Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Str. 2 Dr. Blocb’s TRUocbenscbrift Seite Bl gelobt sei er! — Ihr seid Mr. Barney, der Banker von Lombardstreet!" Nach dieser Wiedererkennungsszene trat Mr. Barney in das Haus und ich solgte ihm. Wir gingen in eine niedrige, schmutzige Stube, in welcher Bänke und Tische standen, im Hintergründe waren einige Bretterverschläge und ans einem Gestell zur Seite lag ein Füßchen mit Ale. „Gebt uns jedem ein Pint Ale, Mirjam!" sagte Barney, der sich auf eine Bank gesetzt hatte. Mirjam ging zu dem Faß: ihr Kind war auf einen großen zerrissenen Lehnstuhl gekrochen, der am Kamine stand, und das jüngere Weib mit dem Kinde an der Brust hatte sich auf die Schwelle der Stubentür gesetzt. „Wohl bekommt", sagte Mirjam, indem sie uns zwei zinnerne Kannen mit trübem, sauer riechendem Ale auf den Tisch setzte. Mr. Barney trank von dem Ale — in der Tat! es gehörte die ganze Reminiszenz an seine achtundvierzigjährige Vergangenheit und ein starker Magen dazu, von diesem Ale zu trinken. Mir schauderte vor dem bloßen Gedanken. „Dort auf dem Lehnstuhl, wo Euer Kind liegt, hat sonst immer der alte Jtzig gesessen. Lebt er noch?" fragte Mr. Barney. „Der alte Jtzig steht bald wieder auf", erwiderte Mirjam, er ist seit 17 Jahren tot — Frieden über ihn!" „17 Jahre tot!" wiederholte Mr. Barney. „17 Jahre.... dann ist es schon lange, daß ich hier zum letztenmale war. Als ich hier zum letztenmale war, da lebte der alte Jtzig noch, ja, ja — die Zeit vergeht! — Wer hat die Wirtschaft jetzt?" „Ich habe Sie, Sir", erwiderte Mirjam. Dann lief sie nach dem Lehnstuhl und riß das Kind herunter. „Wirst Du mir den Lehnstuhl noch mehr zerreißen?" schrie sie und prügelte das Kind; und als es anfing zu kreischen, schleppte sie 's hinaus und zetterte auf der Flur mit ihm herum. Mir wäre es höchst erwünscht gewesen, wenn wir jetzt gegangen wären. Aber Mr. Barney machte noch keine Miene dazu; er setzte sich ganz behaglich zurecht. „Ja, ja — die Zeit vergeht!" sagte er, „sehen Sie lieber Landsmann, es sind jetzt 48 Jahre, daß ich arm, verlassen, hungrig und elend in dies Haus, in dies Zimmer kam. Ich war damals ein Knabe von ungefähr 16 Jahren, ach, es ist eine recht traurige Geschichte, die Geschichte jener Tage, und es macht mich immer traurig, wenn ich daran denke, noch jetzt. Sehen Sie, ich bin in einer Stadt des nördlichen Deutschland geboren und habe meinen Vater verloren, da ich kaum 12 Jahre alt war. Ich war der Aelteste von sieben Geschwistern und wir alle sieben lagen einer Mutter zur Last, die ohne die Mittel war, uns und sich zu ernähren. Ach, die gute, treue, liebe Mutter. — Frieden über sie! Sie begann ei>. en Kramhandel, sie war rastlos tätig, sie schleppte sich um ihre Familie so durch, mehr durch das, was sie von ihren Kunden geschenkt bekam, als durch das, was sie von ihnen verdient hätte. Aber es wollte so nicht mehr gehen und meine Mutter verheiratete sich wieder. Da begannen schlimme Zeiten für sie und für uns, schlimmer als die vorhergehenden. Sie wissen wohl, ein Stiefvater pflegt kein guter Vater zu sein. Je älter ich ward, je mehr drückte mich's; erbärmlich genug ging's uns noch immer und ich sah keine Hilfe. Die Kriegszeiten waren dem städtischen Handel und Wandel nicht hold. Napoleon's Heere hatten Deutschland überzogen und ausgezogen . . . Verdienst, Glück und Ehre war nur in der Ferne zu suchen. Da sagte ich eines Tages zu meiner Mutter: „Mutter, ich will fort! Ich will in die Fremde; ich will sehen, daß ich etwas verdiene — hier kann ich Euch