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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-20 · 3 (20.1.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Dlocb s MlocbenscvrM. Seite 35 Aber schon um die Mitte des dritten Jahrhunderts klagte der heil. Cyprianus, Bischof von Karthago, in seiner Schrift De lapsis: „Man mißachtet jetzt die Bischöfe, aber was treiben denn diese? Sie vernachlässigen die Pflichten ihres Amtes, um sich mit weltlichen Angelegenheiten abzugeben, verlassen ihre Kirchen und ziehen dorthin, wo es etwas zu verdienen gibt. Die einen bereichern sich auf Kosten der Armen, andere durch Raub und Betrug und wiedr andere durch W u ch e r." Und die Kirche findet es schon sehr früh für nötig, den Geistlichen den Wucher zu verbieten. So heißt es im zwanzigsten Kanon des Konzils von Elvira a. 305: „Geistliche, welche Wucher treiben, sollen abgesetzt und ausgeschlossen werden." Dasselbe Konzil findet es auch für nötig, den Geistlichen das Besuchen der Märkte und das Hausieren zu verbieten, gestattet ihnen aber, durch ihre Kinder oder Angestellten Handel zu treiben. Im Jahre 325 verordnet das allgemeine Konzil von Nicäa im siebzehnten Kanon: „Nachdem viele Geistliche aus Habsucht und schmutzigem Geiz, an die heilige Schrift vergessend, zu 12 Perzent Geld verleihen, daß in Zukunft jeder Geistliche, welcher Zinsen für ein Darlehen nimmt oder ähnliche Geschäfte betreibt, oder mehr als das anderthalbfache des geliehenen Kapitals fordert oder auf irgend eine andere schmutzige Weise Geld zu erwerben sucht, abgesetzt werden soll." Im Jahre 452 verbietet wieder das Konzil von Arles den Geistlichen den Wucher und das Betreiben von Geschäften für Rechnung Anderer. Aber die Gesetze der Kirche genügten nicht. Es mußte erst ein kaiserliches Gesetz unter Balentinian III. den Klerikern das Handeltreiben verbieten. Den christlichen Laien hat damals die Kirche noch nicht den Wucher verboten. Was hat aber das mit den Juden zu schaffen? fragt hier vielleicht der Leser. Nun, weil lange vor diesen Verboten der Kirchenversammlungen, ungefähr ein halbes Jahrhundert bevor Bischof Cyprianus seine Klagen erschallen ließ, ein Christ die Juden in Rom bewucherte und trotzdem später Bischof von Rom oder wie man ihn schon damals zu titulieren anfing, Papst geworden ist. Zur Zeit des Kaisers Commodus (a. 180—192), eines der ärgsten römischen Kaiser, lebte in Rom ein gewisser Karpophorus. Er war Christ, Hofbeamter und betrieb dabei Geldgeschäfte, das heißt er nahm Gelder, besonders von Christen, in Verwahrung oder als Einlagen gegen Verzinsung und lieh es dann wieder gegen höhere Zinsen aus. Wahrscheinlich weil er als kaiserlicher Beamter nicht offen ein Bankgeschäft oder Wucher betreiben konnte, übertrug er die Leitung seinem Sklaven Calixt oder Kallistus, der sich ebenfalls zum Christentum bekannte. Karpophorus scheint seinen Geschäftsführer nicht genügend beaufsichtigt zu haben und wurde von diesem eines Tages mit der betrübenden Nachricht überrascht, daß alles Geld, sowohl das eigene des Bankiers, als die fremden Einlagen, verschwunden seien. Wohin das Geld gekommen sei, wgllte oder konnte Kallistus nicht angeben; er sagte nur, er habe Unglück gehabt und alles verloren. An der Börse hat er es gewiß nicht verspielt und wir tun ihm vielleicht nicht Unrecht, wenn wir annehmen, er habe einen großen Teil davon auf die Seite gebracht. Wie dem auch gewesen sein mag, Karpophorus wollte sich mit der rätselhaften Angabe seines Geschäftsführers nicht begnügen. Er hätte wohl seinen eigenen Verlust verschmerzen können; aber das Geld, das seine Glaubensgenossen, darunter viele Witwen und Waisen, im Vertrauen auf ihn in die Bank gelegt batten, wollte er doch nicht verloren gehen lassen. Er forderte daher dringend Rechnungslage und Rechtfertigung von Kallistus. Dieser, der kein gutes Gewissen hatte, wollte sich dem, wie es auch jetzt so viele Defraudanten tun, durch die Flucht übers Meer entziehen, obwohl Amerika damals noch nicht entdeckt war. Karpophorus erfuhr davon noch rechtzeitig, eilte zum nächsten Hafenplatz und traf