Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Itr. Dl* ■ BIOCll’S Iahrga«, XX« Eentralorgsn für die gesammten Intereffen des Iudenthums. Wie«, 20. Jänner £905. Erscheint jeden Freitag. --4- 4-«—^- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Japan und Rußland. — Zur Geschichte des Wuchers. — Die Flucht eines Knaben. — Vom Jahrmark: des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Korrespondenzen: Heinrich Klinger. Bezirkskommissionen. Schwindel des Antisemitismus. Prag, Mährisch-Ostrau, Berlin. Behandlung russischer Rekruten. Moskau. Der Kampf gegen die jüdische Einwanderung. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien, Klattau, Reichenberg, Pisek, Turnau, Budapest, Preßburg, Essegg, Vukovar, Prerau, Berlin. — Feuilleton: Eine Geschichte aus der ersten Hälfte vorigen Jahrhunderts. — Briefkasten. — Inserate. Bepigsprsi» für Srstrrrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Mr'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal geivaliene Petitzeile 24 Heller. m=- - ' * * — -- V. ft. postlparcaffen-Nrnl Clearing-Verkehr Ar. 810.976. Lrdarttvn und Administration, w irn IX/1, Berggasse Nr. 39.! 1'slapkoa 14.847. - — -* Japan und Rußland Die russische Anleihe und die „gelbe Gefahr". Den Fall von Port Arthur betrauern außer dem Kaiser von Rußland, der beim Empfang der Nachricht von einer Art Weinkrampf ergriffen wurde, und einigen Häuptlingen der Wiener Antifemitenbande, welche russischer sind als das russische Volk, auch mehrere deutsche Bankdirektoren, welche die russische 500 Millionen-Anleihe, die Witte in Norderney sich ausbedungen, zur Finanzierung übernommen haben. Daß General S t ö s s e l, uneingedenk der Zusage, bis auf den letzten Mann und die letzte Cartuche auszuhalten, jetzt gerade die Festung dem Feinde überliefert hat, betrachtet man als eine Art Wortbrüchigkeit, über welche namentlich die Berliner Börsenleute und Finanzmänner ungehalten sind. Er hätte wenigstens bis zu jenem Zeitpunkt ausharren müssen, als die Anleihe in Sicherheit gebracht ist. Denn da sie, um den äußersten Erfolg der neuen Anleihe zu sichern, den Kurs der alten Anleihe halten müssen, so ist die Verführung für die vorsichtigeren Inhaber der alten Anleihe sehr groß, diese Chance zu benützen, um den Besitz an russischer Rente auf den Markt zu werfen. Man erinnert sich deswegen rechtzeitig an das Schlagwort von der „gelben Gefahr" und man appelliert an die Europäer und an das Rassenbewußtsein der arischen Völker, um Sympathien für das Russentum zu erwecken und die Emissionsbanken aus der Verlegenheit zu retten. Zweifellos wird das russische Anlehen gelingen und das große Publikum auf den Leim gehen, trotzdem die Anzeichen eines großen russischen Krachs drohend genug am Horizont erscheinen. Die Bankleute kennen ihre Pappenheimer und wissen seit je die Gimpel einzusangen. Nur mit dem Schlagwort von der „gelben Gefahr" sollte man uns endlich verschonen. Allerdings Rußland und Japan sind Gegensätze erstaunlicher Art. Luigi Barzini, der italienische Japan- und Rußlandkenner, hat Recht: man konnte nicht zwei verschiedenartigere Völker zum Kampfe zusammenfinden. Der gegenwärtige Krieg erscheint gleichsam als ein ungeheuerlicher Versuch, um die Kräfte zweierentgegengesetzter Menschenrassen aneinander zu erproben, ein Schauspiel, das eine geheimnisvolle, teuflische Macht mit jener altrömischen Raffiniertheit in Szene setzte, die den Elefanten und den Leoparden im Zirkus zusammenhetzte. Von einer Seite steigen die gewaltigsten Menschen hinunter zum Schlachtfeld, von der anderen die kleinsten. Von einer Seite eine gewaltige, aber langsame Kraft, ein stolzer, aber blinder Wille, und von der anderen eine heitere Kühnheit, eine geniale Entschlossenheit, eine klare, geordnete Vision des Augenblicks und eine blitzartige Entscheidung, um vom Gebotenen zu profitieren. Menschen, die den Himmel lieben, gegen solche, die die Erde anbeten; melancholische Wesen gegen fröhliche: Blonde gegen Braune; Bärtige gegen Unbärtige. Im Rücken der Einen ein endloser ebener, grauer, kalter, unverwundbarer, schier unbevölkerter, wilder Kontinent: im Rücken der Anderen eine aus dem unendlichen Blau des Ozeans herausspringende Gebirgsgruppe, vom Wärmehauch gekoste, blumige, fröhliche Gelände, voll eines Volkes der Tätigkeit und Kunst, das seinen Wohnsitz verschönt. Ja, der Gegensatz ist in Allem! Während der moskovitische Koloß sich erregt und zornige Laute von sich gibt, zeigt sich im Japanerlande eine Ruhe und eine Ordnung, die den Krieg vergessen machen. Ein Jeder im japanischen Volke kennt den Ernst der Lage, aber während Rußland offiziell aus seine Teilnahme an der Weltausstellung von St. Louis verzichtet hat, erweiterte Japan dortselbst seine Einrichtungen und während man in St. Petersburg die Hofbälle absagte, hat der Mikado die Blumenfeste ausgedehnt und auch die Ausländer, die Vertreter der europäischen und amerikanischen Presse, dazu eingeladen. Und wir fragen mit Barzini: „Was find das eigentlich für Leute, die so zu handeln vermögen, und wenn wir uns unserer Vorurteile zu entkleiden im Stande find, müssen wir zugestehen, daß sie uns ein großartig Schauspiel geben mit Beispielen von Mur und Gediegenheit und bürgerlicher Tugend. Hätten sie weiße Hautfarbe, so würden wir zugestehen, daß sie sich auf Leben und Tod schlagen und daß ihr einziger Fehler der ist, dies nicht schon früher getan zu haben. Aber da ihre Haut nicht weiß ist, so geben wir dem Dinge eine andere Wendung und reden von der gelben Gefahr". Ein merkwürdiges Farbeneinverständnis — ich rede auch hier mit Barzini — verführt ein gut' Teil des alten Europa, zu verkennen, daß Rußland als Herr des äußersten Orients das wirklich gefährliche, in Waffen geeinte Asten an den Grenzen unseres Kontinents bedeutet; die wahre „gelbe Gefahr" ante portas, vor der Tür unseres Hauses. Warum erschreckt denn die Vorstellung so sehr, daß Japan ein hypothetischer Organisator eines zukünftigen asiatischen