Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette L6 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 2 Singer, macht jetzt in einem Rundschreiben die Mitteilung, daß nach der Sichtung des reichhaltigen Materials, das ihm für die Encyklopädie zugeflossen, sich herausgestellt hat, es würde ein bedeutender Teil dieses Materials für diesen Zweck keine Verwendung mehr finden können. Damit auch diese sehr wertvollen und interessanten Beiträge dem jüdischen Publikum zugänglich werden, hat Dr. Singer beschlofien, eine alle vierzehn Tage zu erscheinende Revue herauszugeben. Diese Zeitschrift will sich bestreben, die politische, religiöse und gesellschaftliche Emanzipation des jüdischen Volkes in jeder Weise zu fördern und hofft dies durch eine weitere Verbreitung von allgemeiner Bildung und durch Zuführung erstklassiger literarischer Erzeugnisse auf dem Gebiet Mischen Wiffens zu erleichtern. Ei« jüdischer Atheisieutempel in New-Uork. Amerika ist wirklich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Es gibt kaum etwas Närrisches und Paradoxes, das nicht bei irgeno einem Sonderling überm großen Teich eine verständnisvolle Teilnahme erweckt, und die Uankee-Schrullen bilden ja eine unverwüstliche Fundgrube für die lustige Ecke der europäischen Tagesblätter. Aber es handelt sich dabei immer nur um mehr oder weniger ernst gemeinte Späße gelangweilter Milliardäre. Sie sind durchaus harmlos. Das Närrische mit dem Gemeinen zu verbinden, blieb den jüdischen Sozialdemokraten Vorbehalten, die man nicht nur in New-Iork, sondern auch im Londoner Ghetto als Rowdies gefährlichster Gattung kennen lernen kann. Während der letzten Iom-Kippur-Feier, als die Juden New- Jorks fasteten und in den Synagogen ihre Andacht verrichteten, veranstalteten jene Sozialisten eine Volksversammlung in Brooklyn. Dort entfalteten sie die Pläne für eine Art von atheistischem Tempel, der im Herzen des Judenquartiers errichtet werden und ein Ersatzzentrum für alle Religionen, insbesondere für den alten jüdischen Glauben bilden sollte. Es wurden beträchtliche Geldsummen durch freiwillige Spenden gesammelt, und jetzt ist man so weit, um niit dem Bau beginnen zu können. Diese sauberen Feinde Gottes muß man kennen, um ihrem Werke und ihren Absichten eine gerechte Würdigung angedeihen zu lasten. Es sind das meistens ungebildete, unreife Burschen, deren Wiege in einem osteuropäischen Städtchen stand und die ihre Kindheit unter den allertraurigsten Verhältnissen zugebracht haben. Den an Leib und Seele Darbenden konnte von den Eltern nichts anderes fürs Leben mitgegeben. werden als der Glaube und die Hoffnung auf die Hilfe Gottes. Die Schönheiten des irdischen Daseins blieben ihnen verschloffen, und nur mit seinen Schattenseiten wurden sie vertraut. Dieses unbeschreibliche wirtschaftliche Elend im Verein mit einer grausamen politischen Unterdrückung schuf aus ihnen eine Gesellschaft finsterer Pessimisten, in deren Seele schließlich alle Regungen einem einzigen Gefühle weichen mußten, dem Gefühl der Rache. Freilich, unter dem schweren Druck ihrer heimatlichen Zustände blieben derarttge Instinkte latent, da konnte diesen Empfindungen kein Ausdruck verliehen werden. Kaum aber haben sie die Ketten gesprengt, kaum haben sie ihren Fuß auf den Boden eines jener freien Länder gesetzt, das in ihnen den frei geborenen Menschen respektiert, da kommt der aufgespeicherte Zündstoff zur Explosion. Wie ein junges, feuriges Pferd, das nach langer Gefangenschaft wieder einmal an Lust und Sonne kommt, so stürmen diese entfesselten Menschen zügellos in der Freiheit umher; im Ueberschwall ihrer Empfindungen sehen sie kein Hindernis und rennen blindlings durch die Gasten, bis sie sich schließlich au einer Mauer die Schädel einrenncn. Der erste Feind, gegen den sie stürmen, ist der alte Gott ihres Volkes, an den sie selbst einst glaubten und der ihre Hoffnungen getäuscht hatte. Ihn machen sie zum ersten Opfer ihrer Rache. Gewiß kann man psychologisch vieles begreifen, auch den ungerechten Haß. Aber die bestialischen Formen, die er bei diesen fteigelaffenen jüdischen Sklaven annimmt, müffeu Verzeihung und Mitgefühl vollständig ausschließen. Ich selbst war in London häufig Zeuge unglaublicher Dinge, und das Gleiche kann man in New-Dork erleben. Zum Tag der größten Rache wählen die Sozialisten — die übrigens im Sozialismus noch weniger Bescheid wissen als im Judentum — den Versöhnungstag aus. Schon einige Wochen vor dem Feste kündigen sie auf Plakaten in jüdisch-deutscher Sprache und in hebräischen Setter« einen großen Jom-Kippur-Ball an In lästernden und höhnischen Redensarten ziehen sie die Vergleichung zwischen den traurigen Gesängen heiserer Chasanim und dem lieblichen Gesang der Soubrcttistin X und der Operettendiva D, zwischen dem Fasten der gläubigen Juden und dem Schmaus