Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 114 Werkzeuge seines Willens. Er war das Haupt der Großfürsteupartei, die Rußland aus unersättlichem Eigennutz in den furchtbaren Krieg mit Japan trieb, der bisher Berge von Menscheufieisch verschlang. Und als der friedliche Zug der Arbeiter zur Ueberreichung einer Petition an den Zaren vor dem Winterpalast augekündigt wurde, eilte Sergius von Moskau Wch Petersburg und organisierte die Schlächterei vom 22. Jänner, bei welcher 2000 Tote und 6000 Verwundete den Schnee mit ihrem Blute färbten. Jawohl, Mord bleibt Mord, und wenn das gewaltsame Ende des Großfürsten Sergius — weil es ja doch ein Mord war — Entrüstung und Abscheu erweckt, so vertausendfachen sich diese Empfindungen in der Erinnerung an die Untaten des fürstlichen Henkers, dem ein Menschenleben nicht mehr galt als ein At)m jenes Straßenkotes, mit dem sich sein Gehirn vermischte, nachdem Gerassimow die verderbenbringende Bombe geschleudert hatte. So offenbart sich ein Walten ewiger Gerechtigkeit im Gange der Geschichte. Dem Drama auf dem Senatsplatze im Moskauer Kreml darf natürlich das Satyrspiel nicht fehlen. Das besorgen die christlicheu-sozialen Organe des Dummen Kerls von Wien, welche in der ganzen gewaltigen Volkserhebung, die Rußland durchschüttert, nur das Werk jüdischer Agitation sehen wollen und den Priester Gapon wie Maxim Gorki zu Juden stempeln. Ser's drum. Diese kleinen Scherze werden den Sturm nicht aufhalteu, der das Zarenreich von den Ufern der Weichsel bis zum Fuße des Ural und noch darüber hinaus durchfegt. Noch mögen die Trepow und Bulygiu die Geißel schwingen, die der Hand des toten Sergius entsunken ist, noch mag der zitternde Mann in Zarskoje Selo in seiner Entscheidung schwanken — die Sonne der Freiheit hat bereits ihre ersten Strahlen über das unermeßliche Rußland entsendet. Sie sind rot wie das Blut, das die Märtyrer von Kischeuew und vom Petersburger Newski Prospekt, von Moskau, Warschau und Sosnowice vergossen haben. Diese Massakres waren die letzten Zuckungen der sterbenden Schreckensherrschaft. Und wieder wie zu allen Zeiten waren und sind Juden die Blutzeugen der Freiheit. Die Metzelei von Kischenew hat nicht nur außerhalb Rußlands, sondern auch in Rußland alle Gebildeten zuerst aufgerüttelt. Es war nicht gelungen, die Erbitterung gegen die verbrecherische Autokratie auf die Juden abzuwälzeu. Dieses Mittel mag noch beim Wiener Bezirksberger verfangen, in der russischen Gesellschaft hat es versagt. Der Koloß, der bisher das Bollwerk aller freiheitsmörderischen Bestrebungen in ganz Europa war, bricht zusammen — der Zarismus besteht nur noch dem Namen nach. Und wieder gilt das Wort: Ex Oriente lux! Es gilt auch für die ungeheure Mehrzahl unserer armen, geknechteten, verhungerten Glaubensgenossen. Jüdische Märtyrer in gUwt+ II. Die dem Feuer übergebenen Märtyrer. Die römische Kirche hat die Juden gefeiert, welche für ihren Glauben standhaft alle Qualen ertrugen, aber sie galten nur als heilig, wenn sie diese Standhaftigkeit den Heiden - göttern gegenüber bekundeten; verharrten sie aber ebenso standhaft in ihrem Glauben gegenüber allen Verlockungen, Drohungen und Verfolgungen von christlicher Seite, dann waren sie gottverhaßte, böswillige oder blinde Sünder, die man, wie sie es verdienten, ihrer Menschenrechte beraubte, bedrückte, verjagte, in Ghetti einfchloß, folterte und gelegentlich verbrannte. Selbst da, wo man den demütig im Glauben seiner Väter verharrenden Juden einigermaßen duldete, das heißt, ihn nur mit enormen Steuern belastete, gelegentlich sein Vermögen konfiszierte und ihm alle Bürgerrechte entzog, was man in den meisten katholischen Ländern tolerieren nannte, selbst da entfaltete man die ganze Grausamkeit des Jnquisitionsgerichtes gegen den zum Christentum übergetretenen