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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Mocb's MocbenscvrM. Seite 123 Israelitische Union, Landesrabbiner Dr. Placzek, Oberrabbiner Dr. Güdemann, Rabbiner Dr. Schmiedl, Rektor Schwarz, Dr. Ungerleider, Berlin; Dr. Hildesheimer, Berlin; Dr. Ehrentreu, München; Dr. Mühsam, Graz; evangelischer Pfarrer Fronius, Baden und viele andere Rabbiner, Gemeinden und Korporationen von Nah und Fern. Trebitsch. Sonntag den 19. Februar l. I. fand die konstituierende Sitzung des hierortigen Kultusausschusses statt. Zum Präses wurde Herr Josef Taussig, ein Mann von feiner Bildung und konziliantem Wesen, zu dessen Stellvertreter Herr F. A. Ornstein, ein Mann der Arbeit und Energie, zu Beiräten die einer allgemeinen Achtung sich erfreuenden Herren Siegmund Grünberger 8en. und H. Salo Fried einstimmig gewählt. Ein grausames Schicksal hat den Wanderstab des verdienstvollen Präses Herrn Leopold Ornstein vorzeitig gebrochen, und so manchen seiner vorgesteckten Pläne, die er zum Wohle der Gemeinde durchführen wollte, mußte er unvollendet zurücklassen. Die Wahl der neuen Vorstände, vereint mit der erprobten Schaffenslust des Gesamtausschuffes, bieten jedoch die Gewähr, daß sich die Amtswirksamkeit im Sinne des teueren Dahingeschiedenen fortbewegen werde. Berlin. Der geschäftsführende Ausschuß des „Hilfsverein der deutschen Juden" hat in seinen beiden letzten Sitzungen eine größere Anzahl von Bewilligungen votiert, die auch für die Allgemeinheit von Interesse sein dürsten. Für eine Reihe von jüdischen Gemeinden in Rußland, welche, wie Mohilew, Bichow, Aleaxdria u. s. w. durch Exzesse, sowie für die Gemeinde Leowo-Galatz in Bessarabien, welche durch eine Mißernte stark mitgenommen wurden, hat der Hilfsverein zur Linderung der großen Not unter unseren dortigen Glaubensgenossen die Summe von 20.000 Mark bewilligt. Zur Einführung einer neuen Industrie in Galizien ist einem Berliner Unternehmen ein unverzinsliches Darlehen von 6000 Mark gewährt worden. Zur Begründung einer Herberge in Königsberg, Preußen, für welchen Zweck der Erwerb eines eigenen Grundstückes gemeinsam mit dem Hilfsverein für kranke russische Israeliten sich als zweckmäßig erwiesen hat, sind den dortigen „Schutzkomitees" des Hilfsvereines im ganzen 8000 Mark einmalig und 1000 Mark jährlich zur Verfügung gestellt worden. Es ist sodann eine Reihe von Bewilligungen für Schulzwecke anzuführen. Für ein zu begründendes Lehrerseminar für die osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. hat der Hilfsverein einen einmaligen Betrag von 5000 Mark, sowie einen jährlichen von 1000 Mark zunächst für 10 Jahre ausgeworfen. Zu den Baukosten einer Mädchenschule in Haskien (Konstantinopel) steuert der Hilfsverein 5000 Mark bei. Den bereits bestehenden Kindergärten des Hilfsvereines in Jaffa und Jerusalem sind für das Jahr 1905 4000 Francs, für einen neu zu begründenden Kindergarten in Saffed 1500 Francs bewilligt worden. Einer Reihe von Schulen in Rumänien wurden gleichfalls Beiträge votiert, ebenso ist der Or-Thora-Schule in Konstantinopel der Jahresbeitrag von 1000 Mark auf 1500 Mark für das Jahr 1905 erhöht worden. Zur Anstellung eines Schächters und Lehrers am Knotenpunkte der Anatolischen Eisenbahnen hat der Ausschuß einen Zuschuß von 600 Francs bewilligt. Zur Ausbildung einer Kindergärtnerin, die später in Palästina wirken soll, wurde ein jährlicher Zuschuß von 600 Mark, für die Bekämpfung des Mädchenhandels 300 Mark bewilligt u. f. w. Dieser kurze Auszug aus dem Protokoll der letzten Sitzungen beweist aufs Neue, wie außerordentlich groß die Anforderungen sind, die aus allen Ländern des Ostens an den Hilfsverein der deutschen Juden fortwährend gestellt werden. Die Leitung des Hilfsvereines wird aber nur dann in der Lage sein, diesen Anforderungen dauernd und wirksam zu genügen, wenn ihn alle Kreise der deutschen Judenheit, soweit sie materielle Opfer zu bringen in der Lage sind, in seinen Humanitären Bestrebungen unterstützen. Großfürst Sergius und die Juden. Die Leidensgeschichte der Juden in