Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Blocb s Mocbens Veite 27 nach dem ostasiatischen Kriegsschauplatz zu entsenden. Aber selbst die drängende Aerztenot vermochte das bornierte und dummdreiste Tschinowniktum mit der Anstellung von Juden nicht zu versöhnen und so reichten die untergeordneten Polizeiorgane des Kreises Simseropel gegen die jüdischen Medizinalbeamten eine falsche Denunziation nach der andern ein. Eingehende Prüfungen derselben ergaben jedoch, daß die jüdischen Aerzte und Feldscher von der Polizei nur böswillig beschuldigt worden sind, so daß die Semstwo sich genötigt sah, den Jsprawnik (Landrat) von Simseropel wegen falscher Denunziation ihrerseits zu denunzieren. Die Wirkung war jedoch für die Polizei wenig abschreckend, denn am 25. Dezember denunzierte sie wiederum den leitenden Arzt des Kreiskrankenhauses, einen Kranken vergiftet zu haben. . . Die Obduktion ergab die ganze Unhaltbarkeit dieser albernen Denunziation. Die Semstwo schickt wiederum einen Bericht an den Gouverneur m't der Bitte, die ihm unterstehenden Polizeiorgane wegen falscher Denunziation zu bestrafen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß den Gendarmen des Kreises Simferopel trotz wiederholter Klagen der Semstwoorgane kein Haar gekrümmt werden wird, da auch der Gouverneur nichts weiter als ein Tschinownik ist und die ganze Sippe wie Kletten zusammenhält. Klfchrnetv. (Der verblüffte Krufchewa n.) Die von Petersburg erfolgte Inhibierung des „Bessarabez" hat auf Ehrenkruschewan eine betäubende Wirkung gehabt. Von der Polizeisippe in Kischinew seit vielen Jahren verhätschelt und von dem verflossenen v. Plehwe stets mit großer Auszeichnung behandelt, hat sich der halbverrückte und ganz verkommene Kischinewer Antisemit eingebildet, über dem Gesetze zu stehen und war ganz perplex, als er durch das Verbot seines Revolverblättchens erfahren mußte, daß auch für ihn eine Zensur besteht. Es 'st nun spaßhaft, zu sehen, welche possierliche Sprünge der nun so plötzlich auf den Pfropfen gesetzte Antisemiterich mitsamt seinem Kischinewer Anhang macht, um das Verbot des „Bessarabez" zu mildern oder gar gänzlich wieder aufzuheben. Der „Wohltätigkeitsverein Bessarabez" hat sofort in einer langen Depesche nach Petersburg um die Aufhebung des Verbotes petitioniert, da Kruschewan ein großer russischer Patriot (Patrioten sind diese Herren alle!) und sein Blatt für das Vaterland sehr nützlich sei. Außerdem will man deswegen direkt eine Eingabe an den Zaren richten. Anderseits beabsichtigen die Kischinewer Aerzte, deren Standesehre Kruschewan in seinem Artikel „Die Verräter" schwer gekränkt hatte, diesen wegen Ehrenkrünkung zu verklagen. — Sehr bezeichnend für die Feigheit der antisemitischen Kischinewer Stadtverordneten- Versammlung ist folgender Vorfall. Dieselbe mußte zu der vom Moskauer Magistrat ergangenen Einladung zu einem russischen Städtetag Stellung nehmen. Die Zusage der Beteiligung wurde fast einstimmig beschlossen. Als man jedoch daran ging, die Kischinewer Delegierten für diesen ohne Erlaubnis der Regierung und im oppositionellen Sinne geplanten Städtetag zu ernennen, fiel den tapferen Antisemiten das Herz in die Hose. . . Niemand wollte die Ehre haben. Schließlich erboten sich die beiden einzigen jüdischen Stadtverordneten von Kischinew, die Herren Dr. Mutschmk und Goldstein dazu an. Die Antisemiten sind eben Feiglinge und werden nur da frech, wo sie genau wissen, daß eben absolut nichts zu riskieren ist. Der Homeler Prozeß. Aus Homel wird berichtet: Der Prozeß zieht sich ins Unendliche. Dieselben Szenen, dieselben Aussagen. Immer wieder erzählen die Zeugen, wie es eigentlich während der berüchtigten zwei Tage der Exzesse zugegangen ist. Zeugen verschiedener Klassen und Stände treten auf, und man könnte an ihnen vergleichende Psychologie studieren. Da tritt zum Beispiel der Jsprawnik des Kreises Homel als Zeuge vor; ein alter Mann, behäbig, gemütlich und grob. Er kann sich nicht in die moderne Zeit hineinfinden und denkt noch immer an die gute alte Zeit, wo alles noch so selbstverständlich und klar war. Für ihn ist es noch heute klar, daß die Stadt ein Eigentum der Polizei ist, und er spricht von der Stadt und dem