Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021608--14251-3038949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 72 Dr. Wlocb's MocbenscbrM. Nr. 5 Museum für jüdische Altertümer. Dienstag abends versammelten sich in den so traulichen und so viel Interessantes bergenden Räumen des Museums sür jüdische Altertümer, II., Praterstraße 23, gegenüber der Asperngasse, einer Einladung des Kuratoriums Folge leistend, mehrere Herren vom Vorstande der Kultusgemeinde, unter welchen sich befanden der Präsident Dr. Alfred Stern mit dem Vizepräsidenten kais. Rat Moriz Hirsch und die Mitglieder Dr. Alfred Berger, Prof. Dr. Sal. E h r m a n n, Baurat Theodor R. v. Goldschmidt, Salo Landau, Architekt Oskar Marmorek und Dr. Markus Spitzer; I. Sekretär kais. Rat Dr. Theodor Lieben, dann der englische Botschaftskaplan Reverend William H. Hechler, Maler Prof. Isidor Kaufmann, Prof. Ignaz Brüll, Dr. Edmund Kohn, Dr. Bela T a u f s'i g, F. Simon, Vorsteher der Chewra-Kadischa. Die Herren waren gekommen, das große Oelgemälde von S. Hirszenberg (vide letzte Nummer dieses Blattes) in Augenschein zu nehmen, das auf alle Besucher tiefen Eindruck machte. Der Präsident der Gesellschaft, Baurat Will). S t i a ß n Y, begrüßte die Erschienenen mit einer längeren Ansprache, während welcher mehrere Objekte den Herren vorgelegt wurden. Die geehrten Gäste bewunderten die reichen Kunstschätze des Museums und zollten Prof. Kaufmann, als den Arrangeur des Schatzkästleins des Museums, der „gute n Stube", ihre vollste Anerkennung, für welche der Meister in der ihm eigenen bescheidenen Art dankte; darauf nahm Präsident Dr. Stern das Wort, um für den gebotenen Genuß dem Präsidenten Baurat S t i a ß n y die Bewunderung zu bekunden, und äußerte den Wunsch, das Bild H i r s z e n b e r g's möge dem Wiener jüdischen Museum erhalten bleiben. Wegen der Verlängerung der Ausstellung des Bildes ist das Museum heute Donnerstag, Freitag und Sonntag von 2—4 Uhr, Samstag von 11—1 Uhr geöffnet. Sonntag abends wird das Bild nach Paris befördert. Regine Fleischer. Am 24. Jänner um die Mittagsstunde hat Regiue Fleischer, die treue Lebensgefährtin des allgemein verehrten Baurates Max Fleischer, für immer die Augen geschlossen. Eine wahrhaft edle Frau von seltener Herzensgüte und tiefem Gemüte ist mit ihr dahingegangen, ein Muster von Zärtlichkeit und liebevoller Fürsorge für ihren Gatten, mit dem sie durch Decennien in glücklichster Ehe verbunden war. Ihr Heimgang hat innige, herzliche Anteilnahme hervorgerufen, die sich in überwältigender Weise bei dem Leichenbegängnisse am 26. v. M. manifestierte, das ihrem letztwilligen Wunsche zufolge von der Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes aus statifand. Man kann sagen, daß alle Namen von Klang und Ansehen in unserer Gemeinde bei dieser Trauerfeier vertreten waren und wollen wir aus der Fülle der Leidtragenden hervorheben: Fast der gesamte Vorstand der Kultusgemeinde unter Führung des Präsidenten Dr. Alfred Stern, Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav Kohn und kaiserl.. Rat Moriz Hirsch, den Hofrat Schön von der technischen Hochschule, Lehrer und Freund des Baurates Fleischer, Hofrat Oberbaurat Taussig, die Bauräte Ritter von Goldschmidt und Stiaßny, Gemeinderat Zifferer, Professoren Dr. Ehrmann und Dr. Königstein, den Präsidenten der Chewra-Kadischa, Herrn Kultusvorstand Salo Kohn, die kaiserl. Räte Kohnberger, Dr. Lieben, Dr. Lichtenstadt, Ruzicka, Toffler, Bezirksschulrat Dr. Marcus Spitzer, Dozenten Grünfeld, die Rabbiner Dr. Gelbhaus und Dr. Grunwald, Präsidentin Frau Kommerzialrat Eisenberger, Vizepräsidentinnen Pollak und Strauß mit einer Abordnung des Mariahilfer Frauen- Wohltätigkeits-Vereines, Frau Präsidentin Beck vom Josefstädter Frauenvereine, der Gesamtvorstand des Mariahilfer Tempelvereines unter Führung des Vizepräsidenten Dr. Jacob Engel, Deputationen sämtlicher Tempelvereine mit den Präsidenten Bettelheim, Beck und Felsenburg, D. Klemperer, Obmann des Vereines für