Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 77 Jahre, erwarb zwar kein Reichtümer, lebte aber recht gut davon und konnte des Jahres mehrere Goldstücke nach Deutschland schicken. So kam ich eines Abends nach einem Dorfe in der Nähe von Cashel, in der Grafschaft Tipperary, Munster. Das war dazumal am Shannon und am Dergsee noch eine wilde und unsichere Gegend; aber ich war bekannt darin und mir hatte Niemand etwas getan. Es war schon finstere Nacht, als ich in der Schenke ankam, in welcher ich jedesmal zu schlafen pflegte, so oft ich dieses Dorf besuchte. Es war fast Niemand in derselben mehr wach, man brachte mich in die große Wirtsstube, wo ich mich auch gleich auf die Streu legte, die den Boden bedeckte. Im Kamin glomm noch ein schwaches Feuer, bei dessen unsicherem Scheine ich bemerkte, daß außer mir noch Jemand auf der Streu liege, und da ich nicht wußte, wer es sei, beschloß ich, mich möglichst munter zu halten, um auf mein Warenbündel acht zu. haben. Ich mochte wohl eine Stunde so zwischen Schlaf und Wachen gelegen haben, als ich auf einmal hörte, daß mein Schlafkamerad sich in die Höhe setzte. Er seufzte aus tiefer Brust und rief mit inbrünstiger Stimme: „Schemah Israel! Höre Israel, der Herr, dein Gott ist ein einziges ewiges Wesen!" Nun fuhr ich rasch auf und entgegnete: „Baruch schein! Gelobt sei der Name seiner Herrlichkeit für und für!" Kaum daß der Fremde mich gehört hatte, so rief er aus: „Um Gotteswillen, ist hier ein Jude?" „Ja", erwiderte ich, „hier ist ein Jude!" „So wollen wir Licht machen!", sprach der Fremde, stand auf und zündete die Tranlampe, die noch auf dem Tische stand, an dem verlöschenden Kaminfeuer an. Als die Tranlampe brannte, stellte er sie wieder auf den Tisch und reichte mir die Hand. Es war ein anständig aussehender, ehrwürdiger Mann von etwa fünfzig Jahren; auf seinem Gesichte drückte sich ein jüngst erlittener ungeheurer Schreck aus. „Gott sei gelobt und gedankt, daß ich hier in meiner großen Not einen Juden gefunden habe", sagte er und drückte mir die Hand aufs Neue. „Ach, ach — was habe ich erleben müssen! Und wenn der Heilige — gelobt sei Er! — mir nicht beigestanden wäre, so läge ich jetzt tot auf der Straße und die Hunde leckten mein Blut." „Was ist Euch denn so Schreckliches widerfahren?", fragte ich vom höchsten Mitleid bewegt. „Seht", begann er, und die Verwirrung seines Herzens drückte sich in der Verwirrung seiner Rede aus, „gestern Morgen ritt ich von Limmerick ab — ich hatte in Limmerick große Summen zu beheben ... ich bin ein Kaufmann aus London, ich wohne in Lombardstreet . . , da wollte ich mit meinem Gelde aus Limmerick nach Dublin reiten und hatte es vor mir aufs Pferd in eine Ledertasche gebunden . . . und da bin ich vom rechten Wege abgekommen und am Dergsee haben mich die Rapparees*) überfallen . . . drei Mann mit Pistolen und Flinten und Dolchen . . . und sie haben mir die Tasche vom Pferd gerissen und haben mir die Uhr genommen und die Börse genommen, und als ich meinem Pferde die Sporen gab, um wenigstens das nackte Leben zu retten, da haben sie drei-, viermal hinter mir her geschossen — aber Gott sei gedankt und gelobt — die Kugeln tjaben gefehlt und gegen Abend kam ich mit halb tot gehetztem Pferde in diesem Dorfe und in dieser Herberge an. Ach, ach! warum hat mir Gott das getan? Nun habe ich keinen Farthing mehr in der Tasche und ich muß mein Pferd verkaufen, um nur leben zu können und muß zu Fuß nach Dublin gehen . . . Wenn ich in Dublin bin, so ist mir geholfen — aber nach Dublin sind fünfzig Meilen .... und das werde ich nicht überleben; ich werde auf der Straße hinfallen und liegen bleiben!" Wie gern hätte ich dem armen Manne geholfen! Aber ich hatte kaum einen Schilling in Geld bei mir und das andere steckte alles in der Ware. Da aber fuhr mir ein Gedanke durch den Kopf, wie ein Blitz. Ich griff nach dem Goldstück meiner *) Rapparees ist der Name für das irische Diebs- und Raubgesindel. Mutter — aber ich griff nicht bloß darnach, ich nahm das Tuch von meiner Brust, ich trennte die Naht auf, ich löste das Goldstück heraus. „Ihr sollt Euer Pferd nicht verkaufen und Ihr sollt nicht zu Fuß gehen, lieber Herr", sagte ich. „Dieses Goldstück hat mir meine Mutter eingenäht am Albend, ehe ich mein elterliches Haus verließ. Nimm es nicht eher heraus, als bis du es herausnehmen mußt, sagte sie, indem sie es mir umhing. