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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 52 Dr. JBiocb s Mocvenscbrttr. Nr. 4 Hier brauche ich nicht noch einmal die Frage zu stellen, ob „ja" oder „nein". Als Berichterstatter müssen Sie die „Oesterreichische Wochenschrift" kennen und wissen, daß dieselbe von vielen Tausenden von Laien gelesen wird. Ich muß es daher als eine Unaufrichtigkeit bezeichnen, wenn Sie bemerken: „Für diejenigen, die sich mit jüdischer Wissenschaft beschäftigen, war dies unnötig." Ebenso ist es eine moralische Defraudation, wenn Sie, Herr Jwri, meinen wichtigsten Vorschlag, den 700jährigen Todestag als Anlaß zu nehmen, populär-wissenschaftliche Volksschriften zu verfassen, unterschlagen. Ich frage Sie, Herr Jwri: Welche Logik es ist, wenn Sie selbst schreiben: „Eine Festschrift, eine große allgemeine Feier in einer großen jüdischen Gemeinde, ein feierlicher Gottesdienst, wären sie nicht am Platze gewesen?", meinen Vorschlag aber, Maimonides nicht bloß in großen sondern in allen Gemeinden in besonderen Gedenkreden zu feiern, kleinlich (!) finden. Ich ftage Sie, Herr Jwri: Sind Sie ein Rabbiner? Dann haben Sie — milde geurteilt — inkollegial gehandelt, sind Sie kein Rabbiner, dann müßten Sie erst den Beweis erbringen, daß Sie „Jwri" und den „Rambam" verstehen. Aus der zionistischen Bewegung. In einigen reichsdeutschen Blättern ist kürzlich die Meldung aufgetaucht, daß das Aktionskomitee der zionistischen Bewegung, das seinen permanenten Sitz in Wien hat, nach London übersiedeln soll. Aus kompetentester Quelle erfahren wir darüber folgendes: In der letzten Zeit ist innerhalb der zionistischen Bewegung eine gewifie Spaltung ein getreten. Während die „Territorialisten" auf Palästina überhaupt Verzicht leisten und nur eine „öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte" für das jüdische Volk suchen, sehen die „palästinensischen" Zionisten ihr einziges Ziel in der Kolonisation Palästinas. Für die einen ist somit das Volk die Hauptsache, für die anderen das Land, das „geistige Zentrum". So herrscht indes nicht nur in der Partei Uneinigkeit, sondern auch in der Leitung selbst. Bisher ist man zu keinem Schluß gelangt, da man den Bericht der vor einigen Wochen abgegangenen Uganda-Expedition und den nächsten (siebenten) Kongreß, der in einer der Schweizer Städte im Juli dieses Jahres statifinden wird, abwarten muß. Da aber der Territorialismus am meisten durch die englischen Zionisten vertreten ist und den beredtesten Wortführer in dem bekannten Novellisten Israel Zwangwill findet, so ist die allgemeine Ansicht der Zionisten gegen die Uebertragung des Zentrums der Bewegung nach London. Es wird entweder in Wien bleiben, wobei dem Aktionskomitee einige speziell delegierte russische Mitglieder beigestellt werden, oder es wird nach Berlin übertragen werden, wo sich die zur Zeit bedeutendsten Kräfte der Partei, wie Professor O. Marburg und Dr. Franz Oppenheimer, und auch die jüngeren intellektuellen Vertreter des Kulturzionismus befinden. Man hofft, daß es auf dem Kongreß zur Einigung beider Fraktionen kommen werde. „Die Zeit". Handelns Oratorium „Israel iu Egypten". Musikalische Kreise wird es interessieren, was Chrysander, der große Händelforscher, über „Israel in Egypten" sagt, das Händel 1738 in 23 Tagen komponierte. In Chrysander's Vortrag über Händel's Biblische Oratorien, der bei O. Meißner in Hamburg erschienen ist, heißt es über „Israel in Egypten": Der Text ist aus der Bibel vom Komponisten selber zusammengestellt. Als semitische Herrscher, die sogenannten Hirtenkönige, Egypten regierten, gelangten Joseph und seine Brüder in dieses gesegnete Land und wuchsen zu einem großen Volke aus. Als nach Jahrhunderten die semitischen Herrscher vertrieben wurden, kamen in Egypten Könige auf, die „nichts von Joseph wußten" noch wissen wollten und denen das üppig gedeihende Volk ein Greuel war. Die Bedrückung, welche jetzt begann, erreichte ihren höchsten Grad unter