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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-02-03 · 5 (3.2.1905) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mr. 5 lolpg««gXXlI Or. Bloch’s Centrslorgan für die gessmmten Interessen des Indenthums. Wien- 3. Februar L90S --- Erscheint jeden Freitag. -->»» ■» - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Ungarn, Rußland und die Wiener Antisemiten. — Die wirtschaftliche Bedeutung der jüdischen Arbeitsliachwesse. — Der einheitliche Lehrplan für den Religionsunterricht an Mittelschulen. — Korrespondenzen: Reform der Wiener jüdischen Armenpflege. Oesterreichisch-Jsraelitlsche Union. Museum für jüdische Altertümer. Regine Fleischer. Generalversammlung des Tempelvereines im VIII. Bezirke. Wien, Moses Bloch. Prag, New-Aork. — Vermischtes: Wien. Ein Kohlenhändler aus dem „Christlichen Wegweiser". Wien, Jüdische Toynbee-Halle, Floridsdorf, Baden, Graz, Austerlitz, Klattau, Wessely, Tran enau, Brody, Budapest. Sonntagsruhe in Belgien. — Feuilleton: Eine Geschichte aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. »rzugsprri» für Sestrrrrtch: Haibjähriz 8 Krone«. Einzelexemplare 50 Heller. Mr'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , 'l nzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. « - ■ - =* TS. ft. Postsparraffrn-Amk Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lednclion und Administration: Wien i IX/1, Verggasse Nr. 39. 1 Telephon Nr. 14.847. it- - Ungar«, Unßland «nd die Wiener Antisemiten. Reif sein ist Alles, meint Shakespeare. Die Hauptsache ist schließlich doch, daß eine große Zeit ein großes Geschlecht vorfinde. An großen, geschichtlichen Ereignissen hat es in den letzten Tagen nicht gefehlt, und man durfte gespannt darauf sein, wie sich unsere antisemitische Partei, die herrschende in Oesterreich, zu ihnen stellen werde. Genau genommen, konnte man das eigentlich schon im vorhinein wissen, und die Spannung war vornehmlich darauf gerichtet, ob nicht doch endlich sich ein etwa glücklich herübergeretteter Rest von Schamgefühl über die — sagen wir — doch gar zu naiven Zumutungen geltend machen werde, mit welchen der getreuen Gefolgschaft der Lueger und Vergani jahraus jahrein zugesetzt wird. Die Spannung war überflüssig. Die alten Mittel, so wunderbar — sagen wir — einfach sie auch sein mögen, verfangen noch immer. Das Staunen darüber, mit wie wenig Verstand die Menschen zu regieren sind, hat sich die Welt mit der Zeit abgewöhnt. Man wird jetzt nicht damit wieder anfangen, sich groß zu verwundern, was alles man einer verblendeten Masse aufbinden kann. Was immer sich auf dem Welttheater abspielen möge, wie immer auch das politische oder kulturgeschichtliche Ereignis beschaffen sei, das sich gerade vollzieht, so sind für alles wirklich oder vermeintlich Böse doch immer nur die Juden verantwortlich. Ja, alle Weltereignisie werden überhaupt nur unter dem Gesichtswinkel interessant und bemerkenswert, daß man den Juden eins anhängen kann. Das ist zu dumm; zugegeben; aber es ist probat. Der russisch-japanische Krieg — die Juden haben ihn angezettelt und sie haben das Geld hergegeben, daß er geführt und der arme Zar in die Enge getrieben werde. Der Sturz des Ministeriums in Frankreich, der riesenhafte Arbeiterausstand in Deutschland, die Volkserhebung in Rußland — an allem sind die Juden schuld und sie stecken hinter allem. Ja, so mächtig sind die Juden. Sie können einfach alles. Sie stürzen Throne und Ministerfauteuils, sie setzen sich in Frankreich und in Amerika, in der ganzen Welt Regierungen ein, wie sie sie haben wollen. Auf ihr Kommando erheben sich in Deutschland und anderwärts hunderttausende von Arbeitern, wirft sich das russische Volk vor die Mündungen der modernen Schießwaffen. Ja, sie sind all mächtig; nur eines haben sie noch nicht zu Stande gebracht, sie die den Zaren in die Enge treiben und nach deren Wink sich die europäische Politik regelt — vor der Schuhriegelung durch geistige Potenzen wie Bielohlawek und Dr. Neumayer vermögen sie sich doch nicht zu schützen. Heil ist den Antisemiten nun neuerdings widerfahren durch den Ausfall der Wahlen in Ungarn. Die liberale Partei in Ungarn ist zertrümmert, jubelt das „Deutsche Volksblatt". „Der ungarischen liberalen Partei widerfuhr fast dasselbe Schicksal, wie seinerzeit den Liberalen in Wien und in Oesterreich überhaupt." — „Die Juden waren die Inspiratoren dieser Partei." — „Die allgemeine Empörung erreichte einen solchen Grad, daß die liberalen Kandidaten hinweggefegt wurden, wie die Spreu von dem Winde." Das Alles wäre ja ganz schön, aber es ist ein kleines Malheur dabei. Der ganze Jubel beruht auf einem Mißverständnis. Der offizielle Titel der Regierungspartei führte das epitbeton ornans „liberal" im Schilde, und auf dieses Wort fielen die Antisemiten glücklich herein. Sieger in dem Kampfe wider Tisza blieb Kossuth, der Sohn und politische Erbe jenes unversöhnlichen Feindes des Hauses Habsburg und Oesterreichs überhaupt, der die bis auf den heutigen Tag nachwirkende revolutionäre Tradition für das ungarische Volk aufgerichtet hat. Zweierlei ist da schwer zu begreifen: erstlich, wie eine Partei, die sich auf ihre Kaisertreue und auf ihr patentiertes Oesterreichertum soviel zu Gute tut, sich über einen solchen Sieg so sehr zu freuen vermag, und zweitens, wie man sich dem süßen Wahne hingeben kann, daß gerade der revolutionäre Einschlag bei der neuen Majorität zersetzend wirken solle auf den Liberalismus. Der Liberalismus gravitiert immer nach links und der ganze Effekt der stürmischen Bewegung in Ungarn dürfte vorläufig der sein, daß sich der Schwerpunkt des ganzen politischen Apparates ein wenig nach links verschoben hat. Wozu der Lärm und warum der Jubel? Tisza ist gestürzt, aber die Macht und Herrschaft des Liberalismus in Ungarn auch nicht für einen Augenblick erschüttert worden. Weder Kossuth ist durch die Umwälzung regierungsfähig geworden, noch seine Hospitanten von der katholischen Volkspartei, die Rakovszky und Zichy, die ja gerne ein wenig in Antisemitismus machen möchten, wenn sie nur ein bischen Gegenliebe bei der politisch reifen Bevölkerung von Ungarn fänden, nicht einmal Apponyi

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