Moskau unter dem grausamen Regime des nunmehr gerichteten Generalgouverneurs Großfürsten Sergius haben wir in den Nummern 35 und 36 Ende August v. I. in zwei Artikeln, unter dem Titel: „Tie Juden in Moskau", auf Grund eines zahlreichen Aktenmateriales ausführlich geschildert. Nach Aufzählung der Akte unerhörter Drangsalierung, der Verwandlung eines jüdischen Tempels in einen Stall, fragt der Verfasser, was man sagen kann zu der Mißhandlung armer Waisen, denen man die letzte Zufluchtsstätte konfisziert hat? Er schließt den Artikel mit den Worten: „Nichts darf man sagen, schweigen und Gott anrufen muß man, weil der menschliche Verstand versagt, um zu fassen, wie es möglich ist, zugleich am Ende des XIX. Jahrhunderts und in der Epoche der spanischen Inquisition zu leben." Heute nach dem schrecklichen Ende dieses Großfürsten, dessen langes Regime in Moskau ein ewiges Schandblatt des Hauses Romanow bilden wird, bringen die öffentlichen Blätter einige Details zur Ergänzung des Charakterbildes. Aus Paris wird gemeldet: Es ist bekannt, daß Großfürst Sergius aus politischen Gründen die größten und grausamsten Verfolgungen der Juden sich zum Programm gemacht hatte. Er wollte die Judenfrage mit der Vernichtung der Juden oder mit ihrer Hinausführung aus Rußland lösen. Ein russischer Revolutionär, der in Paris lebt, der Redakteur der „Tribüne Russe", Roubanowitsch, äußert sich wie folgt über diese Seite der Tätigkeit des ermordeten Großfürsten: „Die Rolle, welche der Großfürst in den Tagen vor dem 22. Jänner spielte und die er während der Verwirrung dieser Tage sich zugeeignet hat, mußte das vorausgesehene Attentat beschleunigen. Man muß den Großfürsten Sergius und Wladimir die Verantwortung für die Massakres vom 22. Jänner zuschreiben, welche gegen die wehrlose Menschenmaffe verübt worden find. Nach diesem Schreckenstage kamen die Opfer der Getöteten, die Frauen und Mütter der Arbeiter vor das Justizpalais, um die Unterstützung von Advokaten zu erflehen. Die Advokaten hielten eine Versammlung ab, um eine Organisation der Rechtshilfe für diese Aermsten zu schaffen. Advokat Siominski schlug vor, vor den Gerichten die schuldigen Verwaltungsbehörden zur Rechenschaft zu ziehen. Aber die Zivilautoritäten lehnten jede Verantwortlichkeit ab und wälzten dieselbe auf die Militärautoritäten. Man erfuhr in offizieller Weise, daß der Befehl, ohne vorherige Androhung auf die Menge zu schießen, von den Großfürsten Sergius und Wladimir gegeben worden war, im Namen des Zaren. Diese konnten als Mitglieder des Kaiserhauses nicht zur Verantwortung gezogen werden. Unter solchen Umständen trat das Revolutionstribunal zusammen, um sich zu beraten. Wieder wurde Sergius zum Tode verurteilt. Es war zum zweitenmal. Manche seiner Akte hatten allgemeine Entrüstung hervorgerufen. Man erinnert sich noch der furchtbaren Judenaustreibungen, welche auf ausdrücklichen Befehl von Sergius 1887 und 1888 in Moskau stattgefunden haben. In Moskau lebten damals ungefähr 20.000 Juden, welche, trotzdem nur sehr wenige die von dem Gesetze geforderten Eigenschaften befaßen, durch stillschweigende Duldung der Behörden sehr lange in Moskau geblieben waren. Nur etwa 300 von diesen 20.000 Juden zahlten die vorgeschriebene Gewerbesteuer von 8000 Francs, die ein Recht auf Wohnsitz gab, oder befanden sich im Besitze von Univerfitätsdiplomen. Nur diese durften in der Stadt bleiben, alle anderen mußten Moskau binnen 24 Stunden verlassen, nur die Prostituierten, welche gelbe Karren gelöst hatten, erhielten Aufenthaltsbewilligung. Die Austreibung der Juden erfolgte durch den damaligen Moskauer Polizeipräfekten Trepow. Sie wurde mit brutalster Grausamkeit durchgeführt. Frauen, die sich nahe der Entbindung befanden, wurden bis an die Eisenbahn geschleppt und in die Züge geschoben. Noch aus jüngster Zeit wird folgendes Vorkommnis erzählt, welches in den Kreisen der Revolutionäre viel besprochen wird: Eine Studentin jüdischen Glaubens griff, um an der Moskauer Universität weiter studieren zu können, zu dem Mittel,

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