Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 62 Dr. Dlocb's MlocbenscbrLN. Nr. 4 es mir mit den Worten: „Da, mein Junge, da hast du ein Goldstück; das schick' deiner armen Mutter, die wird sich darüber freuen, und du ziehst morgen einen blauen Rock mit rote Aufschläge an und marschierst mit dem dritten Regiment gegen die Franzosen!". „Was", schrie ich, „das Goldstück soll ich meiner Mutter schicken?". Den übrigen Teil seiner Rede hatte ich nur halb gehört und gar nicht verstanden. „Ja, mein Junge", sagte der dicke Wachtmeister. Mein Auge strahlte vor Freude; ich meinte, er habe es mir aus Mitleid geschenkt und ich hätte ihm vor Dankbarkeit die rauhen Hände küssen mögen. Ich steckte das Goldstück ein und darauf wurde wieder zu trinken gebracht, und über dem Trinken wurde es Nacht. Ach, den alten Jtzig hatte ich ganz vergessen! Wie mochte er auf mich gewartet, was mochte er ohne mich angefangen haben! Das kam mir vor lauter Zechen und Jubilieren nicht in den Sinn; endlich fiel ich auf die Bank, schlief ein und als ich am andern Morgen erwachte, da lag ich in einem Holzstall und neben mir zwei Soldaten von dem vorigen Abend. Mein erster Gedanke war der alte Jtzig. Ich wollte fort. Aber da riefen die Soldaten: „Allons, jetzt geht's in die Kaserne!" Ach, da ward mir's denn Nar, was ich getan hatte, als ich am Abend vorher das Goldstück genommen hatte. Aber ich mußte folgen, denn ich hatte Handgeld von den Werbesoldaten genommen; ich mußte einen blauen Rock mit roten Aufschlägen anziehen, ich mußte die Muskete tragen und in Regentspark exerzieren. Den alten Jtzig habe ich in langen Jahren nicht wieder gesehen; denn in die Gegend von London, wo ich jetzt zu sein gezwungen war, kam weder er noch einer von seinen Bekannten. Sonst mißfiel mir das neue Leben eben nicht, ich hatte ein Goldstück, das ich heimschickcn durfte, ich bekam so viel Löhnung, daß ich etwas zurücklegen konnte, und zudem hatte ich hier im ganzen doch mehr Aussicht auf Fortkommen, wie in meinem früheren Amt als Aufwärter des alten Jtzig. Und in der Tat avanzierte ich schon nach 2 Monaten zum Unteroffizier. Da, im März des Jahres 1809, wurde eines Tages das Regiment in Regentspark zusammengeblasen und es wurde eine Proklamation verlesen, daß unser Regiment bestimmt sei, nach Spanien transportiert zu werden, um zum Wellington'schen Korps zu stoßen. Wir sollten uns in acht Tagen marschfertig gemacht haben. Jeder Gemeine erhielt fünf, jeder Unteroffizier 10 Schillinge, um sich noch allerlei Reisebedürfniffe anzuschaffen. Aber mir fiel es schwer aufs Herz. Nach Spanien konnte ich nicht mitziehen. Glauben Sie nicht, daß die dem jüdischen Volke so oft vorgeworfene Feigheit den siebzehnjährigen Knaben vor der Fahrt und dem spanischen Kriege beben machte. Ich bedachte, daß meine Mutter mit mir ihre letzte Stütze verlieren würde — nach Spanien konnte, nach Spanien wollte ich nicht ziehen und mein Entschluß war rasch gefaßt. Mit den zwanzig Schillingen, die ich von meiner Löhnung erspart, und mit den zehn Schillingen, die ich als Unteroffizier erhalten hatte, machte ich mich in der Nacht auf. In dem Anzuge eines Matrosen, den ich mir schon vorher zu verschaffen gewußt hatte, kam ich am Morgen nach Oxfort, pilgerte durch Gloucestershire und Montmouthshire dem Westen zu, meist bei Nacht, während ich mich bei Tag in einsamen Dörfern aufhielt, betrat bei Tydvill das Fürstentum Wales, durchzog das Hochgebirge von Caermarthen bis Caernarvon, kletterte bei Llanberis über den Snowdon, überschritt bei Bangor die Menai-Strait-Brücke, und kam endlich nach achttägigen Kreuz- und Querzügen an der Nordwestspitze von Anglesea, in Holyhead an. Auf einer Schaluppe, die Schieferplatten nach Dublin bringen sollte, mietete ich mir einen Platz und nach eineinhalbtägiger Seefahrt betrat ich den Boden von Irland. Hier atmete ich zum erstenmal wieder frei auf; hier hielt ich mich für sicher und ich war es auch. Aber ich war auch wieder ganz verlassen und in noch größerer Gefahr, als an jenem Tage, wo ich dem Helgoländer Kauffahrteischiff entsprang. Zudem ' war mein Geld