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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 116 Dr. Blocb’s Mocdenscdrm. Nr.S Henker das Holz zum Verbrennen richtete, stieß er mit den Füßen den Schemel weg auf dem er stand, so daß er von dem um den Hals gelegten Strick erwürgt wurde. Man mußte sich begnügen, den Leichnam zu verbrennen. Fernando scheint der letzte in Nom verbrannte Rückfällige gewesen zu sein. Man begnügte sich dann, die bei ihrem Glauben gebliebenen Juden wie Pferde zum Wettlaufen zu zwingen. L. Vom AabrmarKt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Das Bombenattentat. — Zur Naturgeschichte des Mitleids. — Der arme Kutscher. — D ie 40.000 Juden von Moskau. — Zur Charakterisierung der Feinde des Judentums. — Die Gehilfen Wahlen.) Großfürst Sergius und sein Kutscher sind die Opfer eines Bombenattentats geworden. Ein dumpfer Knall — und eine großfürstliche Herrlichkeit war zu blutigen Fetzen zerrissen. Das Ereignis hat tiefe Wirkung geübt in der ganzen Welt. Es gab allenthalben eine starke Erschütterung, und es ist ja nicht gerade zum Verwundern, wenn Explosionen Erschütterungen Hervorrufen. Nicht ohne Interesse waren dabei die Beobachtungen, die sich aus diesem Anlasse zur Psychologie des Mitleids anstellen ließen. Das Mitleid ist nicht immer willig und oft ist es nicht einmal gerecht. Es läßt sich von unerheblichen Begleit- und Nebenumständen, von allerlei Imponderabilien, die gewöhnlich nicht einmal ins Bewußtsein dringen, beeinflussen und bestimmen. Unsere Zeitgenossenschaft ist allerdings ganz beträchtlich abgehärtet worden. Wenn wir beim Frühstückskaffee von dreihundert Gefallenen lesen, — es sind dreihundert Menschen, die in der Blüte ihres Lebens getötet worden sind — so verweilen wir kaum noch mit den Gedanken bei der Tatsache, die man uns gewöhnt hat, als recht geringfügig zu betrachten. Es ist aber nicht nur die Zahl, die wirkt; die Tiefe und Intensität des Mitleids steht auch in einem gewissen Verhältnis zur geographischen Entfernung des Schauplatzes eines Geschehnisses. Der Anblick eines Kindes, das vor unseren Augen aus dem Fenster auf das Straßenpflaster fällt oder von der Elektrischen zermalmt wird, wird uns tiefer erschüttern, als die Nachricht von der Niedermetzelung von dreihundert Japanern oder Chinesen. Und noch etwas kommt dazu — das Moment der Verschuldung. Es ist für das Mitgefühl durchaus nicht ohne Belang, ob die Katastrophe nur einen entsetzlichen Zufall vorstellt oder ein selbstverschuldetes und daher in letzter Konsequenz wohlverdientes Unglück. Daher ist denn auch das Mitgefühl mit dem schrecklichen Lose des großfürstlichen Kutschers überall ein ungetrübtes. Ein Unschuldiger, der leiden und sterben mußte für einen Anderen. ,Die antisemitische Presse war sofort beflissen, auch diesen Anlaß aufzugreifen, um das Judentum zu belasten und zu brandmarken. Welcher Anlaß wäre zu gut oder zu schlecht dazu? Jedes markante zeitgeschichtliche Ereignis muß doch irgendwie kommentiert, in seinen Zusammenhängen erklärt und auf seine logische Folgerichtigkeit geprüft werden, und wenn dann der absolute Mangel an Gedanken sich als ein schweres Hemmnis erweist, dann stellt sich immer das eine und einzige Auskunftsmittel ein, das rettende und erlösende Hepp-Hepp! Man schreckt auch vor einer Lüge nicht zurück — man f)at es tausendfältig bewiesen, — aber hier ging es doch nicht an, das Attentat so ohneweiters den Juden in die Schuhe zu schieben, man mußte sich also zu einigen Umwegen entschließen. Die Juden haben es zwar nicht selber begangen, aber sie haben dazu geschürt und sie sind dafür moralisch verantwortlich zu machen. Sie sind es nicht, aber wenn sie es wären, — ich weiß nicht, ob nach menschlicher und göttlicher Satzung sie zu verdammen wären. Schwerer und grausamer hat vielleicht noch niemals ein Mensch leidende und unglückliche Nebenmenschen bedrückt als dieser nun, nicht durch die Juden, justifizierte Großfürst. „Moskau muß erst judenrein gemacht werden!" Das ist das in seiner Frivolität ungeheuerliche Wort, mit dem er sich für alle Zeit ein Denkmal der