Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Bloch’s i*to«*gxxn WermWeMchmschnfl. Tentrslorgan für die gesammten Intereffen des Iudenthums. M ■■= -=■=* I TI. kr. Postfparray'en-Anll Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Nrdaclion und Administration:! K>int! IX l, Verggaffe Nr. 39. I Taiaphon Nr. 14.847. *=■ -:= - '■-=* -- ' --- Wien^ 24. Februar 1905. Erscheint jeden Freitag. -—4.- Brief-Adresie: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. —-gw'-iijg^!1-- — "' ■ i- ■g*g=ggB5—aa» Verugsprri» für Vrstrrrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Lür'» Ruslemd: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Der wankende Koloß. — Indische Märtyrer in Rom. — Jahrmarkt: Glossen znr Tagesgeschichre. — Sehsucht nach Judenexzessen. — Zahl der Juden in den türkischen Gebieten. — Klerikale Heilkunde. — Ein RabbinatS-Konkurs. — Das Verfahren bei der Bestattung von Konfessionslosen. — Indisches Recht. — Propheten und Psalmisten. — Korrespondenz e n: ^Israelitische Kultusgeineinde Wien. Die Wiener Schächthetze. Wien. Verein „Frauenhort". Wien. Allgemeiner Kranken- und Unterstützungsverein „Montefiore". Ein Kohlenhändler aus dem „Christlichen Wegweiser". Baden, Trebitsch. Großfürst Sergius und die Juden. Russische Justiz. New-Aork. — Vermlschtes: Vortrag ans jüdischer Geschichte. Wieil. Kranzablö'fulrgsspendelr zu Gunsten der Chewra Kadischa im XVIII. Bezirk. Jüdische Toynbee-Halle. Gablonz a. N., Franzensbad, Prag, Ko^el, Olmütz, Aussig, Putnok, Kattowitz, Bukarest. — Feuilleton: Die Reise des Großsürstenpaares „Sergius" von Warschau nach Rom. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Jilserate. Der wankende Koloß. Grausiger und furchtbarer noch als die zehn Plagen, mit denen Pharao und sein Volk gezüchtigt wurde, scheint das Schicksal zu sein, das sich seit Jahresfrist an Rußland vollzieht. Welche Verwandlung ist mit dem mächtigen Rußland, vor dem die Fürsten und Völker Europas erzitterten, seit Kischenew vor sich gegangen. Welche Katastrophen und Demütigungen hat es erdulden müssen. Auf den blutigen Wahlstütten der Mandschurei, vor Port Arthur und auf den Wogen des Gelben Meeres ist seine stolze Land- und Seemacht zusammengebrochen. Die russische Soldateska ist dem bewaffneten Feinde gegenüber ohnmächtig, sie vermag nur gegen wehrlose Bürger und Arbeiter Siege zu feiern. In den Abgrund von Unfähigkeit und Korruption, den der ostasiatische Krieg enthüllte, droht der Zarismus selbst zu verschwinden. Adel und Bürgertum, Arbeiter und Bauern sind Revolutionäre geworden. Knute und Gefängnis haben ihre Schrecken verloren, und vor die Wahl gestellt, entweder im fernen Osten zwecklos hingeschlachtet zu werden oder im Kampfe um die Freiheit den Heldentod zu finden, wählen Taufende und Abertausende unbedenklich das Letztere. Und da die brutale Selbstherrschaft die Stimme des Volkes nicht hören will, da sie die Volksbewegung niederkartütscheu und niedersäbeln läßt, greift das Volk zu den gleichen Waffen. Die Schergen des Zaren fallen von Mörderhand und nun ist auch das verhaßteste Mitglied der Zarenfamilie, der intellektuelle Urheber des Blutbades vom 22. Jänner, Großfürst Sergius, durch ein schauerliches Attentat hinweggetilgt worden. Ein Mord ist geschehen — ein Fürstenmord! Es ist ein abscheuliches Verbrechen, einen Menschen umzubringen — in diesem Punkte stimmen wir mit dem Urteile aller geistlieben und weltlichen Verherrlicher der Autokratie, zu denen auch unsere deutschnationalen und christlichsozialen Antisemiten gehören, vollkommen überein, wenngleich die Theorie von „Blut und Eisen" von Deutschnationalen aufgestellt wurde und an den Scheiterhaufen Torquemadas die Christlichsozialen aller Zeiten sich baß erfreuten. Es ist im Laufe der Jahrtausende aus politischen Gründen unter allen möglichen Vorwänden gemordet worden, einzeln und in Massen, und nicht nur die Geschichte, sondern auch die geistliche und weltliche Gewalt haben solche Morde vielfach sanktioniert. Aber darauf kommt es eben an! Ein sanktionierter Mord hört eben auf, ein Mord zu sein, auch wenn er nicht durch das Gesetz, sondern nur durch das gesellschaftliche Uebereiukommen odergar durch den Mantel der — christlichen Liebe gedeckt wird. Savonarola, die Albigenser, die sicilianische Vesper, die Bluthochzeit und die Judenverfolgungen des Mittelalters sind wohl Beispiele von genügender Trastik hiesür. „Mord bleibt Mord", ruft die höfische „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", und wir begrüßen diesen Ruf als einen erfreulichen Fortschritt im Rechtsbewußtsein des deutschen Volkes, dessen Kronprinz gerade in jüngster Zeit mit den Gesinnungsgenossen des Dresch- und Mvrdgrafen gar bedenklich fraternisiert hat. Ob die Morde an Alexander 1L, Sipjagin, Plehwe, Bobrikow und dem Großfürsten Sergius durch Geschichte und Volksbewnßtsein früher oder später sanktioniert werden dürften, ist uns gleichartig — Mord bleibt Mord. Aber er bleibt es auch dann, wenn er in Massen vollbracht und von einem grausamen Gew.llchaber anbefohleu, wenn er nicht durch die Sprengbombe eines Arbeiters oder Studenten, sondern von den Repetiergewehren und Säbeln einer uniformierten Bande oder von den Knüppeln und Dreschflegeln einer durch die Polizei organisierten Horde vollbracht worden ift. Und wenn man dies zugibt, dann ist in dem Großfürsten Sergius ein Mörder durch Morde! Hand gefallen, ein Massenmörder, der Zeit seines Lebens durch Ströme von Blut gewatet ist und dessen im de amen der „Staatsordnung' verübte Verbrechen die ganze Welt mit Entsetzen und Abscheu erfüllt haben Dieser Würger im Purpur war es, der als Geueralgouverneur von Moskau in den Fahren 1887 und 1888 mit einer Unmenschlichkeit ohnegleichen 20.000 Inden in einer einzigen Nacht aus Moskau austrieb. Wöchnerinnen und Schwerkranke wurden aus den Betten gerissen und in die eisige Kälte hinansgestoßen. Nur jene Jüdinnen wurden geschont, die sich die gelbe Karte der Prostituierten lösten; wer von diesen aber den schmachvollen Beruf nicht wirklich ausübte, wurde grausam gepeitscht. Dieser Blutmeusch war es, der die Greuel von Kischenew und Homel veranlaßte und guthieß. Die Plehwe und Genossen waren seine Kreaturen, sie vertraten sein System, sie arbeiteten nur als die blinden