Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021607--14241-3038938- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4 Dr. Blocb s Mwchenscdrlkt. Seite 63 einem Hinterzimmer des Hauses „Minjen" gemacht; unter den Anwesenden waren die Kommis aus dem Geschäft, der Wirt aus der Garküche und Mr. Ralph. Als dieser mich bemerkte, machte er zuerst ein sehr grimmiges Gesicht, dann lachte er und sah mich höhnisch an. Ich kümmerte mich aber nicht darum, sondern betete. sehr andächtig mit, und als der Gottesdienst zu Ende war, kam Mr. Samuel zu mir und sprach mit mir. Ich mußte ihm gefallen, denn er bot mir an, in seinem Hause zu essen und die Nacht zu bleiben. Am andern Morgen ließ er mich zu sich rufen und sprach: „Ich hätte Euch gern einen Dienst in meinem Hause gegeben, aber ich mag es nicht tun, weil Mr. Ralph dagegen ist. Habt Ihr ihm etwas getan? Er besteht darauf, daß Ihr aus dem Hause kommt. Nun will ich Euch aber einen andern Vorschlag machen. Ich will Euch für zwei Pfund Sterling Waren aus meinem Geschäfte borgen, geht damit ins Land und seht, was Ihr daraus machen könnt. Sobald Ihr mir das Geld dafür bringt, bekommt Ihr neue Waren — vielleicht glückt's Euch!". (Fortsetzung folgt.) Kopf und Schweif.*) Die Fabel vom Schweife, der sich nicht länger der Führung des Kopfes überlassen und selber an der Spitze marschieren wollte, findet sich schon im Midrasch-rabbah zu Denteronomiilm K. 1, V. 13, wo Moses daran erinnert, daß er die vom Volke gewählten werfen, verständigen und allgemein bekannten Männer an die Spitze gestellt und zu Richtern bestellt habe. Nur ist es im Midrasch nicht ein Hund, der durch die gutmütige Untelwerfung des Kopfes unter die Leitung des Schweifes von Gefahr in Gefahr geriet, sondern die sonst so kluge Schlange, die das gefährliche Experiment über sich ergehen lieg. Wahrscheinlich hat der Midrasch darum die Schlange zum Träger der Fabel gemacht, obgleich von ihrem klugen Kopf eine solch törichte Zustimmung zu dem Begehren des Schweifes weniger zu erwarten gewesen wäre, weil die Schlange sich zusammenrollen kann und bei ihrer Fortbewegung Kopf und Schweif auf dem Boden liegen, wodurch beide Glieder, wenigstens äußerlich, sich nicht gar sehr von einander unterscheiden. Diese Fabel, welche zeigen soll, wie gefährlich und verderbenbringend es für den ganzen Volkskörper ist, wenn die Weisen und Besonnenen, die Männer des Wissens und der Erfahrung Toren und Unerfahrenen den Platz räumen und die Führung überlassen, hat auch schon von mehr als sechzig Jahren eine poetische Bearbeitung gefunden, und zwar durch einen Herrn Dr. Karl Krafft ans Anspach, der in der „Allg. Zeit d. I." vom Jahre 1838 mehrere Dichtungen aus Talmud und Midrasch veröffentlicht hat. Das diesbezügliche Poem lautet: Zu dem Kopf der Schlange Fängt der Kopf einst an: „Sag mir, wie lange Gehst du noch voran? Folge mir nun nach, Wo ich gehen mag!'' Sagt der Kopf: „Je nun! Heute will ich's tun!" Jener an der Spitze Kommt an eine Pfütze Und im tiefen Kot Droht ihm schon der Tod. Endlich frei von dort Geht er weiter fort. Gerade zugewandt Einem Feuerbrand Und ihn sengt und brennt Jetzt das Element. Nur mit harter Not Meidet er den Tod. Endlich kommt er weiter, Aber leider! leider! In den Dornenhecken Bleibt der Arme stecken! Merke! Dies geschah, Weil der, welcher sah, Auf des Schweifes Verlangen Diesem nachgegangen. stark. Einladung an jüdische Künstler. Wir erlauben uns, auf diesem Wege (da eine Anzahl von Adressen nicht zugänglich ist) die Künstler jüdischer Abstammung auf das Herzlichste einzuladen, sich mit Beiträgen an der zweiten Ausgabe des „Jüdischen Al man ach" zu beteiligen. Insbesondere ergeht diese Einladung an die jüngeren Künstler, denen wir sehr gerne Gelegenheit geben möchten, sich auf diesem Wege bei einem weiteren Publikum einzuführen. Erwünscht ist die Einsendung von Original-Bildern oder -Blättern (die selbstverständlich retourniert werden) oder von-photographischen Wiedergaben, im Falle von Schwarz-Weiß-Zeichnungen auch Abzüge von Strich- Aetzungen. Die zur Aufnahme ausgewählten Beiträge werden nach Verständigung mit den Künstlern in sorgfältigster Ausführung reproduziert werden. Künstlern, die die erste Ausgabe unseres Almanach nicht kennen, stellen wir gerne Exemplare zur Verfügung. Alle Einsendungen find baldigst erbeten. Jüdischer Verlag, Berlin-Charlottenburg, Herderstraße 3/4 Redaktion „Jüdischer Almanach 5666" Berthold Feiwel. (Die jüdischen Zeitschriften werden um ge fl. Nachdruck dieser Einladung gebeten.) Krirfkastr«. „Harlekin". Der Bürgermeister von Wien hat im V. Bezirk eine Rede gehalten und auch die auswärtige Politik in den Kreis seiner Betrachtungen gezogen. Danach sollen an den Petersburger Unruhen bloß „geheime Machenschaften der Juden" schuld sein. In Petersburg, wo keine anderen als ein paar steinreiche Juden wohnen dürfen! Den Nagel auf den Kopf trifft eine „Enthüllung" Verganis. Nach seinem „Deutschen Volksblatt" ist der Pope Gapon ein verkappter Jude aus Odessa: „Sein wahrer Name ist Jalomy". Auf gleicher Höhe hält sich ein Leitartikel der „Deutschen Zeitung". Es wird ausgeführt, daß die gegenwärtige Bewegung in Rußland ausschließlich das Werk der Inden ist, die Trubetzkoi, die Semstwos von Moskau, Minsk, Petersburg, kurz fast alle namhaften Vertretungskörper Rußlands — die Finnen — Juden, die staatlich organisierte Arbeiterschaft Petersburgs — Juden, der Priester Gapon, Maxim Gorki — Inden, kurz, der Mann hat das Delirium und sieht statt Mäuse und Ratten —Juden. Auch die Japaner — es ist nicht zu glauben — sind im Komplot mit den Inden und Sozialdemokraten. In demselben Leitartikel liest man ferner folgenden Satz: „Wie wenig ernst sie diesbezüglich zu nehmen ist, würde man alsbald sehen, wenn in Rußland tatsächlich eine Verfassung gegeben würde, die aber gleichzeitig die Bestimmung enthalten würde, daß die Juden in Vertretnngskörper nicht wählbar, daß sie überhaupt von der Teilnahme an der Wahl ausgeschlossen sind, kurz, Ausnahmsgesetze für die Juden. Augenblicklich würde sich zeigen, wie gleichgiltig ihnen die Verfassungsfrage ist . . ." Aach für Harlekin zuviel „Würde". S. in Olmütz. Antisemiten eignen sich eher zum Abdecker als zum Pädagogen. Inden, die solchen Leuten ihre Stimme geben, verdienen allgemeine Verachtung. I. H. 10. Von einem Boykott des „Jubiläums-Theaters" (Volksoper) ist dermalen nicht mehr die Rede. Die Leitung hat zu ernster Rekrimination in neuester Zeit keinen Anlaß geboten. I. S» Bei geschichtlichen oder anderen wissenschaftlichen Darstellungen heißen dle Behelfe, die man zur Verfassung des Werkes benützt, „Quellen". Wenn bei allen angegebenen Daten die Quelle, der sie entnommen sind, angeführt ist, so ist jedermann in der Lage, durch Vergleich der Quelle mit der Darstellung die letztere zu kontrollieren. Zuweilen sind die Quellen nicht nur „angezogen", sondern sogenannte „Belegstellen" mit veröffentlicht. I. F. K. Das Buch können Sie durch die Buchhandlung S. Calvary & Komp., Berlin, NW. 7, Neue Wrlhelmstraße 1 beziehen. K. Der bekannte französische Naturforscher und Geologe Michael Löwy wurde zum Proieffor am College de Frauce in Paris berufen. Das College zählt 43 Lehrkanzeln, von denen 7 mit Juden besetzt sind. Dr. St. lieber die russischen Neujuden war in der Zeitschrift „Altneuland" eine Notiz zu lesen, dahingehend, daß in den letzten Jahren Tausende von russischen Bauern wirklich zum Judentum übergetreten sind. Wie das offizielle Organ der Missionsabteilung des russischen Heiligen Synod mitteilt, finden sie sich besonders zahlreich im Gouvernement Astrachan. Sie werfen, wie das Blatt angibt, mit dem Christentum zugleich ihr Russentum über Bord, hassen die Russen und den Zaren Rußland bezeichnen sie als Assur (rückwärts gelesen Russa), zuweilen auch als Babel und Gog; sie fühlen sich in Rußland im Exil und erwarten den Messias, der in Palästina ein großes Weltreich errichten wird. Viele^ aber warten nicht darauf, sondern wandern schon jetzt aus, um sich in Kleinasien und Palästina als Ackerbauer anzusiedeln. In den jüdischen Kolonien in Palästina finden sich schon zahlreiche dieser „Gerim", so in Sedjera und Bet-Dagon, wo ein Drittel der Bevölkerung aus solchen Neujuden besteht, die Hebräisch als Umgangssprache sprechen sollen. G. 500. Wien. 4, Schwarzenbergplatz 2. St. Nach der letzten Volkszählung leben in Oesterreich 1.224.771 Juden, darunter 881483 in Galizien. 157.278 in Niederösterreich, 96.150 in Böhmen, 44.255 in Mähren und 11.9 8 in Schlesien. Der Rest der Juden wohnt in Steiermark, Oberösterreich. Tirols und Vorarlberg. Dalmatien, im Salzkammergut uud an den Seeküsten. Rund 80.000 ausländische Inden wohnen in Oesterreich, davon 50.394 in Wien. Siehe Nr. 2 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 14. d. M.