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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-20 · 3 (20.1.1905) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
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4lr. 3 Br. Dlocb's MocdenscdrM Seite 4 Halle — die Betstühle waren leer. . . . leer war der Altar, wo die Thora verlesen wird, .... aber auf der Lade des Gesetzes lag der Sonnenschein, als sei es der Abglanz des allgegenwärtigen Gottes, und in den Tafeln der '.ehn Gebote, die über der Lade stehen, strahlte die goldene Schrift. Ich betete, und mir war, als beteten ungesehen viele Tausende mit mir; ich küßte die Schaufäden des heiligen Tuches auf meiner Brust und wir war, als küßte ich die Lippen meiner Mutter. Die Tränen kamen mir in die Augen; ich wischte sie ab. Ich verbeugte mich vor der Lade des Gesetzes und ging aus der Synagoge fort. Als ich auf die Treppen vor der Türe kam, da sah ich auf einem Stein einen alten Mann mit greisem Haar und langem greisen Barte sitzen. Der Mann konnte mich nicht sehen, der Mann war blind. Ich ging aus ihn zu. „Sir", sagte ich. — Sir war eines von den wenigen englischen Worten, die ich bisher gelernt hatte. Es mochte den alten blinden Mann sehr schmeicheln, mit „Sir" angeredet zu werden; es hatte ihn gewiß noch niemals jemand so angeredet. „Waz tut Ihr leiten?" fragte der Blinde in jenem jüdisch-deutsch-englischen Slang, den weder ein Deutscher noch ein Engländer, sondern nur ein Jude verstehen kann. Er wollte sagen: What do you like? Was belieben Sie? „Sir" fuhr ich fort, „versteht Ihr Deutsch?" „Das hört Ihr ja" erwiderte der Blinde. „So soll mir der Heilige, gelobt sei er! hunderttausend Thaler geben, als ich Deutsch verstehe. Bin ich doch ein Deutscher in Deutsch-Polen zuhause, gleich hinter Posen. Wer seid Ihr denn?" „Ich bin auch ein Deutscher" sagte ich. „Ich bin seit gestern hier in London und habe kein Geld und keine Freunde und keinen Menschen, der sich meiner annimmt. Ich will mir eine Stelle suchen, daß ich leben kann." „So", sagte der Bünde,.„so, so. Kommt doch einmal näher zu mir, beugt Euch ein bischen herunter, daß ich Euch befühlen kann." Der blinde Mann fuhr mir mit seiner zitternden Hand durchs Gesicht. „Ledem jisedwartzuu!'' rief er aus. „Ihr habt ja noch keinen Bart. Ihr müßt noch sehr jung sein. Wie alt seid Ihr denn?" „Ich bin sechzehn Jahre alt", erwiderte ich. „Sechzehn Jahr", wiederholte er nachdenklich. „Sechzehn Jahr! — Hört einmal, ich will Euch einen Borschlag machen. Ich bin der alte Jtzig, fragt nur jedes Kind in der ganzen Old Jewry, und es wird Euch sagen, daß es den alten Jtzig kennt. Hier sitz' ich von morgens acht bis abends fünf Uhr, mit Ausnahme des heiligen Schabbes, da sitz' ich nicht hier. Ich lebe vom Betteln. Seht, da ist meine Büchse. Ich habe meine Kunden; die einen werfen täglich einen halben, die anderen einen ganzen Penny hinein. Ich habe auch einige, die mir's wochenweise geben, einen Sixpence, einen Shilling — und der alte Rebbe Moses von High Holborn — ein braver Mann! — der gibt mir alle Freitag eine halbe Krone. Außerdem aber habe ich auch noch Verdienst von denen, die nicht regelmäßig hieher kommen — da krieg' ich einmal bei Hochzeiten, da krieg' ich ein andermal bei Jahrzeiten *) Wie heißt Ihr eigentlich?" „Ich heiße David Barney", sagte ich. „Nun habe ich einen Aufwärter nötig, David", fuhr er fort. „Einen Aufwärter, der mich des Morgens hieher führt, der mir des Mittags mein Essen bringt und der mich des Abends wieder nach Hause begleitet und meine Büchse mitnimmt. Der letzte Aufwärter, den ich hatte, ist mir vor drei Wochen weggelaufen und ich habe mich seit drei Wochen mit Mirjam beholfen, mit der Tochter des lahmen Schimmen, der mein Hauswirt ist. Aber das ist ein wildes Mädchen und bald kommt sie und bald kommt sie nicht. Ich werde schlecht aufgewartet. Wollt Ihr nun mein Aufwärter werden, David? Ihr braucht nur den Tag dreimal nach mir zu sehen und könnt sonst machen *) Sterbetag von Angehörigen, deren