Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Dwcb's MocbenscbrM. Seite 53 Aber ist es nicht merkwürdig, daß man unter den beiden Vätern der deutschen Sozialdemokratie gerade jenen als den „nationalen Sozialisten" zu bezeichnen pflegt, in dem sich die Eigenschaften jüdischer Herkunft und die - Einflüsse jüdischer Kindheit am reinsten erhalten haben? Es mag bei Marx in Betracht kommen, daß sich die Rheinprovinz, aus der er stammte, überhaupt erst sehr spät mit der preußischen Herrschaft ausgesöhnt hat. Auch weist Onken mit Recht darauf hin, daß Marx schon durch sein Exil veranlaßt war, die Pflicht im Wesentlichen als internationale Sache aufzusassen. Ein beträchtlicher Rest dieses Problems scheint mir trotzdem noch ungelöst. Das aber steht jedenfalls fest und tritt auch in der Onken'schen Darstellung wieder deutlich hervor, daß in Lassalle's Persönlichkeit und Politik nationale Motive immer stark wirksam gewesen sind". Me „Benv Hadani" in der jüdischen Hileratnr des IX. und X. Jahrhunderts. i. Kürzlich habe ich an dieser Stelle nachgewiesen, daß die an den Don angrenzenden Gegenden um das Schwarze und Kaspische Meer im frühen Mittelalter von den Inden „Erez Dedan" und die von dorther kommenden Inden, größtenteils auf der Handelsstraße über das Sklavenenreich an der Adria, wo viele derselben sich niederließen, auch „Bene Dedani" oder vom Stanime Dan abgeleitet „Bene Hadani" genannt wurden. Einer alten Tradition gemäß, sollen nämlich die zehn Stämme Israels nach dem Norden ins Exil geführt worden sein und so erzählt schon Josephus (Jüd. Altertümer XI. V, 2), daß nur zwei Stämme der Juden Asien und Europa bewohnen, dagegen^ leben zehn Stämme in ungeheurer Anzahl in den Ländern weit jenseits« des Euphrats; desgleichen wird im Talmud (Kidnschin 72 a 2c.)W angegeben, daß sie im Norden wohnen, und im Midrasch Nabba zuH Echa heißt es ausdrücklich, daß diese über Armenien exiliert worden '1 sind, was auch Hieronymus in seinen Scholien zu Secharia X, H, 1 aus dem Munde der Juden in Palästina vernommen zu haben angibt: Narrant Hebraei captivum populnm Judaerum, non solnm in Medos .et .Persas, .sed in Bosporum qnoque et septentrioualem plagam ab Assyriis atque Chaldaeis esse trauslatnm. Diese alte Tradition hat sich nachweisbar bis zu jener Zeit im Mittelalter erhalten und wurden daher die vom Osten mit den Slaven vordringendcn Juden, die sich an der Adria ansiedelten, auch als ein Teil der zehn Stämme angesehen und deshalb wurden sie einfach auch „Bene Hadani" genannt. Diese Tatsache wurde durch Außerachtlassung der begleitenden Umstände ganz mißverstanden und war die natürliche Folge, daß eine Kette irriger Conclnsionen in der Auffassung und Darstellung der darauf bezughabenden geschichtlichen Momente entstanden; daher erachte ich es als angezeigt, auch diesen Punkt nochmals etwas eingehender zu erörtern und nach Möglichkeit aufzuhellen, und dürfte dies umsomehr das allgemeine Interesse erwecken, da hiebei manche neue Momente nnd Gesichtspunkte gewonnen, wie auch verschiedene Umstände in dieser teilweise noch unaufgeklärten Geschichtspartie beleuchtet werden, die bisnun in Dunkel gehüllt sind. Um das Gesagte zu illustrieren, will ich es kurzgefaßt und nur mit einigen Worten an der Hand eines Beispieles beweisen. David Kimchi in seinem Lexikon (s. v. rntf) erwähnt, daß Jona s-bn-Ganach in feinem Wörterbnche angibt: Juda b. Koraisch habe von Eldad den Daniten die Bedeutung dieses Wortes in einem von dem gewöhnlichen variierenden Smne gehört. Der Text Jbn-Ganach's liegt vor, nnd ungeachtet