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich es herausnehmen muß — hier ist das Goldstück, mein lieber Herr!" Dem Manne kamen die Tränen in die Augen und mit gerührter Seele schloß er mich in seine Arme. „Wie soll ich Euch danken, mein junger Wohltäter?", sprach er, „hätte ich Euch in London, in meiner Bank-Office, oder hätte ich Euch nur in Dublin bei meinem guten Freunde Mr. Samuel!" „Nach London darf ich sobald nicht kommen", erwiderte ich, „das hat seine Gründe; aber den Mr. Samuel in Dublin, kenne ich wohl, das ist auch mein guter Freund — seht, jenen Ballen Waren habe ich von ihm!" Da griff der Londoner Banker in die Rocktasche . . . „Ach", rief er aus, „auch mein Notizbuch haben sie mir genommen, ich möchte Euch etwas Schriftliches geben, aber ich habe kein Papier und keine Feder." „Da kann ich Rat schaffen", sagte ich, schnürte mein Bündel aus und nahm Papier, Feder und Tinte heraus. Der Londoner Kaufherr schrieb und reichte mir dann das Blatt hin. Er hatte folgende Worte geschrieben: Ich, der Endesunterschriebene. eröffne dem Ueberbringer, Mr. David Barney, bei dem Bankhause des Mr. Samuel Esqr. in Dublin einen Kredit bis zu 20 Pfd. Sterl. Elias Bar Lombard-Street, London. Ich dankte für den Kreditbrief, legte ihn zusammen und steckte ihn ein, während Mr. Bar mein Goldstück einsterkte. Am andern Morgen, nachdem sein Pferd ordentlich gefüttert war und er seine Rechnung bezahlt hatte, saß Mr. Bar auf und mit tausend Versicherungen seiner ewigen unveränderlichen Dankbarkeit ritt er davon. Ich handelte und wandelte in der gewohnten Weise fort, und so mochten wiederum zwei Jahre vergangen sein. Da flog die Nachricht übers Meer, daß die Franzosen in einer Riesenschlacht bei Waterloo geschlagen und vernichtet, daß die Fremdherrschaft gebrochen, das Kaisertum gestürzt und der Kaiser selbst aus der Insel St. Helena gefangen gesetzt sei. Nun, dachte ich, meine Zeit sei gekommen, nun sei keine Gefahr mehr für mich in London. Im allgemeinen Siegesjubel würde man auf mich keine Acht haben, und wenn auch, so würde man mir Pardon gewahren. Alio verkaufte ich rasch meine Bänder und meine Tücher, begab mich nach Dublin, sandte die drei Goldstücke, die ich verdient hatte nach Hanse, bezahlte mit den übrigen sechs meine Schuld im Laden des Mr. Samuel und präsentierte den Kreditbrief des Mr. Bar, denn ich gedachte zehn Pfund teils für d'e Reise, teils für sonst mögliche Fälle zu erheben. Als Mr. Samuel das Blatt gelesen hatte, sagte er, ich müsse in das Bankgeschäft zu feinem Sohne damit gehen. Ich begab mich hinüber in das Komptvir und überreichte meine Anweisung an Mr. Ralph. Mr. Ralph maß mich vom Kopf bis zum Fuß mit einem verächtlichen Blick. „Was?" rief er, „zwanzig Pfund, dem Landstreicher? Wer sagt mir, daß der Schein nicht gefälscht ist?" „Sir!" erwiderte ich, „den Landstreicher verbitte ich mir einfür allemal, und was die Echtheit des Schreibens anbelangt, so könnt Ihr Euren Vater darum befragen." „Wie viel wollt Ihr haben?" fuhr er mich an. „Zehn Pfund, wenn es Euch beliebt", entgegnete ich. „Gebt dem Menschen die zehn Pfund," redete er den Kassierer an. „Schreiben könnt Ihr wohl nicht?" wandte er sich dann wieder an mich, indem er mir eine Quittung zur Unterschrift zuwarf. j