Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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■raiwr>W«ari5g'.,^afc..-S^»MMi»e«MBSCTKatagMI Seite 88 ü/r. Blocb’s MocbenscbrM. Nr. 6 Leitner, Vize-Präsidentin Frau Rosa Schneider, Kassa-Verwalterin Agnes Felder, ferner in den Ausschuß Frau Sofie Leitner, Jenny Reich, Rosa Scheu, Marie Schreiber, zu Beiräten Moritz Leitner, Moritz Schreiber, Anton Schneider gewählt. Troppau. Die heurige Vereinssaison begann anfangs November mit einem äußerst interessanten Vortrage des Herrn Dr. Sonnenschein, welcher sich zum Thema „Die rechtliche Lage der Juden in Rußland" gewählt hatte. In der bald darauf einberufenen Generalversammlung wurde mit geringen Aenderungen der bisherige Ausschuß wiedergewählt. Am 18. Jänner d. I. sprach in unserem Vereine Herr Privatdozent Dr. Georg Huth aus Berlin über „die Juden in Sibirien nach eigenen Reisebeobachtungen und Studien". Vortragender befaßte sich zuerst mit der Frage, ob die Juden in Sibirien Kolonisten und deren Nachkommen seien und gelangt nach ausführlicher Darlegung des unter Zar Nikolaus I. geplanten Projektes, der Kolonisation eines Teiles von Sibirien durch Juden, zu dem Schlüsse, daß die Anzahl der damals als Kolonisten dorthin gelangten Juden eine verschwindend kleine gewesen sein dürfte. Die in Sibirien jetzt anzutreffenden Juden seien vielmehr Verbannte und deren Nachkommen. Ihren Berufsarten nach sind dieselben Großkaufleute, Aerzte und Goldwäschereibesitzer, sowie Handwerker, Gewerbetreibende und Arbeiter in den Goldwäschereien. Des weiteren behandelte der Vortragende die Pflege des Judentums dortselbst, die eine ganz gute genannt werden dürfe und kommt zum Schluffe auf das Bildungswesen der sibirischen Juden zu sprechen. Reichlicher Beifall lohnte den Vortragenden für seine überaus gediegenen Auseinandersetzungen. Wenige Tage später, am 28. Jänner, hielt Herr Dr. Bernhard Münz, Bibliothekar der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, einen Vortrag, lautend: „Der Einfluß der allgemeinen Handelspolitik auf die Stellung der Juden im Mittelalter." Olmütz. Im Zeichen eines sehr bedauerlichen Jndifferentismus fand Ende vorigen Monats eine vom Präsidium der Kultusgemeinde einberufene General-, resp. Wählerversammlung statt. Wenig mehr als ein Zehntel der Wählerschaft war anwesend. Der bisherige Kultuspräsident Herr Dr. Eben erstattete den Bericht über die Entwicklung der Gemeinde in der Verwaltungsperiode 1903—04, welcher in Druck gelegt wurde. Dieser in vollendeter Form und schöner Sprache abgefaßte Bericht läßt erkennen, daß die Kultusvertretung in ihren Sitzungen allen Gemeindeangelegenheiten weitgehende Fürsorge widmete. Manches bereits Bestehende wurde einer Verbesserung unterzogen, so die Ordnung des Jugendgottesdienstes, die Regelung des Stiftungs- und Haskarawesens, die Verbesserung in der Beauffichtigung der Schächter und des Koscher-Fleischverkaufes. Manche Neuordnung wurde ins Leben gerufen, so das Pensionsnormale für die Beamten, eine durchgreifende Neuordnung der Tempelsitze. Die Ordnung des Gemeindehaushaltes war eine musterhafte. Besonders auszeichnende Anerkennung gebührt dem Vizepräsidenten Herrn Josef Löw. Seiner unermüdlichen Fürsorge und Hingebung im Verein mit der rühmenswerten Opferwilligkeit unserer Gemeindemitglieder ist auch die finanzielle Lage des Gemeindevermögens und der verschiedenen Fände eine durchaus günstige zu nennen. Der Mitwirkung unseres Rabbiners Dr. B. Oppenheim in den verschiedenen religiösen, rituellen und humanitären Institutionen wurde in dankbarer Weise gedacht. So steht unser Gemeindewesen, welches 1700 Seelen, darunter 500 kräftige Steuerträger, umfaßt, mit seinen Institutionen im Zeichen des Blühens und Wachsens. Möge ihm auch eine weitere gedeihliche Entwicklung beschieden sein, möge aber auch das Interesse und die Liebe zu unserem Judentuni in allen Mitgliedern sich mächtig regen und stets von neuem erwachen! Die Versammlung nahm den Bericht mit lautem Beifalle entgegen und sprach dem Präsidenten Dank und Anerkennung aus. — O. — Prag. (Die Welträtsel und ihre Lösung nach dem Buche Hiob.) Ueber dieses Thema sprach unlängst der Universitätsdozent Dr. Isidor Pollak als Gast des „Vereines zur Verbreitung und Förderung der Wiffenschast des Judentums" iur „Hotel Bristol" vor einer zahlreichen Zuhörerschaft. Zunächst verwies der Vortragende auf die Analogien zwischen dieser großartigen Schöpfung der hebräischen Literatur und Goethes „Faust" und zeigte, daß der größte deutsche Dichter, allerdings in genialer Weise, sich jene zum Vorbild genommen habe. Wie die