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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-20 · 3 (20.1.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 34 Dr. Dlocb's Mlocvenscvrttr. Nr. 3 Bundes sein könne, während die andere nicht erschreckt, daß Rußland diese Rolle übernehme, in welchem Falle die Wirkungen nicht nur die gleichen, sondern für uns noch viel näher liegen, sicherer und fürchterlicher sein würden. Die Hautfarbe hat uns in der Weltwirtschaft schon männiglich irregeführt und drohende Gefahren aus gleicher Rasse heraus übersehen lassen. Die „amerikanische Gefahr" ist weit drohender und näher als alle „farbigen" Gefahren der Erde zusammengenommen. Warum richtet man nicht auf sie die Augen und den Alarm? Ist cs denn überhaupt richtig, den Russen als einen Vertreter Europas zu betrachten? Zar Alexander iil. sagte, daß Rußland der sechste Teil der Welt sei. Eine stolze, aber berechtigte Rede. Die Slaven, mit Finnen, Tartarcn und Mongolen stark gemischt, schufen sich eine besondere, eigenartige Gesittung, die unserem Kulturleben ebenso ferne steht als jene alte japanische Zivilisation, die aber schön, fein, harmonisch, künstlerisch in vielen Punkten ist. Rußland und Japan haben einen gleichen Prozeß der Europäisierung erlitten. Peter der Große zwang den Seinen ebensowohl den Occident auf, als dies Mutsohito, der Mikado, den eigenen Untertanen gegenüber tat. Der Unterschied ist nur, daß ihn die letzteren mit wesentlich größerer Empfänglichkeit aufnahmen. Das europäische Wesen bei Beiden ist Ueberpflanzung. Beide haben erst vor kurzem ohne allzugroße Dankbarkeit ihre Lehrherren verabschiedet. Der seltsame Bestand zweier Hauptstädte in beiden Landen, einer alten und geheiligten (Moskau und Kioto) und einer modernen und dem Geschäftsleben dienenden (St. Petersburg und Tokio) sollte genügen, um den Durchgang beider Reiche durch eine ähnliche Umwandlungsperiode zu beweisen. Um eines der Zentren gravitiert das Alte und um das andere gravitiert das Neue. Die Umwandlung hat sich vor Allem zufolge eines absoluten Gehorsams und einer religiösen Ergebenheit der beiden Völker gegen ihre Herrscher vollzogen, in einem Ausdruck von Empfindungen, der der europäischen Seele fremd ist. Beide Völker sind uns in gleichem Maße fremd, sie bewaffneten sich nur mit unseren Waffen und unseren Ideen." Und weiter sagt richtig Barzini: „Wenn es einen Krieg gibt, in dem wir keinerlei Rassenverwandtschaft zur einen ode^ anderen Partei fühlen können, so ist es der gegenlvärtige." Die Weltwirtschaft geht ihren Entwicklungsgang vorwärts, unbeirrt um die Pläne Einzelner und die Hoffnungen von Rassen und Farben. Den Eintritt Japans in die Weltwirtschaft vermögen wir nicht zu verhindern, und umsoweniger, als wir selbst die Einladung erließen. Wir waren es, die wir den Japanern unsere Kultur im lockendsten Lichte schilderten und ihnen den Austausch des ihnen Eigenartigen mit dem uns Eigenartigen vorschlugen, die ihnen Waffen und Technik, Maschinen und Industrien zutrugen und die wir ihnen dafür ihre Kunstprodukte abnahmen. Was Wunder, wenn die Leute von uns gelernt haben und weiter lernen! Die Amerikaner sind auch bei ihrer St. Louis-Ausstellung stolz auf die Japaner, die die Ersten waren, deren Pavillons sich auftaten und deren Kioske, deren reiche Sektionen im Palaste der Industrien, der Manufakturwaren, des Kunstgewerbes und der schönen Künste die lebhafteste Sympathie des Allerweltspublikums finden. Die japanischen Ingenieure begeben sich nach Beendigung der Arbeiten in ihren Sektionen in die Maschinen-, Elektrizitäts-, Transportwesen-Paläste, um zu beobachten und zu lernen. Baron M. Matsudowa, Vizekommissär Japans auf belegter Ausstellung, erklärt, daß er sich zu einer Studienreise nach Texas rüste, wo die Bevölkerung im Augenblick gewaltige Fortschritte in der Reiskultur aufzuwcisen hat. Also hat der Krieg das Land der „Gelben" nicht in Unordnung gebracht. Und seltsamer