Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Mocv s MocbenscdrM. Seite 61 rabbiner Schmelkes verhindert war, an demselben mitzuwirken, wurde seitens der Synagogenverwaltung dessen Schwiegersohn, der ob seiner Beredsamkeit und umsangreichen talmudischen Gelehrsamkeit wohlbekannte Rohatyner Rabbiner Se. Ehrwürden Herr Nathan Lewin zur Abhaltung der Andacht eingeladen. Die Rede übte aus die zahlreichen, den letzten Platz des geräumigen Gotteshauses füllenden Anwesenden, unter denen die Elite Lembergs zu sehen war, einen geradezu mächtigen Eindruck. Mit dem üblichen M-mols schloß die erhebende Feier, welche lange im Gedächtnisse der Zuhörer fortleben wird. Ung.-Brod. Bei der jüngst vorgenommenen Vorstandswahl der hiesigen israelitischen Stadtgemeinde ist Herr Leopold I. Schön zum drittenmal zum Bürgermeister gewählt worden. Leipnik. Vor einigen Monaten ereignete sich im hiesigen Gotteshause während der hohen Feiertage ein Aufsehen erregender Vorfall. Der auch als tschechischer Agitator bekannte „Stöpselpollak" mußte damals mit Gendarmerieassistenz aus dem Tempel entfernt werden, weil er als Konfessionsloser dem Kultusvorsteher und ehemaligen Religionsgenossen zum Spott und Hohn trotz Abmahnungen und direkten Verbotes im Gotteshause aus einem vorher käuflich erworbenen Sitze Platz nahm und dort seine Andacht verrichten wollte, in der Tat aber die Andacht der anderen störte und öffentliches Aergernis erregte. Pollak suchte für seine beleidigte Ehre zunächst Schutz bei der Bezirkshauptmannschaft, die jedoch die ganze Angelegenheit als eine interne der Kultusgemeinde betrachtete und sich daher nicht veranlaßt sah, einzuschreiten. Die Statthalterei bestätigte die Entscheidung der ersten Instanz. Nun flüchtete Pollak in den Gerichtssaal, indem er den Kultusvorsteher Dr. R o k o t n i tz auf Ehrenbeleidigung klagte. Beim hiesigen Bezirksgerichte wurde der Angeklagte freigesprochen mit der Begründung, Dr. Rokotnitz habe kraft seines Amtes für die Ruhe und Ordnung im Tempel zu sorgen gehabt und diese habe er durch Pollak's Erscheinen für gestört gehalten. Nunmehr hat auch das Kreisgericht in Neutitschein sich dieser Ansicht angeschlossen und die Berufung des Klägers kostenpflichtig a b g e w i e s e n. Stary-Sambor. (Trauung.) Am 25 Jänner 1905 fand die Trauung des Fräulein Jda Jacob, Tochter des Herrn Hirsch Jacob aus Stary-Sambor, mit Herrn Majer W e i ß m a n n statt. Charlottenburg. Justizrat Rosenberg ist mit 47 von 53 Stimmen zum Stadtverordnetenvorsteher und Kursmakler Kaufmann mit 43 Stimmen zum Stellvertreter gewählt worden. Köln a. Rh. Professor Dr. Minkowsky hat einen Ruf als ordentlicher Professor an die Universität Greifswald erhalten und bereits angenommen. Infolgedessen scheidet er aus seiner Lehrthätigkeit an der hiesigen Akademie für praktische Medizin, die er erst vor kurzer Zeit angetreten hatte. München. Der Honorarprofessor der hiesigen Universität und Oberlandesgerichtsrat Dr. Heinrich Harburger ist zum Rate am kgl. bayer. Obersten Landesgericht in München, dem höchsten bayer. Gerichtshöfe, ernannt worden. Die Mitglieder des Obersten Landesgerichtes stehen im Range eines Landesgerichtsprüsidenten, ein Rang, wie ihn in Bayern vor dem erst 54jährigen Rat Dr. Harburger noch niemals ein Jude erreicht hatte. Lissa. Herrn Rabbiner Dr. Baeck ist anläßlich seiner vierzigjährigen Rabbinats-Wicksamkeit der Rote Adler-Orden IV. Klasse verliehen worden. Gotha. Im abgelaufenen Jahre wurden im hiesigen Krematorium 8 jüdische Leichen verbrannt. Paris. Divisionsgeneral Naquet-Laroque wurde zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt. Er hat 43 Jahre Dienstzeit, 4 Feldzüge hinter sich und wurde einmal verwundet. Er ist dauernder Generalinspektor der Küstenbefestigungsartillerie, Mitglied der technischen Kommission für die Artillerie und Geniewaffen und solches der Studienkommission für die Küstenverteidigung. — Oberst