Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 22 £>r Blocb s Mlocbenscbrttt. Nr. 2 sogleich bei Beginn einer Krankheit eingeholt werde und nicht erst dann, wenn die sogenannten Hausmittel keine Besserung herbeigesührt haben. Sehr erwünscht, ja bei Mädchen und ganz kleinen Kindern dringend notwendig ist bei der Kontrolle die Mithilfe der Gattinnen der Kommissions-Mitglieder oder wo dies untunlich, die Mitwirkung der Frauenvereine in den betreffenden Bezirken. Soll die Beaufsichtigung auch von Nutzen für die Kinder sein, dann muß man sich um viele Dinge kümmern, die dem Gedankenkreise eines Mannes ganz ferne liegen, die Männer oft gar nicht verstehen und daher auch über diese mit der Pflegemutter nicht so sachgemäß sprechen können wie eine Frau. Eine tüchtige Hausfrau aus dem Bürgerstande sieht gleich beim Eintritte in die Pflegefamilie, wie es mit dem Hauswesen und der Pflege des Kindes bestellt ist. Da es in der Regel nicht absichtliche Vernachlässigung, sondern Unwissenheit und Unerfahrenheit, oft auch althergebrachte Vorurteile und festgewurzelter Aberglaube sind, die minderwertige Pflegeresultate zur Folge haben, so kann nur eine erfahrene, sachverständige Frau belehrend wirken und auf die schädlichen Folgen verkehrter Erziehung«- oder Ernährungsweisen aufmerksam machen. Das angeborene Zartgefühl der Frau wird hier bessere Früchte zeitigen, als des Mannes offenes energisches Vorgehen. Trefflich schildert Dr. Hauser, Medizinalrat in Donaueschingen, die Art der Frauenkontrolle: „Die Rolle, welche sie hiebei zu übernehmen hätten, ist gewissermaßen diejenige eines gewandten Staatsmannes, jedoch eines solchen, der nicht nur mit diplomatischem Scharfsinn, mit einem Blicke die vorliegenden Verhältnisse zu überschauen und zu beurteilen vermag, sondern auch mit vertrauenerweckendem Takte den Weg zu dem Herzen der Kinder sowohl, wie der Pflegeeltern zu finden weiß; der es versteht, mit leichter Mühe aus der überwachenden Polizei zum Vertrauten zu werden und spielend so zum Ziele, der Beseitigung etwa Vorgefundener Mißstände, zu gelangen, anstatt sofort mit rauhem Polterton das Pflegeverhältnis zu zerstören, ein Ultimatum zu stellen und die Pässe zu verlangen." Ein solches Verfahren und Handeln seitens der Aufsichtsdamen wird sicherlich ein qualitativ besseres Ergebnis erzielen und so ist auch der Beizug der Gattinnen der Kommissionsmitglieder mehr als eine quantitative Vermehrung der Kontrollorgane. Allerdings nur unter einer gewissen Voraussetzung: und diese ist, daß auch auf diesem Arbeitsfelde der Armenfürsorge das sogenannte Elberfelder System seine sinngemäße Anwendung findet. Seinem Prinzipe der Individualisierung folgend, dürften einem Kommissionsmitglicde nicht mehr als höchstens drei Kinder zur Ueberwachung zugewiesen werden; wobei noch zu berücksichtigen wäre, daß die Wohnungen der betreffenden Pflege- Parteien nicht zu weit auseinander liegen. Gesellt sich zur väterlichen Autorität des Kommissionsmitgliedes die liebevolle Beaufsichtigung seiner Gattin, dann wird zwischen seiner Familie und dem Pflegekinde jenes freundliche Verhältnis hergestellt, wie es allein nur geeignet ist, in dem Schützlinge treue Anhänglichkeit und wahre Dankbarkeit zu erwecken und zu erhalten. Nur bei einer so geringen Anzahl von Pfleglingen ist dem Kommissionsmitgliede und seiner Gattin eine solch intensive Betätigung ihrer selbstlosen Menschenliebe ermöglicht. Je mehr das Kommissionsmitglied wirkliche Liebe zu seinem Ehrenamte in sich trägt, desto weniger braucht es von feiner Liebe zu reden, sie prägt sich in seinem ganzen Tun und Wesen aus. „Worte sind übrig, wenn die Tat spricht." Jstdas Kommissionsmitglied bestrebt, dem „verlassenen Kinde" den Vater voll und ganz zu ersetzen, dann wird es seine Aufgabe nicht mit dem Termine der Schulentlassung als beendet ansehen. Im Gegenteil, jetzt beginnt erst recht der wichtigste Abschnitt seiner Tätigkeit. Unsere