Ramses II., dem größten egyptischen Fürsten und einem der allergrößten Herrscher der Geschichte. Wenn man in dem Preisgesange, den sein Hofdichter Pentaur ihm widmet, die grauenhaften Qualen und Verstümmelungen liest, die er an Hunderttausenden seiner Feinde verüben ließ, so kann man ahnen, was das arme Volk Israel zu dulden hatte. Und sie duldeten, weil sie den Glauben an den einen bildlos zu verehrenden Gott, den auch die Egypter der Urzeit erfaßt (?), aber dann in der Vielgötterei preisgegeben hatten, geläutert wieder erwecken und nur diesen Gott zum Herrscher haben wollten. Endlich nach langer Regierung starb Ramses II. und unter seinem schwächlichen Nachfolger schlug für Israel die Stunde der Befreiung. Ein Künstler wird am sichersten erkannt und ermessen nach der Art, wie er einen Gegenstand angreift. Wenn Moses vorgeführt wurde wie Joseph, persönlich und in Begleitung seines Bruders vor König Pharao hintretend, persönlich und in dramatischer Weise das Volk befreiend, persönlich das Grundgesetz des neuen Gottesstaates verkündend, wie dieses unter Benutzung der biblischen Quelle leicht bewerkstelligt werden könnte, so würde das eine Anordnung sein, in welcher die Hand Händel's nicht zu erkennen wäre. Vor den Kräften, die diese Befteiung bewirkten, mußte die menschliche Persönlichkeit zurücktreten; für die Darstellung blieb daher die erzählende, also die epische Form die allein angemessene. Als keine Macht, kein menschliches Erbarmen imstande war, die Not des armen Volkes zu wenden, da trat ihr Gott selber hervor und erschreckte und knickte mit Plagen von elementarer Art und Gewalt die übermütigen Egypter. Die musikalische Darstellung dieser Vorgänge, aus richtiger Höhe betrachtet, ergab sich von selbst. Es war der Chor, dem hier weit überwiegend das Hauptwort zufallen mußte, und alle Welt ist auch so ziemlich darüber einig, daß Händel in den Chören seines „Israel" eine Reihe von Tonpyramiden aufgerichtet hat, die nicht ihres Gleichen haben. Daß der Komponist diese damals neue Form eines epischen, erzählenden Berichtes hier nicht zufällig, sondern absichtlich wählte, steht glücklicherweise außer allem Zweifel, denn den Text zu . „Israel in Egypten" hat er sich selber gebildet; es ist das einzige Werk, so viel man weiß, bei dem er keine ftemde Hilfe in Anspruch nahm. Ueber Lassalle's Judentum äußert sich Pfarrer D. Naumann in der Besprechung einer Biographie des Begründers der deutschen Sozialdemokratie aus der Feder Hermann Onkens in der „Hilfe" folgendermaßen: „Onken beginnt mit einer kurzen, ausgezeichneten Skizzierung der Judenfrage in der ersten Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts. Daß die jüdische Herkunft Lassalle's in der Schilderung seines Charakters kräftig unterstrichen wird, das ist um so mehr zu begrüßen, als man sonst in Deutschland solche Argumentationen leider zumeist den Antisemiten überläßt. Gerade Lassalle's ursprüngliche Eigenschaften, seine ganze Naturanlage zeigen viel ungemischteren jüdischen Charakter, als die irgend eines anderen Juden, der in der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts eine derartige Rolle gespielt hat. Wer sich etwa auf die wirren Pfade H. St. Chamberlains hinauswagen will, der könnte vielleicht in den Adern eines Börne, eines Heine, eines Marx die Beimischung arischen Blutes vermuten; bei Ferdinand Lassalle könnte er das nicht. Um so weniger Anlaß hat das Judentum von diesem Sohne zu schweigen, um so größeres Recht, auf ihn stolz zu sein. Denn Lassalle's Fehler — die wie alles bei ihm aufs Schärfste ausgeprägt waren und die meist zu jenen Eigenschaften gehörten, von denen man sagen kann, daß sie dem Judentum dank seiner merkwürdigen und unglücklichen Geschichte in besonderem Maße eigen sind, — diese Fehler werden tief in den Schatten gestellt durch die Tugenden und Vorzüge Lassalle's, die bei ihm noch mehr als die Fehler ins Große und Außergewöhnliche gewachsen waren

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