Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 60 Dr. Dlocb's Mlocvenscvrirr. Nr. 4 Für die jüdische Wissenschaft und Literatur hatte Frederic Mocatta stets soviel übrig, daß ihm vielfach der Titel eines jüdischen Mäcens beigelegt wurde. Schon 1870 gründete er eine Gesellschaft, um die besten Werke der hebräischen -Literatur ins Englische zu übertragen. Er selber bestritt die Kosten der Uebersetzung der Zuuz'schen Werke und ließ ferner Grätz's „Geschichte der Juden" ins Englische übersetzen. Jüdische Schriftsteller und Literaten, deren Handwerk bekanntlich nichts weniger als einen goldenen Boden hat, wandten sich selten vergebens an Mocatta. Auch der verstorbene Professor Moritz Lazarus fand in Mocatta einen generösen Förderer, als es sich um die Herausgabe der „Ethik des Judentums" handelte. Die anläßlich des 50-jährigen Regierungsjubiläums der Königin Viktoria veranstaltete Ausstellung von Gegenständen, die mit der Geschichte der Juden in England in Verbindung gebracht werden konnten, war gleichfalls Mocatta's Werk und man weiß, welche Förderung diese Ausstellung aus das Studium der jüdischen Geschichte unter den englischen Juden gehabt hat. Welches Ansehen der Verstorbene in weitesten Kreisen genossen hat, konnte man so recht anläßlich der Feier seines 70. Geburtstages erkennen. Nicht weniger als 250 Vereine haben ihm eine Riescnadresse mit 8000 Unterschriften überreicht. Unter den Gratulanten befanden sich viele Mitglieder des königlichen Hauses, sowie 3 Erzbischöfe, resp. Kardinäle. Mocatta blieb auch nach Ueberschreitung seines 70. Lebensjahres gesund und rüstig und konnte mit uugeschwächter Energie weiter im Dienste des Judentums wirken. Am 24/26 September v. I. wurde er jedoch von einem Schlaganfall überrascht, von dem er sich nicht wieder erholen konnte. Am 16. Jänner, gerade an seinem 78. Geburtstage, verschied er sanft in den Armen seiner Gattin. Vom Zabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Triumph des Todes. — Der Notschrei des russischen Volkes. — Der deutsche Kronprinz und Friedrich der Große. — Eine Entdeckung des „Deutschen Volksblatt".) Vor mehr als sechshundert Jahren hat Andrea Orcagna, einer der vornehmsten Künstler der Frührenaissance, im Campo Santo zu Pisa in einem Freskobilde den Triumph des Todes geschildert. Der Künstler erfaßt das ganze Leben nur als die große Tragödie der Menschheit. Sinnsprüche an den Rändern des Gemäldes erläutern seine düstere Weltanschauung. Viele dieser Sprüche sind bereits unleserlich, einige sind noch erhalten: „Primus natus Kayn, primus homicida." Der Erste, der geboren ward — der erste Mörder. „Secundo natus Abel, primus morfcuus.“ Der Zweitgeborene, der erste Tote. Jeder Spruch eine Tragödie. Das Bild selbst: der Todesengel, in düstere schwarze Gewandung gehüllt, mit der Sichel bewaffnet, fährt durch die Lüste. Eine Gruppe von Armen und Unglücklichen streckt flehend die Hände nach ihm aus. Ein Spruchband gibt ihrer Sehnsucht Ausdruck: „Da gut Geschick sich von uns gewendet, so komme bald, Erlöser aller Not, reich' uns das letzte Abendmahl, o Tod!" Der Würgengel achtet ihrer nicht. Das Elend soll sich ausbreiten und zu Jahren kommen. Er wirft sich auf die Reichen und die Glücklichen, die Großen und die Gekrönten. Es ist ein gemaltes Gedicht von gewaltiger Erhabenheit. L Da gut Geschick sich von uns gewendet . . . Erschütternd und erhaben wie jener Ruf der vom Schicksal Gepeinigten, erklang der Notschrei der russischen Arbeiterschaft, des russischen Volkes. Auch sie wollten den Tod lieber, als noch weiter ein Leben des Unglücks, der Knechtung, der Schande tragen. Ein Auffchrei war das Manifest an den Zaren, so durchdringend und packend, wie ihrer die Geschichte nur wenig kennt. Die Menschheit hielt den Atem an, — ein Moment weltgeschichtlicher Spannung? Wird der Schrei gehört werden? Ist es möglich, daß er ungehört verhalle? Hier endet die Analogie. Blut ist geflossen in den Straßen Petersburgs und es war das Blut der Armen und Unglücklichen. Es düngt den Boden für die Aussaat der Zukunft. Auch in Deutschland haben sich die Massen der Arbeiter geregt. Es liegt etwas in der Luft, die