Mordechai Valabröge, Kabinetschef im Kriegsministerium, wurde zum Offizier der Ehrenlegion ernannt (35 Jahre Dienstzeit, mit Exkapitän Dreyfus verwandt). Feuilleton. Eine Geschichte ans der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. (Fortsetzung.) Dann kamen die Wochentage wieder und der alte Jtzig war mit meiner Aufwartung so zufrieden, daß er mir schon vor dem Neumond einen Sixpence schenkte. Das dauerte eine Woche so und wir hatten beide nichts über einander zu klagen. Im Stillen hatte ich mir freilich schon manchmal wohl gesagt, daß ich auf diese Weise das Glück nicht machen würde, von dem ich in Deutschland geträumt hatte: allein da sich mir nichts Besseres bieten wollte, so hielt ich geduldig aus. Da bekam ich einen Brief von meiner Mutter, der ich geschrieben hatte, wo ich jetzt sei. Ach, der Brief war voll von Jammer und Klage — die Franzosen hatten die Stadt geplündert und meiner Familie das Wenige genommen, was sie gehabt hatte. Nun waren sie ganz arm. Sie mochten wohl auf meine Hilfe und Unterstützung warten. Was konnte ich ihnen geben? Aber ich dachte nun ernstlich daran, mein? Lage zu verbessern, um für die Meinen ltwas tun zu können. Von Morgen bis Mittag und von Mittag bis Abend schlenderte ich aus den Straßen herum: aber es wollte sich nichts ereignen. Eines Tages ging ich in ein Alehouse in Whitechapel, um ein Glas Bier zu trinken. Da ging es hoch her, Matrosen fassen an dem Tische und sangen das Lied: „A vvhet sheet and a tiowing sea!“ Fuhrleute und Taglöhner und Straßenpflasterer forderten zu trinken und schlugen auf die Tischplatten und zwei Harfenistinnen spielten, ein Landstreicher ließ einem aufgeputzten Affen tanzen, und ganz hinten, hinter den Fässern, saßen vier, fünf Soldaten mit rot getrunkenen Köpfen und schrieen: „Eie hussah! Handgeld für die Blauen! Wer nimmt Handgeld für die Blauen?" Um sie herum fassen noch sechs oder sieben junge Burschen, die mit ihnen schrieen und tranken. Kaum daß ich eingetreten war und mich schüchtern nach einem Plätzchen umsah, wo ich mein Pint rasch leeren möchte, da hatten mich die betrunkenen Soldaten schon ins Auge gefaßt. „Heda, Junge", schrie der dicke Wachtmeister, der aufgestanden war und den blauen Rock und die Weste und das Hemd aufgeknöpft und aufgeriffen hatte, daß man die braune wetterharte Brust sehen konnte. „Heda, Junge! hier heran! Hier wird aufs Wohl des Königs getrunken — wer mittrinkt, hat freie Zeche, und wer nicht mittrinkt, ist ein Hundsfott und ein Verräter!" Nach einer solchen Einladung hatte ich wahrlich Angst, für einen Verräter gehalten und als ein Hundsfott traktiert zu werden, wenn ich den Leuten nicht ihren Willen täte. Also trat ich zu ihnen. „Platz da für den Fremden," rief der Wachtmeister — „hierher, mein Junge, — Wirtschaft! heda, Wirtschaft! Ein Pint bitter Ale, vom stärksten! Die Kanne wurde gebracht und wir stießen auf das Wohl des Königs an. Dann sagte einer von den Soldaten: „Sollen wir nicht auch einmal auf den gänzlichen Untergang Napoleons und der Franzosen anstoßen?" „Ja", rief ich schon ganz erhitzt und so gut ich es mit meinem schlechten Englisch konnte, „ja das ist wahr! Die Franzosen haben meiner Mutter die Betten zerrissen, die Stühle verbrannt und das Geld gestohlen — die Franzosen sollen untergehen und Napoleon soll auch untergehen!" „Bravo", rief der dicke Wachtmeister, „bravo mein Junge. Das' heißt gesprochen wie ein Mann! Gebt mir dem Jungen zu trinken." Sie gaben mir zu trinken, das sah ich. Sie goßen mir aber auch Whisky in das Ale und das sah ich nicht. Mir wurde immer heißer und wilder zu Mute: ich mußte den Rock und die Weste ausziehen. Mir war, als solle mir der Kopf springen — so war mir noch nie gewesen. Dabei sang ich und schrie wie die anderen und schlug auf den Tisch und fluchte auf die Franzosen. Unterdeffen zog der dicke Wachtmeister eine Börse aus der Tasche, nahm ein Goldstück heraus und reichte