Schmach aufgerichtet hat, als er sich anschickte, sich in Moskau als Sendling und Statthalter seines Auftraggebers, des Zaren, in Amt und Würden installieren zu lassen. In Moskau wohnten vierzigtausend Juden. Man wirft den Juden die Geldgier vor, und doch ist es das Geld allein, das ihre grimmigsten und rohesten Feinde zu entwaffnen und die schwerste Unbill und Ungerechtigkeit von ihnen abzuwenden vermag. Den Juden, die es zu Besitz und damit zu Ansehen gebracht hatten, es war die erschreckende Minderzahl, denen konnte man nicht zu Leibe; die mußte man wohl oder übel als gleichberechtigte Staatsbürger gelten lassen, aber die ungeheure Mehrheit der Darbenden und Elenden, die stieß man scharenweise hinaus vom heimischen Herde in's Ungewisse, nein, in die gewisse Not, in den sicheren Jammer. Das fürstliche, das großfürstliche Wort ward erfüllt. Die Juden haben es nicht getan und sie haben auch nichts dazu getan, aber es war ein Feind der Juden,' der da vertilgt ward vom Erdboden. Die Summe von Unglück, die ein Wort von ihm in die Welt gebracht, läßt sich gar nicht ausdenken. Nun wird sein Tod als weltgeschichtliches Ereignis ausgerufen. Nun denn — die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Eines sei aber nicht verschwiegen, was sich bisher immer mit planetarischer Sicherheit und Regelmäßigkeit offenbart hat, sobald der Fall sich ergab, daß ein erbitterter Feind des Judentums auf Herz und Nieren geprüft werden konnte, immer trat dabei ein ungeheures moralisches Defizit zutage, immer ein Charakterdefekt, der nichts entschuldigte, aber Manches erklärte. Die Moskauer Judenaustreibung, das Schalten und Walten mit den Liebesgaben für die verwundeten Soldaten, die Brautfahrt mit einem Train von Maitressen, — das Alles zusammen gibt schon ein Charakterbild. Es ist nicht die Unehre der Juden, solche Feinde zu haben. Ein weiteres betrübliches Ereignis für den Antisemitismus war der Ausfall der Wahlen der Handlungsgehilfen in den Ausschuß und in den Vorstand der Krankenkasse des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft. Es war ein Sieg der sozialdemokratischen Partei über die Christlich-Sozialen, und ein symptomatischer Sieg. Denn während vor drei Jahren das Stimmenverhältnis noch mit 5623 zu 4256 zu Gunsten der Sozialdemokraten stand, steht es heute 7226 zu 1905 zu ihren Gunsten; dort also eine starke Zunahme, bei den Antisemiten noch eine stärkere Abnahme. Die antisemitischen Blätter wurden während der Wahlagitation nicht müde, zu versichern, daß es sich hier nur um einen Kampf des Antisemitismus wider die Juden handle und daß es gelte, das Judentum „niederzuringen". Demnach hätten also nun nicht die Sozialdemokraten, sondern die Juden über die Antisemiten christlichsozialer und deutschnationaler Kouleur gesiegt. Da waren die letzteren nämlich einig und der ganze so moderne Hostienstreit war vergessen. In dem Kampfe gegen die Juden haben sie sich gefunden. „Selten habt ihr mich verstanden, selten auch verstand ich euch, nur wenn wir im Koth uns fanden, da verstanden wir uns gleich." Wenn die Sozialdemokraten und die Antisemiten streiten, haben die Juden das Bad auszugießen. Eine Niederlage erhöht nur die Erbitterung und man kann sich leicht vorstellen, wie nun die antisemitischen Organe über die Juden herfallen. Keine Schandtat, deren sie aus diesem Anlasse nicht bezichtigt würden. Sozialdemokrat und Jude sind ohneweiters Synonyme geworden. Es hat schon seine tiefe ethische Begründung, daß den Christlich- Sozialen die Partei der Arbeit und der Arbeiter gerade so verhaßt ist wie die Judenschaft. Man braucht selbst nicht Sozialdemokrat zu sein, um erkennen zu können, daß neben dem sichtlich degenerierenden Stande des kleinen Mannes, der sich im Wirtshause von christlich sozialen Phrasen blenden und berauschen läßt, der wirkliche Arbeiter mit seinem Bildungsdrang das bessere und lebensfähigere Element repräsentiert, und man lernt es begreifen, daß es für den Gesinnungspöbel tatsächlich das Einfachste ist, Juden und Arbeiter in einen Topf zu werfen. Wh.

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