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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Serie 54 am besten der Umstand, daß Nathan aus Rom bei Abfassung seines talmudischen Lexikons „ Aruch" (gegen 1C00) schon das slavische Idiom bei der Erklärung mancher Worte zu Hilfe nahm (s. V. pis und ri^o). Wenden wir den Blick zu der Literatur daselbst, gewahren wir zu Anfang des X. Jahrhunderts nur zwei hebräische Schriftsteller im eigentlichen Sinne dieses Wortes und dies sind nämlich der Verfasser des Buches Josippon und Schabbatai Tonolo, und schon nach oberflächlicher Prüfung mutz sich die Ueberzeugung fast mit apodiktischer Sicherheit Bahn brechen, daß beide hier nur wie exotische Pflanzen in einem Treibhause gedeihen. Nicht nur in Italien allein, sondern im ganzen Abendlande hat die hebräische Literatur bis zu dieser Zeit nur Gebetstücke und im talmudischen Dialekt abgefaßte Responsen oder Midraschim aufzuweisen und selbst die Nabbinen und Gaonen im Orient verfaßten ihre Gutachten und Werke in arabischer Sprache. Wie sollte da über Nacht in Italien meteorartig ein gewandter Stylist in reinstem biblischen Hebräisch, wie der Verfasser des Buches Josippon, entstehen, wo die Elementarkenntnisse hiezu nicht vorhanden waren und gänzlich fehlten? In der Literatur können eben keine solchen Wunder sich vollziehen! Wenn der Boden vorher nicht urbar gemacht wird, können Disteln wachsen, aber keine Rosen gedeihen. Sieht man die Schwerfälligkeit ihrer Zeitgenossen dort im Styl, der nur ein Konglomerat von talmudischen Wörtern und abgerisienen Bibelversen bildet, muß man zur Ueberzeugung gelangen, dort kann nicht das geeignete Milieu gewesen sein, aus dem solche Schriftsteller hervorgehen sollten. Ueberdies schrieb Donolo über Astronomie, einen Gegenstand, der in Italien damals im Allgemeinen sehr im Argen lag. Und sodann bekunden beide Autoren neben Kenntnissen des Lateinischen und Griechischen, Sprachen, die die Juden in Unteritalien damals auch verstanden, auch die Beherrschung des Arabischen und anderer orientalischen Sprachen, wofür eine Analogie daselbst fehlt. Di se Antoren konnten daher nur einer Gegend entstammen, wo alle diese erforderlichen Vorbedingungen gegeben und vorhanden waren, und dies war nur möglich an einem Orte, wie im fernen Osten, wo sich Europa und Asien berühren und sich der Handelsverkehr dieser Erdteile konzentrierte und die Juden dieser Gegend in vorderster Reihe dieses Verkehres standen, nach dem Zeugnisse des arabischen Schriftstellers Jbn-Khordadbe's im IX. Jahrhundert diese Bene Hadani oder wie er sie gleichbedeutend Radanitten nennt, neben der slavischen auch der lateinischen, griechischen, arabischen und persischen Sprache mächtig waren. Läßt man sich genauer in Prüfung von den auf sie bezugbabenden Details ein, bestätigt sich diese Annahme vollauf. Beide sind die ersten hebräischen Schriftsteller des Westens, die nach der Weltschöpfungs-Acra zahlen und solche dort fast inaugurierten, die in anfgefundenen Handschriften (Pinner's, Prospektus der Manuskripte in Odessa) und auf Grabsteinen von damals im fernen Osten auch sich vorfindet und beide nennen (von Donnolo ist nur eine Vorrede seines Tachkemoni veröffentlicht) merkwürdigerweise Persien oder richtiger das alte Medien ppv, wie es die orientalischen Schriftsteller, nach dem Zuge Alex.nider's dorthin und als er sich dessen bemächtigte, nennen. Zwar findet sich diese Benennung auch im Targum und Midrasch, aber ist bei keinem abendländischen jüdischen Auror anzutreffen. Schon der Name Donnolo allein zeigt, daß er 'p hieß, nur in Unteritalien, wo damals das