darauf gegangen, und als ich auf der Bank in Phönixpark, traurig, hungrig und elend lag, da faßte ich zum zweitenmale an das Goldstück, welches mir meine Mutter eingenäht hatte. Allein ich dachte wieder: „noch mußt du es nicht herausnehmen" — es war recht, als ob mir aus jeder Berührung desselben neue Kraft erwachsen sollte. Ich ging wieder in die Stadt zurück; ich sah mir die Straßen, ich sah mir die Menschen, ich sah mir die Häuser au — und wenn auch nicht so riesengroß und so überaus volkreich wie London, so war ich doch schon mehrere Stunden gelaufen, ohne Ziel und Ende zu sehen. Auf einmal fiel mein Auge auf ein Haus, das in jüdischen Lettern anzeigte, daß sich in demselben eine Garküche für Juden befinde. Ich trat ein, gab mich als einen Glaubensgenossen zu erkennen und bat um unseres gemeinschaftlichen Gottes willen, daß sie mir etwas zu essen geben möchten. Der Besitzer der Garküche ließ mir zu essen geben und sprach mir freundlich zu. „Wohnen hier denn viele Juden?" fragte ich ihn. „Außer mir wohnt hier noch eine Judensamilie, Mr. Samuel, der große Kaufmann und Banker, auf der Sackville- Straße, das zehnte Gebäude von Leinsterhouse, rechts", sagte der Wirt. „Aber sonst kommen noch sehr viele jüdische Kaufleute aus London und Liverpool hierher, die bei mir speisen." Als ich gegessen und meinem guten Wirte herzlichst gedankt hatte, — denn außer dem Dank hatte ich ihm nichts zu geben — machte ich mich nach der Sackville-Straße auf, um das Haus des Mr. Samuel zu suchen. Ich fand es sogleich, denn es war groß, vornehm und zeichnete sich vor allen anderen Häusern aus. Mit beklommenem Herzen stieg ich die breiten Treppen hinauf und trat in das Haus; es waren eigentlich zwei Häuser: in dem einen war das Bankgeschäft und in dem anderen war der prachtvolle Laden mit den großen Glasfenstern. Ich kam in das Kontor des ersten Hauses und fragte nach Mr. Samuel. Ein junger Mensch — ungefähr so alt, wie ich selber damals war — stieg von einem Sessel herunter und kam zu mir an die Tür. Der Mensch hatte ein für mich unangenehmes Gesicht: stolz, hochmütig und boshaft. Er sah mich grimmig an und fragte mit barschem Tone: „Was wollt Ihr,? Wer seid Ihr? Ich bin Mr. Ralph Samuel. Wollt Ihr mich sprechen oder wollt Ihr meinen Vater sprechen?" Da ich mir nicht denken konnte, daß sein Vater noch roher sein könnte, als dieser junge Mensch, so sagte ich, ich wollte seinen Vater sprechen. „Dann müßt Ihr hinübergehen in den Laden. Dann habt Ihr hier nichts zu schaffen!" rief er und schlug die Türe hinter mir zu, ich ging. Darauf begab ich mich, die Mütze in der Hand, in den Laden. Die Lichter brannten schon und der Widerschein aus den Krystallglocken und den Spiegelscheiben blendete meine Augen. Als ich schüchtern nach Mr. Samuel fragte, ward ich zu einem alten Herrn geführt, der recht ehrwürdig aussah und auf meine Begrüßung das Sammtkäppchen über seinem grauen Haar ein wenig lüftete. „Womit kann ich Euch dienen?" fragte er. „Ich bin ein deutscher Jude", erwiderte ich, „den sein Schicksal hieher nach Dublin geführt hat, ich bin rat- und mittellos und wollte Euch bitten, mir einen kleinen Dienst in Euerem Hause anzuvertrauen." Mr. Samuel sah mich an. „Ich kenne Euch ja gar nicht", sagte er, „wie kann ich Euch in mein Haus aufuehmen? Eine kleine Unterstützung will ich Euch gerne geben." Dabei griff er in seine Tasche, ich aber hatte mich schon, Tränen in den Aug-.'n, abgewandt zum Gehen. Auf einmal sagte Mr. Samuel: „Wenn Ihr wirklich ein Jude seid, so könnt Ihr mir einen Gefallen tun. Wollt Ihr?" Ich kehrte mich wieder um und sagte: „Gewiß bin ich ein Jude und einen Gefallen will ich Euch gerne tun." „Heut abends ist meines seligen Vaters Jahrzeit", sagte Mr. Samuel, „und da möchte ich gern Minjen*) machen, aber mir fehlt der zehnte Mann. Wollt Ihr der zehnte Mann sein?" „Mit Vergnügen will ich der zehnte Mann sein", erwiderte ich und blieb. Nach einer halben Stunde wurde in *) Minjen ist die vom Gesetz vorgeschriebene Versammlung von mindestens 10 Personen männlichen Geschlechts, deren keine unter 13 Jahre alt sein darf.