Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 26 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 2 Id. Frankfurt a. M.: Israelitischer Hilfsverein, 20. Mainz: E. Simon Bang, 21. Hamburg: Paul Laskar, 22. Nürnberg: Martin Lebrecht Lsru, -3. München: Rabbiner Dr. Werner und 24. Stettin: Justizrat Dr. Mann. „Eine altjüdische Stadt" ist nach tückischen Zeitungen, wie die „Köln. Ltg." meldet, bei dem Weiterbau der Mekkabahn über Maan hinaus in menschenleerer Gegend entdeckt worden. Die Eingeborenen nennen den Ort Wadi-i-Mussa, Tal des Moses. Ein Bauwerk von gewaltigen Abmessungen und ein Amphitheater soll man unter den Trümmern mit Sicherheit unterscheiden können. Wenn es wahr ist, was von dem gesunden Klima, die Nähe von Wasser und Wäldern, von verwilderten Obstbäumen und Weinreben dieser Gegend berichtet wird, in der ein Hügel das Grab des Aaron genannt wird, so muß man erstaunen, daß der Ort nicht längst von Neuem bevölkert worden ist. Nach der geographischen Beschreibung der Türken kann man sich die Lage des Ortes nur ungenau vorstellen. Die Türken behaupten, der Ort läge zwischen dem See der Lot, dem Lande Gaza, el-Chalil und Maan. Mit dem kindlichen Optimismus des Morgenländers wird auch in Ausficht gestellt, daß man nach zwei Jahren, sobald die Mekkabahn bis an die Tore der heiligen Stadt Mohammeds gelangt sei, bequem die alte jüdische Stadt werde besichtigen können. Zu demselben Gegenstände liest man in der „Münchener Allg. Zeitg." folgende Notiz: „Die Spuren einer alten Stadt", die früher von einem der Stämme Israels bewohnt war, wurden, nach einem Bericht des „Temps", in der Nähe des Moseltales bei den Ausgrabungen für die Hedschas-Eisenbahn zutage gefördert. Zu den merbvürdigsten Funden gehörte ein großes Gebäude, dessen architektonische Schönheiten allgemeine Bewunderung erregten. Westlich davon liegt ein Hügel, der das „Grab Aarons" birgt. '^art3. (Jüdische Einwanderung in Frankreich.) Die Zahl der französischen Juden ist in den letzten 20 Jahren rapid in die Höhe gegangen. Noch im Jahre 1881 zählte Frankreich kaum 50.000 jüdische Seelen, welche, der französischen Sitte gemäß, sich fast gar nicht vermehrten. Mit dem Beginn der Judenverfolgung in Rußland ist die Einwanderung russischer Juden in Frankreich in Schwung gekommen, den russischen folgten bald rumänische Juden, deren Zahl in den letzten 3 Jahren ganz enorm gestiegen ist. Im letzten Jahre hat die Einwanderung der durch die neuerlichen Krawalle erschreckten und durch die ökonomische Krisis zur Verzweiflung gebrachten russischen Juden einen neuen Aufschwung genommen. Zu diesen Emigranten kommen in jüngster Zeit jüdische Einwanderer aus London, denen der Boden Englands allmählich heiß zu werden beginnt. Gegenwärtig dürste Frankreich reichlich 200.000 Juden zählen, von denen ein kleinerer Teil in Marsaille und Lyon, der größte Teil aber in Paris wohnt, wo sie ihrer Gewohnheit entsprechend, sich zusammenballen und ganz umfangreiche Ghettos bilden. So ist das Viertel der Montmartre, eines der volksreichsten Quartiere von Paris, das vor wenigen Jahren nur eine geringe Anzahl jüdischer Geschäfte aufwies, in ein Ghetto umgewandelt, mit Dutzenden von Koscher-Fleischläden, jüdischen Restaurants und ausschließlich von Juden frequentierten Cafös. Noch wenige Jahre und die Montmartre wird denselben Charakter wie Whitechapel in London und die Eastside in New-Iork zeigen. Ein noch älteres Ghetto besteht in der Gegend der Bastille, die von den Juden schon längst den Namen „Der jüdische Plätz'l" erhalten hat. Auch hier wächst die jüdische Bevölkerung rapid und zugleich mit ihr die Zahl der von Juden innegehabten Läden, wie der jüdische Handel überhaupt. Das Merkwürdigste dabei ist, daß die Zehntausende von Juden, welche gegenwärtig ganzen Stadtteilen von Paris ihren Stempel ausgedrückt haben, zum größten Teil durch unglückliche Zufälle nach Frankreich verschlagen wurden. . . Die aus Rußland, Galizien und Rumänien auswandernden Juden wollen ursprünglich nach England, den Bereinigten Staaten, nach Afrika, nach Kanada, kurz überall hin, bloß nicht nach Frankreich. Es geht ihnen aber auf dem langen Wege von dem Heimatsstädtchen bis zum fernen Endziel sehr häufig der Atem aus, so daß sie in einer der Hafenstädte Belgiens und