Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 36 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr- 8 aber nichts mehr. Der Präfekt kümmerte sich nicht um Konfession und Defraudation und machte mit dem Sklaven kurzen Prozeß. Er verurteilte ihn als Gottesdienststörer und Unruhestifter zur Auspeitschung und Zwangsarbeit in den Bergwerken Sardiniens. Dies geschah im neunten Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts, also vor mehr als siebzehn Jahrhunderten. Nun hatte aber der Kaiser eine Maitresse namens Maria, die, eine große Beschützerin der Christen, höchst wahrscheinlich selbst Christin war. Sie war früher die Geliebte eines gewissen Quadratus gewesen und hatte als Maitresse des Kaisers noch ein Verhältnis mit dessen Leibwächter Eclectus. Im Einverständnis mit diesem hat sie später dem Commodus Gift gereicht und als es nicht wirkte, ihn erdrosseln lassen. Hochstehende Frauen, die viel gesündigt haben, suchen, wenn sie im Alter fromm geworden sind, für ihre Sünden dadurch zu büßen, daß sie ihren Einfluß zur Bedrückung Andersgläubiger oder Ungläubiger verwenden. Es ist lobenswert, daß Marcia den ihrigen bei Lebzeiten des Commodus nur zu Gunsten ihrer Glaubensgenossen benutzte. Auf ihre Verwendung begnadigte der Kaiser die nach Sardinien deportierten Christen. Sie ließ sich vom römischen Bischof Victor ein Verzeichnis derselben geben und sandte damit und mit dem erforderlichen amtlichen Dokument ihren gewesenen Lehrer, den Eunuchen und christlichen Presbyter Hyacinth, nach Sardinien. Wohlweislich hatte der Bischof, der seine Leute kannte, den Kallistus nicht auf die Liste der zu befreienden Christen gesetzt, und dieser geriet in Verzweiflung, als er erfuhr, daß er im Bergwerk bleiben müsse, während alle Anderen freigelassen würden. Weinend warf er sich dem Hyacinth zu Füßen, bat und flehte so lange, bis dieser gerührt wurde und unter Berufung auf die Autorität der Marcia den Statthalter der Insel bewog, auch ihn sieizulassen. Kallistus kehrte nun nach Rom zurück und nicht mehr als Sklave. Nach dem Gesetze war er durch die Abstrafung aus dem Eigentum seines Herrn gelangt. Bischof Victor scheint die Rückkehr des Kallistus nach Rom nicht gern gesehen zu haben. Er veranlaßte ihn, die Stadt zu verlassen und seinen Wohnsitz in Antium zu nehmen, zu welchem Zwecke er ihm sogar das Nötige zu seinem Lebensunterhalt reichen ließ. Aber nach Victor's Tode kehrte er nach Rom zurück und wußte sich bei dessen Nachfolger Zephyrinus so einzuschmeicheln, daß ihm die Verwaltung des christlichen Begräbnisplatzes (noch jetzt Katakomben des Kallistus genannt) übertragen, ja sogar die Beauffichtigung des römischen Klerus anvertraut wurde. Und was noch unbegreiflicher ist — nach dem Tode des Zephyrinus wurde Kallistus zum Bischof von Rom, d. h. zum Papst gewählt, und als solchen hat ihn die Kirche anerkannt. Eine Minorität stellte ihm den Bischof Hippolyt entgegen und dieser hielt sich für den rechtgläubigen Papst. Mit den Kämpfen zwischen den Anhängern der rivalisierenden Päpste, sowie mit der als sehr tadelnswert geschilderten bischöflichen Wirksamkeit des Kallistus haben wir uns hier nicht zu beschäftigen. Wir begnügen uns, zu erwähnen, daß er im Jahre 222 getötet worden ist, ob als Christ für seinen Glauben oder in einem Straßenkampfe von seinen Gegnern, läßt sich nicht feststellen. Nun wird vielleicht irgend ein antisemitisches oder klerikales Blatt alles hier erzählte für Lüge und Verleumdung, für böswillige Erfindung eines Juden oder Heiden erklären, und ich kann nicht leugnen, daß ich für die Episode von Marcia wohl keine jüdische aber einige heidnische Autoren, wie Herodian, Zosinus, Dio Cassius benutzt habe. Was aber die Hauptsache, das Leben und Wirken des Kallistus betrifft, so war meine einzige und Hauptquelle die erst vor ungefähr einem halben Jahrhundert wieder