dessen sind alle dem Fehler verfallen, dies als Tatsache anzuerkennen. Folglich benützte man noch dieses als feststehend geltende Datum als sichere Prämisse zum Ausgangspunkt für weitgreifende Deduktionen zu machen, dadurch die Zeit vieler Personen und geschichtlicher Begebenheiten damals zu ermitteln. Rappoport (in den Biographien Saadias, Nathans rc., auch in der Borrede zu Parchans Lexikon) zieht daraus weitgehende Schlüsse, die als feststehende Tatsachen in alle neuen Geschichtswerke übergegangen sind. Pinsker in seinem Likute Kadmonijoth will daraus noch schließen, von seiner Behauptung nämlich ausgehend, daß Eldad, selbst nach seinen Ritualien zu urteilen, ein verkappter Karäer war, daß Juda b. Koraisch. trotzdem er rabbinische Schriften zitiert und rabbinische Gebräuche verteidigt, desgleichen von Rabbinen wiederholt als Autorität erwähnt wird, hauptsächlich deshalb weil er mit Eldad Umgang pflegte, ebenfalls Karäer war und weil die Richtung Menachem b. Sarugs in der Bibelerklärung eine ähnliche an dem Wortlaute sich haltende war, gelangte zum wunderlichen Schluffe, eine Behauptung aufzustellen, alle Autoren aus dieser Zeit, die sich mit Bibelforschung allern befaßten, zu Karäern zu stempeln. Grätz, der gewöhnlich alle Hypothesen Pinsker's als geschichtliche Tatsachen akzeptiert oder ausgibt, leistet ihm auch hier Folge. Man könnte dieses Thema so weiter ins Unendliche verfolgen, was aber ganz überflüssig wäre, da dies Angeführte als Beispiel vollständig genügt. Sehen wir uns aber das Original Jbn-Ganachs an, das Allen Vorgelegen ist, so war in der angeführten Stelle keine Rede von Eldad, sondern er schreibt, daß Juda b. Koraisch (im IX. Jahrhundert) von einem bjnbx d. h. soviel wie Ttn p hörte. Ich habe bereits nachgewieieii, daß Tunasch b. Tamim (gegen 950) auch Worterklarnngen aus dem Munde mehrerer „Bene Hadani" anführt, und es ist klar, daß dies alles nicht Bezug aus einen Mann haben kann, sondern damit die aus dem Osten kommenden Juden gemeint waren. Diese lebten dort Jahrhunderte lang in einem abgeschlossenen Gebiete, fast abgesondert von den anderen Juden und hat sich dort die Bedeutung vieler hebräischer Worte seit altersher in einem variierenden Sinne konserviert; desgleichen haben sich dort mit der Zeit auch manche neue Wortformen gebildet, die den Sprachforschern Interesse abgewinnen mußten. Bon Interesse ist es auch, zu sehen, wie der viel spätere Tanchum Jeruschalmi (gegen 1200) noch die Erklärung eines Wortes dieser Juden in seinem arabischen Kommentar zu Echa IV. 8. nämlich im Namen „eines Juden aus der Wüste Dan, dem Stamme Dan angehörend." rpy ''tzbx pro p rarer?n p) (p B2W 6a H23D '3-6x2 anführt. Das Mißverständnis, daß man jeden „Ben Hadani" für Eldad Hadani nahm, und im Verkennen des Umstandes, daß damit nur die vom Osten, nämlich von der Gegend des Kaspischen und Schwarzen Meeres kommenden Juden bezeichnet wurden, führte eine förmliche babylonische Verwirrung herbei. Bezüglich Eldads selbst muß man nach Prüfung des Materials ihm auch Gerechtigkeit widerfahren lassen und zngeben, daß er einen großen Teil bona üde vorbrachte. Seme Mitteilungen, die im Norden lebenden zehn Stämme betreffend, habe ich eingangs dieses Artikels nachgewiesen, daß die Juden zu jener Zeit allgemein der Meinung waren, diese leben nod) im Norden und lebte ja wirklich ein großer Teil der Juden dort in Unabhängigkeit; desgleichen behauptete sich die Sage von Bene Mosche und dem Fluße Sambation, wie R. Zemach Gaon dies aus einer gewiß verloren gegangenen midraschischen Schrift bestätigt, welche auch noch Raschi kannte und zu Kiduschin 89a zitiert u. A. wie auch Jbn Daud zu Ende seiner Schrift Dibre Matche Jisroel. Auch der arabische Schriftsteller Scharastuni in seinem Buche »über die religiösen Sekten p. 189 erzählt von dem Sektierer Abu-Jsa Nb. Jakob aus Jspahan, daß er sich „nachher jenseits der Wüste au »die Bene Mosche wendete ihnen das Wort Gottes zu verkünden." jDies war seine Ueberzengnng, wie die seines Zeitgenossen, des Verfassers des Buches „Josippon", der dasselbe Kap. 10 und 84 erzählt.