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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-02-10 · 6 (10.2.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 94 Dr. Biocb’s MocbenscbrM. Nr. 6 New-Hork. Dein Begründer und Herausgeber der „Jewish Daily News" K. H. Sarasohn, der kürzlich in New- Aork zur letzten Ruhe geleitet wurde, sind nicht weniger als 75.000 Leidtragende gefolgt, wohl die größte Zahl, die jemals der Bestattung eines Journalisten beigewohnt hat. Seine außerordentliche Popularität verdankte Sarasohn dem Umstande, daß er sich der armen israelitischen Bevölkerung auf der Ostseite der Stadt stets als Ratgeber und Helfer bewährte. Feuilleton. Girre Geschichte ans der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. (Schluss) „0, wie beschreib ich das Gefühl, mit welchem ich die Gestade von Blankenese und Rainville vorübergleiten, mit welchem ich die Türme von Hamburg sah! ... . Weinend küßte ich die deutsche Erde, und die deutschen Flüche der Hamburger Hafenarbeiter klangen wie Musik an mein Ohr. Aber mich litt es nicht lange in Hamburg — ich eilte weiter . . . Bekannter, immer bekannter wurde mir die Gegend und als ich das letzte Dorf vor meiner Vaterstadt erreicht hatte, da fand ich meine Mutter, meinen Stiefvater, meine ganzen Geschwister, die mir dahin entgegenkommen waren." Hier schwieg Mr. Barney — denn die Tränen waren ihm in die Augen gekommen und fielen über die Wangen nieder. Nach einer Weile fuhr er fort: „Die Wochen, die nun folgten, waren die seligsten meines Lebens. Aber da sie sich zu Ende neigten, schied ich doch nicht so schwer, als ich mir anfangs gedacht hatte. Deutschland war mir wirklich zu eng geworden, übercckl stieß und verwundete ich mich an Vorurteilen, deren ich in England schon längst entwöhnt worden war, und dann, dann .... nun ja ... . Miß Rachel war auch ein wenig Schuld daran, daß mir der Abschied von meiner Mutter und Familie etwas leichter wurde. Aber gerade in Bezug auf Miß Rachel sollte mir eine harte, harte Prüfung bevorstehen. Denn eben war ich wieder nach London zurückgekehrt, von Mr. Bar, seiner Familie und meinen Kollegen aufs herzlichste empfangen, und ich stand an meinem Schreibpult im Geschäftslokale, als sich die Tür auftat und Mr. Bar, einen jungen Herrn an der Hand, eintrat und sagte: „Meine Herren,' ich gebe mir die Ehre, Ihnen hier meinen zukünftigen Schwiegersohn, den Verlobten von Miß Rachel, vorzustellen!" Wie ein Blitz durchfuhr es mich ... ich sah auf und mich traf der kalte verächtliche Blick von — Mr. Ralph Samuel aus Dublin! .... Ich hielt mich an meinem Schreibpult; gewiß, ich wäre sonst rückwärts niedergesunken. Ich rang nach Fassung und ich fand sie; aber jener Tag ist der unglücklichste meines Lebens gewesen. Mr. Ralph Samuel war Chef seines Hauses geworden, sein Vater war gestorben und er betrieb nun alles auf einem hohen Fuß. Das Warengeschäft war aufgegeben worden, er war jetzt nur der große Banker von Dublin! Ich sah Mr. Samuel und Miß Rachel nur einmal zusammen, denn ich konnte doch nicht umhin, ihnen meine Gratulation abzustatten. Aber darauf vermied ich es, ihnen zu begegnen. Miß Rachel sah so traurig aus und der Blick ihrer dunkelbraunen Augen tat mir wehe. Alle meine Kraft, allen meinen Eifer, alle meine Gedanken verwandte ich nun auf das Geschäft; und in der Tat — es geschah nicht ohne Erfolg. Mr. Bar konnte mir immer wichtigere Dinge übertragen, ich gewann und verdiente gewiß auch sein ganzes Vertrauen und da sein First Clerk in dieser Zeit abging, so erhielt ich die Stelle desselben. So verging wieder ein halbes Jahr und der Hochzeitstag Miß Rachels näherte sich. Da — kaum acht Tage vorher — betraf die Familie ein großes, herzzerreißendes Unglück. Bei einem Spazierritt des Mr. Lewis scheute sein Pferd, warf ihn ab und der arme, gute Junge verletzte sich das Rückgrat so arg, daß die Aerzte an seinem Aufkommen zweifelten. Trauer