Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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sette 30 Dr. Dlocb's MlocbenscbrM. Sir. 2 vor, einem schlanken, bleichen Mädchen mit braunen Augen und sehr feinen Händen. Miß Sophy sprach gut deutsch und konnte Schiller's Glocke ganz auswendig. Mr. Barney hatte auch einen Sohn, der war aber schon seit einem Jahre in Kalkutta und wollte erst in einem Jahre wiederkvmmen. Wir aßen gut und tranken gut; Mr. Barney sagte mir auch, daß er ein Jude sei und daß seine Frau eine Anverwandte des Lord-Mayors Salomon sei. In einer Stunde kannte ich die Familienverhältnifse meines Freundes und ich fühlte mich in seinem Hause so behaglich, als sei ich mit den guten Leuten verwandt. Nach Tische gingen wir aus dem Speisezimmer in das Drawing- Room. Mrs. Barney setzte sich in den großen Lederstuhl und Miß Sophy spielte Klavier. Sie spielte ein Mendelssohn'sches Lied ohne Worte und ich blätterte ihr die Noten um. Dann wurden die Gaslampen angezündet, ich blieb bis elf Uhr abends und fuhr mit dem letzten Westend-Omnibus nach Regentstreet zurück. Ich ging in den nächsten Wochen noch drei-, viermal nach dem Hause meines Freundes in Finsbury-Square; und eines abends setzten wir uns zusammen in das Rauchzimmer. Die Damen blieben oben in Drawing-Room. Der Bediente brachte Gläser, einen Krug mit heißem Wasser und eine silberne Porte-Menage mit Gin, Brandy und Whisky. „Wir wollen uns einen Grog machen und eine Zigarre dazu rauchen", sagte Mr. Barney. Wir machten uns einen Grog und zündeten eine Zigarre an — importierte Zigarre, wie man sie in ganz London nicht besser und kräftiger finden kann. Dann sagte Mr. Barney: „Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so will ich Sie morgen einmal in eine Gegend von London führen, in der Sie gewiß »och nicht gewesen sind. Holen Sie mich morgen um 2 Uhr nachmittags aus meiner Offize in Lombardstreet ab." Am andern Tag ging ich nach dem Bankhause von Mm. Bar, Barney and Cie. in Lombardstreet. Da kam ich zuerst, rechts Parrerre, in einen großen Saal. Voran, durch den ganzen Saal, lies ein Verschlag mit den Zahltischen und im Hintergründe war die Kaffa, wo auf einer Erhöhung vielleicht drei oder vier Herren Gold wogen, Rollen musterten und auf einer Mefsiugschüfsel draußen stehenden Kunden, die Wechsel präsentiert hatten, Geld zuschoben. Da ich nach Mr. Barney fragte, wurde ich durch den Verschlag gelassen, und mußte nun durch den ganzen Saal gehen, wo etwa 35 bis 40 junge Herren au hohen Pulten — über denen jetzt schon die Gaslichter brannten — arbeiteten, rechneten, schrieben. Am Ende des Saales war eine kleine Treppe, die in ein oberes Stockwerk führte. Hier saß rechts in einem Zimmer der sogennante first Clerk, d. h. Geschäftsführer, und links war das Privatzimmer des Mr. Barney. An den Wänden hing eine ungeheure große Spezialkarte sämtlicher großbritannischer Eisenbahnen, dann eine Karte des britischen Reiches und aller seiner Kolonien, eine Schiffahrtskarte der ostindischen See, ein riesiger Plan von London und das Miniaturbild einer alten Dame mit ehrwürdig freundlichem Gesicht und einer hohen Bandhaube nach der Mode vom Anfänge dieses Jahrhunderts. Mr. Barney lag auf einem Sopha von rotem Leder; als ich eintrat, stand er auf und bewillkommnete mich herzlich. Er bemerkte, daß ich immer nach dem Miniaturbilde mit der hohen Bandhaube sah. „Das ist meine gute Mutter — Frieden über sie!" sagte er. „Bor zwanzig Jahren habe ich sie zum letzten Male gesehen und vor 18 Jahren ist sie gestorben." Mr. Barney nahm darauf seinen Hut, setzte ihn auf das rechte Ohr, steckte seine beiden Hände in die Hosentaschen und sagte: „Nun können wir gehen; ich stehe zu Ihrem Befehl." Wir gingen zuerst Lombard-Street hinunter, Cockspur-Street hinunter nach Fleet-Street und bogen dann in eine schmutzige, enge Straße, aus der uns sogleich ein dumpfer, schlechter Geruch entgegenschlug. Je weiter wir gingen, um desto mehr rußige Häuser, Schmutz, Gewühl, Gestank. „Wo sind wir?" fragte ich, indem ich mir die Nase zuhielt und mit dem Stocke jeden Fußbreit Erde untersuchte, auf den ich treten wollte. Mr. Barney