Italienische schon entwickelt war, wurde auch der Name italianisiert ans Donnolo. Die Erwähnung seinerseits sowohl in der Vorrede des Jezira-Kommentars, daß er Astronomie in Babylon studierte, wie auch aus den pnpöi fr •“ed lernte, desgleichen in dem Titel seines Buches ü er Medikament' (Kercm Ehemed VIII p. 97) p-ipfci •'san mttaro mnp“ia npnb legt mir die Vermutung nahe, daß er oder sein Vater, aus Taberisten, am Kaspischen Meer, wo damals diese Studien bei den Juden dort in Blüthe standen (Uevue orlentals I p. 309), herstammt. Donnolo's Grabstätte befindet sich auch in der Krim. (Pinsker Likute Kadmonijoth p. 224). Was den Verfasser des Josippon wieder anbetrifft, ist es zweifellos, daß er ein slaviscber Jude war, vom Osten herkam, im Sklavenenlande, von dessen Verhältnisse er eine genaue Kenntnis an den Tag legt, längere Zeit leben mußte und wahrscheinlich dann nach Italien übersicdelte, v.n alldem im Buche selbst genügend Fingerzeige vorhanden sind und viele Stellen in demselben legen hievon laut Zeugnis ab Das Sujet zu diesem Buche sollten eigentlich dem Verfasser Josephus Flavius Geschichtziwerke liefern, die er angeblich wiedergeben sollte, er benützte aber mehr Egesippus und auch Sagen aus anderen Schriften arabischer und persischer Autoren, besonders über die Perserkriege und Alexander's Zug nach Kaukasien, erdichtete auch Vieles und vermengte Wahrheit und Dichtung, dem Geschmacke jener Zeit sich anzupaffen, versetzte auch Personen und Begebenheiten seiner Zeit ins Altertum, die durch die dünnen Hülle gleich sich als solche verraten. Während er bei der Erwähnung anderer Staaten und Völker sich nur ganz kurz aufhält, mit Ausnahme von Italien, wo er sich schließlich niederließ, beschreibt er zu wiederholtenmalcn ausführlich Land und Leute im Osten um das Schwarze und Kaspische Meer,wie auch der sich dort angrenzenden Gebiete, nennt (Cap. I) dort die Namen aller Völkerstäinme, die er unter einer Völkergruppe Togarme znsamu enfaßt, wie es die arabischen Schriftsteller zwar auch angeben, erwähnt (Cap. 10), daß in Cis-Kaukasien mehrere Stämme Israels leben und auf diese bezughabenden Sagen u. s. w. Er beschreibt ferner (Cap. l) genau die Grenzen des Sklavenenlandes an der Adria, zählt die dort lebenden Volksstämme mit ihren verschiedenen Namen auf, macht einen Unterschied zwischen Nr. 4 Westslaven fp22*) und Ostslaven oder solcher slavisch-tartarischer Abstammung oder Mischung D'rrn, welch letztere auch die arabischen Schriftsteller jener Zeit unter diesen Namen oft anführen, nennt noch das ganze Land an der Adria mit den früher dazu gehörenden Teilen und Völkern unter den Kollektivnamen Sporen "nattf (anagrammatisch falsch geschrieben *stwi), der ursprüngliche Namen der später in Gruppen geteilten Slaven (Bandtke, Dz. Polsk, I, p. 52) und unter der mittelalterlichen hebräischen Benennung dieses Landes K'm, wie auch Jbn-Khordadbe im IX. Jahrhundert es erwähnt. In Kapitel 64 hebt er noch hervor, daß dieses Land jn'"ip (Kroatien, richtiger zu lesen jroip Chrobatia, wie dieses Land damals hieß) einen blühenden Handel hat, dessen Schiffe allwärts Verkehren, selbst dorthin, wo bis dahin überhaupt noch keine Schiffe kamen, indem er hinzufügt, sie müssen aber dem byzantinischen Reiche Zölle entrichten. In Kapitel 14 erzählt er ferner, daß in diesem Lande, er nennt es mit dem alten Namen Jllyrien, mehrere Stämme Israels sich niederließen, um hier zu wohnen. Er lüftet aber auch unwillkürlich sein Inkognito und verrät sich als Slave besonders mit dem Wort „Slovaken" (Kap. 10) so auch (Kap. 3) mit (Bog, slavisch Gott) nn rn anstatt "in., was er gewiß