungen sind entstanden in einer Kulturepoche, wo die Erstarkung des Nationalgefühls als die höchste und wichtigste Aufgabe galt. Damals, als Politik und Romantik, Nationalismus und Demokratie mit einander verschwägert waren: damals, wo diese Richtung der Quell aller Begeisterung war und dazu noch den geheimen Reiz des Verbotenen hatte, — damals war der Student, der Bürger im Frühlingsgewand, der mit seiner goldenen Sorglosigkeit und mit dem jugendlichen Idealismus über all die Hindernisse der Wirklichkeit hinwegschaute und mit feurigem Sinn seine Zukunft in der Welt der Ideale suchte, der berufenste Träger aller neuen Ideen. Der Student von damals war ein wirklicher akademischer B ü r g e r, er hatte einen universalistischen Zug, etwas Stürmisches, Gährendes an sich, und seine politischen Träume galten ihm oft viel mehr als sein Fachstudium. Die Verbindungen waren die Stätten, wo man die konfessionellen, die Klassen- und Standesunterschiede vergaß und nur auf die Persönlichkeit achtete. Die Entwicklung der Persönlichkeit, die

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