nahm die eine Hand aus seiner Hosentasche und zeigte an die Ecke eines Hauses hinauf. Da las - ich auf einem schwarzen Schilde mit weißen Buchstaben: „016 Jewry“ — Alte Jüderei — wir waren im Londoner Judenviertel. Mir ward unter diesen alten Bekannten, die in Rußland und in Italien dieselben geblieben sind, und die ich in London nicht anders fand, als ich sie in Paris gesehen habe, gar wunderlich zu Mute! Ach, diese Armen, die in den Judenvierteln zurückgeblieben sind, haben etwas unsäglich Rührendes und etwas unsäglich Widerliches, selbst für ihre Freunde. — Lumpen vor der Türe, dunkle Augen und Gesichter mit gebogenen Nasen, schwangere Frauen auf dem zehnten Schritt und Kinder in allen Winkeln und auf allen Kehrichthaufen — Geschrei und zwischendurch Gesang zum Harsenspiel, und das Alles in engen düstern Gassen und vor zerfallenen Häusern aus lang vergangenen Jahrhunderten — das ist das Morgenland in London! — Es war Freitag und darum ganz besonders lebhaft in den Gäßchen. Denn die Leute verproviantierten sich auf den Sonnabend. Da waren zehn, zwölf Buden mit gebackenen und mit rohen Fischen — ach, und die einen waren in ranzigem Oel gebacken und die Hälfte der andern war faul. Dann kamen Buden mit Fleisch, an welchem das Siegel des Rabbiners hing; dann kamen Buden mit eisernen Töpfen, und Keller mit Rettigen, Kartoffeln, Mehl und Bohnen. Hierauf gingen wir in die Duke-Street. Duke-Street ist die vornehmste Gasse des Judenviertels — gleichsam die Regent-Street der Old Jewry. Da hingen Kleider vor den Türen, Mäntel, Hosen, Hüte, zuweilen auch ein altes Bild und ein Spiegel. Mr. Barney führte mich daraus in eine Einbucht der Duke-Street, in eine Art Sackgasse, wo ich aus den dumpfen stinkenden Häusern keinen Ausweg sah. Vor einem der elendesten dieser Häuser blieb er stehen. „Sehen Sie sich dieses Haus einmal an", sagte er zu mir. Ich sah mir das Haus an. Es war die elendeste Spelunke, die ich je in meinem ganzen Leben gesehen habe. Sie war einstöckig, schwarz von Ruß und Dreck, mit geborstenen Lehmwänden und mit Fenstern, in denen mehr Lumpen als Glasscheiben steckten. Die Flur lag tiefer als die Schwelle und . war hügeliger Lehmboden; und die Decke hatte sich an einigen Stellen gesenkt und war an anderen durchgebrochen. „In diesem Hause habe ich vor achtundvierzig Jahren, da ich aus Deutschland kam, vier Wochen lang für erbetteltes Geld geschlafen", sagte Mr. Barney, und sein schmales Gesicht verzog sich zu einem gutmütigen Lächeln. Beim Himmel, es war ergreifend, den Mann, der nun in der ersten Handelsstadt der Welt in seinem Fache der Ersten einer ist, gesegnet mit allem, was wünschenswert erscheint, mit Glücksgütern, mit Ehre, mit Vertrauen seiner Mitbürger und dem häuslichen Glück, das höher steht als das andere; mit einer ehrenwerten Frau, die er liebt, mit einem tüchtigen, zuverlässigen Sohne und einer vortrefflichen Tochter; diesen Mann mit seinem gutmütigen Lächeln und seiner köstlichen Bescheidenheit vor der Hütte sinnend stehen zu sehen, in der er als hilfloser Knabe dereinst für erbetteltes Geld geschlafen hatte! Indem wir beide vor dem Hause standen, trat ein fettes Weib, von etwa fünfzig Jahren mit einem Kinde an der Hand, und ein jüngeres mit einem Kinde an der Brust in die Türe. „Wollt Ihr nicht eintreten, Gentleman?" fragte das fette Weib mit dem Kinde an der Hand in einem schr schlechten Englisch. Mr. Barney lächelte. „Kennt Ihr mich nicht mehr, Mirjam?" sagte er deutsch, indem er das Weib freundlich ansah. Das Weib hielt die Hand vor das Auge, um Mr. Barney deutlicher anzusehen. „Nein ich kenne Euch nicht", sagte sie dann in einem Deutsch, das nicht besser war als ihr Englisch. Die Juden der Old Jewry sprechen alle noch jenen Jargon, den wir bei uns noch zuweilen von den jüdischen Bettlern hören. Es ist jenes aus deutschen, hebräischen, englischen und polnischen Wörtern zusammengesetzte Kauderwelsch, das man studieren muß, wie eine fremde Sprache, sonst versteht man das dritte Wort nicht. Mirjam sah den Fremden noch einmal an. „Bekannt seid Ihr mir, wenn ich Euch genau ansehe... Ihr seid doch nicht.ja, Ihr seid — bei unserem Gott,