Gegensatz: weite leere Hallen und Räume der St. Louis-Ausstellung tragen die Auffchrist „Rußland". Kein Lebenszeichen, keine Kiste, kein Mensch in diesem Bereich. Japan sucht sich zu eigen zu machen, was ein Konkurrenzkampf mit den westlichen Kulturen erheischt, aber dieser Konkurrenzkampf wird ein Ansporn für alle sein, und Unverstand und Schwäche wäre es, im Angesichte der hohen Intelligenz der Japaner von einer „Mongolen"-Gefahr sprechen zu wollen. Herman Scheidemantel hat ganz Recht, wenn er sagt, daß sich Kulturvölker untereinander noch nie mit dem Schrecken völliger Vernichtung bedrohten, so lange sie lebenskräftig dastanden. Die einzelnen Kulturen werden sich untereinander immer nur befruchten. Die ganze Rassenentwicklung geht auf einen großen Ausgleich zu. Und so werden sich auch die Japaner in weltwirtschaftlichen Bereich ausatmen dürfen, ohne daß Europa damit die Gefahr des Erstickens bedroht. Neue Kräfte, neue Lebensformen werden erstehen und man wird vielleicht von den Japanern wirtschaftliche Anregungen empfangen, die wir im Augenblick nicht ahnen. An der Hand der europäischen Kulturgeschichte kann man — so sagt Hermann Scheidemantel — namentlich was die Neuzeit und die jüngste Entwicklung angcht, lediglich förderliche Einflüsse fest- .stellen, wo nur immer beide Kulturbereiche in Berührung kamen. Es läßt sich direkt und leicht Nachweisen, daß die neueste Kunst bedeutsam unter dem Einflüsse alter japanischer Kunst steht, und der Geist der Moderne findet in der Volksseele der Japaner die wunderbarsten Parallelen. Was berechtigt uns also, die Japaner zu fürchten? Arischer Wucher. Vor kurzem las ich in einer Zeitung folgende, ausdrücklich als wahr bezeichnete Anekdote: Eine jüdische Frau wollte auf dem Markte Obst kaufen und fragte eine christliche Verkäuferin nach dem Preise; Fünfzig Heller das Kilo, lautete die Antwort. Das ist mir zu teuer, können Sie es mir nicht um vierzig lassen? sagte die Jüdin. Da ward die Oebstlerin wütend. „Schmutzige Jüdin", schrie sie, „immer müssen die Juden was abhandeln, umsonst möchten sie uns alles abnehmen". Erschrocken entfernte sich die Jüdin und ging zu einer anderen Oebstlerin, die dieselbe Obstart feil hielt. Auf die Frage nach dem Preise erhielt sie zur Antwort: „Fünfzig Heller". :— Durch die eben gemachte Erfahrung gewitzigt, zahlte sie ohne zu handeln den geforderten Preis. Da schrie eine danebenstehende „christliche" Frau, vielleicht Eheweib eines christlich-sozialen „kleinen Mannes" oder Mitglied eines „christlichen" Frauenvereines: „Diese verfl . . . Juden verteuern uns alles, sie bereichern sich an uns und können dann ohne zu handeln die höchsten Preise zahlen, so ' daß wir uns mit dem schlechten Obst begnügen müssen. Diese Szene spielt in der neuesten Zeit, aber ihr Ursprung ist ein uralter. Die Juden können es nie den Andersgläubigen recht machen. Man tadelt sie, daß sie nur vom Handel leben und keine Bauern werden wollen, erwirbt aber der Jude ein paar Morgen Landes, so heißt es gleich: Der Jude verdrängt den Einheimischen von der Scholle seiner Väter und man rechnet gleich nach, wieviel Perzent des Grundbesitzes schon in jüdische Hände geraten sind. Die römischen Satiriker vor zwei Jahrtausenden haben die Juden wegen ihrer Armut verspottet, in der Gegenwart beschimpft man sic wegeu ihres Reichtums und nennt sie Ausbeuter des christlichen Volkes. Und daß die Juden geborene Wucherer, ja die ausschließlichen Wucherer sind, das ist seit dem Mittelalter feststehende Tatsache für alle Judenfeinde. Daß der berühmte römische Freiheitsheld Brutus ein arger Wucherer war, habe ich bereits vor längerer Zeit an anderer Stelle dargelegt. Aber Brutus war ein Heide; unter den Christen der ersten Jahrhunderte, unter jenen frommen Anhängern des neuen reinen Glaubens und besonders unter ihren geistlichen Führern und Vorgesetzten, den Bischöfen, fanden sich doch gewiß keine Wucherer.

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