der Sozialisten. In der Tat beginnt dann am Kol-Nidre-Abend das Tanzvergnügen, das bis zuni frühen Morgen dauert. Gegen Mittag wird die Belustigung wieder aufgenommen, bei Musik und heiteren Liedern, bei guten Speisen und Getränken — gewürzt durch sozialistische Reden — amüsiert man sich bis tief in die Nacht hinein. Das ist ein jährlich wiederkehrendes Schauspiel. Ihre Vergnügungslokale verlegen die tapferen Jünglinge stets in die Nähe einer Synagoge, und so oft das ernsteste Fest der Judenheit herannaht, an jedem Jom-Kippur berichten die Zeitungen von blutigen Schlägereien zwischen jüdischen Sozialisten und orthodoxen Juden. Mm werden die verblödeten atheistischen Misanthropen ihrem Haß ein Heiligtum errichten. Man darf ihre Versammlungen nicht etwa auf eine Stufe stellen mit den Andachten der freireligiösen Gemeinde, nein, nach den bisher gemachten Erfahrungen herricht kein Zweifel, daß ihr „Tempel" ein Hetzpodium gegen die jüdische Religion und alles Jüdische darstellen wird. Freireligiöse und Ungläubige, die durch Erziehung, Gemütsanlage und Gedankenarbeit zu einer Ueberzeugung gelangen, die vom Glauben der Masse abweicht, gibt's unter allen Völkern und allen Nationen. Ihnen verbietet schon ihre Bildung und die Heilighaltung der eigenen, oft schwer errungenen Ueberzeugung, die Gefühle derer zu verletzen, die ihre Weltanschauung auf eine andere, auf eine metaphysische Grundlage aufbauen. Die jüdischer, Sozialisten in England und Amerika wissen nichts davon, weil sie nicht durch Erziehung, nicht durch eine besondere Gemütsanlage zum Unglauben gelangten, nicht durch Gedankenarbeit, sondern durch ihren Trotz und ihren Haß. Ueber den Atheismus des Pöbels äußerte sich Heinrich Heine in seinen „Geständnissen" mit den Worten: „Als ich aber merkte, daß die rohe Plebs, der Janhagel ebenfalls diese Themata zu diskutieren begann in seinen schmutzigen Symposien, wo statt der Wachskerzen und Girandolen nur Talglichter und Tranlampeu leuchteten, als ich sah, daß Schmierlappen von Schuster- und Schneidergesellen in ihrer plumpen Herbergssprache die Existenz Gottes zu leugnen sich unterfingen — als der Atheismus anfing, sehr stark nach Käse, Branntwein und Tabak zu stinken: da gingen mir plötzlich die Augen auf, und was ich nicht durch meinen Verstand begriffen hatte, das begriff ich jetzt durch meinen Geruchssinn, durch das Mißbehagen des Ekels, und mit meinem Atheismus hatte es gottlob! ein Ende." Vermischtes. Kranzablösungsfpenden zugunsten der Chelvra-Kadischa Wien, 1, Seitenstettengasse 4 für arme kranke Glaubensgenossen. Anläßlich des Ablebens des sel. Herrn Emil Popper: Von Marie Popper X 20.— , Edmund Glas 10.—, Ludwig Wlaschin 2.—; zusammen K 32.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Herrn Jakob Schick: Von Josef Flesch K 10.-. Anläßlich des Ablebens der seligen Charlotte Bum: Von Dr. Heinrich Bum K 20.-. Philipp Budie 20.-; zusammen K 40.—. Anläßlich des Ablebens der seligen Katharina Fröhlich: Von Ignaz Fröhlich L 20.—, Hermann Pentlary und Frau 20.—, Sigmund Mendel 20. — , Rudolf Kahler 20.—'; zusammen K 80.-. Borträge aus der Geschichte der Juden in Deutschland und Oesterreich. Donnerstag den 19. Jänner 1905, präzise halb 8 Uhr Abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten- Vereines, I., Eschenbachgaffe 9, ein Vortrag des Herrn Doktor M. Grunwald statt. Thema: „Aus Prozeßakten des Mittelalters". Mit Vorführung von Lichtbildern. Eintritt frei ohne Karten. Wien. Mittwoch den 18. Jänner 1905, 8 Uhr abends, findet in Oczeret's Restaurant, X, Keplergasse 7, die ordentliche Generalversammlung für das 29. Vereinsjahr des israelitischen Tempelvereines im X. Bezirke statt. Wien. Der Mädchen- und Frauen-Verein „Bikur- Chaulim" (Krankenbesuch) hält Sonntag den 15. Jänner eine außerordentliche Generalversammlung im Sitzungssäale der israelitischen Kultusgemeinde I., Seitenstettengasse 2 ab. Tagesordnung: Aenderung der Statuten. Jüdische Toynbeehalle. Vortragsordnung: Sonntag, 15. Jänner. Adolf Gelber: Dreihundert Jahre Hamlet. Montag, 16. Jänner. Dr. Alexander Hausmann: Der moderne Landkrieg. II. Dienstag, 17. Jänner. S. Abraham: Die Juden und der Alkoholismus II. Mittwoch. 18. Jänner. Diskussion. Donnerstag, 19. Jänner. M. Berkowicz: Perez Smolensky. Freitag, 20. Jänner. Bibelvortrag. Samstag, 21. Jänner. Konzert. Wien. (Jacob Marmorosch.) Am 17. Jänner ist hier der Seniorchef des Bankhauses Marmorosch, Blank u. Ko. in Bukarest, Herr Jacob Marmorosch, im 83. Lebensjahre gestorben. Das genannte Bankhaus ist eines der bedeutendsten in Bukarest. Herr Jacob Marmorosch war auch in Wien wegen seines Wohltätigkeitssinnes besonders geschätzt. Von den in Wien lebenden Angehörigen des Verblichenen ist dessen Enkel, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Karl Lem berge r, in weiteren Kreisen bekannt.