Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Sir. 2 Dr. Llocb's Mocdenscvrttt. Sette 23 kein Friedhof mehr besteht, d. h. kein solcher, welcher der Kultusgemeinde gehört oder in deren Verwaltung steht, muß Vorsorge getroffen werden. Von verschiedenen Bethausvereinen werden in mehr oder weniger dringender Form an den Vorstand Ansuchen um Bestellung von Gemeinderabbinern gerichtet. Ich selbst und mit mir eine große Anzahl von Vorstandsmitgliedern sind der Anschaunng, daß der derzeitige Status der Gemeinderabbiner vollkommen ausreichend, wenn nicht schon zu hoch ist. Dieser Umstand wird dem Vorstände Anlaß zu eingehenden Beratungen geben. Die Schaffung der Bezirkskommissionen hat die Tatsache ergeben, daß die Wünsche und Ansichten derselben mit den Anschauungen der Bethausvorstände und Bethausvereine der betreffenden Bezirke vielfach divergieren. Es wird Aufgabe des Kultusvorstandes sein, in diesem Widerstreite der Meinungen den richtigen Weg zu finden. Die Pstege der Wohltätigkeit nimmt im Gemeindebudget einen breiten Raum ein. Die Vorschriften unserer Religion, die Traditionen unserer Gemeinde bieten Gewähr dafür, daß nach dieser Richtung hin vieles geschieht und auch noch zu geschehen hat. Es darf aber nicht die Kultusgemeinde, welche als solche noch andere große Aufgaben zu erfüllen hat, zu einem Wohltätigkeitsinstitute, zu einer philanthropischen Vereinigung gemacht werden. — Zur Erfüllung einer großen Aufgabe, welche dem Kultusvorstande bevorsteht,^ werden die laufenden Einnahmen nicht ausreichen und wird die Gemeinde zu der Ausnützung ihres Kredites greifen müssen, den sie dank ihrer derzeitigen finanziellen Gebarung genießt. Ich meine hier die Errichtung von Betstätten mit großem Fassungsraume in volkreichen Teilen unserer Gemeinde. Hierbei denke ich nicht an prunkvolle Tempel, sondern an einfache würdige Betstätten, die dem großen, insbesondere an den hohen Feiertagen fühlbaren Bedürfnisse entsprechen und der Errichtung der Privat-Minjanim steuern sollen. Bei diesen: Anlasse kann ich nicht umhin, einem langgehegten Herzenswünsche neuerlich Ausdruck zu geben. Ich glaube, daß es geboten wäre, in Wien und zwar in der Inneren Stadt einen monumentalen Tempel zu errichten, der die größte Gemeinde des Reiches würdig repräsentiere. Schließlich will ich noch darauf Hinweisen, daß die Errichtung eines neuen Amtshauses als höchst dringlich erscheint angesichts der derzeitigen, fast unhaltbaren Zustände, die ein ersprießliches Arbeiten vielfach hindern und erschweren. Meine Herren! Wir Alle sind hier vereint, um gemeinsam zum Besten unserer Gemeinde zu wirken. Nach dem Bibelworte: i3n3K ’K V N *33 ■oSa „Wir Alle sind Kinder eines Mannes", wollen wir fest zusammenhalten, in dem Sinne, in welchem das Wort damals angesichts einer scheinbar drohenden Gefahr gesprochen wurde. Die Gefahr, die uns heute bedroht, ist nicht bloß eine scheinbare, sondern eine wirkliche Gefahr. Wir sind nicht bloß in unserem Erwerbsleben gefährdet, in unserer Existenz bedroht, sondern in unseren religiösen Einrichtungen, in der Aufrechterhaltung tausendjähriger Traditionen. Dagegen müssen wir Stellung nehmen und dazu bedarf es der Einigung, des einmütigen Zusammenhaltes. In diesem Sinne begrüße ich Sie herzlichst und fordere ich Sie aus zu gemeinsamer und einmütiger Tätigkeit. (Lebhafter Beifall.) Einem vieljährigen Gebrauche folgend, will ich noch über das Ergebnis des abgelaufenen Jahres kurz berichten. Der finanzielle Rapport für die Zeit vom 1. Jänner 1904 bis 31. Dezember 1904 weist in den Kapiteln „Kultussteuern und Jmmatrikulationsgebühren", „Beerdigungs- und Ueberführungstaxen" und „Friedhofstaxen" ein Plus sowohl gegenüber dem Präliminare pro 1904, als auch gegenüber dem Ergebnisse pro 1903 aus. Es kann daher, ohne daß ein Rechnungsabschluß vorliegt, bereits gesagt werden, daß das Jahr 1904 mit einem Überschüsse schließen wird. Bemerkt sei, daß die Ueberschüffe aus den Einnahmen des Friedhofwesens zur Gänze wohltätigen Zwecken zugeführt werden. Einen schon seit Jahren beobachteten Rückgang weist das Kapitel „Trauungstaxen" aus. Die Ursachen desselben liegen in der immer größeren Ausbreitung und in der Konkurrenz der Tätigkeit der Vereinsbethäuser. Ein weiterer Rückgang ist bei der Post „Betfitze in den Gemeindetempeln" zu verzeichnen. Von Daten, welche die Bewegung der jüdischen Bevölkerung im abgelausenen Jahre betreffen, seien folgende hervorgehoben: Die Anzahl der Geburten betrug 2927, worunter 364 uneheliche sich befinden. Es sind dies ungefähr 12 Perzent, ein Verhältnis, welches im Hinblicke darauf, daß unter den als unehelich bezeichneten Kindern auch solche aus btos rituell geschlossenen Ehen stammende enthalten sind, als ein solches erscheint, welches für die sittlichen Verhältnisse unter unseren Glaubensgenossen ein sehr günstiges Zeugnis ablegt. — Die Zahl der Eheschließungen betrug im abgelausenen Jahre 874 gegen 866 im Vorjahre. Von diesen wurden 527 in Gemeindebethäusern und 347 in Vereinsbethäusern vollzogen. Es ist zu bemerken, daß wohl die sämtlichen unentgeltlichen Trauungen in jenen 527 in den Gemeindetempeln vollzogenen enthalten sein dürften. Konvalidierungen fanden 75, Scheidungen 18, Ehetrennuugen 104 (gegen 78 im Vorjahre) statt. Zivil-Ehen, bei welchen ein Teil mosaischer Konfession war, fanden im abgelausenen Jahre 108 statt. — Austritte aus dem Judentume erfolgten 617 gegen 638 im Vorjahre, die Zahl der Eintritte stieg von 105 im Jahre 1903 auf 147 im Jahre 1904. Die Anzahl der Todesfälle belief sich im Jahre 1904 auf 1959 gegen 1857 im Vorjahre. — Beerdigungen fanden im Ganzen 2092 statt; die Anzahl der Beerdigungen übersteigt deshalb die Anzahl der angeführten Todesfälle, weil in der Sterbematrik nur die in Wien verstorbenen Personen eingetragen werden, während unter den Beerdigten auch solche sich befinden, welche auswärts gestorben und zur Beerdigung nach Wien geführt wurden. Von diesen 2092 Beerdigungen waren 1355 unentgeltlich, 737 gegen Entgelt (darunter 431 IV. Klaffe). Im Einreichungsprotokolle find 15.556 Geschäftsstücke eingelaufen; in dieser Ziffer sind viele Tausende von Unterstützungsgesuchen nicht enthalten. Ich schließe meine Ausführungen, indem ich noch — es mag dies als ein glückliches Anzeichen für den neuen Beginn unserer Tätigkeit gelten — das Mitglied unseres Kollegiums, Herrn Sigmund Kauder s, welcher heull feine silberne Hochzeit feiert, auf das Herzlichste beglückwünsche, wie ich dies bereits auch in einem Gratulationsschreiben namens des Vorstandes getan habe. Dieses Fest hat unserem wackeren Kollegen Anlaß zu einer Reihe von Wohltätigkeitsakten gegeben, unter denen ich die Errichtung eines Stistplatzes im Altersversorgungshause Per X 12.000.— unter dem Ausdrucke des wärmsten Dankes besonders hervorhebe. (Lebhafter Beifall.) Kultusvorsteher Dr. Isidor Schnabl spricht im Namen der neugewählten Vorstandsmitglieder dem Präsidenten für die freundliche Begrüßung den Dank aus und knüpft daran die Versicherung, daß er, sowie die anderen neueingetretenen Kollegen eifrigst bestrebt sein werden, die übernommenen Pflichten treu zu erfüllen und der uns allen gemeinsamen und teueren Sache des Judentums nach Maßgabe der Kräfte zu dienen. (Lebhafter Beifall.) Herr Kultusvorsteher Sigmund Kauders richtet an die Adresse des Präsidenten herzliche Worte des Dankes für die liebenswürdige Art, in welcher der verehrte Präsident in der Ansprache der Feier seiner Silberhochzeit gedacht hat. Er spricht ferner den Kollegen den Dank aus für die aus diesem Anlasse ihm dargebrachten Zeichen der Sympathie. (Lebhafter Beifall.) Es folgt hieraus die Wahl des I. Vize-Präsidenten. Die Präsenzliste zeigt die Anwesenheit von 28 Vorstandsmitgliedern. Es wurden 28 Stimmen abgegeben, davon erhielt Herr k. k. Landesschulrat Dr. Gustav K o h n 26 Stimmen. Das Wahlresultat wird von der Versammlung mit einer großen Beifallskundgebung für den Gewählten ausgenommen. Herr Dr. Gustav K o h n dankt in kurzen Worten sämtlichen Kollegen für den erneuerten Beweis ehrenden Vertrauens, das er zu würdigen weiß. Er erachte es nicht für notwendig, nach einem zwanzigjährigen Wirken im Vorstande und nach siebzehnjähriger