nichts helfen; vielleicht gelingt mir's draußen." Meine Mutter weinte, da ich so sprach. Aber sie drückte mich an ihr Herz und widersprach mir nicht. Ach, mein lieber, junger Freund, es ist herb, wenn eine Mutter zu ihrem Sohne nicht sagen kann: „Bleib!" wenn er in die weite, weite Welt ziehen will! Sie sagte nicht: „Bleib!" — und der Stiefvater sagte es auch nicht. Sie richtete mir in der Stille und heimlich einige Kleidungsstücke zu; — sie nahm, was sie sich bei Pfennigen gespart hatte und trug es zum Wechsler, und da dazumal in meinem Lande englisches Geld kursierte, so tauschte sie ein englisches Goldstück dafür ein. Sie nähte es mir in jenes Leinentuch, das, mit den Fäden des Gesetzes versehen, den Juden unter dem Namen „Arba-Kanfaus" heilig ist und von ihnen unter allem Zeug auf der nackten Brust getragen wird. Sehen Sie, zum Andenken an meine gute, tote Mutter — Friede über sie! — trage ich noch immer eins, dem ähnlich, das sie mir damals vor 48 Jahren am Abend vor meinem Weggange aus dem elterlichen Hause auf die Brust gehängt hat. „Ich habe ein Goldstück hineingenäht, David lieb", sagte sie, „Gottes Segen soll mit dem Goldstück sein; denke Dir, so lange Du's noch hast, daß Du nicht ganz verlassen bist, und nimm es nicht eher heraus, als bis Du glaubst, daß Du es herausnehmen mußt." Dann küßte sie mich und am andern Morgen ging ich hinweg. (Fortsetzung folgt.) Kopf nutz Schweif. Jes. 9, U. War einmal ein Hund, wie Hunde sind, Gerne außer Haus, ein Sausewind, Hinter jedem fetten Knochen her; Scharmutzieren fiel ihm gar nicht schwer. Einst, in übler Weltverbess'rungslaune War's, als ob der Schweif dem Kopf zuraune: „Bin schon lang genug dein Knecht gewesen, Mach nicht mehr mit dir viel Federlesen. Ward ich zum Einziehen, Rollen, Wickeln Nur geschaffen und zum Perpendikeln? Tu nicht groß mit deinem Denkgehirn, Dein Verstand hängt blos an dünnem Zwirn. Sei scharfäugig, sei feinhörig, stecke Witternd die Spürnas' in Alles, recke Deine Zunge, schlag' an, kläffe, belle. Renne, jage, wache an der Schwelle, Was du kannst, ersetzt mir der Instinkt, Der blitzartig treibt und drängt und winkt. Mag mich dir nicht immer anbequemen, Will die Führung selbst nun übernehmen." „Gut", so meint der Hund, zu Hetz und Spiel Aufgelegt, besinnt er sich nicht viel. Winket zu dem Schweif: „Will einmal schauen Und mich deiner Leitung anvertrauen". Im ganz ungewohnten Rücklingstrab Ging's tollpatschig so bergauf, bergab. Bald in's Rutschen kommt der arme Kauz Ueber Stein und scharf Geröll, pardauz! Jählings fällt er, ganz zerbläut die Glieder, Zwischen alten Ziegenböcken nieder. Die mit Rippenstößen ihn traktieren, Daß er kaum ein Glied im Leib mag spüren. Als sie ihn nun schleudern in den Sumpf, Werden ihm die Sinne dumpf und stumpf. Zitternd, schlammbedeckt schleicht er heraus! Tappt in's Hirtenseuer dann, o Graus! Die Brandwunden muntern ihn noch am. In die Dornenhecke seinen Lauf Nimmt er, krampfhaft, jämmerlich zerstochen, Winselt, keucht er, innerlich gebrochen. Nutzlos zuckt der Kopf und jappt und heult, Zwischen dem Gestrüppe eingekeilt. Hundeseele war dem Schweif verschrieben. Noch ein Ruck, von letzter Kraft getrieben, Macht ihn frei. Versengt, zerzaust, zerschunden Liegt er da. Wird jemals er gesunden? Hat gerettet wohl den Schweif allein ' Sein Instinkt? Was fällt euch ein, o nein! Ging doch mit dem Kopf-entsetzten Hunde Selbstverständlich auch der Schweif zu Grunde. So war's bald zu End' mit seinem Witz. .War der arme Kerl ein Mops, ein Spitz, Dackel, Bulldogg, Windspiel oder Pudel?