Arbeitsnachweis, S. Brod, Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gewerbe, Architekten Marmorek, Modern und Schön, Bethausvorstand Winterberg, die Industriellen Friedrich Pollak, Leo Bauer, Julius Wolf u. s. w. Tiefe Ergriffenheit bemächtigte sich der ansehnlichen Trauerversammlung, als Oberkantor Dünmann die Leichenfeier durch die meisterhafte Rezitation der Trauergebete einleitete, worauf Ehrw. Rabbiner Dr. Taglicht an die Bahre trat, um folgenden wohlverdienten Nachruf der Entschlafenen zu widmen: Rabbi Josua ben Levi war gestorben. Der Todesengel geleitete ihn bis an die Pforte des Eden. Auf dem Wege dahin gelang es dem R. Josua, dem Engel das Todesschwert zu entwinden. 'b Dn flehte der Todesengel ihn an: „Gib mir mein Schwert zurück, Gott hat es mir anvertraut, ich muß meinen Dienst damit verrichten". „Du sollst es nicht wiederbekommen", sprach R. Josua, „Du sollst die Menschen nicht töten". Da öffneten sich die Himmel und eine Stimme ward vernehmbar: «rr-ob »yrnan rvbm DN O„ gib ihm die totbringende Waffe wieder; sie ist eine Wohltat für die Menschen, sie sehnen sich oft nach dem Tode. — Eine tiefe, traurige Wahrheit ist in dieser Legende enthalten. Diese schmerzliche Wahrheit haben wir empfunden angesichts des unsagbar qualvollen Leidens, von dem diese Frau in den letzten Jahren heimgesucht war. In den letzten Wochen zumal mußten wir, denen diese Frau so lieb und teuer gewesen, den Tod als milden wohltätigen Erlöser herbeiwünschen. Nun hat ein schönes, harmonisches, gottgefälliges Leben seinen Abschluß gefunden, wert, daß wir es andachtsvoll überblicken, würdig, daß wir es als Beispiel hinstellen. — D-fcw 8->' Ki.-nr? yrrn;n vbs V'w dis bs Wer großer Beliebtheit sich erfreut, ist sicherlich fromm und gottesfürchtig. Die Tugenden dieser Frau, ihre edle Menschlichkeit, ihre Frömmigkeit, erwarben ihr die Liebe und Verehrung der Mitmenschen. Sie war im edelsten Sinne Mensch. Schlicht, natürlich, wahrhaftig, voll Mitgefühl und Zartsinn, von bewundernswerter Herzensgüte. Sie war ein Weib, rfejDmtai? ’rn w ein Biederweib, die Krone ihres Gatten und ihres Hauses. Mit grenzenlos hingebeuder Liebe umhegte sie den treuen Lebensgefährten. Der Gedanke an ihn erfüllte ihre ganze Seele. Sein Wohl, sein Glück war Inhalt und Zweck ihres Daseins. Wie dankbar, wie beseligt hat sie zu ihm, dem Hochstehenden, aufgeschaut, und wie hat sie durch ihren Seelenadel, durch ihr lieberfülltes Herz ihn beglückt. Sie war ein jüdisches Weib; von tiefer aufrichtiger Frömmigkeit, von innigem Glauben, von unerschütterlichem Gottvertrauen erfüllt. Gott lebte in ihrem Herzen, jüdischer Geist in ihrem Hause. Mit peinlicher Genauigkeit betätigte sie die Satzungen des Judentums und breitete so den poetischen Schimmer der Religion über ihr Haus. Der Talmud erzählt von der staunenswerten Seelengröße der Beruriah, der Frau des R. Meir. Bewunderungswürdige Seelengröße hat auch die Heimgegangene durch ihre letztwilligen Anordnungen bekundet. Unter qualvollen körperlichen Leiden, aber ruhigen Geistes und friedvollen Gemütes hat sie dem Tode entgegengeharrt. Möge dies dem gebeugten Gatten zum Tröste gereichen. Trösten und beruhigen muß ihn auch der Gedanke, daß er mehr denn dreißig Jahre hindurch ein edles Frauenherz mit dem höchsten, beseligendsten Glück erfüllt hat. Geehrte Trauerversammlung! Wir alle verehren Max Fleischer, weil wir ihn kennen. Doch nur derjenige kennt das ganze, innerste Wesen dieses Mannes, der es milangesehen, mit welcher Aufopferung und rührenden Fürsorglichkeit er die leidende Frau betreut hat. So war denn wohl ihr letzter Gedanke tiefinniger Dank für all seine Liebe, die wie ein lichter Sonnenstrahl ihr ganzes Leben umwoben hat. — Gesättigt an Leiden aber auch reich an innerem Glück zieht sie nun in die Ewigkeit ein. Und ich wage es, auf diese Frau das Wort anzuwenden: „Gesegnet Dein Eingang, gesegnet Dein Ausgang; wie Du einst rein und sündenfrei ins Leben ein getreten, so scheidest Du rein und sündenfrei aus dem Leben". Friede mit Dir. Amen."