Juden, der wieder zur Religionseiner Väter zurückkehrte oder Sir. 8 auch nur heimlich irgend einen religiösen Brauch des Judentums ausübte, den Sabbat feierte u. dgl,was man „judaisieren" nannte. Jetzt, wo vom katholischen Zentrum im deutschen Reichstag.ein sogenannter Toleranzantrag eingebracht wird, dessen Hauptzweck aber nur der ist, einigen Zurücksetzungen der Katholiken in drei deutschen Staaten, wo sie eine kleine Minorität bilden, abzuhelfen, der aber die ungerechte Behandlung der Juden in Preußen und Sachsen ganz unberührt läßt, jetzt dürfte es auch an der Zeit sein, daran zu erinnern, wie intolerant der Katholizismus dort war, wo er die unumschränkte Macht im Staate besaß. Und dazu bietet ein kürzlich erschienenes italienisches Merkchen „In Rom verbrannte Freidenker" von Domenico Orano') günstige Gelegenheit. Das Merkchen handelt aber nicht bloß von Freidenkern und christlichen Ketzern, sondern auch von Juden oder zum Judentum Zurückgekehrten, die in Rom nach Urteil des „heiligen Amtes" der Inquisition lebend oder tot verbrannt wurden. Nun ist zwar die Wirksamkeit der Inquisition mit ihren Foltern und Autodafes wohlbekannt, aber jede Mitteilung darüber bleibt doch interessant, besonders jetzt, wo manche Fanatiker schon ihre Wiedereinführung hoffen, ängstliche Freidenker und „Ungläubige" sie befürchten. Und noch eins: Es hat jemand die Bemerkung gemacht, daß die Nachrichten von den Maffenabschlachtungen auf dem ostasiatischen Kriegsschauplattz auf uns nicht so tiefen Eindruck machen wie die Ermordung eines einzigen Menschen aus unserem Bekanntenkreise oder irgend ein tätlicher Unfall, der sich vor unseren Augen ereignet. Ebenso dürften die Einzelfälle, die in dem Merkchen Oranos erzählt werden, stärkeren Eindruck machen als die summarischen Angaben, daß in diesem oder jenen Autodafe ein oder zwei Dutzend Juden verbrannt wurden. Wir lernen bei ihm die Opfer der Intoleranz fast Persönlich kennen, sehen wie sie, ergreifender als ein Viktor Hugo schildert, den „letzten Tag des Verurteilten" verbringen und begleiten sie gewissermaßen auf ihrem Wege zur Richtstätte. Die Dokumente des Staatsarchivs, welche den Hauptinhalt von Orano's Werk bilden, find nämlich die Protokollbücher der frommen Bruderschaft Johannes des Täufers, deren Aufgabe es war, den vom Gericht zum Tode Verurteilten in ihren letzten Stunden beizustehen, ihnen die Tröstungen der Religion zu reichen, sie auf dem Wege zur Richtstätte zu begleiten und für deren Bestattung, sowie Ausführung ihres letzten Willens, soweit es tunlich war, zu sorgen. Wenn die Verurteilten sonst rechtgläubige Christen waren oder Irrtum und Ketzerei bereuten, war die erbauliche und tröstende Mitwirkung der Bruderschaft gewiß recht lobenswert; anders aber bei Juden und hartnäckigen Ungläubigen oder Freidenkern, wo sie manchmal in zudringlichen, dem Verurteilten peinlichen Bekehrungseifer ausartete. Und welchen Vorteil, außer der versprochenen himmlischen Seligkeit, hatte der Verurteilte von der Bekehrung? — Er wurde erst nach der Hinrichtung verbrannt. Die Mitglieder der Bruderschaft brachten kleine Heiligenbilder mit, die sie dem Verurteilten in die Hände gaben, verweigerte er, was gewöhnlich bei Juden der Fall war, ihre Annahme, so hielten sie ihm die Begleiter auf dem ganzen Wege zum Richtplatz vor die Augen und trugen dann in ihrem Protokoll Bemerkungen über die freche Hartnäckigkeit des Verurteilten ein. Aus diesen manchmal sehr ausführlichen Protokollen wollen wir nur Einiges auf Juden Bezügliche mitteilen. Ueber einen noch vor Einführung des besonderen Jnquisitionsgerichtes am 13. Januar 1498 verbrannten ') Liberi pensatori bruciati in Roma dal XVI al XVIII secolo Da documenti inediti dell’ arcbivio di stato in Roma. Roma XX Settembre 1904. Dr. Mocb's Mocbenscbrttt.