Kreise, dein er vorsteht, immer wie ein Hausherr. Er sagt: „meine Stadt", „mein Kreis", „meine Bauern", „meine Juden" u. s. w. Wenn der Jsprawnik spricht, glaubt man ein lebendiges Gespräch aus den Werken des unsterblichen russischen Satirikers Saltykow-Schtfchedrin zu hören. Aus seiner langen Rede ist zu entnehmen, daß die Polizei vollständig untätig war, daß sie die Juden nicht schützte, daß die Christen auf die Juden gehetzt wurden u. s. w. Aber man muß seine Rede mit dem ganzen Reiz ihrer naiven Ursprünglichkeit gehört haben, um sich einen Begriff von den Zuständen in Rußland zu machen. Man meldet zum Beispiel dem Jsprawnik, daß in der Stadt Unruhen ausgebrochen sind. Was tut der gute Mann? Er geht vor Allem in feine Kanzlei. Dort ist alles ruhig; folglich kann er nachhause gehen, um sein Schläfchen zu halten. Er ist kein Judenfeind der biedere Jsprawnik. Im Gegenteil; er heißt die Juden „meine Juden", er hat unter ihnen sogar „alte Bekannte", er ist nur über die „Jungen" ungehalten, die „Demokraten" sind und ihn, den Jsprawnik, nicht grüßen. Trotz der Entrüstung der liberalen russischen Preffe fährt der Gerichtshofpräsident in seinem System der Terrorisierung der Zeugen und der Advokaten fort. Solange der Schriftsteller Tan dem Prozeß als Zuschauer beiwohnte, zwang sich der Präsident zu einer gewissen Mäßigung, da ihm die öffentliche Meinung doch nicht ganz gleichgiltig zu sein scheint. Aber Tan ist jetzt abgereist und der Präsident hat wieder freie Hand bekommen und wütet nach Herzenslust. Den Höhepunkt hat seine Rücksichtslosigkeit in dieser Sitzung erreicht. Das Opfer seiner Brutalität war diesmal wiederum der bekannte Rechtsanwalt Sokolow, auf den er es besonders abgesehen hat. Die Sache stand nämlich so. Es wurde ein Zeuge vorgeführt, ein Arbeiter uamens Andrej Schustow, der sich zugleich als „Politischer" in Haft befindet. Er verweigerte die Eidleistung. Seine Aussage begann er mit den Worten: „Am 29. August ..." Aber schon unterbrach ihn der Präsident und forderte ihn auf, nur über die Vorfälle vom 1. September auszusagen. Die Ursache dieser Vorliebe des Präsidenten für den 1. September ist ja bekannt. Am 29. August war nämlich eine unanfechtbare, regelrechte Judenhetze, am 1. September aber haben sich die Juden zur Wehr gesetzt. Folglich wurden sie angeklagt, und man will die Sache jetzt so darstellen, als ob es nie eine Judenhetze gegeben hätte und als ob vielmehr die Juden eine Revolte angestiftet hätten. Der Zeuge nun erklärte, in diesem Falle könne er überhaupt nichts aussagen und werde gehen. Der Präsident hatte nichts dagegen. Da erhob sich der Verteidiger Rainer und ersuchte den Gerichtshof, dem Zeugen zu gestatten, auch über die Vorfälle vom 29. August zu sprechen. Der Gerichtshof lehnte die Bitte des Verteidigers ab. Nun erhob sich Sokolow und unterstützte die Bitte des Kollegen. Da riß offenbar die Geduld des Gerichtspräsidenten; er erteilte dem Verteidiger Sokolow eine Rüge und schloß ihn von der Teilnahme an der Verteidigung aus. Sokolow mußte sofort den Saal verlassen. Ein ungeheurer Tumult entstand. Leichenblaß sprangen alle Verteidiger von ihren Plätzen auf. Rainer erklärte im Namen aller Kollegen, daß sie die Beleidigung Sokolows nicht hinnehmen können und ersuchte, die Sitzung zu unterbrechen, was auch geschah. Als die Sitzung wieder begann, erhob sich Rechtsanwalt Winawer und erklärte, daß die Verteidiger diese schmachvolle Behandlung nicht ertragen wollen und die Verteidigung ihrer unglücklichen Klienten n i e d e r l e g e n. Dasselbe erklärten auch die alten, hochangesehenen Advokaten Sliosberg und Kupernik. Die Erregung im Publikum war unbeschreiblich. Nur der Gerichtshof blieb unbeweglich und unbeugsam. Er nahm die Erklärung der Verteidiger zur Kenntnis und übertrug die Verteidigung einem „Staatsverteidiger". Aber die Angeklagten haben diese hohe Ehre sämtlich abgelehnt. Die Sitzungen sind bis zum 7. d. vertagt worden. Wie wird diese Tragikomödie enden? New-Aork. (Die jüdische Encyklopädie.) Am 1. Jänner 1905 wird der neunte Band der Jüdischen Encyklopädie erscheinen; damit werden drei Viertel des großen Werkes vollendet sein. Der Herausgeber des Werkes, Dr. Isidor BiiMiau'jJiiiai