Hollands verbleiben müssen. Sehr oft werden die hilflosen Emigranten, denen niemand mit Rat und Tat zur Seite steht, von gewissenlosen Agenten unterwegs ausgeplündert, so daß sie die Weiterfahrt nicht fortsetzen können. Solche Emigranten, deren Zahl sich alljährlich auf viele Tausende beläuft, gehen nach der nächsten Großstadt, aus der sie nicht ausgewiesen zu werden fürchten, um sich da das Geld zur Weiterreise zu erarbeiten. Nach der Lage der Dinge kann diese gesuchte Großstadt keine andere als Paris sein. Hier blieben sie vollkommen sich selber überlassen. Niemand kümmerte sich um sie und ihr Schicksal, und da auch die Bedingungen des französischen Arbeitsmarktes im Verein mit den hohen Pariser Lebensmittelpreisen nicht so sind, daß der hilflose russische Jude da Schätze sammeln könnte, so sind die nach Frankreich durch ein Ungefähr verschlagenen Juden da richtig hängen geblieben. Wovon nun die Zehntausende Juden in Paris leben? Nun sind ein großer Teil von ihnen in der neuen Heimat dieselben Luftmenschen geblieben, die sie früher zu Hause waren. Sehr viel von ihnen sind Schuster, Schmiede und Tischler. Auch das Gewerbe der Mützenmacher (Casquettes) liegt in Paris fast vollständig in jüdischen Händen. Alle genannten Gewerbe, namentlich jedoch das der Mützenmacher, haben viel unter zeitweiliger Arbeitslosigkeit zu leiden. Der größte Teil der in Paris lebenden östlichen Juden betreibt jedoch das national-jüdische Handwerk der Schneiderei. Aber auch das Schneiderhandwerk hat in Paris keinen goldenen Boden, so daß nur tüchtige Fachmänner, die gute Zwischenmeister abgeben, auf ein gutes Fortkommen rechnen dürfen. Das Gros der jüdischen Schneider, die ihr Handwerk im großen russischen Ghetto erlernt haben, verstehen von der Schneiderei nur so viel, daß sie in einer großen Werkstätte eine ihnen zugewiesene, ganz bestimmte Spezialarbeit, wie Knopflöcher oder Aermelteile, Herstellen können. Niedrige Löhne und häufige Arbeitslosigkeit lassen sie auf keinen grünen Zweig kommen. Daß die zahlreichen jüdischen Proletarier in Paris keine jüdischen Kulturträger sind, braucht nach deni Gesagten kaum besonders hervorgehoben zu werden. Aus dein heimatlichen Boden entwurzelt und auf fremden Grund verpflanzt, kennen diese Armen an Geld und Geist keine andere Sorge, als sich satt zu essen. Jüdische Ideale sind ihnen vollkommen fern und für die große Not des gesamten jüdischen Volkes sind sie um so weniger zugänglich, als die überwiegende Mehrheit von ihnen überhaupt keine Zeitung liest, weder eine französische noch weniger eine jüdische. Nur der in Rumänien erscheinende hebräische „Ha-joetz“ wird hie und da von rumänischen Juden gelesen. Wer freie Zeit und Muse hat, schlägt diese in den Cafes beim Karten- und Billardspiel tot. Odessa. (Ein Polizeimeister vor dem Kriegsgericht.) Der antisemitische Polizeimeister von Berdjaresk (Gouvernement Taurien) Andrejew und sein Gehilfe sind auf Befehl des Gouverneurs von Taurien vor ein Kriegsgericht gestellt worden. Der Gehilfe des Polizeimeisters hatte ein anständiges junges Mädchen aus gutem Hause unter dem Vorwand, daß sie sich mit politischen Angelegenheiten befaßt habe, verhaften und ins Gefängniß werfen lassen. Nach einigen Tagen erschien der saubere Polizist in der Zelle und vergewaltigte das wehrlose Mädchen, das dann freigelassen wurde. Die Polizei wollte das entehrte Mädchen zu Stillschweigen über den Vorfall veranlassen, doch die Verwandten des Mädchens veröffentlichten in einer südlichen Zeitung Rußlands den Vorfall und verlangten Bestrafung des Polizeibeamten. Wie aus der Untersuchung hervorgeht, kannte der Polizeimeister die Affäre, hielt es jedoch für richtig, seinen Untergebenen zu schützen. Odessa. (Nichts gelernt und nichts vergessen.) Wie weit entfernt das kleine und mittlere russische Tschinowniktum noch davon ist, das durch das jüngste Manifest des Zaren auf seine Tüchtigkeit und Ehrlichkeit gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen, beweist der nachstehende überaus bezeichnende Vorfall. Die Semstwo von Simferopel hat einige jüdische Aerzte und Feldscher anstellen müssen. Es geschah dieses nicht etwa aus Gerechtigkeitsgefühl, sondern aus demselben Grunde, der auch die russischen Militärbehörden gegenwärtig nötigt, die jüdischen Aerzte