herrschte in dem Hause der Schwergeprüften, und man wollte den Hochzeitstag verschieben. Aber Mr. Samuel war angekommen und er drang mit einer auffälligen Eile auf die Einhaltung des bestimmten Tages; und da er allerlei Gründe vorzubringen wußte, so mußten denn die Eltern endlich wohl nachgeben. Es war eine traurige Hochzeit! Ich wäre gern fortgeblieben, aber unter diesen Umständen könnt' ich es am allerwenigsten. Mr. Bar, der zu seinem Schwiegersohn keine große Neigung und gar kein Zutrauen zu haben schien, hatte ja nur mich, gegen den er sein Herz ausschütten konnte! — Die Trauung ward im Hause vollzogen, — die Braut, bleich wie der Atlas, den sie trug — stammelte ihr „Ja" — die Ringe wurden gewechselt, die Glückwünsche wurden dargebracht und man setzte sich zur Hochzeitstafel. Aber wir waren noch nicht mit dem Pudding fertig, da trat ein Diener ein, der einen eiligen Brief an Mr. Bar abzugeben hatte. Er war von einem Geschäftsfreund aus Dublin und eben mit der Post angekommen. Mr. Bar erbrach das Schreiben, überflog es, lvurde bleich, ließ Messer und Gabel sinken, und reichte mir, der ich ihm gegenüber saß, das Schreiben. Ich las: Sir! Wenn es noch Zeit, so schiebt die Verheiratung Euerer Tochter mit Mr. Samuel aus — schiebt sie um Euret- und Eurer Familie willen auf. Wie ich aus zuverlässigster Quelle vernehme, steht das Haus des Mr. Samuel dicht vor einem ungeheuren Bankerotte. Er soll beabsichtigen, mit der Mitgift Eurer Tochter die nächsten Ausfälle zu decken, aber es wird ihn nicht retten und für Euch nichts Kleines sein, in einen so außerordentlichen Bankbruch mit hineingezogen zu werden re. re. Eine peinliche Stimmung hatte sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt; eine drückende Stille — eine Stille, wie sie dem ausbrechenden Gewitter in der Natur vorherzugehen pflegte — war eingetreten. Denn wenn wir auch die Angelegenheit mit möglichster Vorsicht behandelt hatten, so war doch das Hin- und Herreichen des Briefes nicht unbemerkt geblieben und die fürchterliche Aufregung, die sich aus unseren Gesichtern ausdrücken mußte, war nicht ohne Wirkung auf die andern geblieben. Aber wir hatten nicht lange Zeit zum Ueberlegen — denn schon im nächsten Augenblicke öffnete sich die Tür wieder und herein trat ein Sheriff mit zwei Konstables. „Vergebung, Ladies und Gentlemen, wenn ich störe," sagte der Sheriff, indem er sich artig gegen die Versammlung verneigte. „Wer in dieser Gesellschaft ist Mr. Ralph Samuel aus Dublin?" Mr. Ralph Samuel aus Dublin, bleich wie ein Gespenst, mit stieren Augen, mit zitternden Armen, suchte sich zu erheben. Er konnte es nicht. Der Sheriff trat auf ihn zu, entfaltete ein Papier mit einem großen Siegel und las: „Im Namen des Königs! Ihr, Mr. Ralph Samuel aus Dublin, angeklagt Wechsel gefälscht und in Umlauf gebracht zu haben, seid Gefangener von Old Bailey, und ich verhafte Euch hiermit kraft dieses vom großen Rat des New Court Unterzeichneten Verhaftsbefehls." Mr. Samuel schwankte, von den Constables gestützt, zur Tür hinaus — Mr. Bar schien aufzuatmen, als sei ihm ein Alp von der Brust genommen, mir war auch so und die Gesellschaft — die nur aus wenigen nahen Verwandten des Hauses bestand — sah sich betroffen an. Mrs. Bar schloß ihre Tochter schluchzend an ihr Herz — aber Miß Rahel sagte: „Bedauere mich nicht, Mama; ich bin nicht zu bedauern. seit einem halben Jahre fühle ich mich in diesem Augenblicke wieder leicht, wohl und glücklich." Zwei Tage nach diesem Vorfälle starb der Sohn des Mr. Bar an den Folgen seines Sturzes, und vierzehn Tage darnach erfolgte das Urteil, welches die Ehe seiner Tochter als geschieden erklärte — still ward es in dem sonst so heiter belebten Hause auf Finsbury Square und ein trauriger Winter folgte. Aber in dieser Stille, in dieser Trauer geschah es, daß die Familie sich mir, dem besten und aufrichtigsten Vertrauten

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