Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Blocb s MlocbenscvrM. Sem *9 DerLVÄ Geburtstag der Zweitältesten Frau Wiens. Am 18. d. M. feiert die hier. Simmeringer Hauptstraße 45, wohnhafte Frau Katharina Blau ihren 102. Geburtstag. Die Matrone ist zu Karlsburg bei Preßburg geboren und wohnt seit mehr als einem halben Jahrhundert in Wien. Sie wohnt bei einer Tochter, einer armen Witwe, die durch Kleidernähen das Notwendige für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Angehörigen bestreiten muß. Noch im letzten Sommer ging die alte Frau ohne Begleitung aus, um kleine Einkäufe persönlich zu besorgen, Natürlich wußten ihre Angehörigen nichts von diesen Ausgängen und erfuhren erst nachträglich von denselben. Von früher her gewohnt. Früh aufzustehen und spät zu Bette zu gehen, hält sie auch in ihrem hohen Alter diese Gewohnheit bei. Sie verläßt schon um halb 7 Uhr früh das Lager, das sie erst wieder um halb 10 Uhr abends aufsucht. Während ihr Gehör ein wenig gelitten hat, sind ihre Geisteskräfte völlig frisch geblieben; geradezu erstaunlich ift — ihre Rechenkunst. Während ihrer Jugend hatte sie keine Gelegenheit, geordneten Unterricht zu genießen, sie kann nicht deutsch schreiben, aber sie vermag erstaunlich sicher im . Kopfe zu rechnen Wenn ihre Urenkel mitunter Rechenaufgaben zu lösen haben, dann macht es dem alten Großmütterchen Freude, den Kleinen behilflich zu sein und die 102jährige Korrepetitorin ist manchmal gar strenge mit ihnen, wenn sie nicht rasch genug zu antworten vermögen. Im Frühjahre, hofft sie, wieder in's Freie zu kommen; ihr erster Gang soll der zum Grabe ihres Gatten auf dem Zentralfriedhofe sein. Beth-Jsrael-Berein. Am verflossenen Sonntag fand im Beth - Israel - Verein, II. Bezirk, Leopoldsgasse ‘*9, die Einweihung des neurenovierten Beth - Hamidrasch und gleichzeitig eine Sijum - Feier statt. Es hatten sich daselbst eingefunden: Der Leiter des Beth-Hamidrasch Gemeinderabbiner Mayersohn, der Vorstand des Vereines mit dem Obmann Herrn S. Deiches an der Spitze, Kultusvorsteh r und Vereinsvorstand S. Landau, Oberkantor M. Scharr, Rabbiner M. Kramer u. v. A. Nach Verrichtung des Miuchagedetes trug Rabbiner Mayersohn den üblichen Abschnitt aus dem Schulchan-Arnch, sowie die letzte Mischna des abgeschlossenen Mischnatraktates vor und verstand es» die beiden Themen an der Hand zahlreicher Talmud- und Midraschstellen vorzüglich zu verbinden. Hierauf wurde ein bescheidener Imbiß eingenommen, wobei es wieder Diwre Thora und Gelegenheitsansprachen in Menge gab. Religionslehrer D. Skutezky kam, anknüpfend an mehrere Stellen der heiligen Schrift, auf den günstigen Eindruck zu sprechen, den die erfolgte Renovierung des Beth-Hamidrasch auf die Besucher desselben gemacht, und zollte dem Vorstande des Vereines die Anerkennung für sein an den Tag gelegtes Bestreben, diese Lehrstätte der Thora auch fürderhin unterstützen und fördern zu wollen. Hierauf ergriff Vereinsobmann S. Deiches das Wort. Er reflektierte auf die dem Vorstande seitens des Vorredners ausgesprochene Anerkennung und gab schließlich das feierliche Versprechen, gleichwie dem Gottesdienst der Synagoge, auch der Stätte, wo die Thora erforscht und verbreitet wird, seine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nachdem noch Rabbiner Kramer eine auf die Feier bezughabende und an den Wochenabschnitt anknüpfcnde Ansprache gehalten und Oberkantor Scharr über allseitiges Verlangen eine Gesangspiece vortrug, schloß die schöne, erhebende Feier. „Esra", Verein der wirklichen Religionslehrer der Wiener Kultusgemeinde. Dieser seit nunmehr 14 Jahren bestehende Verein, der zu seinen Mitgliedern jene Lehrpersonen zählt, welche den Religionsunterricht zu ihrem ausschließlichen Berufe gewählt haben und in erster Linie die Hebung der geistigen und materiellen Interessen derselben bezweckt, veranstaltete am 8. d. M. in der Religionsschule der Kultusgemeinde einen Vortragsabend, für den Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. D. Feuchtwang, einer an ihn seitens der Vereinsleitung ergangenen Einladung freundlichst Folge leistend, eine „Interpretation einiger Texte der heiligen Schrift" angekündigt hatte. Nach Begrüßung der Erschienenen durch den Vereinsobmann Religionslehrer A. R o t t e r wies dieser, vorerst die Ziele und Tendenzen des Vereines „Esra" auseinandersetzend, darauf hin, daß die Religionslehrer Lat' sxoebtzu trotz der Ungunst der Zeiten und trotzdem es ihnen bisher leider nicht gelungen, eine Hebung ihrer materiellen Interessen zu erzielen, dennoch den Mut nicht verlieren, vielmehr nach wie vor, unbeirrt von vorübergehenden Zeitströmungen, ihren Idealen treu bleiben wollen. Geistige Fortbildung müffe unter solchen Umständen das alleinige Stahl bad für den Religionslehrer bilden. Redner begrüße es namens des Vereines „Esra" mit Freuden, daß gerade aus den Kreisen der Herren Mittelschnlprofessoren die beherzigenswerte Anregung ausgegangen sei, durch gelegentliche Diskussionen gemeinsamer Angelegenheiten, durch eingehende Besprechmig pädagogisch-didaktischer Fragen einen innigeren Kontakt in der Lehrerschaft herbeizuführen und solcherart zur Hebung und Förderung der vielgelästerten Religionslehrer beizutragen. (Lebhafter Beifall.) Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. D. Feuchtwang, von den Anwesenden freundlichst begrüßt, den angekündigten Vortrag über das 21. und 22. Kapitel des 1. Buches der Könige, die Geschichte von Rabats Weinberg und die Prophezeiung Michajehus und erntete bei dem zahlreichen Auditorium lebhaften Beifall. Dem Verein „Esra" haben sich mehrere hervorragende Gelehrte zum Zwecke wisienschaftlicher Vorträge bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Baden. Montag am 2. Jänner starb hier im 75. Lebensjahre Herr Salomon Klauber, Vizepräses der hierortigen israelitischen Kultusgemeinde. Der Verblichene wirkte eine lange Reihe von Jahren als Beirat im Vorstande und hat sich große Verdienste um die Kultusgemeinde erworben. In der am 3. d. M. stattgefundenen Tranerkundgebung des Kultusausschusses hob der Vorsitzei.de Herr Präses Moriz Lettner die langjährige gedeihliche Wirksamkeit des Verblichenen hervor, was zu Protokoll genommen und zugleich beschlossen wurde, dem verdienstvollen Hingeschiedenen auf Kosten der Kultusgemeinde und der Chewra-Kadischa Baden ein Ehrenleichenbegängnis zu veranstalten. An dem am 4. d. M. erfolgten Leichenbegängnisse beteiligten sich die Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde und der Chewra-Kadischa mit ihrem Präses Herrn Moriz Lettner an der Spitze, wie auch zahlreiche Gemeindemitglieder. Die von Sr. Ehrwürden Rabbiner W- Reich gehaltene Trauerrede machte auf die Zuhörer den tiefsten Eindruck, wie auch die Gesangsvorträge des Oberkantors M. Seifert, affistiert vom Tempelchore, von bedeutender Wirkung waren. Der Verblichene starb kinderlos und hinterließ eine hochbetagte Witwe. Sein Andenken wird in der Kultusgemeinde Baden bewahrt bleiben Prag. (Trauung.) Montag den 23. Jänner l. I. um 1 Uhr nachmittags findet in der Zigeunersynagoge die Trauung des Fräuleins Anna Fried, Tochter des Herrn Ignaz und der Schriftstellerin Babette Fried, mit Herrn Arthur Gärtner statt. Feuilleton. Eine Geschichte ans der ersten Halste des vorigen Jahrhunderts. Eins von den dunklen mafiiven Gebäuden — das siebente oder achte nach Baron Rothschilds Office — in der Lombardstreet, jener Straße, in welcher die großen Londoner Bankiers ihre Geschäftslokale haben, trägt in dem Fenster rechts von der Türe, neben vielen Anzeigen von Agenturen und Kommanditen, die Firma: „MM. Bar. Barney and Cie." Das Geschäft ist für den Handel mit ausländischen Wechseln, namentlich nach Ostindien eines der ersten in der City. Der Chef des Geschäfts heißt Mr. David Barney. Es ist ein Mann von ungefähr 60 Jahren mit halbergrautem Kopf, schmalem Gesicht mit munteren braunen Augen und rötlicher Nase von mittelgroßer Statur. Er hat den Hut immer auf dem rechten Ohr fitzen und trägt die Hände stets in der Hosentasche. Er ist einer der gutmütigsten Leute, die ich in London kennen gelernt habe. Ich habe ihn in dem großen Chop-House, links von der königlichen Börse, kennen gelernt. Er saß an einem Tische und las die „Klinische Zeitung". „Mein Herr", sagte ich, „darf ich Sie um die Zeitung bitten, wenn Sie sie fertig gelesen haben?" „Mit Vergnügen", erwiderte er, „in zehn Minuten sollen Sie die Zeitung haben". Er sprach ein gutes und reines Deutsch und war von Geburt ganz gewiß ein Deutscher. Ich betrachtete ihn. Er las das Feuilleton und er schien viel Vergnügen daran zu haben, denn er lächelte beim Lesen still vor sich hin. Nach zehn Minuten stand er auf und brachte mir die Zeitung. „Hat Ihnen das Feuilleton gefallen?", fragte ich ihn. „Ja, es hat mir sehr gefallen", erwiderte er. „Es hat mich so lebhaft an vielerlei erinnert, was ich selber erlebt habe. Es hat mir in der Tat viele Freude gemacht." „Nun mein Herr; dann darf ich Ihnen vielleicht auch den vorstellen, der das geschrieben hat, was Sie eben gelesen haben. Ich bin es, mein Herr!" Da gab mir Mr. Barney die Hand und lud mich ein, den Mittag bei ihm zu speisen. Er wohnte nicht in Lombardstreet; da war nur sein Geschästslokal. Er wohnte in Finsbury- Square, das erste Haus, links das Haus mit der breiten Treppe und dem Eisengeländer. Er stellte mich seiner Frau vor, einer guten dicken Frau, die ein steifseidenes Kleid trug und kein Wort deutsch verstand; dann stellte er mich seiner Tochter, Miß Sophy,