gesättigt ist mit den Forderungen der Zeit, mit all ihren Bitterkeiten und Erbitterungen, aber auch mit all ihren Hoffnungen. Was werden mag, ist fraglich. Sicher ist nur — die Weisheit des Antisemitismus hat es schon haarklein herausgefunden und bewiesen, — daß an allem möglichen und unmöglichen Unheil, das schon vorhanden ist und noch kommen wird, doch nur die Juden schuld sind. Plectuntur Acliivi! Kein weltgeschichtliches Ereignis kann sich mehr vollziehen, möge es Heil oder Unheil bringen, ohne daß es die Juden zu büßen hätten. Es muß nicht immer gerade ein weltgeschichtliches Ereignis sein, es tut's auch ein minderes. Der deutsche Kronprinz und sein Bruder Prinz Eitel Friedrich sind jetzt schon groß genug, daß sie bei einem studentischen Festkommerse mittrinken dürfen. Wenn das geschieht, ist das für die Korona der verehelichen Konkneipanten ein ungemein festlicher Vorfall. Auch bei solchen Anlässen muß aber natürlich die Etikette gewahrt werden. Es wäre nicht nur geschmacklos, sondern einfach kommentwidrig, wenn der Kontrapunkt seinen Bierschwesel zu einem Versuche benützen wollte, den zukünftigen deutschen Kaiser in irgend einer Weise politisch zu engagieren, ihn am Ende gar zu apostrophieren: Sire, geben Sie Gedankenfreiheit! Das geht nicht. Was aber immer geht und immer zeitgemäß, angenehm und nützlich ist, das ist das Hinhauen auf die Juden. Die Festrede hielt ein Kandidat der Theologie, und er wußte sich keine bessere Pointe zu ersinnen, als den bewährten Kernsatz: „Dem Judentum unter uns muß der Absagebrief gegeben werden". Darauf wurde dann vergnüglich ein Kuhschluck gezogen, wenn man schon nicht die „Diagonale" trank oder sich gar einen „Ganzen" genehmigte. An dem Beifalle, den diese tiefe Weisheit des Kandidaten entfesselte, beteiligte sich, wie die Berichte vermelden, auch der deutsche Kronprinz, und damit nicht doch etwaige Zweifel, rege würden, begrüßte er sodann huldvollst den bekannten antisemitischen Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg, der eigentlich einen recht verdächtigen Namen hat. Man soll jugendliche Scherze nicht zu ernst nehmen. Der deutsche Kronprinz ist noch jung und wird älter und reifer werden. Er ist berufen, dereinst den deutschen Kaiserthron zu besteigen, und es ist zu erwarten, daß ihm ein gütiges Geschick Zeit gönnen wird, auszureifen und seine Weltanschauung zu klären. Man muß nicht gleich erschrecken. Es hat schon soviele freisinnige Kronprinzen gegeben, die dann später umgesattelt haben, daß man ruhig abwarten kann, wie sich ein Kronprinz entwickeln wird, der zur Abwechslung einmal nicht mit dem Freisinn beginnt. Auf die Zechkumpane, mögen sie nun Fallstaff, Liebermann oder Dortchen Lakenreißer heißen oder Kandidaten der Theologie oder sonst was sein, kommt es ja später doch nicht an. Man könnte ja freilich auch jetzt schon Manches zu dem Vorfall bemerken, beispielsweise daß es einem Jüngling, der dereinst auf einen so hohen und verantwortungsvollen Posten gestellt werden soll, nicht wohl ansteht, öffentlich Theorien Beifall zu klatschen, die von der Humanität und der Gerechtigkeit ebensoweit entfernt sind, wie vom klaren Ausdruck des Gesetzes. Man könnte den Jüngling darauf verweisen, daß er sich von den Traditionen seines Hauses entferne. Und wer sonst wäre wohl mehr berufen, diese wert und hochzuhalten, als er, gerade er. Sein Vater, Kaiser Wilhelm II., hat die Amerikaner mit einem Denkmal Friedrichs des Großen beglückt. Er muß doch einigen Respekt vor diesem Preußenkönig gehabt haben, sonst hätte er sich nicht gerade ihn ausgesucht. An plastischen Darstellungen preußischer Fürstlichkeiten leidet er ja bekanntlich nicht bitteren Mangel. Alle Welt weiß, daß er sich alles Mögliche aushauen läßt. Der ganze Tiergarten ist davon voll. In Reih und Glied, zu Alleen geformt und ausgerichtet wie die Fronten der Kompagnien müssen sie aufgestellt werden, damit sie nur alle Platz finden können. Also gerade Friedrich II. Nun denn Friedrich H. war der Freund Voltaire's, und er war es, der jene Anschquung als Vermächtnis hinterlassen hat, daß in seinem Staate jeder nach seiner Fason selig werden solle.