Gedächtnis durch Gebete gefeiert wird. und verdienen, was Ihr wollt. Von mir bekommt Ihr frei Essen und frei Trinken, so gut, wie ich es selber habe, Ihr bekommt eine Schlafstätte und wenn Ihr Euch gut aufführt, so bekommt Ihr allemal zu Neumond ein Kleines an Geld. Wollt Ihr David, so sagt es!" Wer war froher als ich über die rasche und glückliche Wendung meines Schicksals! „Ja", sagte ich, „ich will; und Ihr sollt Euch über meine Aufwartung nicht zu beklagen haben." Ich blieb bei ihm, bis es Abend war. Da füllte fich die Synagoge und sie strahlte von Lichtern. Denn es war Freitag Abend und der Sabbath wurde eingebetet. Der alte Jtzig stand auf und wir gingen auch in die Synagoge und stellten uns vorn an die Tür, auf den Platz der Fremden und armen Leute, der „Schnorrer", wie sie im Slang heißen. Als der Gottesdienst zu Emde war, wünschten viele von den wohlhabenden und vornehm aussehenden Gemeindemitgliedern dem alten Jtzig einen „guten Schabbes", der alte Jtzig dankte, faßte mich unter den Arm und sagte: „Jetzt wollen wir nachhause gehen". Unterwegs sagte er: „Gebt mir die Büchse einmal; zählen darf ich heute Abend das Geld nicht, aber ich möchte doch wohl wissen, ob was drinnen ist". „Ich gab ihm die Büchse, die ich in der Hand trug. Er hielt sie ans Ohr und schüttelte sie. „Ja", sagte er, „es ist was drin, und ich höre auch, daß Silber drin ist. „David, mein Jung'", jetzt wollen wir einen vergnügten Schabbes halten". Wir gingen quer durch Dukestreet und traten in das Haus, in die Stube, in der wir jetzt sitzen. An jenem Abend sah sie anders aus, als sie jetzt ausfieht. Durch die ganze Stube, der Länge nach, war ein Tisch gedeckt und mit weißem Leinen reinlich behängen: der Boden war mit gelbem Sand bestreut und von der Decke herab hing eine Meffinglampe mit sieben kleinen, aber Hellen Lichtchen. „Gut Schabbes, Rebbe Jtzig!", sagte der lahme Schimmen, der frisch gewaschen und mit einem reinen Hemd dem Eintretenden entgegenhinkte. „Gut Schabbes! Gut Schabbes!", tönte es von allen Seiten; denn die ganze Stube war voll von „Schnorrern", und alle betrachteten und ehrten den alten Jtzig als ihr Oberhaupt. „Hier Hab' ich mir einen neuen Aufwärter genommen", sagte er, indem er mich vorstellte, „er heißt David und ist aus Aschkenes" — Aschkenes ist Deutschland in der Sprache dieser Leute. Sie bewillkommneten mich alle herzlich und schüttelten mir die Hand. „Setzt Euch, Rebbe Jtzig", sagte darauf der lahme Schimmen. „Willst Du wohl gleich von Rebbe Jtzig seinem Lehnstuhl herunter, Du Nichtsnutz?", schrie er ein Mädchen von ungefähr zwölf Jahren an, das auf dem Lehnstuhl lag. Er schlug es und jagte es herunter. Das Mädchen ist inzwischen fünfzig Jahre älter, es ist eine alte Frau geworden.... Es ist Mirjam, die da vorhin ihr Kind auch von dem Lehnstuhl herunter gejagt hat. Ja der Lehnstuhl.... damals sah er auch noch besser aus, als er heute ausfieht. Der alte Jtzig setzte sich hinein und wir alle setzten uns an den Tisch zum Essen nieder. Wir aßen Fische mit brauner Rosinensauce, wir aßen „Berches", — Weißbrot mit Mohuflechten — wir aßen Gänsegerümpel mit Kartoffeln — ach, alles so, wie ich es zuhause am Freitag Abend so oft gegessen hatte: und mir ward w wohl unter diesen „Schnorrern", wie mir feit langer, langer Zeit nicht gewesen war (Fortsetzung folgt.) Literatur. Georg Reben. Die halben Christen und der ganze Teufel. Höllenfahrten des Aberglaubens. Groß-Lichterfelde 1904 E. Eißelt. Preis 3 M. brosch., M. 4.50 gebd. Endlich ein Freidenker-Kongreß in der Papststadt Rom! Der Beweis wird zusehends größer, daß sich der Veriiunftstolz des Menschen gegen den Cäsarendünkel der Päpste erhebt. Ter Geist der Aufklärung spinnt sich nicht mehr in ein Netz von Träumen ein, er will sich durchdringen, bis die Scheinchristen, die halben Christen nur noch auf Schleichwegen den ganzen Teufel anbeten können, das verdammlich Urböse im Unfrommen und das verzeihlich Böse im Frömmelnden.

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