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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-20 · 3 (20.1.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 46 Dr. J3locb*s MlocbenscdrLtt. «r. 3 Prag. (Trauung.) Sonntag den 22. Jänner l. I., um 1% Uhr nachmittags, findet in der Klaussynagoge die Trauung des Fräulein Jda Schwarz, Tochter des Herrn Moriz Schwarz, mit Herrn Dr. Emil S ch o r r, Hof- und Gerichtsadvokaten in Wien, statt. Berlin. Das Polizeipräsidium hat auf Ansuchen des Vorstandes der Mischen Gemeinde eine Verfügung erlassen, die es der Gemeinde ermöglicht, alle steuerpflichtigen Juden Berlins zur Gemeindesteuer heranzuziehen. Der Polizeipräsident hat die Polizeireviere angewiesen, aus den ihnen durch den geschästssührenden Ausschuß der Berliner Stadtsynode zur Eintragung des Religionsstandes zugestellten Auszügen aus der Liste der Steuerpflichtigen Berlins eine Liste der Personen zusammenzustelleu, die als Juden gemeldet sind; diese Listen werden von den einzelnen Polizeirevieren dem Vorstande der jüdischen Gemeinde direkt zugestellt. Feuilleton. Gi«r Geschichte aus der erste« Hälfte des «orige« Iahrhimdrrts. (Fortsetzung.) Ich ging in eine kleine Stadt in der Nähe von Bremen, und da ich gut lesen, gut schreiben und gut rechnen konnte, auch in der heiligen Schrift wohl belesen war, so fand ich daselbst in dem Hause eines bemittelten jüdischen Kaufmannes ein Unterkommen als Lehrer seiner Kinder. Ich blieb daselbst ein halbes Jahr, aber es gefiel mir nicht. Meine Mutter schrieb mir zwar recht glücklich darüber, daß ich so bald eine Stelle gefunden hatte; allein mein Geist strebte weiter — so konnte ich weder für mich noch für die Meinigen etwas erübrigen. Ich gab also mein Lehramt nach einem halben Jahre wieder auf und pilgerte mit zehn Thalern, die ich zurückgelegt hatte, nach Bremerhaven. Die von Napoleon angeordnete Kontinentalsperre hatte die Schiffahrt zwischen England und der deutschen Küste fast ganz aufgehoben. Allein der Schmuggelhandel florierte umso mehr, und namentlich gingen zahlreiche Schaluppen heimlich nach Helgoland, wo das Depot der englischen Kontrebande war. Mit einer solchen Schaluppe fuhr ich nach Helgoland. Da war ein buntes Leben dazumal. Ganz Helgoland war wie eine Stadt. Auf dem Oberland sah es aus, als ob immer Markt und Messe wäre, und auf dem Unterlande ging es lebhaft zu, wie in den Londoner Docks. Schiffe wurden ein- und ausgeladen, Tonnen kollerten über den Meerkies, Ballen lagen hoch aufgestapelt unter den Wetterdächern, die den Strand bedeckten. In der englischen Kommandantur lag ein Detachement Rotröcke, die Fischerhäuschen waren voll von den Agenten Londoner, Hamburger und Bremer Kauffahrer, und zwischendurch wurde auf der Düne gebadet. Familien aus vielen deutschen Städten waren zur Kur anwesend, und im „grünen Wasser" auf dem Oberlande wurde wöchentlich mehrcremale Ball gehalten, zu dem der blinde Rickmers fiedelte und auf dem die Herren von den englischen Kriegsschiffen mit den deutschen Damen tanzten. Ich machte von ungefähr die Bekanntschaft einer alten häßlichen Dame aus Berlin, die mich lieb hatte, während ich ihre junge, hübsche Kammerzofe lieb hatte. Die Beiden ließen mir's an nichts fehlen, und ich lebte ein paar Wochen leichtsinnig und glücklich in den Tag hinein. Unglücklicherweise überraschte mich aber eines Tages meine alte Freundin in einem zärtlichen Zusammensein mit meiner jungen Freundin — und da war das Glück mit einemmale zu Ende. Geld hatte ich nicht und Aussicht auch nicht; ich ging zum ersten besten Kauffahrteischiff, das segelfertig nach England lag, und verdang mich als Schiffsjunge. Das Schiff lichtete die Anker, ach — und bald tauchte der letzte Fleck Erde unter, wo deutsch gesprochen wurde und ich fand mich allein auf dem hohen, wilden Meere unter einem rohen Volke, deffen Sprache ich nicht verstand. Eben darum hatten sie's alle auf mich abgesehen und sie hatten es bald heraus, daß ich ein Jude sei. Nun sagten sie, sie wollten mich taufen. Sie zogen nüch aus, sie bestrichen meinen nackten Körper mit Teer und warfen mich in die Ecke