Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 100 Dr. Dlocd s ‘Cdocbenscbrrn. Sir 7 schrieben steht und, dank einem impulsiven Naturell, aus jeder Seite seiner Schriften unzweideutig hervorlugt, — daß ein solches Judenbuch gerade bei einem Dekanatsantritt eine evangelisch-theologische Fakultät beschäftigt, dieses Faktum bedeutet einen Meilenstein auf dem Wege gegenseitiger Verständigung christlicher und jüdischer Forschung. Und wie ist diese Kritik gehalten? Man ist seit Lagarde mit seinem „Lipmann Zunz" und seinem „Berliner Akademie-Berliner" in solchen Fällen nicht gerade bis zur Ekstase freudiger Erwartung. Umso wohltuender überrascht Sellin's Rede („Die Spuren griechischer Philosophie im Alten Testament", Leipzig 1905). Sie läßt an würdiger Ruhe und ruhig wohlwollender Würdigung nichts zu wünschen übrig. Was Friedländer mit seinem Buche will, kann man nicht treffender und kerniger wiedergcben, als mit Sellin's Worten: „Fragte man bis jetzt nach den Spuren griechischer Philosophie im Alten Testament, so erhielt man fast einstimmig zur Antwort, daß solche in weitem Umfange allerdings in der apokryphen Sapientia Salomonis, im Alten Testament selber aber nur wahrscheinlich im Kohelet und eventuell auch noch in der Einleitung zu den Proverbien, K. 1—9, sowie im 28. Kapitel des Hiob nachzuweisen seien. Dagegen proklamiert Friedländer als sein Resultat: Die ganze jüdische Weisheitsliteratur, Proverbien, Hiob, Sirach und Kohelet, ist ebenso wie das Gros der uns erhaltenen Psalmen erst in der griechischen Zeit, die sich vom Alexander dem Großen bis aus die Makkabäererhebung erstreckt, aufgeblüht, erweckt von der alles befruchtenden Kraft des griechischen Geistes. In dieser denkwürdigen Periode wurde aus der Vermählung des jüdischen mit dem griechischen Geiste die Weltreligion geboren. Sie fand mit den Makkabäern einen trostlosen Abschluß, versandete, machte der gesetzlich-rabbinischen Reaktion, dem Pharisäismus Raum, feierte dann aber im Christentum eine neue Auferstehung." Soviel über den Inhalt des Buches, der, wie alles, wobei rein subjektives Empfinden schwer in die Wagschale fällt, in vielen Punkten angefochten werden wird. Es geht Friedländer, darin wird Sellin so Mancher beistimmen, „wie einem Arzte, der sich die Mitmenschen so lange daraufhin ansieht, ob er nicht Krankheitssymptome an ihnen entdecken könne, bis er welche findet, so fest sie auch versichern, sie fühlten sich kerngesund". Allein das würde nichts schaden. Gibt es doch so manches Leiden, dessen physiologische Wirkungen vom Arzte entdeckt werden können, lange bevor es sich dem Patienten fühlbar macht. Vielleicht birgt der Schoß der Zeiten noch manches, was der einen oder der anderen Hypothese Friedländer's neues Stützwerk liefert. Das jedenfalls auch für weitere Kreise durchaus lesenswerte Buch, welches mit seiner feurig verführerischen Darstellung unwillkürlich Jeden fesseln muß und eine ungemein wichtige Frage der Bibelkritik und Religionsgeschichte in lebendigeren Fluß bringt, ist aber für uns an dieser Stelle noch aus einem besonderen Grunde wert, daß wir seinen Eintritt in die Welt mit einigen Worten, wenn man will mit einer Bitte an den Herrn Verfasser, begleiten. Wir reden nicht davon, daß nun, nachdem die Hammurabies endlich gesättigt scheint, die Position des Alten Testamentes mit „griechischem Feuer" bedroht wird. Wir vertreten den Standpunkt, daß blindes Apologetentum tu U8uw velpblui nur Oel in dieses Feuer gießen hieße. Der Kamps der Meinungen allein kann die Wahrheit enthüllen. Wir hallen uns vielmehr an die Einleitung. Moritz Friedländer hat auch hier wieder seiner literarischen Gewohnheit gemäß den Anlaß willkommen geheißen, um über das rabbinische Judentum, welches ihm durchaus ausschließlich nur in „seminärrischer" Bekleidung erscheinen will, den Stab zu brechen. Hat er denn nicht auch außerhalb der Rabbinerseminare rabbinisches Judentum kennen gelernt, und war da alles wirklich so grundfaul, daß ein Mann mit seinem gewiß ehrlich guten Willen daran verzweifeln müßte, zu gemeinsamer, segensreicher Arbeit dort Bundesgenossenschaft zu finden? Wie werden sich die Herren Pastoren und Kirchenräte bei seinen Schilderungen, ob sie gleich nur einer einzigen Anstall als einer unerfteulichen Ausnahme zur Last fallen, ins Fäustchen lachen! Friedländer gleicht mit den Blitzen, die er aus der Wolkenhöhe seines einsamen Tuskulums gegen das rabbinische Judentum schleudert, nicht dem llupllsr tonans, der mit seinen