Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Iahrgm«-XXII ♦ Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Ä7. Jänner 1903. -—4«- eint jeden Freitag. -^- : Wien, IX/1, Berg gaffe SS. [e: Bloch's Wochenschrift, Wien. - .» «erugsxrri» Kr Seyrrrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Helle«. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die 4mal gesvaltene Petitzeile 24 Heller. % " =m A. k. Pofifparrassen-Aml Clraring-Verkrtzr Nr. 610.876. Lrdartion und Administration: Wien IX/1, BerggaWe Nr. 33. Telephon Nr. 14.847. Wie«, Lrs Brief-Adres Telegramm-Adr Inhalt: Leitartikel: Frederic David Mocatta. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen znr Tagesgeschichte. Der russische Kriegsstiefel. Herr „Jwri". Aus der zionistischen Bewegung. Händel's Oratorium „Israel in Egypten", lieber Lassalle's Judentum. — Die „Bene Hadani" in der jüdischen Literatur des IX. und X. Jahrhunderts. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Die vom israelitischen Kultusvorstand zu Mitgliedern der Bezirkskommissionen berufenen Vertrauensmänner aus der allgemeinen Kurie. „Golus" und die Auswanderer. Die Beteiligung der Juden an der russischen Anleihe. Minister Witte und die Ausländer im russischen Reiche. Basel. Aus Rumänien. Antisemiten in Rumänien. Das schönste Hospital. New-Dork, Montreal. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Ehewra-Kadischa" in Wien. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Verein zur Hebung der Gewerbe. Wien, Baden, Lemberg, Ungarisch-Brod, Leipnik, Stary-Sambor. Budapest, Charlottenburg, Köln a. Rh., München, Liffa, Gotha, Paris. — Feuilleton: Eine Geschichte ans der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Frederrc David Mocatta. Das englische Judentum, das in weniger als drei Jahren Männer wie Joseph Sebag Montefiore, Alfred Cohen, Barrow Emanuel, Guedalla Colonel Goldsmid u. A. verloren hatte, ist am 16. Jänner von einem neuen unersetzlichen Verlust betroffen worden. Frederic David Mocatta, der an diesem Tage verstorben ist, war einer jener wenigen großen Männer gewesen im englischen Judentum, deren Ruhm und Größe weit über die engen Grenzen des eigenen Vaterlandes hinausging und durch deren Wirksamkeit das englische Israel seit nahezu 100 Jahren in der Geschichte des jüdischen Volkes eine so hervorragende Stellung einnimmt. Mit reichen materiellen Mitteln, einer erstaunlichen Energie und einer immensen Arbeitskraft ausgerüstet, widmete Mocatta alle diese Gaben seinem an „Leutenot" so schwer leidendem Volke. Seine Tätigkeit umfaßte das Judentum der ganzen Diaspora. Die Familie Mocatta gehört zu den ältesten Familien im Judentum. Mit Arabern zugleich in Spanien eingewandert, wandte ein Teil der Mocattas nach Vertreibung der Juden aus Spanien sich nach Holland, um im Jahre 1670 unter Cromwell nach England zu wandern. Frederic Mocatta wurde 1828 als Sohn sehr reicher Eltern in London geboren. Schon als Knabe machte er in Begleitung eines bedeutenden Linguisten eine große Reise, die ihn durch ganz Europa, Kleinasien, Syrien und Egypten führte. 1844 trat er in das Geschäft seines Vaters, das er nach 30jähriger Leitung wieder aufgab, um sich ganz und gar dem Dienste des Judentums zu widmen. Ein großer Freund von Bildung, hatte er schon früher sehr viel Zeit dem jüdischen Schulwesen in England geopfert; bald gab es keinen Zweig der jüdischen Wohltätigkeit, in dem Mocatta nicht bahnbrechend eingegriffen hätte. Zahlreiche jüdische Anstalten verdanken ihre Entstehung ausschließlich Mocatta und eine ganze weitere Reihe von Institutionen hatte er vom Grunde aus reorganisiert und auf eine gesicherte Grundlage gestellt. Eine besondere Vorliebe besaß der Verstorbene für Verschmelzung von gleiche Ziele verfolgenden Institutionen, wie er auch auf religiösem Gebiete mehr das Einigende als das Trennende zu betonen pflegte. Diesen Bemühungen ist es auch zu verdanken, wenn die Jewish Association mit dem englischen jüdischen Gemeindebund (Loarä of Deputies) bei jeder Gelegenheit kooptiert. Auch die Verschmelzung des Londoner Jewish College mit dem Montefiore College in Ramsgate ist das Werk Mocatta's gewesen. Mit dem übrigen nicht englischen Judentume stand Mocatta in lebhafter Beziehung und unterhielt eine so lebhafte Korrespondenz, daß er zu deren Bewältigung mehrere sprachkundige Sekretäre halten mußte. Als Vorstandsmitglied des 1872 entstandenen rumänischen Komitees griff Mocatta in die Angelegenheit der rumänischen Juden und als Begründer des Mansion-House-Fund in die der russischen Juden ein. Ueberhaupt war die Förderung der Emigration sein Lieblingsideal, da er mit deren Hilfe nicht allein die Judenfrage, sondern selbst die ganze soziale Frage lösen zu können wähnte. Um sämtliche osteuropäischen Juden jenseits des Ozeans zu befördern, würden nach Ansicht Mocatta's 20 Millionen Mark genügen und er erbot sich, ein Perzent des ganzen Betrages, gleich 200.000 Mk., selber zu zeichnen unter der Bedingung, daß der Rest von anderer Seite aufgebracht werde. Leider reichte sein Einfluß doch nicht so weit, um eine solche Riesensumme aufzutreiben, und Mocatta mußte schließlich froh sein, daß der Mansion-House- Fund den Betrag von 2,200.000 Mark erreicht hat, zu dem er selbst mehr als zwei Perzent beisteuerte. Zur weiteren Vergrößerung dieses Fonds begab sich Mocatta auf Reisen und hatte bei seiner Anwesenheit in Berlin Gelegenheit zu einer Unterredung mit der Kronprinzessin Viktoria, der nachmaligen Kaiserin Friedrich, wobei die'e edle Fürstin ihre wärmsten Sympathien für die unterdrückten russischen Juden äußerte. Es gelang Mocatta, auch in Berlin die Zusicherung zu erhalten, daß der Durchreise der jüdischen Emigranten durch Berlin behördlicherseits nicht die mindeste Schwierigkeit in den Weg gelegt werden soll. Als wahrer und echter Vertreter des Judentums liebte Mocatta nicht allein seine eigenen Glaubensgenossen, sondern getreu der jüdischen Lehre: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, auch alles, was Menschenantlitz trägt. Er hatte auch für nichtjüdische Wohltätigkeit viel Geld und Zeit übrig. Ja, seine Liebe erstreckte sich aus alle Geschöpfe Gottes, sodaß er den Tierschutz kräftig zu fördern suchte. Als hervorragendes Vorstandsmitglied zahlreicher Tierschutzvereine wußte er den in diesen Kreisen immer wieder auftauchenden Bestrebungen gegen das jüdische Schächten stets einen wirksamen Dämpfer aufzusetzen.