Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 126 Nr. 8 Vr. Wlocb's Mocbenscbrttt. Franz Josef scheint bei seinem Volke sehr beliebt zu sein, das ist sehr schön. Das wäre auch bei Seiner Majestät dem Zaren der Fall, wenn er allen seinen Völkern dieselben Rechte einräumen möchte. Das geht bei uns nicht, weil das russische Volk anders geartet ist, als das westeuropäische. Nun waren wir in Oderberg angelangt. Dort nahm er das Frühstück ein, ohne eine abfällige Bemerkung gemacht zu haben. Natürlich durfte er nicht wissen, das; der dortige Bahnhofrestaurateur auch ein Jude ist, denn sonst hätte er sich gefürchtet, rituell essen zu müssen. So aber sprach er sich lobend über Küche und Getränke aus. Von Oderberg nach Schönbrunn mußte ich ihm über die Industrie und Kohlenwerke Mährisch- Ostraus Aufklärungen geben. Als ich ihm aber die Namen der Besitzer nannte, sagte er daraus „wieder Juden". Mir scheint, Sie haben den Perzentsatz der jüdischen Einwohner Oesterreichs zu tief genommen. Ich glaube eher, es wird umgekehrt der Fall sein, 95 Perzent Juden und nur 5 Perzent Christen. Als wir von Schönbrunn weiterfuhren, fing der Großfürst wieder an: Armes Oesterreich, wie sehr bedauere ich dich, daß du dich dieser Sippschaft nicht entledigen kannst. Wohin man sieht, alles Jud. Wie soll da ein Land zu Wohlstand kommen? Beleihen kaiserliche Hoheit, daß ich die Bemerkung wage, daß gerade die Juden oft zum Wohlstand eines Landes beitragen. Wieso? Weil sie die Industrie fördern und den Handel in Schwung zu bringen verstehen. Wer riskiert? Der Engländer und der Jude. Deswegen die vielen Bankerotte. Das macht nichts, kaiserliche Hoheit. Bankerott machen verstehen hie und da Christen auch, nur wird es ihnen nicht so verübelt. Warum ist England oder Amerika noch nicht zu Grunde gegangen? Dort leben doch auch viele Juden. Was war Spanien vor der Judenverfolgung und was ist es jetzt? Der Zug kam nach Prerau, wo das Diner in dem Schlaftvagen serviert wurde. Bis Ungarisch-Hradisch hatten die Herrschaften gespeist. Dort wurde das Geschirr aus dem Wagen genommen. Bevor man damit fertig war, beobachtete der Großfürst, wie die Bahnarbeiter über die Speisereste herfielen und mit den schmutzigen Händen das Fleisch und die Mehlspeisen anfaßten und in die Hosentaschen gesteckt hatten. Diese Szene machte dem General- Gouverneur viel Spaß und er mußte lachen. Er gab mir fünf Gulden und sagte: Geben Sie das den Leuten, sie sollen sich zu dem Essen auch was zum Trinken kaufen. Das Lachen des Großfürsten fiel seiner Frau, die in einem anderen Coups saß, auf. Da sie mit ihrem Manne während der ganzen Reise kein Wort sprach, rief sie mich und frug nach der Veranlassung zum Lachen. Als ich ihr die Begebenheit erzählt hatte, sagte sie mir: Wissen Sie, daß ich den Großfürsten seitdem wir verheiratet sind, zum erstenmal lachen gehört habe? Nicht möglich, kaiserliche Hoheit, erwiderte ich. Ja! sagte sie. Sie scheinen beim Großfürsten in hoher Gnade zu stehen, denn ich weiß mich nicht zu erinnern, daß er sich jemals mit einem Menschen aus dem Volke derart in ein Gespräch eingelaffen hätte. Sie dürfen darauf stolz sein. Wovon spricht er mit Ihnen die ganze Zeit? Von Politik. Was? von Politik? nicht möglich. Was sagen Sie dazu? frug die reizend schöne Großfürstin ihren Adjutanten. Der Adjutant schüttelte den Kopf und sagte: Nun Hab' ich mich überzeugt, daß kaiserliche Hoheit den durchlauchtigsten Herrn Gemahl noch nicht genau kennen. Er hat eben seine Launen und der Herr H. scheint ihn bei der besten erwischt zu haben. Kaum waren wir aus der Station Ung.