Donnerkeilen die Luft von Miasmen reinigt, sondern eher dem durch Du Bois-Reymond so berühmt gewordenen Zitteraal, der seinem Opfer in nervöser Hast eine Menge von Schlägen beibringt und dadurch den Eintritt von Krämpfen bewirkt, welche die Handmuskeln zusammenziehen und dem Unglücklichen ein Oeffnen der Finger unmöglich machen. So kann ihm der Zitteraal immer neue und kräftigere Schläge versetzen, bis er sein Opfer gelähmt und getötet hat. Und will Friedländer das rabbinische Judentum töten? Oder will er es nicht vielmehr mit anderem Geist beseelen? Nun, so steige er in die Arena herab, helfe mitansehen, wo eine Umwälzung nottut und zeige im einzelnen, durch welche Risse die Zugluft weht, die ihm Schmerzen bereitet. „Da steh' ich, ein entlaubter Baum", so klagt der Schiller'sche Friedländer in seinem Monolog. Die gleiche Klage des Einsamen klingt aus den Monologen, mit denen unser Friedländer seine Schriften einleitet. Möge er's nur ernstlich versuchen! „Und Friedland wird sein Lager um sich füllen." _ — X. — Die „Den« Hadani" i<» der jüdischen Literatur des IL. «nd X. Jahrhunderts. II*). Bevor ich den Faden wieder anfnehme und unser angefangenes Thema weiter verfolge, kann ich nicht umhin, mit einigen Worten auf das Buch Josippon nochmals zurückzukommen. Ich habe bereits angedeutet, daß viele angeblich neue Worte und Redewendungen, mit denen in der Blütezeit der neuhebräischen Literatur in Spanien diese Sprache dort bereichert wurde, diesem Buche entlehnt worden sind, und sind diese Spuren unzweifelhaft besonders an den termini teehnici zu erkennen, die zuerst hier und sonst nirgends anderweitig Vorkommen, und dies zu einer Zeit, als in Spanien am Horizonte die ersten leuchtenden Strahlen einer hereinbrechenden Morgenröte auf diesem Gebiete kaum sichtbar wurden. Es würde zu weit führen, wollte man den ausübenden Einfluß dieses Buches dort in jeder Richtung hin nachgehen, um solchen festzustellen, was eigentlich auch jetzt nicht in meiner Absicht liegt, da ich dies für später Vorbehalten will. Wenn ich aber nichtsdestoweniger ein Wort herausgreife und hiebei eine Ausnahme mache, geschieht es nicht blos in der Absicht, an der Hand dieses Beispieles zu konstatieren, daß dieses fragliche Wort diesem Buche entlehnt worden ist, vielmehr tue ich es deshalb, weil dieses Beispiel schon allein beweist, daß der erwähnte Einfluß sich nicht blos auf den Wortschatz beschränkt, sondern auch die Ideenwelt dort tangierte, und noch mehr aus dem Grunde, weil diese Stelle gleichzeitig einen Einblick in den Jdeengany des Verfassers des Buches Josippon über Probleme, die in das Gebiet des Glaubens gehören, gewährt, der gewiß auch dem seiner Landsleute adäquat war, und somit würde dies auch einiges Licht über die Denkungsart derselben in ähnlichen und verwandten Fragen verbreiten. Das vom Verfasser des Buches Josippon geprägte Wort trripn nntt (Kap. 88) hat Jehttda Halevi in seinem bekannten schönen Gedichte ttHipn nnö rfriäts 1212 benützt und diesem Buche entnommen. Es handelt sich aber vorerst nicht um die originelle Phrase, sondern um die Bedeutung des Wortes Die eigentliche Bedeutung dieses Wortes in der Bibel ist schwankend und nicht ganz sicher festzustellen, soll aber nach der überwiegenden Ansicht der meisten Kommentare soviel bedeuten wie „absondern", dem Sinne nach soviel wie auf einen anderen etwas übertragen, daher soll auch der Adel als abgesonderte Kaste mit „Azilei" bezeichnet worden sein, und so wird auch in den älteren kabbalistischen Werken dem ersten, im Entwicklungsprozesse höchsten Reiche des in vielen Stufen abgetönten Schöpfungsaktes der Name „Olem Aziluth" als abstrakte Welt beigelegt. In dem Sinne aber, wie das Wort hier im Josippon gebraucht wird, nämlich in der Bedeutung von „Emanation" in philosophischem Sinne, kommt er hier zuerst vor und wurde von da von den jüdischphilosophischen Schriftstellern in Spanien entlehnt und hat sich in der Folge in der Literatur eingebürgert. Wir begegnen also diesem Worte, vom ersten Neligionsphilosophen Jbn-Gnbirol (1020—1070) angefangen, nunmehr bei allen Autoren dort und scheint auch Nachmani zu Numeri XI, 17, wo er gegen diese Auffassung des Wortes polemisiert auf Josippon. den er auch anderweitig zitiert, mit den „Uebersetzern aus den Sprachen", da er dieses Buch als Uebersetzung des Josephus hält, angespielt zu haben. Diese Redewendung des Josippon. wie auch die ganze Stelle Kap. 82, wo die Neigung vorherrscht, Jerusalem, dem Tempel, den *) Bergt. Nr. 4.