des Schiffsraumes, wo die Federn von den Hühnern und Gänsen lagen, die der Kapitän und der Obersteuermann gegessen hatten. Als ich nun so befiedert dastand, da gossen sie große Kübel mit Seewasser über mich los. — Ach — da habe ich recht, recht schmerzlich an meine Mutter gedacht! — Nach fünf Tagen Seefahrt liefen wir in die Themse ein und am sechsten Morgen ankerten wir in St. Katharine's Whars, dem Tower gegenüber. Das Erste was ich tat, war, daß ich desertierte. Ich lief, sobald ich über Tower- Hill hinaus war, als sei mir die ganze Mannschaft auf den Fersen — ich lief den ganzen Tag, Straß' auf Straß' ab — ich weiß nicht mehr, wohin ich kam — aber ich weiß, daß ich zuletzt erschöpft, fast ohnmächtig auf dem Trcppenstein eines großen Hauses niedersank. Es war Nacht geworden und die Straßenlampen wurden schon angezündet. Hunderte liefen, fuhren, ritten an mir vorüber, aber keiner hatte acht auf mich. Denn es kommt öfter vor in London, daß ein hilfloses Wesen todmüde auf dem Treppenstein eines großen Hauses niedersinkt. Aber recht traurig war ich — das ist wahr — als ich bedachte, wie einsam, wie unsäglich einsam ich in dieser Riesenstadt sei, in der mich niemand liebte, niemand kannte, niemand verstand! Da hörte ich die Vesperglocken von zwei Türmen läuten, die wohllautend zusammenschlugen und deren Sprache ich verstand. „Gott vertraut! Gott vertraut!" riefen sie unablässig und ich sagte: „Ja ich will Gott vertrau'n!" Und da suchte ich aus meinen Westentaschen und aus meinen Hosentaschen die deutschen Grote, die ich noch von Bremen her, und die englischen Pencestücke, die ich noch von England her bei mir hatte, zusammen. Ich trat in ein Alehaus und kaufte mir Brot und eine Kanne Bier, aß, trank, erquickte mich und ging dann wieder auf die erleuchtete Straße hinaus, um mir ein Nachtquartier zu suchen. Ich kam in ein sehr enges, dumpfes Gäßchen und vor dem schmutzigsten, erbärmlichsten Hause desselben blieb ich stehen, und las die Inschrift auf der Türe: „Good airy beds“. Ich verstand nur das letzte Wort, und es genügte auch. Denn Betten waren da — aber sie waren weder gut, noch leicht, sondern schlecht und bleischwer und steinhart. Aber ich schlief gut, und da die Vagabunden, die außer mir hier hausten, nichts an mir entdeckten, weshalb sie mich hätten totschlagen sollen, auch sicher. Am andern Morgen zahlte ich mit meinem letzten Penny mein Nachtquartier und nun stand ich wirklich ohne Hilfe, ohne Aussicht auf der Straße, in der großen Welt von London! Ich dachte an das Goldstück meiner Mutter — ja, ich griff schon mit der Hand nach dem heiligen Tuche, in welchem ich es auf dem Herzen trug — „aber nein!", rief ich dann — „nein, noch muß ich es nicht herausnehmen". Mir kam ein Gedanke. Ich ging durch die Straßen und sah mich so lange um, bis ich jemanden fand, den ich nach seinem Gesicht für einen Juden hielt. „Können Sie mir nicht sagen, wo die Judenschul' ist?" fragte ich den Mann. Der Mann sah mich an; er verstand offenbar kein Deutsch, aber ein Jude mußte er sein; denn er repetierte das Wort „Judenschul'" und versuchte auch, so viel es mit Englisch ging, mir verständlich zu machen, wohin ich ich mich zu wenden hätte. Ich dankte dem Manne und ging in der bezeichneten Richtung der Judenschul' zu. Sie wissen, lieber Landsmann, daß „Schul'" in der Sprache der gewöhnlichen und ungebildeten Juden der Ausdruck für „Synagoge" ist; und ich strebte, dahin zu kommen, weil ich dort am ersten einen Glaubensgenossen zu finden hoffte, der deutsch sprechen und verstehen und mir in meiner hilflosen Lage beistehen könnte und wollte. Ich kam in die Old Jewry, ich kam nach Dukestreet und nach Dukeplace. In der Ecke links steht ein ehrwürdiges Gebäude, mit erhabenen Eingängen und einer breiten Treppe. Das ist die alte jüdische Synagoge; und ihr nahte ich mich mit einem Gefühle, als nahe ich mich dem Hause meines lange verstorbenen Vaters — als Winke mir die Heimat, als erwarte mich die Mutter darin. Die Türen waren nicht verschlossen. Ich trat ein. Kein Mensch war in der hochgewölbten

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