Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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lWB7HW^r-.'5d^-^g^«BflaBMK-g«553eWgBI Sette 66 Dr Wlocb s Mocbenscbrm. Nr. 5 mit seinen staatsmännischen Allüren und seinen meist, unzuverlässigen und immer etwas konservativen Neigungen, sondern es sind die Szäll, Wekerle, Andräffy, Wlassics, die im Vordergründe stehen, Leute, die immer zur liberalen Partei gehört haben und die zum Teil hervorragenden Anteil an der Schaffung jener kirchenpolitischen Gesetze haben, welche den Antisemiten so sehr ein Dorn im Auge sind. Begreiflich wäre der Jubel, wenn mit dem Sturze Tiszas dem Judentum irgendwie Leids geschehen wäre, wenn das Herz der Juden gerade an dem Regime Tisza gehangen hätte. Das war nicht der Fall; wie denn überhaupt auch in Ungarn, wie in der ganzen Welt sonst, mit Ausnahme Oesterreichs, nicht ausschließlich Politik gemacht wird mit dem Schlagwort „Jud!" Wo das nicht der Fall ist, verteilen sich die Juden naturgemäß wie alle übrigen Staatsbürger eines Landes auf alle erdenklichen Parteien aus dem einfachen Grunde, weil sie genau so Staatsbürger und Menschen sind, wie alle anderen und weil sie wie diese das Vorrecht für sich in Anspruch nehmen, das Rechte zu tun und zu meinen oder das Falsche, also auch das Vorrecht, zu streben und zu irren, da sie eben Menschen sind mit ihren Tugenden und Fehlern, mit ihrer Weisheit und ihrer Torheit. Darum ist die Wahrscheinlichkeit eine so hohe, daß sie schon als Gewißheit hingenommen werden kann, daß in der neuen Regierungspartei, die nicht weniger liberal sein wird, als die gewesene, sich nicht weniger jüdische Anhänger finden werden, als für die frühere. Unsere Antisemiten werden da also doch noch etwas Wasser in den feurigen Wein ihres verfrühten Siegesjubel gießen müssen. In Ungarn geht das nämlich nicht, auch sonst in der ganzen Welt nicht, was bei uns möglich und die Regel ist. Wo in aller Welt könnte sich sonst der Bürgermeister eines großen Gemeinwesens erheben, um in öffentlicher Rede seinen Zuhörern den ungeheuren Bären aufzubinden, daß die ganze revolutionäre Bewegung in Rußland, an deren Spitze sich russisch-orthodoxe Geistliche gestellt haben, nur auf die geheimen Machenschaften der Juden zurückzuführen ist. Wozu ein Herz, um die Leiden eines unterdrückten Volkes mitzufühlen, wozu der Verstand, um eine mit elementarer Gewalt einsetzende politische und kulturelle Entwicklung zu begreifen, — man schimpft auf die Juden, und zehntausend entzückte Besucher und Leser klatschen begeistert Beifall. So macht man bei uns in Oesterreich Politik und so beurteilt man Weltereigniffe. Die Juden wollen dabei soviel wie möglich für sich herausschlagen: Die gänzliche politische Freiheit und Unabhängigkeit. So verkündet es der illustre Redner. Und wenn sie es wollten, Herr Dr. Lueger, so wären sie damit nur in ihrem gutem Rechte. Denn für ihre teuersten Güter sollen die Menschen kämpfen, und schmählich ist es, sie in stumpfer Willenslosigkeit preiszugeben. Das Elend der russischen Juden ist aber ein solches, daß sie erst an die Fristung des nackten Lebens denken müssen, ehe sie einen Kampf aufnehmen können für ideale Güter. Die Bewegung, die durch ihre geheimen Machenschaften hervorgerufen worden sein soll, wird zunächst für sie selbst gefährlich werden. Denn das russische Volk ist durch den Despotismus so in Rückständigkeit gehalten worden, daß ihm jede Bewegung dazu gut war, die Juden zu plündern und zu erschlagen. Whig. Die wirtschaftliche Bedeutung der jüdischen Arbeitsnachweise. Von Dr. Ernst Tuch in Berlin.