absichtlich tut des barocken Klanges wegen oder wie es stets seine Art ist, den Leser mystifizieren zn wollen **) rc. Ich finde es überflüssig, noch weitere Beweise hiefür anzuführen, da diese genügen dürften. Dieses Buch enthält auch eine Fülle von neuen sonst unbekannten Ausdrücken, wie z. B. Kriegsforderung nönbtt ivrnv und "i£on rn für Urteil. (Bergt. Gesenius, armenisch „Dat", judicium) rc. Daß er ba§ Arabische auch vollständig beherrschte lassen sich außer seinen Zitaten viele Beweise erbringen und führe ich das eine Beispiel rninn '2121p (Kap. 36) nur deshalb an, weil eben Jehuda Jbn-Tibbon (gegen 1150) zn Ende seiner Uebersetzung von Maimnnis „More Nebuchim" meint, daß er das Wort atoip neu eingeführt und vom Arabischen entlehnte; ebenso verhält es sich mit noch weiteren unzähligen Worten wie p2!2, nrrin rc. Da sieht man eine fast vollständig ausgebildete Sprache, zu einer Zeit, als es in Spanien am diesem Gebiete noch nicht einmal dämmerte und will ich damit nur andeuten, daß die jüdisch-slavischen Kolonien in Spanien vom Osten nicht nur Handelsartikel importierten, sondern auch geistige Werte und eröffnet sich da eine neue Perspektive, wobei noch wünschenswert bleibt, zu prüfen, welchen Einfluß die östlichen Juden dort in dieser Richtung übten und welchen Anteil sie dort an der Wiederbelebung, Fortbildung und Neuausgestaltung dieser Sprache hatten. S. Spinner. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 22. Jänner 1905 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn der Sitzung 10 Uhr vormittags. Zu Beginn der Sitzung hält der Vorsitzende Präsident Dr. Alfred Stern dem dahingeschiedenen ehemaligen Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn kais. Rat Heinrich Klinger, folgenden Nachruf, welcher von der Versammlung stehend angehört wurde: Geehrte Herren! Vor acht Tagen folgten wir einem teuren, uns unvergeßlichen Manne zu seiner letzten Ruhestätte Was die Kultusgemeinde bei diesem Anlasse an Ehren erweisen konnte, das hat sie damals getan. Ich glaube aber, daß es sich ziemt, dem Verewigten auch hier, an der Stätte seines langjährigen, gesegneten Wirkens, in diesem Saale, wo wir so oft sein mildes, verständiges Wort hörten, ein Wort des Gedenkens zu weihen. Es war im Jahre 1885, als Klinger zum erstenmale in den Vorstand gewählt wurde, in welchem er als Ver- *) Aus Kap. 9, wie er Alexander b. Gr. Zug nach dem Norden schildert, ersieht man, daß er schon den alten Sitz der Sarmaten am Don fp22 pa nennt. **) In vieler Beziehung halte ich es von Wichtigkeit, noch hervorzuheben, was er bezüglich Julius Cäsars Kalender Kap. 15 äußert, daß solchen auch die röm.-kath. und griechische Kirche (O'21'i D’“i2tiJ) angenommen hatte. Dies konnte er nur wissen, weil er in unmittelbarer Nähe im Sklavenenlande lebte. Die Bewohner dieses Landes haben noch im VIII. Jahrhnndert das Christentum angenommen und unterstanden dem Patriarchen in Constantinopel. Obzwar das definitive Schisma zwischen den beiden erwähnten Kirchen erst im Jahre 1045 sich vollzogen hatte, war der Bruch auch zufolge des Bilderstreites im IX. Jahrhundert bereits ein offener. Zufolge dieses Streites ist Bulgarien und das Sklavenenland gegen Ende des IX. Jahrhunderts aus der griechischen in die lateinische Kirche übergetreten. Dieser Umstand, daß er diese Trennung kennt, beweist auch, daß er im Sklavenenlande längere Zeit leben mußte. Er ist auch der erste hebräische Autor, der die Anhänger der griechischen Kirche ü'2r nennt, wie es in den späteren Schriften im Mittelalter geschieht. Dr Mocb s IMocbenscbrtrt.

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