Zeit erfordert eine ganz besondere Sorgfalt bei der Wahl des Berufes. Es wird deshalb seinen Schützling nur einem Berufe zuführen, der seinen Neigungen und Befähigungen entspricht und der zugleich auch die Gewähr für sein späteres Fortkommen bietet. Die bessere gesellschaftliche Stellung des Kommissionsmitgliedes, seine Kenntnis des wirtschaftlichen Lebens wird so manchem Schützlinge den Weg ins praktische Leben ebnen, seine väterliche Gesinnung so manchem Lehrjungen die harte Lehrzeit erträglicher gestalten. Hat sich schon früher zwischen Kontrollorgan und Pflegling ein herzliches Verhältnis gebildet, dann wird dasselbe au keine Altersgrenze nach oben hin gebunden sein. Der Pflegling hat einen treuen Freund, einen aufrichtigen Berater und zielbewußten Führer gefunden, zwischen beiden ist ein Lebensbund entstanden, der nur durch den Tod gelöst wird. Das ist das erstrebenswerte Endziel einer jeden Kontrolle! Im Vorstehenden habe ich mich darauf beschränkt, nur die hauptsächlichsten Punkte hervorzuheben, nur jene Grundlinien in ökonomischer Darstellung zu zeichnen, welche die Basis einer geregelten Kontrolle bilden; sie sind nicht erschöpfend, sie deuten nur das Notwendigste an und überlassen das andere dem guten jüdischen Herzen unserer Kommissionsmitglieder und deren Gattinnen. Ich erinnere deshalb nur noch an den Ausspruch Goethe's: „Ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange Ist sich des rechten Weges wohl bewußt." Korrespondenzen. Ans der öffentlichen konstituirenden Plenarsitzung des israelitischen Knltusvorftandes vom Sonntag den 8. Jänner 1905 unter dem Borsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn der Sitzung 10 Uhr vormittags. Der Präsident eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache: Meine Herren! Es obliegt mir die ehrenvolle Aufgabe, Sie, meine Herren, zum Beginne der neuen Funktionsperiode auf das Herzlichste zu begrüßen. Diese Begrüßung gilt insbesondere den Herren, welche in den Vorstand wiedergewählt wurden, und jenen, die durch die Neuwahl für unsere Körperschaft gewonnen wurden. Ich gebe der Ueberzeugung Ausdruck, daß sich diese Herren mit voller Hingebung dem Dienste der Gemeinde widmen werden. Daß hiezu reichlich Gelegenheit geboten ist, steht wohl außer Frage, wenngleich von mancher Seite, so zum Beispiel auch gelegentlich der letzten Wählerversammlung, behauptet wird, daß Statut und Geschäftsordnung einer solchen Betätigung der einzelnen Vorstandsmitglieder hindernd entgegenstehen und nur durch eine Aenderung der Statuten, bezw. Geschäftsordnung, Abhilfe geschaffen werden könnte. Ich bin der gegenteiligen Ansicht und glaube, daß auch ohne eine solche Aenderung jedem Vorstandsmitgliede reichlich Gelegenheit geboten ist, sich intensiv an den Arbeiten der Gemeinde zu beteiligen. Diese Arbeiten sind mannigfaltiger Natur. Als eine der Hauptaufgaben der Gemeindeverwaltung betrachte ich die Herstellung und Erhaltung des Gleichgewichtes im Gemeindehaushalte. Es ist mir eine Genugtuung, konstatieren zu können, daß derzeit dieses Gleichgewicht in der ordentlichen Gebarung im Großen und Ganzen besteht; daran ändert auch nichts der Umstand, daß der Voranschlag für das Jahr 1905 in der laufenden Gebarung mit einem Fehlbeträge von rund K 44.000.— schließt, weil es voraussichtlich möglich sein wird, dieses Defizit durch Ersparungen in Ausgaben und durch Erhöhung der präliminierten Einnahmen zu beseitigen. Wohl aber harrt unser eine Reihe außerordentlicher Aufgaben und Ausgaben. Als eine unabweisliche Notwendigkeit stellt sich die Erledigung der Mikwah-Frage dar. Der derzeitige Zustand der Mikwah erfordert in irgend einer Form eine Abhilfe. Eine andere weitreichende Frage ist die Erwerbung von Friedhofsgründen. Wir werden in wenigen Jahren mit dem Belagraume am Zentralsricdhofe zu Ende sein und auch für die westlichen Bezirke, für welche seit der Sperrung des Währingcr Friedhofes