-Hradisch draußen, zeigte ich dem Großfürsten den Velehrad, wo Cyrill und Methud gepredigt haben sollen. Sofort warf sich der Großfürst in die Knie und bekreuzigte sich. Diese Heiligen sind russische Landes- Patrone. Um 4 Uhr nachnlittags waren wir in Wien. Der Großfürst und sein Gefolge begaben sich nach dem Hotel Imperial, während ich mit meinem Wagen zur Südbahn fahren mußte, wo der Zug zur Abfahrt nach Italien bereit stand, in welchen mein Wagen einrangiert wurde. Punkt 8 Uhr abends kamen die Herrschaften und um 8 Uhr 25 verließ der Zug die Halle des Südbahnhofes. Kaum waren wir die Station Meidling vorbeigefahren, begann der Großfürst wieder über die Juden zu schimpfen. Diesmal ärgerte er sich, weil der Portier im Hotel Imperial wieder ein Jude war. Dieser hätte ihn zum Wagen geleitet und das bedeute Unglück auf der Reise. Großfürst Sergius war nämlich sehr abergläubisch. Wenn ich der Baron Hirsch wäre, fing er in seinem Zorne zu reden an, möchte ich die vielen Millionen, die er für seine Glaubensgenossen ausgibt, dazu verwenden, das adriatische Meer auf einige Zeit zu pachten und die Juden alle hineinwerfen zu lassen, damit man das lästige Volk endlich vom Hals hätte. Baron Hirsch, kaiserliche Hoheit, ist ein Philanthrop wie selten einer. Weil er sein Vermögen sich erschwindelt hat. Im Uebrigen lassen Sie mich in Ruhe mit dieser Raffe, ich geh' lieber schlafen, wecken Sie mich rechtzeitig, damit ich mir die Gegend ansehen kann. Ich fahre die Strecke via Cormons zum ersten Male. Bevor wir nach Mürzzuschlag kamen, lagen alle in ihren Betten. Vorher bewunderten sie noch beim Mondenscheine die Semmeringpartie. In Nabresina erwachte der Großfürst. Sein Leibkammerdiener war ihm bei der Toilette behilflich, die ziemlich lange Zeit in Anspruch nahm. Mittlerweile war sein Adjutant Herr Graf Steinbock aufgestanden und angezogen. Eine halbe Stunde später begab sich das Kammermädchen zur Hofdame Prinzessin Trubetzkoy, um ihr zu helfen, und gegen 11 Uhr vormittags wurde die Großfürstin Elisabeth von ihrer Zofe angekleidet. Es ist wahr, ich habe noch wenig so schöne Frauen gesehen, wie die Großfürstin damals war. Ihr schöner Wuchs, ihr reizendes Gesichtchen mit den blauen Augen, dem kleinen rosigen Mund mit den schneeweißen Zähnchen, die ihr lieb hervorguckten, wenn sie lächelte. Und wenn sie zu mir sprach, war ich durch ihre Liebenswürdigkeit bezaubert. Nicht minder leutselig war ihre Hofdame. Auch sie war schön, nur klein. Dagegen war der Großfürst hoch und' mager, und wenn er sprach, blieb seine Miene ernst. Keinen freundlichen Blick konnte man an ihm gewahr werden. Die Konversation, die er mit mir führte, war größtenteils französisch. Er sprach auch mit Vorliebe deutsch, jedoch hart. Um halb 12 Uhr mittags waren wir in Udine. Von da ab ließ sich der Großfürst von mir italienischen Unterricht erteilen, und zwar die allernotwendigsten Redensarten. In Mestre wurde das Dejeuner eingenommen. Während dieser Zeit fuhr ich mit beiden Adjutanten nach Venedig, um diesen beiden Herren die Lagunenstadt zu zeigen. Nachdem eine halbe Stunde Aufenthalt war und ich den Stationsvorstand außerdem ersuchte, den Zug nicht früher abgehen zu lassen, bis wir zurück sind, nahmen wir eine Gondel und fuhren bis zur „xonto ä! rialto“ und sofort zurück. Wir kamen zur rechten Zeit zum Bahnhof. Der Zug konnte ohne Verspätung weiterdampfen. Nach Mestre zurückgekehrt bestiegen die großfürstlichen Herrschaften wieder den Schlafwagen und so ging es weiter bis Bologna, um 7 Uhr Abend, wo das Diner eingenommen wurde. Der Zug hatte dort eine ganze Stunde Aufenthalt. Ich hatte mittlerweile für die dritte Nacht die Betten hergerichtet. Auf einmal kam der Leibkammerdiener der Großfürstin mit dem Aufträge, ich möge sofort zu ihr kommen. Neugierig begab ich mich zu ihr^und fragte nach ihren Wünschen. Ich habe Sie holen lassen, damit Sie mit uns speisen, sagte die edle Frau, sperren Sie den Schlafwagen ab und kommen Sie hieher, um an unserem Tisch Platz zu nehmen.