Sage vom Dr. Faust Jahrhunderte vor Goethe bestand, so habe auch die Hiobsage lange vor der Entstehung des kanonischen Buches Hiob existiert; auf diese Weise sei denn auch die Erscheinung Satans in dem alttestamentarischen Werke zu erklären. Der Vortragende entwarf nun in großen Zügen den Inhalt des Buches Hiob und kam dann auf das eigentliche Thema, die Wclträtsel zu sprechen: jeder Lösnngsversuch muß scheitern; es gibt nur eine Antwort für den Menschen, das Bekenntnis seiner Ohnmacht. Dem verzweifelnden, hart geprüften Hiob, der sich zum Richter über Gott aufznwerfen wagt, hält der Ewige im Wüstengewitter eine Frage aus dem Alltagsleben entgegen, die dieser nicht zu beantworten vermag. Und damit sind auch die Welträtsel für ihn gelöst: Glaube und vertraue auf Gott. Die Zuhörerschaft, die der geistvollen, formvollendeten Darstellung des Redners aufmerksam folgte, spendete ihm am Schlüsse aufrichtigen, lebhaften Beifall. Direktor Solomon Schütz. Am 2. Februar wurde der Vater des hiesigen k. k. Landesgerichtsrates Eduard Schütz, Herr Direktor i. R. Salomon Schütz, unter Beteiligung der angesehensten Kreise der Stadt Brüx zu Grabe getragen. S. Schütz war lange Zeit in Böhmen und Mähren als Lehrer tätig; seine Haupttätigkeit aber entfaltete er aber erst in Czernowitz, wo er 24 Jahre als Direktor und Religionslehrer an der deutsch-israelitischen Knaben- und Mädchenschule wirkte. Infolge seiner pädagogischen Tüchtigkeit wurde er 1875 zum Mitglicde der staatlichen Prüfungskommission für Volks- und Bürgerschulen gewählt. Er veröffentlichte eine Chronik der Schule in Czernowitz, die in diesem Jahre ihr 50jähriges Jubiläum feiern wird, sowie zahlreiche pädagogische Schriften, in denen er sich als Meister des Stiles bewährt. Am Grabe hielt der Rabbiner Herr Professor Doktor Biach dem Verstorbenen, der 83 Jahre alt geworden war, folgenden Nachruf: * „Du sollst in einem glücklichen Alter begraben werden!" A. T.! Dies Wort der Thorr ist in Erfüllung gegangen an dem teueren Dahingcschiedenen, an dessen Bahre wir hier versammelt stehen. Denn Gott hat den Verklärten gesegnet nicht bloß mit einem selten hohen, sondern auch mit einem selten glücklichen Alter. Ihm ward das schöne Los zuteil _ geworden, all seine Söhne in geachteter und angesehener Stellung wirken zu sehen. Töchter waren ihm wohl versagt geblieben, doch wurde er von der Gattin eines seiner Söhne*) nicht bloß in den letzten Monden seiner Krankheit Tag und Nacht mit seltener Aufopferung gepflegt, sondern durch fast zwei Jahrzehnte umgeben mit einer Liebe kund Treue, wie sie das beste Tochterherz nicht hatte reicher und verständnisinniger spenden können. Doch nicht unverdient hat der Verblichene dies hohe und glückliche Alter erreicht. Wollte man ein Motto für sein ganzes Leben aussprechen, so lautete es: Lernen und Lehre n". Obwohl er siit seiner frühesten Jugend einen harten Kampf ums Dasein zu führen hatte, wandte er sich mit unermüdlichem Eifer dem Studium der Bibel, des Talmuds und der allgemeinen Wissenschaften zu. Kaum mehr als 20 Jahre alt, wirkte er als Lehrer in unserem engeren Heimatlande; seine Haupttätigkeit aber entfaltete er im fernen Osten unseres Vaterlandes. Dort, wo das Bildungsniveau unserer Glaubensbrüder infolge drückender Not und bitterer Armut noch auf tiefer Stufe steht, erfüllte er ein Stück Kultur Mission, dorthin trug er deutsche Bildung und deutsches Wissen, dort pflanzte er Religion und Wiffenschast in die Herzen der Jugend. Durch sein ersprießliches Wirken und seine pädagogische Tüchtigkeit hatte er reiche Anerkennung gefunden nicht nur bei der jüdischen Gemeinde, sondern auch bei der Stadt und den höchsten Behörden, eine Anerkennung, die auch darin ihren Ausdruck fand, daß er als der er sie Jude in jenem Lande in die staatliche Prüfungskommission gewählt wurde. Aber auch dann, als der Verklärte nach mehr als 40jähriger Tätigkeit vom Lehramte sich zurückzog, gönnte er sich keine Ruhe und hörte nicht auf, zu denken und zu forschen. Bezeichnend hiefür ist die hebräische Grabschrift, die er wenige Jahre vor seinem Tode selbst verfaßte. „Die Wahrheit im Chaos zu ergründen Hab' ich gestrebt, doch vergeblich mich bemüht, ihr Licht zu schauen. Mein Denken, mein Forschen, mein Leben war nur ein Traum!" Doch nein, Verklärter, Dein Leben war kein Traum, Dein segensreiches Wirken hat sich bewährt an Tausenden Deiner Schüler, die noch heute deinen Namen mit Liebe und Verehrung nennen. So zieh' denn hin, Verklärter, ins Reich des ewigen Lichtes. Möge Dir dort die Wahrheit leuchten, die Du auf Erden nicht gefunden. *) Frau Landesgerichtsrat Schütz.