*) Wenn Eldad sich Uebertreibringen mitunter bis ins Abenteuerliche gestattet. ist er ja nur ein Kind seiner Zeit und verfährt der Verfasser des Buches Josippon ebenso, den Bedürfnissen jener Zeit sich anpassend und entsprechend, dre Methode der jüngeren aus jener Zeit stammenden Midraschim befolgend, wo der Phantasie mehr freier Spielraum eingeräumt wurde. Seine längeren Irrfahrten nach Bagdad, Egypten rc. sind eine Erfindung neuerer Zeit, da Eldad herhalten mußte, alle Hypothesen zu decken und wurde überallhin nach Belieben versetzt, so daß wenig fehlte, aus ihm eine Gestalt, wie des in der Sage bekannten ewigen Juden zu machen, der Jahrhunderte wandert und mindestens ein Alter Methuselachs erreichen müßte! Er ist gewiß auf der Handelsstraße über Sklavenien nach Andalusien, nämlich nach Eordova, wo jüdisch-slavische Kolonien existieren**) gekommen, besuchte auch Kairuan, soweit reicht die Kunde hievon, und ist dann gewiß in seine Heimat zurückgekehrt. Soviel bis heute von schriftlichen Denkmälern der Inden des fernen Ostens aus dieser Zeit von dortselbst auf uns gekommen und erhalten worden sind, zeigen solche alle einen durchsichtigen, klaren, ja biblischen Styl, was kein Wunder ist, da sie sich mit dem rabbinischen Schrifttum wenig befaßten und ihre ganze Aufmerksamkeit überwiegend der Pflege der biblischen Schriften znwendeten, daher bei ihnen der hebräische Styl, wie bei den Karäern, fast ein rein biblischer blieb. — Jetzt muß sich die Frage von selbst aufdrängen, wenn die Kenntnisse des Hebräischen bei diesen Juden dort von einiger Bedeutung wären, zugegeben, daß dort vieles abhanden gekommen sein sollte, wie ist es aber möglich bei dem damaligen steten und lebhaften Handelsverkehr zwischen den dortigen Juden und denen des Westen Europas, es sollte sich nicht ein wenn auch in gewissem Maße auch nur geringerer Grad von Einfluß auf die Juden des Westens in dieser Richtung geltend gemacht haben und sollte eventuell hievon jetzt eine jede Spur verwischt worden sein? Bei prüfender Umschau in der hebräischen Literatur vorerst in den nächst dem Sklavenenlande gelegenen Ländern, wie Italien und Spanien, gewinnt man den Eindruck, daß dieser Einfluß vielleicht ein größerer war, als man erwartete. Daß zahlreiche Juden des Ostens in Italien zu dieser Zeit leben mußten, bezeugt *) Grätz, Geschichte V p 242, daß er Ephraim und Menasche nach Mekka und Medina versetzte, ist entschieden unrichtig. Er sagt, nur diese Stämme leben auf den Bergen X'23 "U3 2:12621 ns-ö jnp:2? D6xrö2rn und will damit nur die Himmelsrichtung bezeichnen, daß sie südwestlich auf den Bergen wohnen und meint damit die Kibla, - weil die Mohammedaner, die dort zahlreich lebten, sich in der Richtung zur Kaaba in ihrem Gebete wenden. Ebenso ist es unrichtig, daß er den jüdischen Staat in Himzara kannte; sein 2?« ist das alte „Kissin", womit Herodoth u. A. die persische Landschaft Susiana bezeichneten. **) Ueber die jüdisch-slavischen Kolonien in Andalusien werde nächstens hier ausführlicher sprechen.