*) Während in allen Volksschichten die dringende Notwendigkeit der Errichtung und Ausbildung von Arbeitsnachweisen anerkannt wird, während Gewerkschaften, Genossenschaften, Stadtgemeinden rüstig an der Arbeit sind, einerseits eine möglichst eingchende Spezialisierung der Nachweise nach Berufen vorzu- *) Mit Hinweis auf den Artikel „Jüdische Arbeitsnachweise" in Nr. 49 d. Bl. ersucht uns Herr Dr. E. Tuch aus Berlin um Veröffentlichung vorstehender Einsendung. nehmen, andererseits die bestehenden Nachweise zu großen Verbänden zusammenzuschließen, steht man dieser Bewegung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft noch immer recht skeptisch gegenüber. Dies hat seine Ursachen teils in der merkwürdigen Gleichgültigkeit, die allen speziell jüdisch-wirtschaftlichen Fragen gegenüber in unserer Mitte an den Tag gelegt wird, dann aber auch darin, daß man im Besonderen diese Frage als außerhalb der jüdischen Interessensphäre fallend ansieht, ja vielfach glaubt, daß man durch Errichtung eigener jüdischer Arbeitsnachweise der deutschen Judenheit mehr schaden als nützen würde, da hierdurch ein neuer und unnützer Gegensatz zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung hervorgerufen würde. Gegenüber dieser irrigen Ansicht sei doch .darauf hingewiesen, daß von einer Separation im wirtschaftlichen Leben von unserer Seite aus mit Fug wahrlich nicht geredet werden darf, daß, wenn wir dazu übergehen, eigene jüdische Arbeitsnachweise zu errichten, wir nur die Konsequenz der bisherigen Entwicklung ziehen. Daher kann und wird uns auch ein offenes und mannhaftes Vorgehen auf diesem Gebiet nimmermehr schaden. In Wirklichkeit sind jüdische Arbeitsnachweise augenscheinlich ein sehr ernstes Bedürfnis. Ist doch an Stelle des Radau- Antisemitismus — trotz des Grafen Pückler — in Deutschland immer mehr der wirtschaftliche „Asemitismus" getreten und ist doch in weiten Schichten des Deutschen Volkes der wirtschaftliche Boykott der Juden geradezu zur ausgesprochenen oder heimlichen Devise geworden. Den jüdischen Erwerbssuchenden, Kaufmanns-, wie Handwerkslehrlingen, Kommis und Bureauangestellten, wie gewerblichen Gehilfen wird mehr und mehr von christlichen Arbeitgebern die Anstellung verweigert. Hierzu kommt, daß staatliche wie städtische Behörden Juden so gut wie gar nicht anstellen; das Militär, die Post, die Steuer, die Polizei, das alles ist den Juden verschlossen, desgleichen die höheren Karrieren beim Gericht, die Dozentenlausbahn an Universitäten und Hochschulen rc. rc. Sie sind mithin trotz des gegenteiligen-Geschreis der Antisemiten noch immer zu ihrem weitaus größten Teile auf den Kaufmannsstand angewiesen*). Aber die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung aller Völker geht dahin, gerade den kaufmännischen Mittelstand nach Möglichkeit zu beseitigen oder doch einzuschränken. Dies geht deutlich hervor aus dem Emporblühen der großen Warenhäuser und der Konsumvereine, aus der Aufsaugung der kleinen (und auch größeren) Bankiers durch die Bankhäuser, aus der Verdrängung der kleinen Rhedereien durch die mächtigen Dampfschifffahrtsgesellschaften und aus zahlreichen weiteren Erscheinungen, die dem aufmerksamen Auge nicht verborgen bleiben können. Die Produktion und Konsumtion wird in immer unmittelbarere Verbindung mit einander gebracht werden. Es ist leicht ersichtlich, wie schwer wieder die Juden unter diesen Veränderungen des wirtschaftlichen Lebens zu leiden haben. Daher gilt es einerseits, den Juden neue Erwerbszweige zugängig zu machen, denen sie sich aus den mannigfaltigsten Gründen bisher in nicht genügendem Maße zugewendet haben, auch nicht widmen konnten,**) andererseits ihnen bei der Erlangung von Stellungen nach Kräften behilflich zu sein. Die letzte Aufgabe fällt naturgemäß jüdischen Arbeitsnachweisen zu. Wohl können sich die jüdischen Bewerber auch an die allgemeinen Arbeitsnachweise wenden — und es soll keineswegs bezweifelt werden, daß hier zahlreiche Vermittlungen herbeigeführt werden. Dennoch aber sind diese Nachweise oft gar nicht in der Lage, paffende Stellungen zu vermitteln, da sie von vornherein die antisemitische Gesinnung ihrer Arbeitgeber kennen, oder sie *) Nach der Berufszählung von 1895 gehörten 54*56% aller erwerbsmäßigen Juden dem Handel an, gegenüber 918% bei der nichtjüdischen Bevölkerung*, während diese der Landwirtschaft und Industrie 68*83% stellten, finden wir bei den Juden in diesen Berufen nur 20-18% der Erwerbstätigen beschäftigt! **) Hierbei sei darauf hingewiesen, daß der Berliner Arbeitsnachweis die wesentlich besseren Erfolge im letzten Jahr ausdrücklich darauf zurückgeführt hat, daß mehr als bisher das Augenmerk darauf gerichtet wurde, „Gewerbszweige zu erschließen, z- B. Maschinenhauwesen, Elektrizität rc., in denen früher nie Juden untergebracht worden sind".