aufgefundene griechische Schrift Philosophumena zur Widerlegung aller Häresien. Verfasser dieser Schrift war aber kein Anderer, als der bereits erwähnte berühmte Kirchenlehrer und Bischof Hippolytus, der im Jahre 252 als Märtyrer sein Leben geendet haben soll. Er galt für den bedeutendsten Mann der römischen Gemeinde seiner Zeit; der heilige Chrysostomus nannte ihn eine Quelle des Lichts, der Patriarch Photius den Verteidiger des Christentums gegen heidnische Philosophie und die katholische Kirche verehrt ihn als Heiligen. Sein Namenstag ist der 22. August. Ein solcher Mann wird doch nicht gelogen und verleumdet haben. Seine Schrift rief nach ihrer Auffindung mehrere Streitschriften hervor, für und gegen Kallistus. Nur der damals noch eifrig römische Döllinger unterzog sich der schwierigen Aufgabe, sowohl Kallistus als Hippolyt zu rechtfertigen. Aber das Dilemma war auch für den geistvollen Kirchenhistoriker nicht zu umgehen und keiner der zwei Bischöfe ist aus seiner Waschanstalt ganz rein und unversehrt hervorgegangen. N. Die -Flucht" eines Knaben. Von der ..Oesterreichisch-Jfraelitifchen Union" erhalten wir folgende Mitteilung: Am 15. Juni 1904 meldete der Wiener jüdische Kaufmann Ignaz K unserem Rechtsschutzbureau, daß am 24. Mai sein Sohn, der bei einer Firma in der inneren Stadt als Praktikant beschäftigte 15jährige Julius K., aus dem Elternhause flüchtig geworden sei. In den folgenden Tagen kamen von dem Abgängigen Briefe, sowohl an seinen Chef, als auch an seine Eltern, in welchen er mitteilte, daß er auf dem Wege vom Elternhause ins Geschäft unwohl geworden sei und sich in ein naheliegendes K l o st e r s p it al begeben habe; ferner, daß sich sein Zustand verschlimmere und daß er deshalb zur Wiederherstellung seiner Gesundheit ein südlicheres Klima aufsuchen wolle. Er habe sich entschlossen, in Gesellschaft geistlicher Brüder nach Jerusalem zu reisen, man möge um sein Schicksal unbekümmert sein, er hoffe ein tüchtiger Mann zu werden. Er schrieb wörtlich: „Da aus d em Kloster, in dessen Spital ich liege, eine Gesellschaft von Brüdern n a ch I e r u s a l e m reist, schließe ich mich ihnen an, umsomehr, als mir der Arzt.wegen der Lungenentzündung Aufenthalt in einem milderenKlima dringend a n g e r a t e n hat." In der Tischlade des Verschwundenen fanden sich Agitationsschriften der Sodalität vom heiligen Petrus Claver, deren Stammhaus sich in Salzburg und deren Filiale sich in Wien, I., Bäck rstraße, befindet. Aus diesen Schriften war zu entnehmen, daß die Sodalität des heiligen Petrus Claver junge Leute in landwirtschaftlichen Arbeiten zu Negermiffionären ausbildet. Noch am selben Tage richteten wir an den damaligen Ministerpräsidenten Dr. von K o e r b e r die Bitte, auf Grund des bestehenden Verdachtes, daß Julius K. sich habe bewegen lassen, nach Jerusalem oder anderswohin zu reisen und sich der elterlichen Gewalt dauernd zu entziehen, ferner auf Grund des § 145 a. b. G.--B., sowie des § 96 Str.-G, alle notwendigen Maßregeln zur Auffindung und Zurückführung des vermißten, resp. entwichenen Julius K. ins Elternhaus anzuordnen. Der Ministerpräsident hat dieser Bitte unverweilt entsprochen und in seinem Aufträge verfügte das Sicherheitsbureau der Wiener Polizeidirektion die telegraphische Kurrendierung des Julius K. bei allen Heimatsbehörden, ferner in allen Hafenorten, sowie bei den österreichisch-ungarischen Gesandtschaften und Konsulaten der ganzen Welt. Die Erhebungen der Polizei stellten fest, daß Julius K. in der Wiener Filiale der Sodalität des heiligen Petrus Claver in der Bäckerstraße wiederholt verkehrt habe, und als wenige Wochen nach seinem Verschwinden an die Leiterin dieser Filiale eine Postkarte des Julius K. mit dem Poststempel Mühldorf in Bayern anlangte, in welcher der Verschwundene anfragte, ob er auf ein Los der daselbst veranstalteten Paramentenausstellung