gerade, als Kallistus ein Schiff bestiegen hatte, dort ein. Kaum hatte dieser seinen Herrn erblickt, als er, wieder als Vorbild für moderne Defraudanten, einen Selbstmordversuch machte. Er wurde aber aus dem Wasser herausgefischt, wie er es übrigens im Hafen, wo es an Schiffern und Seeleuten nicht fehlte, erwarten konnte und dem Karpophorus übergeben. Dieser sperrte den flüchtigen Sklaven und Defraudanten in das Sklavengefängnis ein und ließ ihn an der Tretmühle arbeiten. Das konnte dem Kallistus nicht behagen und er sagte daher seinem Herrn, wenn er ihn freiließe, könnte er allerlei Ausstände bei seinen Schuldnern eintreiben'). Es war dies vielleicht nur ein Vorwand, um wieder Gelegenheit zur Flucht zu haben. Aber Karpophorus war schon gewitzigt und gab dem Biedermann zwei handfeste Leute zur Bewachung mit, als er zum Geldeintreib«m auszog. „Kiedy bidda to do zyda“, lautet ein polnisches Sprichwort. In der Not geht man zum Juden. Der Bauer hat mehr Zutrauen zu diesem, als zu seinem adeligen Glaubensgenossen, und der findige Jude weiß stets guten Rat zu geben. Die modernen Antisemiten haben sich das Sprichwort anders zurechtgelegt: Hast du etwas angestellt, bist du durch eigenes Verschulden oder Nachlässigkeit in eine Patsche geraten, so schiebe alles auf die Juden. Die „Juden ha' en mich ausgebeutet, Juden haben mich betrogen, Juden haben mich verleitet", usw. Auch hier war Kallistus Vorbild. Seine Schuldner seien Juden, erklärte er, und er wolle bei ihnen seine Gelder eintreiben. Hier drängen sich nun einige Fragen auf: Warum rückte er erst jetzt mit dieser Erklärung heraus? Hatte er gar keine christlichen Schuldner? Hat der christliche Bankier nur Juden bewuchert? Der französische Kirchenhistoriker Aubä benützt die Gelegenheit, um den Juden eins anzuhängen. „Calliste", sagt er (in der „Revue arebdologlgue^ v. I. 1879) dut avoir atkaire ä tonte sorfce de gens et, par exemple ä des juifs besogneux et sans scrupules, auxquels, soit par exces de facilitd, soit pour augmenter ses profits personnels, il preta de l’argent ä gros intdrets sans süffisante garantie.“ ~) Um nun das Geld bei den Juden einzutreiben, begab sich Kallistus mit feinen zwei Wächtern am Sabbath in die Synagoge. „Denn", meint Herr Aube, „die Synagoge war vor Verlesen der Thora gewissermaßen die Börse der Juden, wo sie ihre Geschäfte abmachten; Ovid gibt das zu verstehen, wenn er sagt, daß die römischen Lebemänner dort schöne, nicht sehr spröde Jüdinnen fanden." Das ist ein böswillig entstelltes Zitat, denn Ovid zählt nur (Ars amatoria I, 75) die Orte auf, wo man in Rom schöne Mädchen sehen kann, u. a. die jüdischen am Sabbath. Von Synagoge und Mangel an Sprödigkeit steht da kein Wort. Uebrigens konnte Kallistus voraussehen, daß er am Sabbath in der Synagoge von den Juden kein Geld bekommen werde. Und er hat auch später angegeben, er habe dort Skandal machen und die Juden reizen wollen, um von ihren Händen den Märtyrertod für den Glauben zu erleiden. Was der Glauben mit dem Wucher zu tun hat, wissen wir nicht; jedenfalls hätte er den Märtyrertod in dem heidnischen Rom viel sicherer durch Skandalmachen in einem Tempel des Jupiter oder der Venus, als in einer Synagoge finden können. In der Tat begnügten sich die Juden, ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen und ihn zum Stadtpräfekten Fuscianus zu bringen. Karpophorus, der davon, wahrscheinlich durch die mitgegebenen Wächter, erfuhr, eilte nun zum Präfekten und erklärte, sein Sklave Kallistus sei weder Religionsstörer noch Christ, nur ein ganz gewöhnlicher Defraudant. Das half ihm ') E’ystv 7]aoa x:6: y<5%a arjot Ketpsvov könnte auch heißen, er habe einigen das defraudierte Geld zum Aufbewahren gegeben (ä la Jenner). 2) „Kallistus hatte mit allerlei Leuten zu tun, darunter auch mit bedürftigen und nrcht skrupulösen Juden, denen er aus Leichtfertigkeit oder zu seinem Privatvorteil Geld zu hohen Zinsen ohne genügende Sicherstellung lieh." Also die Juden, welche Wucherzinsen zahlten, waren skrupellos, nicht der christliche Wucherer!

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